Sind gregorianische Gesänge blau? Pulsiert Bach in Orangerot, wie Hélène Grimaud sagt? In Weimar war das Orchester 1842 unschlüssig darüber, was es mit der Anweisung seines Kapellmeisters Liszt anfangen sollte: „Meine Herren, ich bitte Sie, ein wenig mehr Blau! Das verlangt diese Tonart!“ Improvisierte Chopin am Klavier, glaubte George Sand, „la note bleue“ zu hören. Und bei Brentano heißt es: „Golden weh’n die Töne nieder.“ Können Töne farbig sein?

Inder, Araber und Chinesen konnten sich das ebenso vorstellen wie Pythagoras, der in Farben und Musik schlicht Verwandte sah. Leonardo da Vinci, der selbst Musik machte, wusste: Die Musik ist die „Schwester der Malerei“. Im 17. Jahrhundert ließ Isaac Newton das Licht sich in einem Glasprisma, vielleicht auch in einem Regentropfen, brechen und erkannte in den dort sichtbar werdenden sieben Farben (Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und Violett) die Parallelität zu den sieben hörbaren Tönen C, D, E, F, G, A, H und entdeckte einen klingenden Regenbogen. 

Farbenhören ist eine synästhetische Wahrnehmung“ 

Wenn man die Geschichte des Farbenhörens durchstreift, begegnen einem überall Tonseher und Farbhörer. Farbenhören ist eine synästhetische Wahrnehmung, ein „Mitempfinden“, ein „Zusammenwahrnehmen“. Es wird geschätzt, dass 25 Prozent aller Menschen diese Fähigkeit besitzen. Die meisten verbinden Klänge mit Farbvorstellungen. György Ligeti war überzeugt: „Dur-Akkorde sind rot oder pink, Moll-Akkorde irgendwo zwischen grün und braun“. Rimsky-Korsakow erschien C‑Dur weiß. Und Duke Ellington machte die Erfahrung: „Ich höre eine Note von einem in der Band, und sie hat eine Farbe. Dann höre ich die gleiche Note von jemand anderem gespielt, und sie hat eine andere Farbe. Wenn Harry Carney spielt, ist D dunkelblaues Sackleinen. Wenn Johnny Hodges spielt, wird es zu hellblauem Satin.“

Der Mathematiker und Jesuitenpater Castel erfand eine „Augenorgel“, wie Telemann sie 1739 in einem kurzen Traktat beschrieb, „mit der Kunst, Klänge und alle Arten von Musik zu malen“. Telemann hatte Castel in Paris kennengelernt und das Wunderinstrument in Augenschein genommen. Castel ordnete zwölf Tönen zwölf Farben zu. Spielte man auf der Klaviatur, zeigte jede Taste auf einem Fächer oder auf bemaltem Glas eine andere Farbe. Aus dem Farbenspiel erklang „Musik für die Augen“, wie Voltaire es nannte. Später entwickelte sich diese Idee zu einem frühen Vorläufer der Lightshow: „Es stellen sich die Farben an der Wand dar und vermischen sich, wenn viele Töne zusammen gegriffen werden, auf unzählige Arten.“

Überall begegnen einem Tonseher und Farbhörer“ 

Der russische Tonmaler Skrjabin sah C‑Dur „natürlich als rot, ganz klar, keine Frage“. Für ihn war Musik mehrdimensional, äußerte sich auf allen Ebenen der Wahrnehmung. Er entwickelte aus der Idee Castels ein eigenes Farbklavier, für das er das Orchesterwerk Prométhée schrieb. In einer Kammerfassung in seinem Moskauer Wohnzimmer sorgte das Werk 1911 zwar für Aufsehen, blieb aber ohne seine Lichtstimme. Erst 1915 kam das Werk in der Carnegie Hall inklusive Licht zur Aufführung.

Damit aber der Klang gelb wurde, musste ein „Maler des Klangs“ die Bühne betreten: „Gelb klingt wie eine immer lauter geblasene Trompete (scharf) oder wie ein in die Höhe gebrachter Fanfarenton“, definierte Kandinsky und hatte für jede Farbe eine solche Definition zur Hand. Am 1. Januar 1911 besuchte er erstmals ein Konzert von Schönberg und malte daraufhin seine Improvisation III (Konzert), in der das Gelb dominiert. Aus einem intensiven Briefwechsel mit Schönberg erwuchs eine enge Beziehung von Maler und Komponist, bei der die Rollen nie eindeutig scheinen.

Kandinsky komponierte eine „Bühnenkomposition“ aus Farbe, Licht, Tanz und Ton“ 

1912 komponierte Kandinsky eine „Bühnenkomposition“ aus Farbe, Licht, Tanz und Ton, die er Der gelbe Klang nannte, und schrieb: „Der musikalische Teil wurde von Thomas von Hartmann übernommen.“ Der russische Freund und Komponist erinnert sich: „Die Musik dazu schrieb ich, aber nur entwurfsweise, da die letzte Form und die Orchestrierung von der Art des Theaters abhängen würde, das das Stück abnahm.“ Zu Lebzeiten kam es zu keiner Uraufführung. Später verliehen anstelle von Hartmann so illustre Personen wie Gunther Schuller, Anton Webern und Alfred Schnittke dem „Gelb“ seinen musikalischen Klang.

Noch im Kompositionsjahr fanden sich alle im Almanach Der Blaue Reiter wieder: Der Cello und Klavier spielende Maler Kandinsky fungierte mit Franz Marc als Herausgeber. Der malende Komponist Arnold Schönberg veröffentlichte seine Komposition Herzgewächse, seine Malkunst und einen Textbeitrag, der Prome­theus von Skrjabin war durch einen legendären Aufsatz des Musikkritikers und Komponisten Leonid Sabanejew vertreten, Thomas von Hartmann durch seinen Beitrag Über Anarchie in der Musik, und last but not least fand sich darin ein Abdruck von Kandinskys Der Gelbe Klang.

Previous articleCellogesang
Next articleKunst für die große Bühne
Was hat John Wayne mit den Muppets und Groucho Marx gemeinsam? Für crescendo begibt sich Stefan Sell immer wieder auf die Suche nach verblüffenden Zusammenhängen. Überraschende Verbindungen bringt Sell auch als Konzertgitarrist auf die Bühne. In Programmen wie Don Quijote trifft Hamlet vereint er virtuoses Saitenspiel mit humorvollen Anekdoten und entstaubt die Weltliteratur. Seine langjährige Arbeit als Herausgeber und Autor beim Schott-Verlag wurde mit dem Deutschen Musikeditionspreis „Best Edition“ ausgezeichnet.

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here