All­jähr­lich zur Vor­weih­nachts­zeit begin­nen beim Roy­al Bal­let at Covent Gar­den in Lon­don die Vor­be­rei­tun­gen für die Auf­füh­rung des Bal­letts Der Nuss­kna­cker.
(Foto oben: © The Roy­al Bal­let / Tris­tram Ken­ton)

Im Traum wird Kla­ras Zim­mer immer grö­ßer, und so braucht es für
die Traum­sze­ne einen rie­si­gen Weih­nachts­baum.

(Foto: © The Roy­al Bal­let)

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600 Kos­tü­me müs­sen her­bei­ge­schafft wer­den, und der Weih­nachts­baum muss geschmückt wer­den – ein­mal für das Fest bei Fami­lie Stahl­baum und noch ein­mal in gro­ßer Ver­si­on für Kla­ras Traum. 1984 cho­reo­gra­fier­te und insze­nier­te Sir Peter Wright den Nuss­kna­cker zum ers­ten Mal für das Roy­al Bal­let Lon­don. Seit­her gehört das Bal­lett zu den belieb­tes­ten Arbei­ten der Trup­pe. Jahr für Jahr kommt es auf die Büh­ne.

Kommt all­jähr­lich zu den Pro­ben, um sei­ne Cho­reo­gra­fie wei­ter­zu­ent­wi­ckeln: Sir Peter Wright
(Foto: © The Roy­al Bal­let)

Und Wright lässt es sich nicht neh­men, den jähr­li­chen Pro­ben bei­zu­woh­nen. „Man muss immer offen sein für Neu­es“, betont er. Das Schlimms­te für ihn wäre, wenn aus sei­ner Cho­reo­gra­fie ein Muse­ums­stück wer­de. Mitt­ler­wei­le ist sei­ne lie­be­vol­le, detail­rei­che Cho­reo­gra­fie und Insze­nie­rung, die er Jahr für Jahr wei­ter­ent­wi­ckelt und ver­bes­sert, ein Klas­si­ker, der auf der gan­zen Welt gezeigt wird.

Urauf­ge­führt wur­de Der Nuss­kna­cker am 5. Dezem­ber 1892 im Mari­in­ski-Thea­ter in Sankt Peters­burg. Lew Iwa­now über­nahm die Cho­reo­gra­fie anstel­le sei­nes erkrank­ten Leh­rers Mari­us Peti­pa, der das Libret­to ver­fasst hat­te. Die Hand­lung folgt E.T.A. Hoff­manns Erzäh­lung Der Nuss­kna­cker und der Mäu­se­kö­nig in der fran­zö­si­schen Fas­sung von Alex­and­re Dumas’ His­toire d’un cas­se-noi­set­te.

Herr Dros­sel­mey­er ist Gast beim Weih­nachts­fest der Fami­lie Stahl­baum
und bringt Kla­ra einen Nuss­kna­cker.
(Foto: © The Roy­al Bal­let / Tris­tram Ken­ton) 

Das Bal­lett setzt ein mit dem Weih­nachts­fest, das die Fami­lie Stahl­baum für ihre Kin­der Kla­ra und Franz gibt. Unter den Gäs­ten ist auch der Erfin­der mecha­ni­scher Pup­pen Herr Dros­sel­mey­er, der Kla­ra einen Nuss­kna­cker schenkt. Kla­ra schließt ihn sofort ins Herz, wäh­rend Franz ihm mit einer har­ten Nuss die Zäh­ne bricht. Als Kla­ra nach dem Fest mit dem Nuss­kna­cker im Arm ein­schläft, träumt sie. Ihr Zim­mer wird immer grö­ßer, und auf ein Zei­chen Dros­sel­mey­ers wer­den alle ihre Pup­pen und Spiel­sa­chen leben­dig. 

Ange­führt vom Mäu­se­kö­nig, bricht aus dem Kel­ler das Mäu­se­heer ins Zim­mer ein.
(Foto: © The Roy­al Bal­let / Alasta­ir-Muir)

Plötz­lich kommt aus dem Kel­ler ein Mäu­se­heer, geführt vom Mäu­se­kö­nig. Es greift die Zinn­sol­da­ten an. Und obwohl der Nuss­kna­cker sich mutig in die Schlacht stürzt, dro­hen die Mäu­se zu sie­gen. Erst das Ein­grei­fen Dros­sel­mey­ers been­det die Schlacht. Er gibt der ver­ängs­tig­ten Kla­ra eine bren­nen­de Ker­ze in die Hand, die die Mäu­se ver­jagt.

Nach­dem das Mäu­se­heer besiegt ist, ver­wan­delt sich der Nuss­kna­cker
in einen wun­der­schö­nen Prin­zen, getanzt von Feder­i­co Bonel­li. 
(Foto: © The Roy­al Bal­let / Tris­tram Ken­ton) 

Der Alp­traum hat ein Ende, und der Nuss­kna­cker ver­wan­delt sich in einen wun­der­schö­nen Prin­zen. Schnee­flo­cken fal­len vom stern­kla­ren Him­mel her­ab. 

Der Him­mel öff­net sich, Schnee­flo­cken rie­seln her­ab, und es erklingt der Schnee­flo­cken­wal­zer.
(Foto: © The Roy­al Bal­let / Tris­tram Ken­ton)

Kla­ra und der Prinz bestei­gen ein ver­zau­ber­tes Boot und fah­ren ins Reich der Weih­nachts­bäu­me und des Zucker­werks. Eine wun­der­ba­re Traum­welt tut sich auf, bis Kla­ra am Mor­gen erwacht.

Zum Tanz der Zucker­fee in ihrem Zau­ber­schloss von Zucker­burg lässt Tschai­kow­ski
die Celes­ta erklin­gen. Es tanzt die Bal­le­ri­na Lau­ren Cuth­bert­son.

(Foto: © The Roy­al Bal­let / Tris­tram Ken­ton)

Es ist die Ver­men­gung von Traum und Wirk­lich­keit, Wün­schen und Ängs­ten, Unbe­wuss­tem und Bewuss­tem, die dem Nuss­kna­cker sei­ne so ein­zig­ar­ti­ge und magi­sche Anzie­hung ver­leiht. Alle Figu­ren sind dop­pel­deu­tig. Dros­sel­mey­er ist ein Freund der Fami­lie und Lieb­ling der Kin­der, aber auch der Zau­be­rer. Kla­ra ist das unschul­di­ge Kind, drückt in ihrem Tanz jedoch bereits den Wunsch aus, zur Frau zu wer­den. Hin­zu kommt eine Viel­zahl an Sym­bo­len.

Tschai­kow­skys Musik gilt als die bril­lan­tes­te, die je für
ein klas­si­sches Bal­lett geschrie­ben wur­de.

Peter I. Tschai­kow­skys Kom­po­si­ti­on, die als die bril­lan­tes­te gilt, die je für ein klas­si­sches Bal­lett geschrie­ben wur­de, bringt die bei­den Wel­ten von Traum und Wirk­lich­keit auch musi­ka­lisch zum Aus­druck. Erre­gen­de Klang­sinn­lich­keit wech­selt ab mit nach­denk­li­chen Pas­sa­gen. So ent­wi­ckel­te Tschai­kow­sky etwa den bezau­bern­den Schnee­flo­cken­wal­zer aus Ele­men­ten jenes unheim­li­chen Tan­zes, den Dros­sel­mey­ers mecha­ni­sche Figu­ren beim Weih­nachts­fest vor­führ­ten. 

Peti­pa hat­te ihm genaue Anwei­sun­gen erteilt:

  • Nr. 1 64 Tak­te stim­mungs­vol­le Musik.
  • Nr. 2 Der Baum leuch­tet auf. Fun­keln­de Musik von acht Tak­ten.
  • Nr. 3 Ein­tre­ten der Kin­der. Lär­men­de Musik. 24 Tak­te.
  • Nr. 4 Augen­blick des Erstau­nens und der Bewun­de­rung. Ein Tre­mo­lo über eini­ge Tak­te hin etc.
  • Nr. 5 Ein Marsch von 64 Tak­ten.
  • Nr. 6 Auf­tritt der Unglaub­li­chen. 16 Take Roko­ko.
  • Nr. 7 Galopp
  • Nr. 8 Auf­tritt des Dros­sel­mey­er. Etwas furcht­ein­flö­ßen­de, aber komi­sche Musik. Eine brei­te Bewe­gung von 16 bis 24 Tak­ten.

Tschai­kow­sky fühl­te sich von den Vor­ga­ben her­aus­ge­for­dert. Er setz­te sie in wun­der­ba­re Tän­ze wie den Schnee­flo­cken­wal­zer, den Tanz der Rohr­flö­ten oder den Blu­men­wal­zer um. Bole­ro, Taran­tel­la, ara­bi­sche und chi­ne­si­sche Moti­ve – alles ver­ar­bei­te­te er in sei­ner Musik und gestal­te­te durch die Ver­flech­tung von Moti­ven einen gro­ßen Bogen.

Wie kris­tal­le­ne Glo­cken erklingt die Celes­ta, die 1886 in Paris erfun­den wur­de.

Im Tanz der Zucker­fee brach­te er auch die glo­cki­gen Klän­ge einer Celes­ta zum Ein­satz, die kurz zuvor von Augus­te Mus­tel erfun­den wor­den war und die er auf einer Kon­zert­rei­se in Paris ken­nen­ge­lernt hat­te.

Nach dem Schluss­bild der Auf­füh­rung am 8. Dezem­ber 2016 gra­tu­lier­ten die Tän­ze­rIn­nen
des Roy­al Bal­let Lon­don ihrem Cho­reo­gra­fen Sir Peter Wright zum 90. Geburts­tag.
Links hin­ten ist der Diri­gent des Abends Boris Gru­zin zu sehen.

(Foto: © The Roy­al Bal­let)

Im Kino gibt es Tschai­kow­skys Bal­lett in jener legen­dä­ren Auf­füh­rung aus dem Jahr 2016 zu sehen, als der Cho­reo­graf Sir Peter Wright sei­nen 90. Geburts­tag fei­er­te. Fran­ce­s­ca Hay­ward tanzt die Rol­le der Kla­ra. Dros­sel­mey­er ist Gary Avis, und sein Nef­fe Hans-Peter, der Nuss­kna­cker, wird von Alex­an­der Camp­bell getanzt. Den Prin­zen und die Zucker­fee tan­zen Feder­i­co Bonel­li und Lau­ren Cuth­bert­son. Betei­ligt sind zudem jun­ge Talen­te der Roy­al Bal­let School. Am Pult des Orches­tra of the Roy­al Ope­ra House steht Boris Gru­zin.

Infor­ma­tio­nen über die Ter­mi­ne und teil­neh­men­den Kinos: www.rohkinotickets.de

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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