Piotr AnderszewskiDer Perfektionist

Piotr Anderszewski
Foto: Ari Rossner / Warner Classics

Pianist Piotr Anderszewski ist ein genialer Selbstzweifler. Dabei ist sein Spiel über alle Skepsis erhaben.

Kaum etwas ist schwe­rer zu über­win­den als der eige­ne Anspruch. Pio­tr Ander­szew­ski arbei­tet seit über 25 Jah­ren dar­an. „Man muss akzep­tie­ren, dass man eben nur ein Mensch ist und auch mal Feh­ler macht. Ein­fach ist das nicht. Ich übe noch immer“, so Ander­szew­ski. Der pol­nisch-unga­ri­sche Pia­nist ist längst dort ange­kom­men, wovon ande­re nur träu­men. Er spielt mit füh­ren­den Orches­tern, gas­tiert auf gro­ßen Büh­nen und hat diver­se Prei­se gewon­nen. Und doch: Der ewi­ge Zwei­fel bleibt. „Ich bin kein Skep­ti­ker“, sagt Ander­szew­ski, und er habe auch kein fixes Klang­ide­al im Kopf. Er wis­se nur ziem­lich genau, was er nicht wol­le, und das ver­sucht er durch Üben so weit wie mög­lich zu redu­zie­ren.

Der 48-Jäh­ri­ge mit den kur­zen grau­en Haa­ren und den brau­nen Augen ist das Gegen­teil eines hoch polier­ten Shoo­ting­stars. Selbst­kri­tisch und reflek­tiert wirft er einen fas­zi­nie­rend ande­ren Blick auf das Dasein als pro­fes­sio­nel­ler Musi­ker und den inter­na­tio­na­len Kon­zert­be­trieb.

Man muss akzep­tie­ren, dass man eben nur ein Mensch ist“

Ander­szew­ski kam am 4. April 1969 in War­schau auf die Welt. Sein Vater war Pole, sei­ne Mut­ter unga­risch-jüdi­scher Abstam­mung, bei­de waren sie kei­ne pro­fes­sio­nel­len Musi­ker, aber Lieb­ha­ber von Musik. Als Kind hör­te er Beet­ho­vens 5. Kla­vier­kon­zert und Mozarts Klei­ne Nacht­mu­sik, mit sechs Jah­ren fing er an, Kla­vier zu spie­len. Als er sie­ben Jah­re alt war, zog sei­ne Fami­lie nach Lyon. Die Lie­be zum Kla­vier blieb, und Ander­szew­ski ent­schied sich zum Kla­vier­stu­di­um, erst in War­schau und Frank­reich, spä­ter in Kali­for­ni­en. Noch mit­ten im Stu­di­um, nahm er 1990 in Leeds am Kla­vier­wett­be­werb teil. Er hat­te sich kei­ne Chan­cen aus­ge­rech­net, woll­te ein­fach nur in die zwei­te Run­de gelan­gen, erzählt er heu­te. Doch es kam anders. Er war erfolg­reich, sehr erfolg­reich sogar. Schließ­lich lan­de­te er im Semi­fi­na­le und wur­de als hei­ßer Kan­di­dat für den Sieg gehan­delt. Bis er mit­ten­drin auf­stand und die Büh­ne ver­ließ. Er hat­te Beet­ho­vens Dia­bel­li-Varia­tio­nen gespielt, gefolgt wären Weberns Varia­tio­nen op. 27, doch Ander­szew­ski war mit sei­nem eige­nen Spiel so unzu­frie­den, dass er sich selbst dis­qua­li­fi­zier­te.

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Piotr Anderszewski
Foto: Simon Fow­ler

Spricht man ihn heu­te auf die­se Epi­so­de an, winkt er genervt ab. Schon so vie­le Male habe er erklä­ren sol­len, was damals los war, dabei sei das doch so lan­ge her. Die Jah­re direkt nach dem Wett­be­werb waren nicht ein­fach, so Ander­szew­ski, auch wenn 1991 sein gefei­er­tes Debüt in der Lon­do­ner Wig­mo­re Hall folg­te. Schließ­lich sei er immer die­ser selt­sa­me Typ gewe­sen, der den Wett­be­werb abge­bro­chen habe – ein Ruf, den es zu kor­ri­gie­ren galt. „In den Jah­ren nach Leeds wur­de ich mit der Rea­li­tät kon­fron­tiert“, sagt Ander­szew­ski. „Und die bedeu­tet: Wenn man Pia­nist ist und davon leben will, dann muss man Kon­zer­te spie­len. Per­fek­tio­nis­mus ist dabei eine gefähr­li­che Sache, die man manch­mal bewusst stop­pen muss.“ Leich­ter gesagt als getan. Schließ­lich hat man als Künst­ler oft mona­te­lang an jeder Nuan­ce eines Stücks gefeilt. „Und dann ist es irgend­wann acht Uhr abends und du musst raus auf die Büh­ne, ob du gera­de willst oder nicht.“ Es ist die­se Dis­kre­panz zwi­schen Ide­al und Wirk­lich­keit, die ihm zu schaf­fen macht, eben­so wie die eigent­li­che Unver­ein­bar­keit zwi­schen der Här­te und Pro­fes­sio­na­li­tät des Kon­zert­be­triebs und der gleich­zei­ti­gen Inti­mi­tät einer Inter­pre­ta­ti­on. Ist das zu lösen? „Ich habe kei­ne Ahnung“, sagt Ander­szew­ski. „Manch­mal gelingt es mir bes­ser, manch­mal schlech­ter.“

Du musst raus auf die Büh­ne, ob du gera­de willst oder nicht“

2016 hat er sich des­halb für ein­ein­halb Jah­re zurück­ge­zo­gen und ein Sab­ba­ti­cal genom­men. Er woll­te dem Hams­ter­rad ent­kom­men, sich ganz der Musik wid­men kön­nen, ohne ein kon­kre­tes Pro­jekt vor Augen zu haben. „Not to kill the music“ – das war sein Ziel. Längst ist der Musi­ker auf den Büh­nen zurück und begeis­tert aller­orts mit sei­nem sen­si­blen, geist­vol­len und warm tönen­den Spiel. Ander­szew­ski ver­fügt über eine fei­ne Anschlags­kul­tur und durch­dringt die jewei­li­gen Wer­ke kom­pro­miss­los. Sei­ne Inter­pre­ta­tio­nen strah­len eine packen­de Kon­zen­tra­ti­on und Inten­si­tät aus, die tief berührt und auch bei oft gespiel­ten Wer­ken neue Per­spek­ti­ven auf­zeigt. „Im bes­ten Fall soll eine Inter­pre­ta­ti­on so sein, dass es für den Hörer wirkt, als wür­de die Musik im Moment des Spiels neu erschaf­fen“, sagt Ander­szew­ski. Das gelingt ihm sehr oft.

Ende Janu­ar ist nun ein Album mit Mozarts Kla­vier­kon­zer­ten Nr. 25 und Nr. 27 erschie­nen. Zusam­men mit dem Cham­ber Orches­tra of Euro­pe, das Ander­szew­ski vom Flü­gel aus auch diri­giert, bringt der Pia­nist die bei­den Wer­ke mit kam­mer­mu­si­ka­li­scher Innig­keit, sin­gen­der Melo­dik und erzäh­le­ri­scher Wei­te zum Erblü­hen. „Mozart war mir schon immer am nächs­ten“, bekun­det der Pia­nist. Wäh­rend Bach eher sei­nen Intel­lekt anspricht, berüh­re Mozart ihn direkt im Her­zen. Für Pio­tr Ander­szewski, den ewig Suchen­den, ist Mozart aber noch weit mehr. So sagt der Pia­nist: „Seit 25 Jah­ren suche ich zwi­schen all den Städ­ten, in denen ich lebe und spie­le, nach einem Zuhau­se. Ich habe es bis heu­te nicht gefun­den. Aber Mozart ist mei­ne inne­re Hei­mat.“

 

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Dorothea Walchshäusl
Dorothea Walchshäusl ist Musikjournalistin und promovierte Politologin. Sie lebt und arbeitet in Passau. Den Mensch im Blick, die Musik im Ohr und das Gefühl in den Fingerspitzen, fasziniert die freie Autorin all das, was die Menschen im Kleinen wie im Großen bewegt und berührt. Für crescendo schreibt sie seit 2014 und erforscht in ihren Porträts und Reportagen mit Leidenschaft, warum sich Menschen mit Haut und Haar der Musik verschreiben.

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