Willkommen zur neuen Klassik-Woche,

dieses Mal mit einem internen Brief der Salzburger Festspiele, den allgemeinen Schwächen der Kulturpolitiker und der Frage: Sind wir in diesen Tagen besonders motiviert – oder gerade nicht? Aufgrund der zahlreichen Rückmeldungen fällt der Newsletter dieses Mal ein wenig länger aus – nächstes Mal wieder in gewohnter Kürze.

KRISE DER KULTURPOLITIK

Selten gab es absurdere Pressekonferenzen, als diese von Österreichs Vizekanzler und Kulturminister Werner Kogler und Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek.

Inzwischen ist es unübersehbar: Die Kultur scheint aus politischer Perspektive irrelevant für das System zu sein – und die klassische Musik schon überhaupt. Weder in der Ansprache von Angela Merkel, noch von Markus Söder fiel das Wort Kultur – was Bernhard Neuhoff beim Bayerischen Rundfunk zu Recht auf die Palme gebracht hat. Das Versagen von Kulturstaatsministerin Monika Grütters haben wir bereits in den letzten Newslettern hinreichend besprochen (und tun das in den News weiter unten erneut). Österreich hat die Chance, es besser zu machen, leider auch vertan. Der grüne Vizekanzler und Kulturminister Werner Kogler und die grüne Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek haben eine eigene Pressekonferenz zu den weiteren Maßnahmen abgehalten. Die war an Peinlichkeit leider nicht zu überbieten. Am Ende haben beide nur eines unter Beweis gestellt, dass sie von der praktischen Arbeit an Theatern, in Konzertsälen und in Fernsehproduktionen einfach keine Ahnung haben. Großveranstaltungen, bei denen „viele Menschen stehen“, seien bis mindestens 31. August verboten, alles Weitere würde bis Mitte Mai entschieden: auch die Möglichkeit von Sommerfestivals. Es hätte gereicht, wenn Kanzler Sebastian Kurz zuvor einfach angekündigt hätte, dass weitere Maßnahmen für die Kultur Mitte Mai bekanntgegeben würden. Im Netz sorgte die Pressekonferenz indes für Unverständnis und Hohn. Tenor Michael Schade verkündete live auf Facebook: dass er nun wohl Sommerferien habe, auch die Sopranistin Daniela Fally stimmte in den Hohn ein und scherzte über Liebesszenen mit Mundschutz – am Lustigsten der Dirigent Michael Güttler, der ankündigte, einen Tauchkurs zu belegen, um von Mitte Mai an dirigieren zu können, ohne zu atmen. Ach ja, meinen Kommentar zu diesem PR-Desaster für den Sender Puls24 gibt es hier. Das wirklich Tragische ist, dass ausgerechnet die Kulturnationen Deutschland und Österreich, wo sich Politiker ansonsten gern im Licht von Künstlern und Musikern sonnen, ihre Künstler nun finanziell weitgehend allein lassen und nicht einmal mit warmen Worten würdigen.

DER SALZBURGER SONDERWEG

Will die 100. Salzburger Festspiele unbedingt irgendwie stattfinden lassen: Helga Rabl-Stadler

Dass die Pressekonferenz von Vizekanzler und Kulturminister Werner Kogler und Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek in Wien so beschämend war, könnte auch am Druck der Salzburger Festspiele gelegen haben, namentlich an Präsidentin Helga Rabl-Stadler und Landeshauptmann Wilfried Haslauer. Sie scheinen die 100. Jubiläumsfestspiele unbedingt begehen zu wollen – wie auch immer. In einem internen Schreiben an die Mitarbeiter hieß es trotzig: „Wir bleiben bei unserem Stufenplan und fällen die Entscheidung (…) im Mai.“ Explizit wird der Salzburger Landeshauptmann zitiert, der natürlich auf die Tourismus-Industrie schielt: „Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Zahl, die uns Landeshauptmann Haslauer heute genannt hat. Noch am 20. März, also nicht einmal vor einem Monat, hat sich die Zahl der Infizierten innerhalb von 12,5 Tagen verdoppelt. Jetzt ist diese Zahl auf sensationelle 192 Tage gestiegen.“ Und dann ist sich die Festspielleitung nicht zu schade, das Ausbremsen dieses Optimismus nach Deutschland zu verschieben: „Grund zu Pessimismus allerdings gibt die Ansage von Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass in Deutschland Großveranstaltungen bis 31. August verboten sind.“ Dieser von Helga Rabl-Stadler, Markus Hinterhäuser und Lukas Crepaz unterzeichnete, interne Brief, lässt uns mit allerhand Fragen zurück: Wie stellt Salzburg sich das alles vor? Über 2000 Menschen in der Felsenreitschule, auf der Bühne der Elektra-Wahnsinn, die Don Giovanni-Liebe und Rache-Szenen der Tosca? Woher sollen die Sänger, woher das Publikum kommen? Ich will nicht in die Suppe spucken und bin für Optimismus: Aber machen wir uns nichts vor: Die Wiener Pressekonferenz und die Hoffnung in Salzburg sind nichts anderes, als Verzögerungstaktiken. Vielleicht wäre die Energie besser genutzt, sich jetzt große und spannende digitale Alternativen auszudenken. Ich persönlich habe von verschiedenen Salzburg-Künstlern gehört, dass sie schon lange nicht mehr an den Festspielsommer glauben, und auch Elisabeth Sobotka von den Bregenzer Festspielen soll bei Künstlern bereits eruiert haben, wie man mit einer Absage umgehen könnte. Künstler brauchen keine Herauszögerungstaktiken, sondern Klarheit und Ehrlichkeit – das ist das Einzige, was Perspektiven eröffnet.     

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CORONA-NEWS

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Ein Opernspaß in unlustigen Zeiten: die Quaranflöte mit René Pape

Lisa Batiashvili, Thomas Hengelbrock, Anne-Sophie Mutter, René Pape und Christian Thielemann melden auf Initiative von Matthias Goerne Zweifel an Kulturstaatssekretärin Monika Grütters an und fordern sie in einem offenen Brief auf „dass Sie (Grütters) sich zumindest für adäquate Ausfallhonorare durch die staatlich subventionierten Institutionen, Theater, Opernhäuser, Orchester, Konzerthallen, und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einsetzen und ein akzeptables Resultat erzielen (soll).“ Das Erschreckende sind die Leserkommentare, u.a. auf der Seite der WELT. In der Mehrzahl mit der Tendenz, dass Klassik-Künstlern staatliche Hilfe verwehrt bleiben sollte – einige Leser regen sogar an, dass Musiker in diesen Tagen Spargel stechen sollten. Ein ernüchternder Einblick in die Welt jenseits unserer Klassik-Echokammer. Und vielleicht auch ein Ansatz für Nach-Corona-Zeiten, die eigene Ignoranz gegenüber dem nicht klassikaffinen Publikum, das unsere Kunst immerhin mitsubventioniert, selbstkritisch zu überprüfen. Es ist ehrenwert, wichtig und gut, dass „große Künstler“ sich für die Belange der „kleinen Künstler“ einsetzen. Fakt ist aber auch, dass in guten Zeiten nicht jeder der „großen Künstler“ auch glaubhaft danach gehandelt hat. Und noch etwas wird nun offenbar: Klassik ist aus den populären Medien, etwa den Hauptprogrammen des Fernsehens, verschwunden – was ihr einen Großteil der breiten Basis raubt. +++ Nachdem der ORF die Aktion „Wir spielen für Österreich“ ins Leben gerufen hat, plant die MET in New York am 25. April die große Opern-Sause: Mit Stars wie Anna Netrebko und Jonas Kaufmann will die renommierte New Yorker Metropolitan Oper in der Corona-Krise eine virtuelle Gala organisieren, die um 19.00 Uhr MESZ kostenlos im Internet zu sehen sein wird. +++ Es sind nicht nur die großen Opernhäuser, die digital aufrüsten – auch in Halle wird ein Spielplan für das Netz präsentiert. +++ Was der designierte Direktor der Wiener Staatsoper, Bogdan Roščić, für die nächste Saison plant, wird am 26. April in einer Sendung auf ORF III präsentiert. +++ Hörenswert: der Podcast von Irene Kurka, die dieses Mal mit Luise Enzian darüber redet, wie die Musikerin einen Antrag beim Arbeitsamt gestellt hat. +++ Unbedingt anschauen: die „Quaranflöte“ mit René Pape, Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt vor dem Badezimmerspiegel. +++ Die Münchner Opernfestspiele sind inzwischen ebenfalls abgesagt

WAS WAR DENN DAS, VLADIMIR BALZER? 

Eine Corona-Klinik in Bergamo – vielleicht sollten wir nach diesen Bildern noch einmal über die rasche Öffnung der Theater nachdenken.

Ich mag den Deutschlandfunk, auch wenn ich den Kritiker-Duktus manchmal allzu belehrend und allzu allwissend, etwas zu kulturzynisch empfinde. Ich weiß, dass Meinungsvielfalt auch – und gerade – in Zeiten wie diesen wichtig ist. Auch deshalb ist es wichtig, über Meinungen zu streiten, weshalb ich hier nun – nach einigen Abwägungen – schreibe, dass der Moderator Vladimir Balzer für mich ein Beispiel dieser Kultur-Arroganz geliefert hat. In einem Kommentar erklärte er, dass die sofortige Öffnung von Theatern und Opernhäusern nötig und nur eine Frage der Organisation sei. So wie Autohäuser, Baumärkte oder Züge seien Theater „Orte der Begegnung“, argumentiert Balzer und wirbt dafür, das Live-Erlebnis Theater zuzulassen – weil es uns, im Gegensatz zum Kultur-Erlebnis vor dem Fernseher oder am Handy, zwingt zuzuhören: „So einfach kommt man nicht aus seiner Sitzreihe, gerade wenn man in der Mitte sitzt! Flucht schwer gemacht. Da ist da und live ist live, das gibt es kein Pardon.“ – Eben, Vladimir Balzer, auch dann nicht, wenn der eine neben dem anderen plötzlich zu husten beginnt. Wie weltabgewandt, zynisch und verblendet muss man eigentlich sein, wenn man die sofortige Öffnung der Theater mit folgenden Worten propagiert: „Ich möchte wieder nach der Aufführung mit Freunden ein paar Gläser Riesling trinken. In einer Bar. Ganz nah beieinander stehend. Danach bei der Verabschiedung mit ihnen in den Armen liegen.“ Herr Balzer: Das wollen wir alle! Aber wer Beethoven hört, kann derzeit nicht mehr nur an seinen Riesling und die Theater denken. Er schaut auch nach Italien, Frankreich, Spanien oder nach New York – freut sich über leichte Lockerungen und ist gespannt, was das Ergebnis in zwei Wochen zeigt. Er spürt dann so etwas wie Mitmenschlichkeit oder Verantwortung. Vielleicht haben Sie keine Eltern mehr, keine Großeltern – vielleicht ist die Live-Kultur der einzige Sinn Ihres Lebens. Aber, lieber Vladimir Balzer, die Kunst ist nicht für gelangweilte Prenzlauer-Berg Feuilletonisten erfunden worden, nicht für den gelangweilten Feuilleton-Jet-Set! Zu argumentieren, dass Aufführungen „keine nette Beigabe“ seien, sondern „Teil unserer humanistischen DNA. Wenn bis zum Ende dieser Saison nichts mehr läuft, dann ist das ein Desaster für die Bühnen und es ist ein Desaster für uns“, stimmt das natürlich – aber lieber Herr Balzer, Sinn der Kultur ist auch das Erlernen von Mitmenschlichkeit und von Gemeinsinn. Ich jedenfalls bin froh, dass Feuilletonleute wie Sie oder ich nicht verantwortlich für die Organisation einer Krise sind. Lieber Vladimir Balzer, trinken wir einfach einen Riesling, wenn all das endlich vorbei ist.

NEUE VERWERTUNGSKETTEN FÜR STREAMING

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Die Reaktionen auf unseren letzten Newsletter waren groß – besonders, was das Thema Streams betrifft. Kostenlos streamen in Zeiten von Corona? Ich habe diese Frage noch einmal mit Holger Noltze, Professor für Musikjournalismus und Erfinder der Plattform takt1, besprochen.

UND WIE GEHT ES EUCH SO?

Üben ja, aber nicht täglich“, antwortete die Sängerin Eleonore Marguerre auf unsere Frage, „dafür aber einfach mal wieder Partien just for fun durchsingen. Meine Motivation ist vor allem das sportliche ‚Dranbleiben‘ und Fitbleiben. Stattdessen dann eben Grafiken basteln…“ – und das hier ist das Ergebnis.

Eigentlich ging es mir nur darum, den Finger in die Luft zu halten und ein bisschen die Stimmung zu schnuppern. Weil ich an mir selber merke: Nach der Schockstarre kam die Phase der Ideen – und nun beginnt der mühsame Weg, das Erdachte in die Welt zu bringen. Deshalb habe ich auf meiner Facebook-Seite gefragt: „WIE IST DAS BEI EUCH MUSIKERN? Übt Ihr gerade mehr (weil mehr Zeit) oder weniger (weil kein Ziel und keine Motivation)? – Wie motiviert Ihr Euch? Was hat sich beim Üben verändert?“ In weniger als einem Tag kamen 70 Kommentare – und ich habe beschlossen, alle Stimmen (pfeifen wir auf die Länge!) am Ende zu Wort kommen zu lassen. Denn alle Antworten zusammen spiegeln die Situation der Kultur: Unsicherheit, Neugier, Lähmung, Tatendrang – die Individualität des Einzelnen. Vielleicht fasst Tenor Michael Schade es am besten zusammen: „Bleibt BITTE motiviert Freunde und JA studiert.“ Und hier nun die Antworten der Künstler (wer mehr über sie wissen will – ich habe die Namen mit den Websites verlinkt):

Check the Gate auf Instagram – hier talkt die Sopranistin Chen Reiss.

Die Sängerin Chen Reiss (hat einen eigenen Quarantäne-Talk): Ziele und Motivation hab ich genug, aber die Zeit fehlt!!! Und vor allem die Geduld. Fragst du dich wieso? Naja, ich arbeite 12 Stunden pro Tag, 7 Tage die Woche und kriege dafür keine Gage. Habe aber einen Titel – Mummy!!! Schaffe es trotzdem eine Stunde jeden zweiten Tag zu üben, damit ich nicht vergesse, wie es geht.

Die Sängerin Nadine Weissmann: Wie viele meiner Sängerkollegen übe ich vor allem gerne mit einem Repetitor, was jetzt natürlich wegfällt. Die Motivation hole ich mir gerade ein wenig durch ein geplantes spannendes Rollendebut (…) Mir fällt es gerade schwer, z.B. viele der Streams mit Opernvorstellungen zu schauen, was ich sonst gerne mache, jetzt ist es einfach zu deprimierend, zu sehen, was einen sonst oft beflügelt hat, weil man keine Perspektive hat, wann man selber wieder auf einer Bühne stehen darf/kann. 

Der Cellist Claudio Bohórquez: Aus der Sicht als konzertierender Künstler sind mir zu der Flut an gutgemeinten Wohnzimmerkonzerten, die (…) kostenlos angeboten werden, seit einiger Zeit viele Fragen durch den Kopf gegangen. (…) Es ist kein Geheimnis, dass die o.g. Auftritte auch ein nachhaltiges marktwirtschaftliches Potenzial für die Kulturlandschaft beinhalten, zumal viele dieser Auftritte in niedriger Aufnahme- und Bildqualität gestreamt werden. Sind das nicht die gleichen Künstler, die Klauseln mit Veto-Recht in den üblichen Verträgen verankern und dafür extra vom Veranstalter bezahlt werden? Heute liest man quer in allen seriösen Medien, dass der Wert der klassischen Musik inflationär am Versinken ist. Es bleibt nur die Hoffnung, dass doch ein gesellschaftliches Wunder geschieht. Jetzt gehe ich motiviert zurück an mein Cello und lasse mich von den Idealen der großen Komponisten der Vergangenheit weiter inspirieren.

Der Dirigent Gerrit Prießnitz: Ich stelle fest, dass intrinsische Motive nicht verschüttet sind, die Liebe zu der Musik, die mich zutiefst bewegt (…) Aber die Arbeit daran ganz ohne externes Ziel, ohne einen Horizont, auf den man hinlernt, hinübt, sich geistig in eine Partitur hineinbewegt, die fällt mir zunehmend schwer. Vom Arbeitgeber mit einem Telefonat von 100 auf 0 gesetzt zu werden und zugleich komplett durch alle staatlichen Hilfsraster zu fallen, tut ein Übriges dazu, dass mir die Natur und Literatur momentan näher stehen, als die Partituren auf meinem Schreibtisch.

Die Sängerin Nancy Weißbach: Gestern wurden nun auch unsere drei Ring-Zyklen bis Ende Oktober abgesagt. Einfach nur so zu üben ohne Ziel und mit all der Unsicherheit, ob es überhaupt etwas mit den Vorstellungen 2021 wird, ist sehr schwer. Neben dem Homeschooling muss man ja ständig neue Formulare ausfüllen und sich von Fachleuten gut beraten lassen. (…) Vielleicht werde ich wieder in der Charité oder in einem anderen Krankenhaus arbeiten gehen, um in der Zwischenzeit etwas Sinnvolles zu tun.

Nancy Weißbach als Brünnhilde bei den Tiroler Festspielen in Erl

Die Sängerin Eva Summerer: Bei mir war es anfangs tatsächlich so, dass ich mich die ersten zwei Wochen des Corona-Wahnsinns gar nicht motivieren konnte. Zu gar nichts. Nach diesem Tief habe ich mich hingesetzt und mir überlegt, welche Partien ich „schon lange mal“ erarbeiten wollte (…) Nach wie vor herrscht allerdings diese Ungewissheit, wann und wie es weitergeht und was nächste Spielzeit passieren wird; das macht es nicht leicht, motiviert zu bleiben…

Die Pianistin Katharina Nohl: Dadurch dass ich mein erstes Festival „Swiss Female Composers Festival“ auch vertagen durfte, kann ich mich direkt auf mein parallel laufendes Kompositionsprojekt stützen. Exciting! Wir als Familie haben die friedlichste Zeit, seit die Kinder schulpflichtig sind. Wir genießen Homeschooling!

Der Organist Heinz-Josef Fröschen: Ich übe mehr, allerdings ist es wirklich mühsam, sozusagen „ziellos“ drauflos zu musizieren. Aber so ganz ohne Chorproben, Gottesdienste ist’s schon fad.

Der Komponist und Pianist Kaan Bulak: Motiviert und sehr produktiv. Bereite die Aufnahmen und Programme für die nächsten Jahre schon vor und habe dabei sogar noch viel Zeit zum Lesen und zur tiefergehenden Inspirationssuche. Internet und Telefon bleiben 70% der Zeit ausgeschaltet, den Informationsoverkill kann ich gar nicht gebrauchen.

Der Komponist Alexander Strauch: Kompositorisch bekomme ich nicht viel hin, da Konzerte & Uraufführungen erst einmal abgesagt oder verschoben sind. Daher arrangiere ich für Orchester aus Semi-Profis & Laien (…) Tagesaktuelles und Kulturpolitik regen mich da eher auf und lassen mich für den Bad Blog of Musick etwas hervorbringen. Ansonsten hoffnungsvoll Termine im Oktober und November, wo einiges doch noch die Jahresbilanz retten könnte.

Der Sänger Wolfram Lattke: … nun gab und gibt es mal ein paar Aufgaben, die über Stream ins Publikum finden. Das ersetzt aber nicht viel, nur, dass man Musik machen kann und darf und einen kleinen Obulus verdient. Ein essenzieller Teil des Berufes ist dabei (…) einfach nicht anwesend: das Publikum, welches (…) den Zauber, eines Live-Auftritts ausmacht.

Die Harfenistin Silke Aichhorn bei der Arbeit

Die Harfenistin Silke Aichhorn: Mein Tag ist wie immer ziemlich zu kurz, ich bin mehr als sonst und superglücklich an der Harfe. Bereite gerade 2 neue CDs vor und habe noch so viele andere Ideen. Dazwischen Radeln, gut kochen, Family, Haus und dieser tolle Frühling.… 

Der Komponist und Pianist Franck A. Holzkamp: Ich übe weniger… Aber das Komponieren kommt voran: nach einer anfänglichen Blockade ist nun eine ausgesprochen kreative Phase angebrochen (…) Und es gibt mir Halt (auch wenn es unglaublich viel Kraft kostet!), mit meinen Klavier- und auch Theorie- und Kompositionsschülern über Skype oder FaceTime verbunden zu sein und arbeiten zu können. Mein Taktstock allerdings fristet momentan ein unbefriedigendes Schattendasein und liegt in seiner Schatulle wie in einem Sarg… Traurig, traurig!

Der Pianist Thomas Uhlmann: Ich übe etwas mehr – und lauter Lieblingsstücke, für die ich sonst keine Zeit hatte…

Der Pianist Kai Adomeit: Ich kann endlich mal all die Werke ausprobieren, zu denen ich sonst nie komme, kann z.B. endlich mal den ganzen Joseph Holbrooke und die Scarlatti-Gesamtausgabe durchfingern. (…) Motivation? Die Musik hat mich schon zweimal durch lange Phasen körperlicher Zerbrechlichkeit am Leben gehalten – ohne Musik sterbe ich…

Die Sängerin Talia Or: Die Situation drückt auf die Nerven, und da wir mit dem Körper arbeiten, merken das die meisten mal mehr mal weniger. Motivation ist schwierig, wenn man nicht weiß, ob und wann es weitergeht. 

Der Sänger Bernhard Hansky: Tatsächlich habe ich mein Pensum auf ein Minimum heruntergeschraubt. Die aktuelle Spielzeit scheint ja komplett im A**** zu sein und selbst die Motivation, die Kommende vorzubereiten, hält sich bei den aktuellen Aussichten in Grenzen. (…) Bin daher gerade in einer Art „Schockstarre“ und warte händeringend auf ein realistisches Datum der Regierung. Mit dem Ziel im Auge wird es dann auch wieder Spaß machen, die Stimme zu gebrauchen. Momentan jedenfalls identifiziere ich mich nicht als „Sänger“.

Die Pianistin Martina Filjak: Ich finde endlich die Zeit, um entspannt zu üben, das Repertoire in Ruhe und mit Genuss zu lesen ohne den Druck, dass man es bald vor einem Publikum liefern muss. (…) Man findet, dass es Liebe für Musik und für die Kunst gibt, auch ohne konstante „Bewunderung“ oder Feedback der anderen.

Der Sänger Michael Heim: Man muss sich jetzt quasi selbst in den Hintern treten, was aber nicht schwer fällt, wenn man den Beruf wirklich liebt. (…) Hoffnung macht auch, dass ein spürbarer Ruck durch die Welt der Solokämpfer geht: Verschiedene Initiativen gilt es zu bündeln, die sich um die Gründung von Interessensvertretungen und Schutzschirmen bemühen, um die bestehende Ungleichbehandlung abzuschaffen.

Die Sängerin Giorgia Cappello: Da der Unterricht online weitergeht, übe ich recht viel oder sogar mehr, aber das Warum hat sich verschoben. Der Spaß, der durch die Gewissheit der Aufführung kommt, fehlt.

Der Dirigent Matthias Fletzberger: Ich persönlich kann dieser Ruhe durchaus auch Positives abgewinnen – man gewinnt Zeit, Altgewohntes und vielleicht Festgefahrenes zu hinterfragen und auch mal neue Gedanken und Konzepte durchzuspielen. Dirigieren (samt Mitsingen) ist halt auf die Dusche beschränkt. 

Klassik-Fan Matthias Bündinger: Ich frage mich auch, wie ist das mit den höher und hochbetagten Dirigenten und Solisten wie Blomstedt, Mehta, Barenboim, Argerich, Pollini, für die, dramatisch übertrieben formuliert vielleicht, jeder Tag zählt, wo sie nicht auftreten.

Stefanie Kunschke, als sie noch auf der Bühne stehen durfte

Die Sängerin Stefanie Kunschke: Ich beschäftige mich neben dem Singen viel mit (Computer-) Technik (…) Genauso gibt es Meinungen, die gegen „unprofessionelle“ Liveaufnahmen sprechen. Ich verstehe das. Aber das ist für mich Druck. „Schön“ ist jedoch, dass man durch so eine Entwicklung viele neue Ideen und persönliche Einstellungen bekommt (…). Eine Stimme live zu hören und den Sänger zu sehen, ist einfach was Besonderes, was mangelnde Aufnahmetechnik nur schwer einfangen kann.

Die Pianistin Anna Sutyagina: Ich bemerke bei mir selbst viele Veränderungen. Man hat zwar den ganzen Tag Zeit, aber man wird langsamer. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft, und das hindert mich daran, mit voller Konzentration zu üben. Ich würde auch zwischen richtig üben, üben und einfach zum Spaß spielen unterscheiden.

Die Musikerin Iris Lichtinger: Genieße es offen gestanden sehr, unerwartet völlig abtauchen zu können, ohne jeden Termindruck. Zeit zu haben und einfach den Frühling zu erleben – überraschende und unschätzbare Erfahrung. Üben ja, täglich, aber ausschließlich mit dem Sohn.

Der Sänger und Barocktage-Intendant Michael Schade: Mein Plan ist täglich fast der gleiche (…). Aber ein Plan muss her. Ob das mehr als vorher ist?? Nein, denke ich, eigentlich ist es eh wie immer aber mit mehr Ungewissheit und mehr mentalem Training, so dass ich nicht verzweifle oder versage. Ich wache generell etwas in Panik auf um 400, lese was in der Welt alles passiert, mach mir Gedanken, und denke mir dass ich eh nichts machen kann, außer bereit zu sein, für dann, wenn‘s wieder losgeht. Mit dem Gedanken schlafe ich dann wieder ein. 1) Ich studiere von 7–9 täglich, und das ist MEINE Zeit (…) Derzeit bereite ich unsere Fernsehaufnahme für das Konzert im leeren Stift Melk für unsere Sendung im ORF3und 3Sat zu Pfingsten mit Luca Pianca vor. 2) Ich unterrichte von 10–13 meine Schüler online. (…) 3) Dann übe ich „Die Tote Stadt“ für den August in Adelaide mit Simone Young…, und vor allem momentan Schubert Lieder für einen Livestream im Konzerthaus nächste Woche.…fit bleiben fit bleiben… 4) ich kümmere mich um die Internationalen Barocktage Stift Melk, um Künstler persönlich anzurufen, so dass ZUKUNFTSPERSPEKTIVEN da sind (…) Und dann wird’s höchste Zeit, die  Familie anzurufen , vor allem die Kinder die weit weg sind in Kanada und nicht hier sein können! Es ist das Allerwichtigste für sie da zu sein und sie zu trösten über gecancelte  Maturafeiern und Schule und und und… 

Michael Schade lässt sich auch durch Corona nicht die Laune verderben und grillt.

Es ist die Unterschiedlichkeit der Wahrnehmung, die Kultur ausmacht! Es geht nicht um Nationen, Egos oder Unterschiede – es geht um uns alle, die Kultur … und zusammen erheben wir die Kunst zur Stimme…

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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