Der unbeholfene Anton Bruckner

Dr. Goeths Kuriosa

Willst du mit mir gehen? a) Ja, b) Nein, c) Vielleicht“

Anton Bruckners Brief an Josefine Lang von 1866 liest sich wie einer dieser in der Schule von Pult zu Pult gereichten Zettel. So groß seine Sinfonien, so klein sein Glück in der Liebe: Neun Mal probiert er es bei verschiedenen jungen Mädchen, neun Mal erhält er eine Abfuhr. Er bleibt lebenslang unverheiratet.

Sehr geehrtes, liebenswürdiges Fräulein!
Nicht als ob ich mich mit einer Ihnen befremdenden Angelegenheit an Sie, verehrtes Fräulein wenden würde, nein, in der Überzeugung, dass Ihnen längst mein stilles, aber beständiges Harren auf Sie bekannt ist, ergreife ich die Feder, um Sie zu belästigen. Meine größte und innigste Bitte, die ich hiermit an Sie, Fräulein Josefine, zu richten wage, ist, Fräulein Josefine wollen mir gütigst offen und aufrichtig Ihre letzte und endgültige, aber auch ganz entscheidende Antwort schriftlich zu meiner künftigen Beruhigung mitteilen und zwar über die Frage: Darf ich auf Sie hoffen und bei Ihren lieben Eltern um Ihre Hand werben? Oder ist es Ihnen nicht möglich, aus Mangel an persönlicher Zuneigung mit mir den ehelichen Schritt zu tun?
Fräulein sehen, dass die Frage ganz entscheidend ist. Das eine oder andere bitte ich inständigst, mir so bald als möglich, aber gewiss, ebenso entschieden zu schreiben. Bitte, sagen Fräulein Josefine dies ihren lieben Eltern, aber sonst niemandem (bitte das strengste Geheimnis bewahren zu wollen) und wählen sie einen aus den zwei vorgelegten Punkten der Frage im Einverständnisse mit ihren lieben Eltern. […] Nochmal meine Bitte: Wollen Fräulein ganz offen und aufrichtig und ganz entschieden schreiben, entweder: Ich darf um sie werben oder gänzlich ewige Absage; kein Mittelding etwa vertrösten oder umschreiben, da bei mir die höchste Zeit bereits vorhanden ist, zudem wird sich Ihr Gefühl nicht leicht verändern, weil Fräulein sehr vernünftig sind.
Fräulein dürfen die reine Wahrheit mir unbesorgt sagen, weil selbe in jedem Falle mir Beruhigung sein wird. Mit Handkuss einer möglichst baldigen entschiedenen Antwort entgegen harrend.
Anton Bruckner

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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