Moritz Eggert über Klassik-StereotypenDie 10 größten Klischees der klassischen Musik

10Man darf nicht zwischen den Sätzen klatschen“

Sicher­lich sind Sie auch schon Mal dar­auf rein­ge­fal­len: Da kommt ein lau­ter Schluss­ak­kord eines Sat­zes,  der gera­de­zu zum Klat­schen ani­miert, Sie klat­schen begeis­tert, und… wer­den fins­ter von Ihren Sitz­nach­barn ange­schaut, als hät­ten Sie gera­de deren Lieb­lings­hams­ter erwürgt. Und Sie schä­men sich, mal wie­der kei­ne Ahnung gehabt zu haben. Aber kei­ne Angst: Wer näm­lich wirk­lich Ahnung hat weiß, dass bei der Urauf­füh­rung viel­leicht gera­de die­ses klas­si­schen Stü­ckes ent­we­der gar kei­ner klatsch­te – weil es zur Krö­nung eines fet­ten Kai­sers oder als Tafel­mu­sik gespielt wur­de – oder die Musi­ker wie auch der Kom­po­nist mit Toma­ten bewor­fen wur­den. Auch war es noch im 19. Jahr­hun­dert durch­aus üblich, nur ein­zel­ne Sät­ze einer Sin­fo­nie oder einer Kla­vier­so­na­te auf­zu­füh­ren, und da wur­de natür­lich auch nach jedem Satz geklatscht. Und zuletzt sei­en Sie ver­si­chert: Die Musi­ker freu­en sich eigent­lich immer, wenn jemand klatscht – solan­ge es nicht mit­ten im Stück ist – weil das auf jeden Fall eine freund­li­che und ermu­ti­gen­de Ges­te ist. Die eigent­lich Dum­men sind also die Klatsch-Nazis!

Die eigent­lich Dum­men sind also die Klatsch-Nazis!

9Das Publikum wird immer älter“

Auch wenn man sich durch­aus berech­tigt Sor­gen um das nach wie vor sehr ält­li­che Image der klas­si­schen Musik machen muss, so soll­te man nicht den Gedan­ken­feh­ler machen, stän­dig einen demo­gra­phi­schen Ein­bruch des Inter­es­ses an klas­si­scher Musik her­auf­zu­be­schwö­ren. Den­ken Sie doch ein­mal sel­ber dar­über nach: Wie viel Zeit haben heut­zu­ta­ge Men­schen zwi­schen 25 und 60 für ihre Hob­bies und pri­va­ten Ver­gnü­gun­gen, wäh­rend sie von unse­rer zuneh­mend schnel­len und extrem for­dern­den Arbeits­welt durch die Man­gel genom­men wer­den? Um dann – wenn sie pen­sio­niert sind – end­lich Mal Zeit für die schö­nen Din­ge des Lebens zu haben, zum Bei­spiel den Besuch von klas­si­schen Kon­zer­ten? Das sel­tens­te Alter unter Kon­zert­be­su­chern ist 40, dage­gen sieht man sowohl jun­ge Men­schen wie auch älte­re Men­schen, und das wird auch immer so blei­ben, solan­ge noch nicht Robo­ter all unse­re Arbeit über­neh­men. Und noch etwas: Schon Anfang des letz­ten Jahr­hun­derts – als die moder­ne Arbeits­welt wie wir sie ken­nen ent­stand – kon­sta­tier­te ein Paul Hin­de­mith, das Publi­kum wer­de „immer grau­er und wer­de bald aus­ster­ben“. Nein, taten sie nicht, sonst hät­ten wir kei­ne Elb­phil­har­mo­nie.

8Orchestermusiker müssen Fräcke tragen“

Nein, müs­sen Sie nicht. Das ist eine der sinn­lo­ses­ten Tra­di­tio­nen der klas­si­schen Musik: Dass Musi­ker des 21. Jahr­hun­derts nach wie vor in der Arbeits­klei­dung von Musi­kern aus dem 18. und 19. Jahr­hun­dert spie­len müs­sen. Es zeigt, wie weit die klas­si­sche Musik heu­te von der rea­len Welt ent­fernt ist, denn natür­lich wird nach wie vor ja tat­säch­lich weit­ge­hend Musik aus dem 18. und 19. Jahr­hun­dert – weder frü­her noch spä­ter – in unse­ren Kon­zert­sä­len gespielt. Kei­ne ande­re Kunst­form kann sich das leis­ten – kein Buch­la­den kann allein alte Schin­ken in alt­deut­scher Druck­schrift anbie­ten, kein Kino kann allei­ne Stumm­fil­me zei­gen, kein Thea­ter allein Shake­speare und Goe­the spie­len… aber in der klas­si­schen Musik ist das genau so. Viel­leicht wäre es ein guter Anfang, zuerst ein­mal die­se däm­li­chen, häss­li­chen und vor allem unprak­ti­schen Frä­cke auf den Müll zu schmei­ßen. Die Orches­ter­mu­si­ker sol­len sich durch­aus schick anzie­hen… man will ja auch nicht, dass einen der Zahn­arzt im Hawaii­hemd behan­delt, oder der Bar­kee­per einen im fle­cki­gen T-Shirt bedient. Ritua­le und Berufs­klei­dun­gen haben ihren Sinn, aber alle ande­ren Berufs­klei­dun­gen ändern sich mit dem Zeit­ge­schmack, nur selt­sa­mer­wei­se nicht die der Orches­ter­mu­si­ker. Schluss damit!

Alle ande­ren Berufs­klei­dun­gen ändern sich mit dem Zeit­ge­schmack, nur selt­sa­mer­wei­se nicht die der Orches­ter­mu­si­ker!

7Man muss einmal in seinem Leben in Bayreuth gewesen sein, um die Wagner-Opern richtig zu hören“

Nein, muss man nicht. Ver­mut­lich hören Sie die Wag­ner-Oper sogar wesent­lich bes­ser im Stadt­thea­ter ihres Ver­trau­ens, denn dort wird man wesent­lich mehr Lie­be und Sorg­falt sowohl in die Insze­nie­rung als auch die tat­säch­li­che Umset­zung die­ser Wer­ke inves­tie­ren. Und dafür gibt es einen Grund: in Bay­reuth tre­ten die Gesangs­stars für einen Bruch­teil ihrer nor­ma­len Hono­ra­re auf, weil auch die­se das Gefühl haben, ein­mal in Bay­reuth gewe­sen sein zu müs­sen. Aber natür­lich rei­sen dann die­se Stars auch erst weni­ge Tage vor der Pre­mie­re an und haben kaum Zeit zu pro­ben, was die dor­ti­gen Regis­seu­re immer wie­der aufs Neue frus­triert. In einem nor­ma­len Opern­haus dage­gen wird eine Insze­nie­rung durch­aus mona­te­lang ein­stu­diert, bis man sich damit auf die Büh­ne traut. Viel­leicht gibt es dort auch sogar etwas wie Per­so­nen­re­gie. Klar, auch in Bay­reuth mag mal eine gute Insze­nie­rung gelin­gen, aber meis­tens ste­hen die Sän­ger da an der Ram­pe, tre­ten von links auf und tre­ten rechts ab, denn dar­über kann man sich meis­tens recht schnell ver­stän­di­gen.

Und noch ein wich­ti­ger Grund spricht gegen Bay­reuth – mit einem Ticket­kauf unter­stüt­zen Sie die Fami­lie Lan­nis­ter, äh Wag­ner, die mit ihren bizar­ren Fami­li­en­in­tri­gen inzwi­schen jede Game of Thro­nes-Epi­so­de wie eine Lin­den­stra­ßen-Fol­ge erschei­nen lässt.

6Man muss sich für die Oper fein anziehen“

Nein, müs­sen Sie nicht. Außer Sie wol­len ein­fach grund­sätz­lich schick sein, was natür­lich immer emp­feh­lens­wert ist. Gene­rell soll­ten Sie sich aber so anzie­hen, wie Sie es für nor­mal hal­ten. Was bei Ame­ri­ka­nern eben Ber­mu­da-Shorts und bun­te Hem­den sind, aber die­se zie­hen die auch sonst den gan­zen Tag an. Ger­ne lacht man über die­se „Igno­ran­ten“, aber wäre es nicht bes­ser, wenn viel mehr ganz nor­ma­le Leu­te in die Opern­häu­ser kämen, anstatt immer nur die­se auf­ge­don­ner­ten Möch­te­gern-Tus­sis und -Typen? Sei­en Sie expe­ri­men­tier­freu­dig – kom­men Sie, wie SIE es schick fin­den und nicht wie es Ihnen irgend­wel­che gesell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen vor­schrei­ben. Ein bun­tes, leben­di­ges Opern­haus in dem alle gesell­schaft­li­chen Schich­ten ver­kehr­ten, vom Anti­fa-Punk bis zum Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor, wäre mei­ne per­sön­li­che Uto­pie eines neu­en und leben­di­gen Opern­be­trie­bes.

For­dern Sie den Opern­in­ten­dan­ten Ihres Ver­trau­ens auf, end­lich mehr Neu­es zu spie­len!

5Es gibt keine guten neuen Opern“

Doch, gibt es. Sie ken­nen sie nur noch nicht.  Denn die­se tol­len neu­en Opern wer­den lei­der nicht gespielt in einem fei­gen und erz­kon­ser­va­ti­ven Opern­be­trieb in dem übli­cher­wei­se 99% des Spiel­plans dem 19. und maxi­mal dem 18. Jahr­hun­dert vor­be­hal­ten sind. Solan­ge das so ist, ent­ge­hen Ihnen, lie­bes Publi­kum, die Meis­ter­wer­ke Ihrer Zeit, die Ihnen viel­leicht wesent­lich mehr zu bie­ten hät­ten als die 5000ste Insze­nie­rung von Turan­dot oder Car­men, bei der die Prot­ago­nis­ten ohne beson­de­ren Grund KZ-Insas­sen oder Bör­sen­mak­ler sein müs­sen, weil die Regis­seu­re sich sonst zu Tode lang­wei­len. For­dern Sie den Opern­in­ten­dan­ten Ihres Ver­trau­ens auf, end­lich mehr Neu­es zu spie­len, damit man sich auch den alten Stü­cken wie­der mit mehr Lust, Freu­de und Respekt nähern kann!

4Moderne Musik = 12-Ton-Musik“

Moder­ne Musik heu­te ist alles Mög­li­che – es gibt tau­sen­de von Gen­res, man­che wohl­klin­gend, man­che weni­ger, man­che eher tra­di­tio­nell, man­che eher expe­ri­men­tell. Aber ganz ehr­lich: Kei­ne alte Sau schreibt heu­te mehr stren­ge 12-Ton-Musik. 12-Ton-Musik ist ein HISTORISCHER aka­de­mi­scher Sub­stil, inzwi­schen schon 100 Jah­re alt. Genau­so­we­nig wie heu­te noch baro­cke Tanz­sui­ten geschrie­ben wer­den, ver­schreibt sich heu­te ein Kom­po­nist allein der 12-Ton-Tech­nik. Wenn man es genau nimmt, haben dies noch nicht ein­mal Schön­berg und sei­ne Schü­ler getan, gott­sei­dank übri­gens.

3Dissonanzen sind schlecht und Konsonanzen sind gut“

Soll ich Ihnen etwas sagen? Bei klas­si­scher Musik, so wie wir Sie heu­te ken­nen, han­delt es sich streng genom­men um grau­en­haf­te schril­le und häss­li­che Kat­zen­mu­sik. War­um? Weil wir mit der tem­pe­rier­ten Stim­mung – alle zwölf Töne im mathe­ma­tisch glei­chen Stim­mungs­ab­stand –, die seit Bachs Zei­ten weit­hin gebräuch­lich ist, die fun­da­men­ta­len Geset­ze der natür­li­chen Ober­ton­rei­he igno­rie­ren, die nach völ­lig ande­ren aber natür­li­chen Regeln funk­tio­niert (sie­he zum Bei­spiel die soge­nann­te „pytha­go­räi­sche“ oder „rei­ne“ Stim­mung). Die­se Per­ver­si­on führt sogar so weit, dass Men­schen inzwi­schen die ech­ten Ober­tö­ne, die tat­säch­lich auf den phy­si­ka­li­schen Geset­zen und Pro­por­tio­nen der Töne an sich basie­ren, als „schief“ oder „falsch klin­gend“ emp­fin­den. Erzäh­len Sie mir also nichts über „Schön­heit“ im „natür­li­chen Wohl­klang“ – das sind alles Bull­shit­be­grif­fe. Schön­heit liegt im Auge des Betrach­ters. Bil­den Sie sich nicht wegen Ihrer Sozia­li­sie­rung oder Ihrer Gewohn­heit ein, Sie wüss­ten genau wie Musik „zu klin­gen hat“.

Genau­so­we­nig wie Sie Bäcker wer­den müs­sen, bevor Sie eine Sem­mel essen, müs­sen sie erst ein Exper­ten­wis­sen haben, um ein klas­si­sches Musik­stück zu wür­di­gen.

2Es gibt keine gute klassische Musik mehr seit den drei großen B –  Bach, Beethoven, Brahms“

Doch, gibt es. Ver­ges­sen Sie nicht, dass das, was Sie als klas­si­sche Musik ken­nen, einen gna­den­lo­sen Aus­wahl­pro­zess über Jahr­hun­der­te hin­weg erlebt hat. Was heu­te in den Kon­zert­sä­len gespielt wird, ist das Aller­bes­te des Bes­ten des Bes­ten aus die­ser Zeit, denn nur des­we­gen ken­nen wir es noch. Vie­les Gro­ße und Inter­es­san­te blieb auch auf der Stre­cke, denn oft war es nur König Zufall, der dem einen oder ande­ren Kom­po­nis­ten eine post­hu­me Kar­rie­re ermög­lich­te. Sei­en Sie ver­si­chert: Auch heu­te gibt es groß­ar­ti­ge Kom­po­nis­tin­nen und Kom­po­nis­ten, die auf dem­sel­ben Level kom­po­nie­ren wie die „drei gro­ßen B“. Sei­en Sie nicht so igno­rant wie die Wie­ner, die den armen Schu­bert sein Leben lang miss­ach­te­ten, oder Hum­mel für einem wesent­lich grö­ße­ren Kom­po­nis­ten als Beet­ho­ven hiel­ten. Über die Irr­tü­mer und Ver­säum­nis­se unse­rer Genera­ti­on wer­den zukünf­ti­ge Genera­tio­nen lachen. Und vor allem wird man sich fra­gen, war­um die vie­len tol­len Stü­cke des 21. Jahr­hun­derts zum Zeit­punkt ihrer Ent­ste­hung kaum in den Kon­zert­sä­len gespielt wur­den. Es ist ja auch gar nicht so wich­tig, dass jedes Stück ein Meis­ter­werk ist oder jeder Kom­po­nist ein Genie. Auch die frü­he­ren Kom­po­nis­ten brauch­ten ein gutes Mit­tel­maß, um dar­über her­aus­zu­wach­sen, des­we­gen soll­te man auch das Mit­tel­maß nicht miss­ach­ten.

1Ich weiß zu wenig über klassische Musik, um sie beurteilen zu können“

Nein, Sie müs­sen eigent­lich gar nichts wis­sen. Müs­sen Sie Archi­tekt sein, um ein schö­nes Gebäu­de wür­di­gen zu kön­nen? Müs­sen Sie Bäcker wer­den, bevor Sie eine Sem­mel essen? Nein. Und genau­so­we­nig müs­sen Sie erst ein Exper­ten­wis­sen haben, um ein klas­si­sches Musik­stück wür­di­gen zu kön­nen. Ver­trau­en Sie Ihrer Intui­ti­on – sei­en Sie emo­tio­nal, unge­recht, unwis­send, spon­tan – was auch immer Sie wol­len. Aber sei­en Sie vor allem eines: lei­den­schaft­lich. Denn die­se Lei­den­schaft wird uns Musi­ker beflü­geln, die Musik zu schrei­ben und zu spie­len, die auch zukünf­ti­ge Genera­tio­nen beflü­geln wird. Und hof­fent­lich auch Sie. Und das ganz ohne Red Bull.

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Moritz Eggert
Moritz Eggert komponiert, spielt Klavier und singt (zum Entsetzen seiner Nachbarn), tritt gelegentlich auch als Schauspieler auf, moderiert, dirigiert, schreibt und sammelt Anekdoten über die Flegeljahre von Adorno. Entgegen der landläufigen Meinung schreibt Eggert am liebsten Lobeshymnen über Kollegen oder macht sich über die Pornofikation der Klassik Gedanken. Eggert lebt mit seinen 17 Kindern, 6 Nebenfrauen sowie 4 magersüchtigen Cockerspanieln in einem vollkommen uninteressanten Vorort von München, den er nur selten zum Komponieren, Klavier spielen oder „performen“ wie man das heute nennt verlässt.

2 Kommentare

  1. Zu Punkt 5: so ein Blöd­sinn! In Bay­reuth pro­ben die Sän­ger sogar bei Wie­der­auf­nah­men vol­le 5 Wochen, bei Neu­in­sze­nie­run­gen unge­fähr 7 Wochen. Wer nur kurz vor­her anrei­sen möch­te wird nicht enga­giert.

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