WAS IST

Camou­fla­ge – der neue Trend für Richard Lug­ner und Anna Netreb­ko

STILFRAGEN 

Ich befürch­te, ich habe die­sen Trend ein­fach ver­pennt. Dabei hat selbst Richard „Mör­tel“ Lug­ner ihn schon erkannt: Camou­fla­ge ist die neue Mode-Far­be! Das hat uns Anna Netreb­ko auf Insta­gram gezeigt. Sie tän­zelt und lächelt sich mit moder­ner Mili­tär-Mon­tur und mit Hand­ta­sche in Hand­gra­na­ten-Form durch die Sta­lin-Archi­tek­tur des „gro­ßen, patrio­ti­schen weiß­rus­si­schen Kriegs­mu­se­ums“, also durch eine der größ­ten Dik­ta­tu­ren der Welt. Es muss irgend­wie befrei­end sein, wenn ein­fach alles egal ist. Ein Sta­tus, den „Mör­tel“ Lug­ner eben­falls erreicht hat (außer, dass er nicht sin­gen kann). Er kam in Camou­fla­ge zum Euro­päi­schen Kul­tur­preis „Tau­rus“ in die Wie­ner Staats­oper (aller­dings mit so viel Glit­ter, dass er wahr­schein­lich das ers­te Opfer eines jeden ech­ten Krie­ges gewor­den wäre). Under­co­ver hat er kur­zer­hand die Tisch­kar­ten aus­ge­tauscht, um neben Inten­dant Domi­ni­que Mey­er zu sit­zen – der zog es aller­dings vor, den Rest des Abends ste­hend zu ver­brin­gen.     

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KAMPF UM DIE MODERNE

Eben­falls beim Euro­päi­schen Kul­tur­preis: Die jun­ge Kom­po­nis­tin Alma Deut­scher sag­te in ihrer Dan­kes­re­de, dass den jun­gen Musi­kern heu­te Ato­na­li­tät vor­ge­schrie­ben wer­de und dass Har­mo­ni­en nicht mehr gewünscht sei­en. Deut­scher wün­sche sich den Beginn einer tole­ran­te­ren Zeit, in der es nicht mehr ver­bo­ten sei, har­mo­nisch zu kom­po­nie­ren. Mit Ver­laub: Aber was ist denn das für eine Rhe­to­rik? Alma Deut­scher darf kom­po­nie­ren, was sie will, sie bekam den Preis sogar von Tho­mas Hamp­son über­reicht. Dass sie nun die radi­kal-kon­ser­va­ti­ve Rhe­to­rik von „man darf ja nicht ein­mal mehr sagen“ über­nimmt, ist dann doch ziem­lich reak­tio­när. Die­ses Gefühl hat mich auch beschli­chen, als ich die neue Debat­te um das Regie­thea­ter gele­sen habe. Wieb­ke Tome­scheit schreibt bei Neon: „Thea­ter­ma­cher hadern in mei­ner Vor­stel­lung stets mit dem Drang, dem (zah­len­den) Publi­kum gefal­len zu wol­len, und dem Wunsch, es so sehr wie mög­lich vor den Kopf zu sto­ßen.“ Tome­scheit kommt zur Erkennt­nis: Gera­de das jun­ge Publi­kum wol­le doch nur Geschich­ten erzählt bekom­men und kei­ne avant­gar­dis­ti­schen Expe­ri­men­te sehen. Gilt nicht auch hier, dass Expe­ri­ment, Schei­tern und Avant­gar­de eben­so Teil des Sub­ven­ti­ons-Auf­tra­ges von Stadt­thea­tern sind wie Bil­dung, Über­wäl­ti­gung und pure Schön­heit? Und dann ist da noch Anna Skryle­va, GMD am Thea­ter Mag­de­burg. Sie schreibt einen Auf­satz unter dem Titel: „Musik­thea­ter – alt­mo­disch oder aktu­ell“ und glaubt, dass „unse­re Jugend“ nicht frei­wil­lig, son­dern nur mit Zwang über „ein Pflicht­fach“ in der Schu­le für Kul­tur zu gewin­nen sei. Ist nicht alles viel ein­fa­cher? Gut ist, was uns berührt – egal, ob wir jung oder alt sind, egal, ob das durch Expe­ri­men­te oder Tra­di­ti­on pas­siert. Kön­nen wir, bit­te, die Viel­falt unse­rer kul­tu­rel­len Land­schaft als ihre eigent­li­che und bes­te Grund­la­ge ver­ste­hen? Dan­ke!

SIEGFRIED MAUSER VERLÄSST DIE AKADEMIE DER KÜNSTE

Es ist schon erstaun­lich, wie lang­sam die Klas­sik sich bewegt. Seit vie­len Mona­ten beglei­ten wir an die­ser Stel­le den Fall Sieg­fried Mau­ser, der erst jetzt die Baye­ri­sche Aka­de­mie der Schö­nen Küns­te ver­lässt. Kom­po­nis­ten wie Moritz Eggert oder Alex­an­der Strauch wei­sen seit Mona­ten auf die frag­wür­di­ge Posi­tio­nie­rung sei­ner Freun­de wie Nike Wag­ner oder Wolf­gang Rihm hin und ver­ur­tei­len beson­ders die Autoren der Fest­schrift zu Mau­sers Geburts­tag als Ver­höh­nung sei­ner Opfer. Lan­ge wur­de der gan­ze Fall in den gro­ßen Feuil­le­tons tot­ge­schwie­gen. Jetzt pas­siert ein Umden­ken: Sowohl die ZEIT als auch die FAZ kom­men­tie­ren end­lich, dass der Fall Mau­ser noch lan­ge nicht abge­hakt sein dür­fe.  

WAS WAR

Letz­tes Kon­zert von Zubin Meh­ta beim Isra­el Phil­har­mo­nic Orches­tra – emo­tio­na­ler Höhe­punkt

MEHTAS ABSCHIED IN ISRAEL

Die letz­ten drei Minu­ten, die Zubin Meh­ta mit Mah­lers „Auf­er­ste­hungssin­fo­nie“ das Isra­el Phil­har­mo­nic Orches­tra (IPO) diri­giert hat, gehen der­zeit beson­ders viral: Musik mit Meta­ebe­ne und gigan­ti­sche Emo­tio­nen. Auf der Büh­ne stand unter ande­rem die Sopra­nis­tin Chen Reiss. Die­se Woche hat sie ein Bene­fiz­kon­zert mit Yefim Bronf­man und Meh­tas Nach­fol­ger Lahav Sha­ni orga­ni­siert. Die bei­den spiel­ten vier­hän­dig für das Jugend­pro­gramm des IPO. Im Anschluss sag­te Sha­ni mir: „Natür­lich beginnt eine neue Ära, aber mei­ne eige­ne Bezie­hung mit dem Orches­ter hat schon vor 10 Jah­ren begon­nen – ich habe mit dem IPO als Solist gespielt, als Kon­tra­bas­sist, mit Zubin und ande­ren Diri­gen­ten, und vie­le der Musi­ker sind gute Freun­de von mir. Des­we­gen wird der Über­gang für mich, glau­be ich, nicht wirk­lich schwer.“    

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WOHER DIE FRAUEN KOMMEN

Lesens­wert der Arti­kel von Wolf­ram Goertz in der Rhei­ni­schen Post. Wer sich wun­dert, woher plötz­lich so vie­le Diri­gen­tin­nen kom­men, etwa die Diri­gen­tin des Jah­res, Joana Mall­witz, dem gibt Goertz fol­gen­de Ant­wort: „Dass es vie­ler­orts eine Maes­tra gibt, hat viel mit dem Ber­gi­schen Land zu tun. Dort gibt es seit 20 Jah­ren, als Schwer­punkt der Orches­ter­aka­de­mie der Ber­gi­schen Sym­pho­ni­ker in Remscheid/Solingen, ein spe­zi­el­les Diri­gen­tin­nen-Sti­pen­di­um.“ Sehr lesens­wert. Aus ande­rer Per­spek­ti­ve nimmt Peter Ueh­ling das The­ma auf. Er fragt in der Ber­li­ner Zei­tung, ob es einen künst­le­ri­schen und ästhe­ti­schen Unter­schied zwi­schen weib­li­chen und männ­li­chen Musi­kern gebe. 

PERSONALIEN DER WOCHE

Pláci­do Dom­in­go wur­de in Wien als Ver­dis Mac­beth gefei­ert – den spä­te­ren Abend schlug er sich im Restau­rant „Sole“ um die Ohren, unter ande­rem mit dem Pia­nis­ten Yefim Bronf­man und dem Diri­gen­ten Lahav Sha­ni (O‑Ton-Dom­in­go: „Ein sehr begab­ter jun­ger Mann.“). Klatsch und Tratsch um die #metoo-Geschich­ten ebben ab, wäre da nicht Manu­el Brug von der Welt, der noch ein­mal lust­voll bei Bri­git­te Fass­ba­en­der nach­ge­hakt hat, die in ihrer Auto­bio­gra­fie ja auch über Dom­in­go geschrie­ben hat. Etwas seriö­ser geht Eli­sa­beth Hahn im Deutsch­land­funk der #metoo-Fra­ge nach. Ihr Ton­Art-Bei­trag trägt den Titel: „Was bewirkt die Debat­te hin­ter und auf der Büh­ne?“ +++ Ein ganz Gro­ßer hat uns ver­las­sen: Der Bari­ton Rolan­do Pane­rai ist mit 87 Jah­ren gestor­ben. – Regel­mä­ßig stand er mit Maria Cal­las und Giu­sep­pe Di Ste­fa­no auf der Büh­ne.  +++ Der Diri­gent Ray­mond Lepp­ard, Barock-Exper­te und Chef des India­na­po­lis Sym­pho­ny Orches­tra, ist im Alter von 92 Jah­ren gestor­ben. +++ Der Diri­gent und Kom­po­nist Hans Zen­der ist im Alter von 82 Jah­ren gestor­ben. Kon­ge­ni­al sei­ne 33 Ver­än­de­run­gen über 33 Ver­än­de­run­gen (sei­ne kam­mer­mu­si­ka­li­schen Varia­tio­nen der Beethoven’schen Dia­bel­li-Varia­tio­nen) oder sei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Schu­berts Win­ter­rei­se. Hans Zen­der war als Chef­di­ri­gent in Bonn und als GMD in Kiel und Ham­burg tätig. „Die Sin­ne den­ken“, die­ses Mot­to des Phi­lo­so­phen Georg Picht mach­te Zen­der sich in sei­ner Musik zu eigen, hieß es in der Sen­dung Lepo­rel­lo des BR. „Mag auch jeder Ton sorg­fäl­tig durch­dacht sein – Urphä­no­men der Musik ist und bleibt der Klang, und der zielt auf die Sin­ne. Die­ses unmit­tel­ba­re Erleb­nis des Klangs, der das Hören zum Aben­teu­er mit offe­nem Aus­gang macht, war Aus­gangs­punkt und Ziel des diri­gie­ren­den Kom­po­nis­ten und des kom­po­nie­ren­den Diri­gen­ten Hans Zen­der.

AUF UNSEREN BÜHNEN

Der Diri­gent Muhai Tang diri­gier­te in Mai­land zum 70. Jubi­lä­um der Volks­re­pu­blik Chi­na. Dabei ver­lor er sei­ne Hose – das Orches­ter spiel­te ein­fach wei­ter. +++ Jür­gen Lie­bing war im Deutsch­land­funk nicht son­der­lich begeis­tert von der Ham­bur­ger Insze­nie­rung des Don Gio­van­ni. Er war genervt von der Dreh­büh­ne, sie lenk­te zu sehr von den wun­der­ba­ren Sän­ge­rin­nen und Sän­gern sowie dem sehr guten Orches­ter unter der Lei­tung von Ádám Fischer ab. „Das fin­de ich für eine Oper wie ‚Don Gio­van­ni‘ und für einen Regis­seur wie Jan Bos­se, der mit sei­nen Schau­spie­lern umge­hen kann, zu wenig.“ +++ Die Han­no­ver­sche All­ge­mei­ne Zei­tung berich­tet über die umstrit­te­ne Tos­ca von Vasi­ly Bark­ha­tov: „Der jun­ge rus­si­sche Regis­seur macht aus Puc­ci­nis Dau­er­bren­ner ‚Tos­ca‘ einen über­ra­schend umstrit­te­nen Opern­abend in Han­no­ver. Das ist manch­mal anstren­gend – und ein Glück für das Stück. Zum Ende gibt es aus­dau­ern­den Applaus und Buh­ru­fe.“

WAS LOHNT

Heu­te Mal eini­ge Hör-Tipps für unter­wegs. In der Ton­Art von WDR3 fragt Julia Spy­ker, war­um so vie­len Chö­ren die Män­ner­stim­men feh­len. Allein der Anteaser die­ser Sen­dung ist groß­ar­tig: „Es kos­tet nichts, macht glück­lich und sexy: Sin­gen!“ +++ Span­nen­de Doku in SWR2: Was ist eigent­lich aus Chris­toph Schlin­gen­siefs Opern­dorf in Bur­ki­na Faso gewor­den? Glo­ba­les Kunst­pro­jekt, kon­kre­te Ent­wick­lungs­hil­fe und ein Ort, an dem afri­ka­ni­sche und deut­sche Künst­ler sich inspi­rie­ren. Patrick Bata­ri­lo geht all die­sen Fra­gen nach. +++ Und gern lade ich Sie auch noch zur ers­ten Fol­ge mei­ner Talk­show Brüg­ge­manns Begeg­nun­gen ein. Auf Spo­ti­fy redet der Diri­gent Franz Wel­ser-Möst fast zwei Stun­den lang über sei­nen Streit mit der Wie­ner Staats­oper, dar­über, was der Gugl­hupf mit sei­ner Fami­lie zu tun hat, über Show-Diri­gen­ten und die Fas­zi­na­ti­on der klei­nen Ges­te.

In die­sem Sin­ne, hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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