Moritz Eggert über SpielpläneDie Liste der ewig Gestrigen II

I.th.Ak.A. an der Staatsoper Hamburg
Foto: Jörg Landsberg

Immer wieder kommentieren Leser meine Opernartikel, und ein häufig vorgebrachtes Argument ist, dass die alten Opern ja alle so wahnsinnig schön seien, und dass man es doch dem Publikum nicht übelnehmen solle, dass es auch vor allem nur diese alten Opern gerne sehen möchte, und nicht irgendeinen modernen Scheiß, in dem immer alle kreischen.

Mal abgesehen davon, dass es zu den Zeiten absolut aller heute viel gespielten Opernkomponisten jeweils IMMER Menschen gab, die deren Werke als “irgendeinen modernen Scheiß, in dem immer alle kreischen” empfanden, hinkt das Argument auf gleich mehrere Weisen.

Aber leider verstehe ich auch, warum dieses Argument immer wieder kommt, denn über einen relativ langen Zeitraum gerierte sich “Neue Musik” als etwas, zu dem man erzogen werden müsse; das man keineswegs genießen dürfe. Das ist natürlich Blödsinn. Und ich verstehe, dass Menschen sich intuitiv gegen solche Erziehungsmaßnahmen auflehnen.

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Aber erstens ist das nicht mehr so, und zweitens geht es in keiner Weise darum, ob das Alte „besser“ und das Neue „schlechter“ ist, und auch nicht darum, ob es umgekehrt ist.

„Über einen relativ langen Zeitraum gerierte sich Neue Musik’ als etwas, zu dem man erzogen werden müsse“

Hierzu ein kleines Beispiel: Nehmen wir an, wir leben in einer Stadt. Diese Stadt hat vielleicht eine lange, wechselvolle Geschichte. Mal war sie größer, Mal war sie kleiner. Einmal war sie von den Türken erobert, einmal gab es darin eine Hungersnot. Es gab glanzvolle und weniger glanzvolle Zeiten. Nehmen wir an, dies ist die einzige Stadt auf der Welt, und es ist die Stadt in der wir leben. Jedes Mal wenn wir durch eine Straße in dieser Stadt gehen, kann auf ein beliebiges Haus darin jede der folgenden Möglichkeiten zutreffen:

Es kann sein, dass früher dort ein schöneres Haus stand.

Es kann sein, dass das Haus das jetzt dort steht, das schönste Haus ist, das jemals dort stand.

Es kann sein, dass weder in der Vergangenheit dort ein schönes Haus stand, noch dass heute dort ein schönes Haus steht, aber dass irgendwann dort einmal ein sehr schönes Haus stehen wird.

Für unser Leben in dieser Stadt ist es aber vollkommen unerheblich, was zutrifft, denn wir laufen durch diese Straße, weil es eben eine Straße unserer Stadt ist. Vielleicht gab es dort früher keine Straße, vielleicht wird es dort einmal keine Straße mehr geben. Weder waren die Häuser früher grundsätzlich hässlicher, noch sind sie heute grundsätzlich schöner, noch werden sie in der Zukunft grundsätzlich schöner oder grundsätzlich hässlicher sein. Alles ist möglich. Manchmal stehen hässliche und schöne Häuser direkt nebeneinander.

„Ich würde nie und nimmer erwarten, dass die Met die Gegenwart abbildet“

Der Name dieser Stadt ist Gegenwart. Vor einer Sekunde war der Name der Stadt Vergangenheit, in einer Sekunde ist der Name der Stadt Zukunft. Aber dort wo wir uns aufhalten, ist auf immer und ewig „Gegenwart“ der Name dieser Stadt. Da sich die Stadt ständig verändert, ist sie aber auch ständig lebendig, es ist ein Kommen und Gehen in dieser Stadt, und sie blüht auf, je bunter dieses Treiben ist.

In der sehr modernen chinesischen Großstadt Chengdu gibt es vor allem Hochhäuser, da fast nichts von der alten Stadt übriggeblieben ist. Mitten im Zentrum aber, hat man aus Nostalgie einen Distrikt gebaut, der genauso aussieht, wie es früher dort aussah. Das sieht sehr hübsch aus, und die Touristen oder Bewohner dieser Stadt besuchen die kleinen malerischen Fake-Gässchen, die voller Souvenirgeschäfte sind. Wenn der letzte Besucher gegangen ist, schließt man dort die Pforten und macht das Licht aus, denn dieser Distrikt ist nichts weiter als ein Museum, niemand lebt dort. Es ist schön, dass es dieses Museum gibt, aber das Leben, die Stadt mit Namen Chengdu oder Gegenwart, findet woanders statt.

Für mich ist zum Beispiel ein Unternehmen wie die Metropolitan Opera ein solcher Museumsdistrikt. Es gibt viele Besucher, auch Touristen, die sehr viel Geld dafür zahlen, um zu sehen, wie Oper im vor allem 19. Jahrhundert aussah. Das ist schön anzusehen, und da das als Business funktioniert, ist dagegen auch grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber ich würde nie und nimmer erwarten, dass die Met die Gegenwart abbildet, sie bildet allein die Vergangenheit ab, mit kostümierten Stars die so tun, als stünden sie in der Scala im Jahre 1850.

„Ich erfahre darin aber nichts über das Flirtverhalten heutiger Menschen im Zeitalter von Whatsapp“

Von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwarte ich, dass ich etwas von der Gegenwart mitbekomme. Ich möchte nicht, dass der Nachrichtensprecher mir alleine Nachrichten aus dem 19. Jahrhundert vorliest, und ich möchte auch nicht, dass alle Tatorte im Wien des 18. Jahrhunderts spielen. Ich möchte das aktuelle Fußballspiel aus der aktuellen Liga kommentiert bekommen, und nicht nur Cricket-Spiele aus dem Jahre 1880. Genauso erwarte ich von einem “Stadttheater”, einem “Staatstheater” oder einem “Landestheater” (die allesamt genauso wie die öffentlich-rechtlichen Sender letztlich von meinem eigenen Geld mitfinanziert werden), dass sie – auch – Gegenwart abbilden, und das bitte nicht zu wenig.

“Cosí fan tutte” ist eine wunderschöne Oper, in der ich sehr viel über das komplexe Verhältnis verschiedener Stände im 18. Jahrhundert erfahre. Ich erfahre darin aber nichts über das Flirtverhalten heutiger Menschen im Zeitalter von whatsapp, nichts über die Vereinsamung in den Großstädten, nichts über die Veränderung traditioneller Geschlechterrollen oder über Fake News und Internetverdummung. Um über diese Themen etwas heutzutage in einer Inszenierung von “Cosí fan tutte” zu erfahren, müsste ein engagierter Regisseur diese Oper mühsam umdeuten, verfälschen, verändern, gegensätzlich interpretieren, konterkarieren. Das ist möglich, macht aber letztlich sehr viel Arbeit, so als ob man einen Schuh herstellt, den man über einen anderen Schuh überstülpen muss. Warum dann nicht gleich einen davon unabhängigen, neuen Schuh? Warum kann der alte Schuh nicht einfach so bleiben wie er ist? Das würde seiner Funktion keineswegs irgendeinen Abbruch tun.

„Für beides – das Alte und das Neue –  ist genug Platz“

Schließlich geht ja auch nicht jeden Tag jemand ins Museum, und malt das schöne Bild von Rembrandt nochmal neu um. Nein, es ist schön und wahrhaftig so wie es ist.

Das Alte erstrahlt in der Erinnerung an das Vergangene. Das Neue erstrahlt in seiner Gegenwärtigkeit und in seinem Ausblick auf die Zukunft.

Beides brauchen wir gleichzeitig in den Opernhäusern dieser Welt, zumindest in denen, die keine kommerziellen Touristenbetriebe sind. Für beides – das Alte und das Neue –  ist genug Platz.

Am besten zu gleichen Teilen.

Aber wie sieht es wirklich heute aus? Schauen wir uns das Durchschnittsalter der gespielten Opern in den folgenden Städten an…

FRANKFURT bis LEIPZIG

OPER FRANKFURT
113 Jahre (modernstes Stück: 2 Uraufführungen)

MITTELSÄCHSISCHES THEATER FREIBERG-DÖBLIN
224 Jahre (modernstes Stück: Smetana/Die verkaufte Braut, 151 Jahre alt)

THEATER FREIBURG
55 Jahre (modernstes Stück: 2 Uraufführungen)

STADTTHEATER FÜRTH
16 Jahre (modernstes und einziges Stück: Glanert/Scherz, Satire…,16 Jahre alt, Wiederaufführung)

MUSIKTHEATER i.R. GELSENKIRCHEN
125 Jahre (modernstes Stück: Poulenc/Dialogues…60 Jahre alt)

STADTTHEATER GIESSEN
152 Jahre (modernstes Stück: Strauss/Ariadne auf Naxos, 56 Jahre alt)

GERHART-HAUPTMANN-TEATER GÖRLITZ-Z.
158 Jahre (modernstes Stück: Menotti/Konsul, 67 Jahre alt)

OPER GRAZ
138 Jahre (modernstes Stück: Piazzolla/Maria d. Buenos Aires, 49 Jahre alt)

THEATER GREIFSWALD-STRALSUND
121 Jahre (modernstes Stück: Previn/A Streetcar…, 19 Jahre, Wiederaufführung)

THEATER HAGEN
198 Jahre (modernstes Stück: Talbot/Everest, 3 Jahre, Wiederaufführung)

HALBERSTADT/QUEDLINBURG
182 Jahre (modernstes Stück: Smetana/Die verkaufte Braut, 151 Jahre alt)

THEATER HALLE
111 Jahre (modernstes Stück: 2 Uraufführungen)

HAMBURGISCHE STAATSOPER
114 Jahre (modernstes Stück: 4 Uraufführungen)

NIEDERSÄCHSISCHES STAATSTHEATER HANNOVER
99 Jahre (modernstes Stück: 1 Uraufführung)

THEATER HEIDELBERG
173 Jahre (modernstes Stück: Andriessen/Writing to Vermeer, 18 Jahre alt)

THEATER HEILBRONN
207 Jahre (modernstes Stück: Weber/Freischütz, 196 Jahre alt)

THEATER HILDESHEIM
151 Jahre (modernstes Stück: Frid/ Das Tagebuch der Anne Frank, 48 Jahre alt)

THEATER HOF
170 Jahre (modernstes Stück: Reimann/Traumspiel, 53 Jahre alt)

PFALZTHEATER KAISERSLAUTERN
137 Jahre (modernstes Stück: Stravinsky/Rake’s Progress, 66 Jahre alt)

BADISCHES STAATSTHEATER KARLSRUHE
199 Jahre (modernstes Stück: Gounod/Romeo und Julia, 150 Jahre alt)

STAATSTHEATER KASSEL
171 Jahre (modernstes Stück: Stravinsky/Rake’s Progress, 66 Jahre alt)

THEATER KIEL
178 Jahre (modernstes Stück: Strauss/Arabella, 85 Jahre alt)

THEATER KOBLENZ
102 Jahre (modernstes Stück: Eötvös/D.gold.Dr., 3 Jahre alt, Wiederaufführung)

BÜHNEN KÖLN
143 Jahre (modernstes Stück: Oehring/Kunstmuss…UA)

THEATER KREF.-MÖNCHENGLADBACH
133 Jahre (modernstes Stück: Nyman/Der Mann…24 Jahre alt, Wiederaufführung)

LANDESTHEATER NIEDERBAYERN
173 Jahre (modernstes Stück: Strauss/Rosenkavalier, 106 Jahre alt)

OPER LEIPZIG
124 Jahre (modernstes Stück: Berg/Lulu, 80 Jahre)

 

Moritz Eggert
Moritz Eggert komponiert, spielt Klavier und singt (zum Entsetzen seiner Nachbarn), tritt gelegentlich auch als Schauspieler auf, moderiert, dirigiert, schreibt und sammelt Anekdoten über die Flegeljahre von Adorno. Entgegen der landläufigen Meinung schreibt Eggert am liebsten Lobeshymnen über Kollegen oder macht sich über die Pornofikation der Klassik Gedanken. Eggert lebt mit seinen 17 Kindern, 6 Nebenfrauen sowie 4 magersüchtigen Cockerspanieln in einem vollkommen uninteressanten Vorort von München, den er nur selten zum Komponieren, Klavier spielen oder „performen“ wie man das heute nennt verlässt.

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