Wendt & KühnDie Manufaktur der Engel

Wendt & Kühn
Foto: Wendt & Kühn

Mitten im Erzgebirge versteckt sich das Werk von Wendt & Kühn. Vor über 100 Jahren waren es zwei Frauen, die dort mit der Fertigung ganz besonderer Holzfiguren begannen.

An diesem Wintertag zeigt sich das sonnenüberflutete Flöhatal im Erzgebirge von seiner schönsten Seite. Ziel des Ausflugs ist jedoch nicht einer der Orte mit reicher Industrie­vergangenheit im Tal, sondern die Gemeinde Grünhainichen. Dort, auf der Straße Richtung Schloss Augustusburg, gab es keine Schwerindustrie. Anfang des 20. Jahrhunderts schenkte eine für Volkskunst und zeitgenössische Kulturströmungen aufgeschlossene Mittel- und Oberschicht dort den schönen Dingen des Daseins ihre Aufmerksamkeit. Das bescherte Grünhainichen einen Schatz mit heute weltweiter Ausstrahlung.

Das sorgfältig in Stand gehaltene Herz des Ortes ist sofort erkennbar, nachdem man vom eingleisigen Bahnbetrieb von Chemnitz nach Olbernhau-Grünthal mit beträchtlicher Steigung eine Höhe erklommen hat. In Nähe zur Kirche und zum Museum Erzgebirgische Volkskunst befindet sich die Manufaktur Wendt & Kühn. Seit 1915 entstehen dort hölzerne Sockelfiguren: Margeritenengel und Blumenkinder, dazu Kunstartikel wie Christbaumschmuck, Wanduhren und Spieldosen. Teile des Sortiments erhielten 2016 sogar bei der Kaiserfamilie Japans einen ehrenvollen Platz. Denn es handelt sich um Handarbeit in einem Manufakturbetrieb, nicht um industrielle Volkskunst. Die Manufaktur Wendt & Kühn vereint, was man in dieser Verbindung nur selten findet: versachlichende Moderne und familiäre Emotionen.

Die zum 100-jährigen Jubiläum 2015 um eine „Erlebniswelt“ erweiterte Manufaktur ist für Sammler von Argentinien bis Australien ein ebenso wichtiger Ort wie für Bewunderer Bachs die Leipziger Thomaskirche. Zwar gibt es im erzgebirgischen Spielzeugdorf Seiffen eine Dependance. Aber nur aus dem Gründungsort werden die in Seidenpapier gewickelten und in moosgrüne Kartons verpackten Figuren an sorgfältig ausgewählte Fachverkaufsstellen versendet. In Grünhainichen ist man dem Geist und den Ideen der Manufaktur-Gründerinnen viel näher als in Seiffen. Und natürlich auch dem feinen Geruch von Holz und Farben aus den lichten Arbeits- und Lagerräumen.

„Teile des Sortiments erhielten sogar bei der Kaiserfamilie Japans einen ehrenvollen Platz“

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„Nur wenn man etwas mit Liebe tut, kann das auch wieder Liebe geben“, war der Wahlspruch von Margarete Wendt (1887–1979), die nach ihrer Mitwirkung im Kunstausschuss der Bayerischen Gewerbeschau München 1912 nach Grünhainichen zurückkehrte und dort, getragen vom familiären Rückhalt, mit der Gestalterin Margarete Kühn (1888–1977) die Manufaktur gründete. Beide besuchten die erste Damenklasse der Königlichen Sächsischen Kunstgewerbeschule Dresden, die sich als Opposition zur Repräsentationskunst verstand, und beendeten ihre Ausbildung 1911 als „architektonische Musterzeichnerinnen“: Studium, Firmengründung, künstlerischer Unternehmergeist – ihre Lebenswege unterschieden sich deutlich von denen anderer Frauen dieser Zeit, nicht nur in ländlichen Regionen.

Bis heute sind alle Geschäftsleitungen dem Vermächtnis der Gründerinnen verbunden: Im jährlich wechselnden Sortiment von Wendt & Kühn finden sich nur mustergetreue Fertigungen von deren Originalentwürfen und dezente, ganz behutsame Varianten. Eine Erweiterung durch Designs der Popkultur wäre ein Sakrileg. Wer sich einen kleinen Engel mit E-Gitarre oder Mikro vorstellt, versteht, warum.

Wendt & Kühn
Foto: Wendt & Kühn

So etwas passt nicht zu dem 1923 erstmals aus der Manufaktur schwebenden „Grünhainichener Engel“ mit den klassischen elf Punkten auf den grünen Flügeln. Die etwa fünf Zentimeter hohen und ein ganzes Orchester bildenden Engelchen ankern vor allem als Weihnachtsdekoration im Bewusstsein. Doch die Glücksbringer und Freudenspender verteilen ihren Zauber eigentlich über das ganze Jahr. Augenpaare aller Generationen leuchten bei ihrem Anblick. In vielen Familien wäre eine Nische ohne die Figuren mit den durch ausgebildete Fachmaler unverwechselbar gestalteten Gesichtern nicht denkbar.

Eigentlich kennt jeder diese Engel, deren feiste Schenkelchen der Statik und praktikabel möglichen Feinarbeit geschuldet sind. Die „Grünhainichener Engel“ unterscheiden sich durch ein oft unbemerktes Detail von prunkvollen Darstellungen der Sakral- und Salonmalerei: Die kurzen Ärmel ihrer schlichten Hemden entstammen der Arbeits- und Alltagswelt ärmerer Schichten. Sozialistische Hintergründe hat das nicht, auch wenn sich Margarete Wendt in den Jahren vor dem Mauerbau 1961 nach intensivem Ringen entschlossen hatte, doch in der DDR zu bleiben.

„Nur wenn man etwas mit Liebe tut, kann das auch wieder Liebe geben“

Von 1972 bis 1989 wurde aus Wendt & Kühn der Volkseigene Betrieb Werk und Kunst, doch in der DDR waren die Figuren schwer zu bekommen. Der größte Teil wanderte für begehrte Devisen ins Ausland. Die Jahre der Wiedervereinigung und danach überlebte der Betrieb auch deshalb, weil die Lager vorsorglich mit dem wichtigen Werkstoff Holz gefüllt waren und jeder Farbton in der Manufaktur von Hand angemischt wird. Heute erweist sich vor allem ein Gedanke der beiden Gründerinnen als tragfähig und wertbeständig: Beeren- und Blumenkinder, Engel und Spieldosen aus Grünhainichen verfügen über zeitresistente „soft skills“: Gefühl und Sinnhaftigkeit auch für bewegte Jahrzehnte. Kenn- oder Prüfzahlen, gar Statistiken zählen hier wenig. Eine echte Katastrophe wäre allerdings das Versiegen des Korrespondenzstroms, in dem langjährige Sammler die Geschichte „ihrer“ Figuren mitteilen. Ein grünes Signet unter dem Sockel ist der Beweis für die Herkunft aus dem Stammhaus. Den originalen Entwürfen der Gründerinnen erweist man dort Respekt und Ehre: Weniger ist mehr. Das gilt ebenso für das Abwägen, welche Modelle in die jährlich wechselnde Kollektion aufgenommen werden.

Wendt & Kühn ist ein gelebtes Modell gegen die Wegwerf­gesellschaft. Unter den insgesamt 195 Mitarbeitern, die 70 Maler unter ihnen zeigen die hohe Bedeutung der gefühlsbetonten Figurengestaltung, gibt es sechs Vollzeitstellen für Restauration und Reparatur. Sogar die veränderte Oberflächenbeschaffenheit sehr alter Figuren lässt sich nach einem detailgenauen Kostenvoranschlag spurenlos rekonstruieren. Beständigkeit ist also ein sinnstiftendes Alleinstellungsmerkmal. Noch finden an diesem Februartag nur wenige Gäste in die Erlebniswelt Grünhainichen. Aber so wie diese Manufaktur mit ihrer Betriebsführung gedrechselt ist, bleibt es nur eine Frage der Zeit, wann Anhänger nicht nur an den bewusst seltenen Schautagen um Christi Himmelfahrt oder zum ersten Advent teilnehmen, sondern an schönen Tagen auch den Wanderweg um den Ort erkunden. Eine gute Vorbereitung wäre das Familienbrettspiel „Wie der Engel zu seinen elf Punkten kam“. Dieses ist nicht nur ein Märchen aus dem Erzgebirge, sondern viel mehr: eine Werksphilosophie, die mit Gefühl aus dem Vollen schöpft.

Roland H. Dippel brennt für Kontraste im groß(artig)en wie im klein(formatig)en Musik-, Tanz- und Konzert-Theater. Auf Entdeckungsreisen zu idyllischen Nischen und verwegenen Momenten folgt er freudig apollinischen Verheißungen und dionysischen Lockrufen. Boulevard, Belcanto, Brauchtum, ästhetische Exzesse in Literatur und Kunst sind Ziele seiner realen und fiktiven Abenteuer-Streifzüge. Er schätzt greifbare Bücher mehr als E-Books.

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