Der Fall scheint klar und hat bereits Lite­ra­tur­ge­schich­te geschrie­ben. Ste­fan Zweig hob ihn empor zum „Genie einer Nacht“. Der Fran­zo­se Clau­de Joseph Rouget de Lis­le (1760–1836) hat Text und Musik der Mar­seil­lai­se ver­fasst, die zunächst Chant de guer­re pour l’armée du Rhin hieß.

Rouget weil­te als Haupt­mann beim „Corps roy­al du Génie“ in Straß­burg. Als die fran­zö­si­sche Natio­nal­ver­samm­lung Öster­reich den Krieg erklär­te, traf man sich am Abend des 25. April 1792 im Hau­se des Bür­ger­meis­ters Diet­rich und war sich bald einig, bevor Trup­pen in den Krieg zie­hen, bedarf es eines patrio­ti­schen und schmis­si­gen Lie­des. Da Rouget Gei­ge spiel­te und als Dich­ter, Libret­tist und Über­set­zer wirk­te, schien er geeig­net, eine Hym­ne zu ­schrei­ben. Noch in der glei­chen Nacht soll er sich dar­an gemacht und wie in einem Rausch Ver­se und Melo­die bis zum frü­hen Mor­gen gefun­den haben. Erst zwei, drei Mona­te spä­ter, als meh­re­re Kom­pa­ni­en Frei­wil­li­ger aus Mar­seil­le damit sin­gend nach Paris mar­schier­ten, bekam das Lied den Namen Mar­seil­lai­se.

Bei der Spu­ren­su­che aller­dings wird man stut­zig. Rouget war mit dem dama­li­gen Dom­ka­pell­meis­ter des Straß­bur­ger Müns­ters, Ignaz Pleyel, befreun­det. Der Gei­ger, Pia­nist und Kom­po­nist hat­te schon 1791 einen Text von Rouget unter dem Titel Hym­ne à la Liber­té ver­tont. War­um hat Rouget hier die Musik nicht selbst geschrie­ben?

Genie einer Nacht“

ANZEIGE



Pleyel stand öfter im Ver­dacht, der Kom­po­nist der Mar­seil­lai­se zu sein. Doch wie es scheint, war er es nicht. Pleyel wur­de in den Unwäg­bar­kei­ten der Revo­lu­ti­on sei­nes Amtes ent­ho­ben. Zu der Zeit, als Rouget sei­nen Genie­streich aus­führ­te, hielt Pleyel sich nicht mehr in Straß­burg auf. Er befand sich anläss­lich eines musi­ka­li­schen Wett­streits im gegen­sei­ti­gen Ein­ver­ständ­nis mit sei­nem Freund Haydn, des­sen Schü­ler er lan­ge war, in Lon­don. 1795 zog es ihn samt Fami­lie nach Paris, wo er nicht nur Ver­le­ger wur­de, son­dern auch noch Kla­vier­fa­bri­kant.

Wie aber gelang­te die Melo­die elf Jah­re vor Rougets magi­scher Nacht in Gio­van­ni Bat­tis­ta Viot­tis Tema e varia­zio­ni? Der Gei­ger Gui­do Rimon­da hat zusam­men mit der Came­ra­ta Duca­le vor Kur­zem eine Welt­er­steinspie­lung die­ses Wer­kes für Vio­li­ne und Orches­ter vor­ge­legt, samt einem Fak­si­mi­le des Auto­gra­fen. Wirk­lich ver­blüf­fend – hat etwa ein Ita­lie­ner die fran­zö­si­sche Natio­nal­hym­ne geschrie­ben? Ein­zig das Datum auf dem Fak­si­mi­le trägt eine ande­re Hand­schrift, wirkt wie nach­träg­lich notiert: „2 mars 1781“. Der Titel des Wer­kes ist ita­lie­nisch, das Datum fran­zö­sisch, „mars“ statt „mar­zo“, war­um? Nicht, dass Viot­ti kein Fran­zö­sisch konn­te, er leb­te zeit­wei­se in Paris, reüs­sier­te 1782 mit über­ra­gen­dem Erfolg bei den Con­certs spi­ri­tu­els und stand zwei Jah­re im Diens­te der Köni­gin Marie Antoi­net­te.

Viot­ti und Pleyel waren eben­falls gute Freun­de, Pleyel wur­de spä­ter Viot­tis Ver­le­ger. Er war so begeis­tert von dem Gei­gen­vir­tuo­sen, dass er ihm zwei Streich­quar­tet­te wid­me­te. Fer­ner ver­bin­det die bei­den, dass ihnen die Schöp­fung der berühm­ten Melo­die nach­ge­sagt wird. Wenn das Datum nicht ori­gi­nal ist, dann hat Viot­ti sich wohl eher vom Auf­bruch der auf­rüh­re­ri­schen Melo­die in Stim­mung brin­gen las­sen und in die­ser Schwin­gung das The­ma erst nach 1792 mit wun­der­ba­ren Varia­ti­on ver­se­hen.

Hat etwa ein Ita­lie­ner die fran­zö­si­sche Natio­nal­hym­ne geschrie­ben“

Wenn auch auch Viot­ti nicht infra­ge kommt, wie kann es sein, dass im Dezem­ber 1786, also sechs Jah­re vor Rougets Ein­ge­bung, Mozart sein C‑Dur Kla­vier­kon­zert (KV 503) fer­tig­stell­te, wor­in im ers­ten Satz, Alle­gro maes­to­so, unüber­hör­bar das The­ma der Mar­seil­lai­se anklingt? Ein Jahr dar­auf, 1787, immer noch fünf Jah­re zu früh, ist die Melo­die bereits im Ora­to­ri­um Esther von Jean-Bap­tis­te Gri­sons zu hören.

Viel­leicht lag die Melo­die, wie so oft, ein­fach in der Luft, als Rouget in die­ser Nacht auf sei­ner Gei­ge eine Melo­die such­te und sie sich, wer weiß woher, wie von selbst spiel­te, pass­ge­nau zum Text. 1830 hat Ber­li­oz den Gesang des Rouget de Lis­le für gro­ßes Orches­ter und Dop­pel­chor ein­ge­rich­tet. Rouget dank­te ihm in einem herz­li­chen Brief und woll­te Ber­li­oz tref­fen.

Ich erfuhr spä­ter“, hielt Ber­li­oz fest, „daß Rouget de Lis­le, der, bei­läu­fig gesagt, noch vie­le ande­re schö­ne Lie­der, als die Mar­seil­lai­se, geschaf­fen hat, in sei­ner Map­pe ein Opern­buch Othel­lo lie­gen hat­te, das er mir in Vor­schlag brin­gen woll­te. Aber da mei­ne Abrei­se von Paris dem Emp­fangs­ta­ge sei­nes Brie­fes unmit­tel­bar folg­te, so ent­schul­dig­te ich mich bei ihm und ver­schob den schul­di­gen Besuch auf die Zeit mei­ner Rück­kunft aus Ita­li­en. Inzwi­schen starb der arme Mann. Ich habe ihn nie gese­hen.“

Vorheriger ArtikelKatholizismus und ­Vogelstimmen
Nächster ArtikelMan darf sein Publikum fordern
Avatar
Was hat John Wayne mit den Muppets und Groucho Marx gemeinsam? Für crescendo begibt sich Stefan Sell immer wieder auf die Suche nach verblüffenden Zusammenhängen. Überraschende Verbindungen bringt Sell auch als Konzertgitarrist auf die Bühne. In Programmen wie Don Quijote trifft Hamlet vereint er virtuoses Saitenspiel mit humorvollen Anekdoten und entstaubt die Weltliteratur. Seine langjährige Arbeit als Herausgeber und Autor beim Schott-Verlag wurde mit dem Deutschen Musikeditionspreis „Best Edition“ ausgezeichnet.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here