Probanden des Forschungsprojekts für Menschen mit Bewegungseinschränkungen
Foto: TU München

Trotz spastischer Lähmung, Wahrnehmungsstörungen oder Lernschwierigkeiten ein echtes Klavierkonzert spielen? Klingt absurd. In München tüftelte ein engagiertes Forscherteam eine originelle Technik aus, um Menschen mit und ohne Einschränkung gemeinsam an die Tasten zu bringen und sie dabei auch noch ein bisschen gesünder zu machen – mit verblüffendem Erfolg!

Wer sich zu Frau Prof. Dr. Renée Lam­pe in die Kata­kom­ben des Münch­ner Kli­ni­kums rechts der Isar wagt, fin­det sich unver­mit­telt in einem spek­ta­ku­lä­ren Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett: Die Requi­si­ten­kam­mer für einen neu­en Star-Wars-Film? Ein Ersatz­teil­la­ger für mode­be­wuss­te Androi­den? Über­all lie­gen Hand­schu­he mit Dräh­ten und Kabeln, die wie avant­gar­dis­ti­sche Robo­ter­hän­de wir­ken. Dane­ben far­big leuch­ten­de, trans­for­mier­te E-Pia­nos, eine mit Sen­so­ren gespick­te Jacke und eine Art futu­ris­ti­scher Kör­per­scan­ner. Seit eini­gen Jah­ren hat sich Prof. Lam­pe, die ursprüng­lich Ortho­pä­din ist und nun die Mar­kus Würth Stif­tungs­pro­fes­sur inne­hat, einem ver­dienst­vol­len Ziel ver­schrie­ben: Sie möch­te auf viel­fäl­ti­ge Wei­se die moto­ri­schen Fähig­kei­ten von Men­schen mit Bewe­gungs­ein­schrän­kun­gen ver­bes­sern, ins­be­son­de­re von Kin­dern mit soge­nann­ter „infan­ti­ler Cere­b­ral­pa­re­se“ (ICP). Men­schen mit ICP erlit­ten vor, bei oder kurz nach der Geburt Hirn­schä­di­gun­gen, etwa durch eine Infek­ti­on der Mut­ter wäh­rend der Schwan­ger­schaft, durch Sauer­stoff­man­gel oder durch Früh­ge­burt, und lei­den infol­ge­des­sen an mehr oder weni­ger stark aus­ge­präg­ten Bewe­gungs­stö­run­gen: etwa Mus­kel­ver­kramp­fun­gen, unkon­trol­lier­ten Bewe­gun­gen von Hän­den und Füßen oder Koor­di­na­ti­ons­schwie­rig­kei­ten. Mit zwei bis drei Betrof­fe­nen pro 1.000 Gebur­ten ist ICP gar nicht so sel­ten. Prof. Lam­pe, die selbst begeis­ter­te Kla­vier­spie­le­rin ist, hat­te die Idee, in einem inklu­si­ven Pro­jekt mit­tels Tas­ten­in­stru­men­ten die Fein­mo­to­rik von Men­schen mit und ohne ICP zu schu­len – und das idea­ler­wei­se mit einem gro­ßen Werk der klas­si­schen Musik.

Mit zwei bis drei Betrof­fe­nen pro 1.000 Gebur­ten ist ICP gar nicht so sel­ten“

Aber wie soll­te das funk­tio­nie­ren? Die Lösung schien sim­pel: Die Pro­ban­den soll­ten zusätz­lich zur offen­sicht­li­chen akus­ti­schen Kom­po­nen­te sowohl optisch als auch sen­so­risch in ihrem Lern­pro­zess unter­stützt wer­den. Die Umset­zung ver­lang­te eini­ges an Krea­ti­vi­tät und tech­ni­scher Tüf­te­lei. Als Aus­gangs­punkt dien­ten soge­nann­te „Leucht­tas­ten­pia­nos“ der Mar­ke Casio: Bei ihnen blin­ken jeweils die Tas­ten eines vor­her gespei­cher­ten Musik­stücks auf, sodass der Schü­ler sie auch ohne Noten­text erler­nen kann. Da die­se Instru­men­te lei­der nicht mehr in vol­lem Kla­vier­um­fang mit 88 Tas­ten pro­du­ziert wer­den, ent­wi­ckel­ten Lam­pe und ihr Team Leucht­leis­ten, die zer­leg­bar und trans­por­ta­bel sind und sich unkom­pli­ziert auf jedes gän­gi­ge Kla­vier auf­ste­cken las­sen. Außer­dem kön­nen die­se Leis­ten mit unter­schied­lichs­ten Stü­cken bespielt wer­den, rufen also nicht nur ein ein­ge­schränk­tes Werk­port­fo­lio auf. Zusätz­lich wur­den Hand­schu­he ent­wi­ckelt, die in jedem ein­zel­nen Fin­ger mit einem Vibra­ti­ons­mo­tor aus­ge­stat­tet sind – ähn­lich den Moto­ren, die sich übli­cher­wei­se in Han­dys fin­den. Gekop­pelt wur­den sie mit einem „Leh­rer­hand­schuh“. Spiel­te der Leh­rer nun das Musik­stück vor, vibrier­te es am ent­spre­chen­den Fin­ger des Pro­ban­den. So wuss­te der Tas­ten-Neu­ling, wel­chen Fin­ger er zu benut­zen hat­te. Außer­dem war die Akti­vie­rung des ent­spre­chen­den Glie­des beson­ders für die Kin­der und Erwach­se­nen mit ICP, die oft­mals Schwie­rig­kei­ten haben, Fin­ger über­haupt getrennt von­ein­an­der zu „erspü­ren“, sehr von Bedeu­tung. Die Grund­la­ge des Hand­schuh-Pro­to­ty­pen bil­de­ten trans­for­mier­te, simp­le Golf­hand­schu­he, die ein beson­ders wei­ches Leder haben.

Als letz­te Hil­fe kam schließ­lich ein klei­ner Bild­schirm dazu, der Noten auf Noten­li­ni­en in Buch­sta­ben­form tran­skri­biert. So wur­de vor allem den Men­schen ohne Noten­kennt­nis das Lesen erleich­tert.

Die Bewe­gun­gen wur­den flüs­si­ger, syn­chro­ner, gleich­mä­ßi­ger“

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Prof. Lam­pe lag die musi­ka­li­sche Qua­li­tät am Her­zen, ein ech­tes Werk hielt sie für moti­vie­ren­der als Kin­der­lie­der und ein­fa­che Spiel­stü­cke. So mach­te sich Diri­gent und Kir­chen­mu­si­ker Gui­do Gor­na dar­an, Mozarts berühm­tes ers­tes Kla­vier­kon­zert d-Moll für die­sen Zweck zu arran­gie­ren – und zwar unter akri­bi­scher Beach­tung der Fähig­kei­ten jedes ein­zel­nen Mit­wir­ken­den: Von kom­ple­xe­ren Stim­men für gesun­de Spie­ler bis hin zu Stim­men mit immer dem­sel­ben zu spie­len­den Ein­zel­ton für Pro­ban­den mit schwe­ren Läh­mun­gen.

In weni­gen Wochen erar­bei­te­ten sich so 25 Kin­der und Erwach­se­ne mit und ohne Behin­de­run­gen den voll­stän­di­gen ers­ten Satz des Kon­zerts, leg­ten peu à peu die Trai­nings­hand­schu­he ab und luden zu einem ergrei­fen­den Kon­zert in die Stif­tung ICP Mün­chen ein. Aber es kommt noch bes­ser: Nicht nur hat­ten die Pro­ban­den eine Men­ge Spaß beim Pro­jekt, Prof. Lam­pe und ihr Team konn­ten auch in ver­schie­den­ar­ti­gen Test­rei­hen nach­wei­sen, dass sich ihre Hand­be­weg­lich­keit merk­lich ver­bes­sert hat­te: Die Bewe­gun­gen wur­den flüs­si­ger, syn­chro­ner, gleich­mä­ßi­ger. Zudem offen­bar­te die Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie, dass sich der moto­ri­sche Cor­tex, also die für Bewe­gun­gen zustän­di­gen Hirn­area­le, neu orga­ni­siert hat­ten. Nun bemüht sich das Team dar­um, die­ses Schul­jahr Kla­vier­un­ter­richt für Inter­es­sier­te als fes­tes Ange­bot einer Kör­per­be­hin­der­ten­schu­le zu inte­grie­ren. Finan­ziert wur­de das Pro­jekt von der Frie­de-Sprin­ger-Stif­tung. Die wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ter von Prof. Lam­pe wer­den von der Buhl-Stroh­mai­er Stif­tung und der Stif­tung Würth finan­ziert.

Und sonst? Prof. Lam­pe schwir­ren schon eine Viel­zahl wei­te­rer Pro­jekt im Kopf her­um, etwa eine Jacke für Blin­de, die den Abstand zu Wän­den und ande­ren Hin­der­nis­sen durch Abstands­sen­so­ren in Kom­bi­na­ti­on mit Vibra­ti­ons­mo­to­ren „fühl­bar“ macht. Außer­dem kann sich Lam­pe vor­stel­len, mit ihrem Kla­vier­sys­tem Som­mer-Work­shops für Kin­der anzu­bie­ten … zum Bei­spiel in Bul­ga­ri­en.

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

1 Kommentar

  1. Ich lei­de an Arthro­se und Art­ri­tis in die Fin­ger­ge­len­ken und kann des­halb kaum noch Kla­vier bzw. Orgel spie­len. Kann mir die „Mozart­Arz­nei“ hel­fen?

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