Für die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz ist die kommende Saison Abschied und Aufbruch zugleich: Ihr starkes Führungs-Duo der vergangenen Jahre wird sie verlassen, Energie und Feuer bleiben.

Mehr­stim­mi­ge Musik ist wie ein Erfolgs­re­zept für eine mehr­stim­mi­ge Gesell­schaft: Jede ein­zel­ne Stim­me funk­tio­niert in Respekt vor und Gemein­schaft mit der ande­ren!“, so die Über­zeu­gung von Micha­el Kauf­mann, seit 2011 Inten­dant der Deut­schen Staats­phil­har­mo­nie Rhein­land-Pfalz. Zusam­men mit Chef­di­ri­gent Karl-Heinz Stef­fens hat er in den ver­gan­ge­nen Jah­ren reich­lich was bewegt in sei­ner Regi­on. Eine Viel­zahl neu­er Kon­zert­for­ma­te wur­de gebo­ren: etwa die Rei­he „Modern Times“, die mit ihrem unver­krampf­ten Blick auf die Ton­kunst des 20. Jahr­hun­derts auch Skep­ti­ker in Kon­zer­te Neu­er Musik lockt. Den Schlüs­sel zum Erfolg lie­fern dabei kna­cki­ge, auch kom­ple­xe Musik zugäng­lich machen­de Mode­ra­tio­nen, aber auch nam­haf­te Solis­ten wie Frank Peter Zim­mer­mann oder Isa­bel­le Faust. Dann wäre da der Bruck­ner-Zyklus, in der die Musik des gro­ßen Roman­ti­kers in den vier gro­ßen Domen der Regi­on – Spey­er, Worms, Trier und Mainz – gespielt wird, eine gelun­ge­ne Sym­bio­se von Musik und archi­tek­to­ni­schem Welt­kul­tur­er­be. Und wie­der ganz ande­ren Cha­rak­ters zei­gen sich Rei­hen wie die im Mann­hei­mer Capi­tol, ehe­mals einem der größ­ten Film­thea­ter, wo sich Klas­sik und Jazz begeg­nen, aber auch „tra­di­tio­nel­le“ klas­si­sche Musik gege­ben wird. Dabei senkt der unge­wöhn­li­che Ort die Hemm­schwel­le für Besu­cher, die sich sonst nicht unbe­dingt in Kon­zert­sä­le ver­ir­ren.

Chefdirigent Karl-Heinz Steffens und Intendant Michael Kaufmann
Foto: Julia Okon

Kein Wun­der, dass sich Kauf­mann und Stef­fens über kon­ti­nu­ier­lich stei­gen­de Besu­cher­zah­len freu­en, obwohl die gro­ße Me­tropolregion, die das Orches­ter bespielt – gelin­de gesagt! – nicht all­zu viel gemein hat: Wäh­rend es in Lud­wigs­ha­fen kaum eine bür­ger­li­che Gesell­schaft gibt, fin­det man sie in Mann­heim und Hei­del­berg durch­aus. Hei­del­berg ist außer­dem ein Sam­mel­be­cken für Stu­den­ten und Medi­zi­ner. Dass die­se über Jahr­zehn­te gewach­se­nen Unter­schie­de auch voll­kom­men ver­schie­de­nes Publi­kum her­vor­brin­gen, sieht Inten­dant Kauf­mann als Her­aus­for­de­rung und Chan­ce zugleich: „Mit dem­sel­ben Pro­gramm in Hei­del­berg und Lud­wigs­ha­fen kann man voll­kom­men unter­schied­li­che Men­schen errei­chen: von denen, die leger geklei­det in der Pau­se ein Bier trin­ken, bis zu den ele­gant Geklei­de­ten mit Cham­pa­gner­glas.“

Ein Orches­ter ohne Hei­mat ohne Haus ist nicht ein­ge­bun­den in ein Gesamt­pro­gramm“

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Und dann wäre da noch das Feh­len eines eige­nen Kon­zert­saals für die Musi­ker der Deut­schen Staats­phil­har­mo­nie. „Ein Orches­ter ohne Hei­mat ohne Haus ist nicht ein­ge­bun­den in ein Gesamt­pro­gramm. Das Wir­ken wird auf das ein­zel­ne Ereig­nis redu­ziert. Da fällt es schwer, etwas lang­fris­tig zu ent­wi­ckeln, Stamm­pu­bli­kum auf­zu­bau­en“, erläu­tert Kauf­mann. Des­halb hat er sich bei­spiels­wei­se aus­ge­dacht, dass Besu­cher ihr eige­nes Abo aus den Ange­bo­ten in Lud­wigs­ha­fen und Mann­heim zusam­men­stel­len kön­nen. Den­noch: „Jeder Musi­ker bei uns muss einen viel grö­ße­ren Auf­wand betrei­ben, weil er immer erst irgend­wo hin­fah­ren muss. Das for­dert ganz schön Ener­gie!“ Den­noch bleibt Kauf­mann auch in Bezug auf die Her­aus­for­de­rung der „Hei­mat­lo­sig­keit“ Opti­mist: „Es ist eine groß­ar­ti­ge Leis­tung, wenn man die Musik zu den Men­schen bringt! Wir kom­men zu ihnen, nicht sie zu uns!“

Auf die Fra­ge, ob er sich einen eige­nen Kon­zert­saal wünscht, for­dert Kauf­mann, man müs­se sich von den alten star­ren Kon­zep­ten eines „Tem­pels der klas­si­schen Musik“ befrei­en, hin­den­ken zu neu­en fle­xi­blen und mul­ti­funk­tio­na­len Bau­ten, die zum „gesell­schaft­li­chen Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt“ gedei­hen kön­nen. Kon­zer­te wür­den dann zu Ereig­nis­sen, in die nicht nur typi­sche Klas­sik­fans ström­ten. „In einer immer digi­ta­le­ren Welt wird oft ver­ges­sen, dass es Ver­samm­lungs­räu­me geben muss, in denen es noch abso­lut ana­log zugeht, in der ech­te Gemein­schaft ent­ste­hen kann und nicht nur eine User Group in irgend­ei­nem Forum. Musik wird hier zum Die­ner und zum Motor ganz vita­ler gesell­schaft­li­cher Funk­tio­nen“, so Kauf­manns Visi­on. „Ich has­se es, wenn man uns in eine Nische sperrt! Als ich noch in der Köl­ner Phil­har­mo­nie gear­bei­tet habe, war es immer unser Ehr­geiz, mehr Besu­cher zu errei­chen als der 1. FC Köln. Das haben wir jedes Jahr geschafft!“

Ich has­se es, wenn man uns in eine Nische sperrt“

Trotz all die­ses Eifers und die­ser Ent­wick­lun­gen nimmt das Lei­tungs­duo im Som­mer von der Staats­phil­har­mo­nie Abschied. „Was Karl-Heinz Stef­fens und ich gemacht haben, war für alle Betei­lig­ten – vom Minis­te­ri­um bis zu den Mit­ar­bei­tern und Musi­kern – ein anstren­gen­der Par­cours! Denen haben wir viel zuge­mu­tet“, resü­miert Kauf­mann. Nun sieht er sich ganz ohne Bit­ter­nis am Ende eines Weges, auf dem er erst mal alles gege­ben hat, was er aus sei­ner Sicht geben kann. „Man könn­te sagen, dass ich sehr erfolg­reich geschei­tert bin“, lacht er und über­gibt den Staf­fel­stab bezie­hungs­wei­se ein Orches­ter in Tipp­topp-Zustand an sei­nen Nach­fol­ger Beat Fehl­mann. Die Chef­di­ri­gen­ten­po­si­ti­on ist noch nicht neu besetzt und wird wohl eine Sai­son lang offen blei­ben, bis der oder die Neue pünkt­lich zum 100. Geburts­tag des Orches­ters Ende 2019 in Stef­fens Fuß­stap­fen tritt.

Die kom­men­de Sai­son ist noch das pla­ne­ri­sche Werk des schei­den­den Inten­dan­ten. Kauf­mann freut sich beson­ders, dass etwa Pin­chas Zuker­man wie­der­kom­men wird, mit dem das Orches­ter acht Kon­zer­te mit zwei unter­schied­li­chen Pro­gram­men gibt: „Der spielt und diri­giert nicht nur, son­dern hält eine Art Mas­ter­class für alle unse­re Strei­cher!“ Außer­dem wird im Rah­men eines Künst­ler­por­träts der bri­ti­sche Diri­gent Micha­el Fran­cis 15 Kon­zer­te über­neh­men, was trotz der chef­di­ri­gen­ten­lo­sen Zeit für Kon­ti­nui­tät und eine per­sön­li­che Hand­schrift vom Pult aus sor­gen wird. Wei­te­re High­lights sind drei Kon­zer­te mit Mozart, Haydn und dem Brahms-Dop­pel­kon­zert, bei der Musi­ker aus dem Orches­ter die Solis­ten sind und sich so in unge­ahn­ter Stär­ke prä­sen­tie­ren kön­nen.

Und was wünscht Kauf­mann sei­nem Orches­ter für die Zukunft? Dass es wei­ter­hin kon­ti­nu­ier­lich, selbst­kri­tisch und vol­ler Ener­gie an sei­ner Qua­li­tät arbei­tet und eine unver­zicht­ba­re Kul­tur­ein­rich­tung in der gan­zen Regi­on bleibt!

STAATSPHILHARMONIE RHEINLAND-PFALZ
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www.staatsphilharmonie.de

 

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Maria Goeth
Sie ist eine "eierlegende Wollmilchsau" des Opern- und Konzertbetriebs: Maria Goeth wirkte als Dramaturgin, Regisseurin und Kuratorin, aber auch als Moderatorin, Gastspielleiterin und Inspizientin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.

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