Eine Trauerrede auf die ewig (Un-)ToteDie Operette ist tot!

Foto: Rolf K. Wegst

Die Ope­ret­te ist ein funk­tio­na­les Gen­re. Sie spie­gelt gewis­sen­haft die Men­ta­li­tät der­je­ni­gen Bevöl­ke­rungs­schicht, die sie finan­zi­ell trägt und für deren Unter­hal­tung sie sorgt. Umso erstaun­li­cher wirkt, dass kaum einer Thea­ter­form öfter der Toten­schein aus­ge­stellt wur­de. Die Ope­ret­te ist hier ein­sa­mer Rekord­hal­ter. Tat­säch­lich ist das Dik­tum vom ver­meint­li­chen „Tod der Ope­ret­te“ fast so alt wie die Kunst­form selbst! Doch wie kann ein Gen­re, das als Indi­ka­tor sei­ner jewei­li­gen Zeit fun­giert, zum Opfer der­sel­ben wer­den? Der rich­ti­ge Moment für eine mor­bi­de Bestands­auf­nah­me!

Kon­sens besteht in der Annah­me einer „authen­ti­schen“ Urform des Gen­res durch Jac­ques Offen­bach ab 1855 (für wah­re Exper­ten kann noch die Ur-ur-Form im Werk Flo­ri­mond „Her­vé“ Ron­gers ins Feld geführt wer­den; und abso­lu­te Ope­ret­ten-Cracks besin­nen sich auf die veri­ta­ble „klas­si­sche“ Ur-ur-ur-Form ob der Tat­sa­che, dass bereits Mozart sei­ne Ent­füh­rung aus dem Serail lie­be­voll „Ope­ret­te“ nann­te). Doch das eigent­li­che Übel beginnt in der Welt der Schwer­me­tal­le: So ist die Ein­tei­lung der Ope­ret­te in eine „Gol­de­ne“ Ope­ret­te der Ära Johann Strauß (Sohn) mit­samt sei­ner unüber­trof­fen fri­vol-schwung­vol­len Fle­der­maus (1874), gefolgt von der „Sil­ber­nen“ Ära ab Franz Lehárs sen­ti­men­tal-tän­ze­ri­scher Lus­ti­gen Wit­we (1905) bis heu­te eta­bliert. Schon hier zan­ken sich die Gelehr­ten: weni­ger über die berech­tig­te Fra­ge, ob die­se Ein­tei­lung nicht als altes Pro­pa­gan­da-Relikt von den Natio­nal­so­zia­lis­ten stam­me – son­dern viel­mehr dar­um, was denn eigent­lich als der kon­se­quen­te „bron­ze­ne“ Appen­dix zu betrach­ten sei. Es ist dies höchst­wahr­schein­lich die Operetten(un)kultur im Natio­nal­so­zia­lis­mus selbst, deren anti­jü­di­sche Säu­be­run­gen der Spiel­plä­ne gemein­hin als Todes­stoß für das Gen­re gel­ten. Doch darf man den Natio­nal­so­zia­lis­ten das Recht zuge­ste­hen, ein gan­zes Gen­re ermor­det zu haben? Das hie­ße doch, ihnen den „Erfolg“ ihrer Ver­bre­chen bis zum heu­ti­gen Tage zuzu­ge­ste­hen. Als nüch­ter­ne Tat­sa­che ist aller­dings fest­zu­hal­ten, dass die Ope­ret­ten­kon­junk­tur nach 1945 zu einem Ende gelang­te: Das funk­tio­na­le Gen­re signa­li­sier­te Erschöp­fung; die „Stun­de Null“ brach­te auch das Gen­re an sei­nen Null­punkt. Ob man dies als Todes­zeit­punkt fixiert und damit sämt­li­che akti­ve Ope­ret­ten­schaf­fen­de zu Lei­chen­schän­dern degra­diert, obliegt dem per­sön­li­chen Geschmacks­ur­teil.

Darf man den Natio­nal­so­zia­lis­ten das Recht zuge­ste­hen, ein gan­zes Gern­re ermor­det zu haben?

Tat­säch­lich wur­den der Ope­ret­te bereits seit ihrer Urstun­de die Ster­be­sa­kra­men­te gereicht. So gebe es laut Dia­gno­se des Wis­sen­schaft­lers Micha­el Klügl bereits im Œuvre Offen­bachs eine begin­nen­de „Dis­so­zia­ti­on“ der Ope­ret­te von der ursprüng­li­chen wit­zig-sprit­zi­gen Dra­ma­tur­gie der „Offen­ba­chia­de“ – denn „mit La Vie pari­si­en­ne (1886) eman­zi­pier­te sich das Gen­re gleich­sam von der gro­ßen Oper und gab sich ein eige­nes Maß. Seit die­sem fol­gen­rei­chen Ein­schnitt, der sich in zuse­hends häu­fi­ge­ren Kopf­be­mer­kun­gen der Libret­ti – ‚spielt in der Gegen­wart‘ – doku­men­tiert, ist vom Ver­fall der Ope­ret­te oder vom gol­de­nen, sil­ber­nen oder bron­ze­nen Zeit­al­ter des Gen­res die Rede“. Die­ser Stand­punkt mag das kurz­at­migs­te Todes­ur­teil dar­stel­len – und das gefähr­lichs­te dazu: Denn die Voll­endung eines kul­tu­rel­len Pro­zes­ses bereits an sei­ne ver­meint­lich per­fek­te Geburts­stun­de zu bin­den, ver­un­glimpft pau­schal jed­we­de Ent­wick­lungs­mög­lich­keit. Doch ist die Dia­gno­se des „post-Offen­bach­schen“ Dau­er­ver­falls  – die Frè­re Jac­ques wohl als Aller­letz­ter unter­schrie­ben hät­te – erst ein­mal eta­bliert, so rollt sie mun­ter durch die Ope­ret­ten-Pusz­ta: Gro­ßer Beliebt­heit erfreut sich die Theo­rie, dass die Ver­la­ge­rung der Ope­ret­ten­sze­ne vom rau­schen­den Paris ins kai­ser­lich gedie­ge­ne Wien ihre Ster­be­stun­de beför­dert habe. Gemein­hin ist in Wien nur das – oder der – Tote gut. Mit­hin erweist sich laut Vol­ker Klotz, dem Doy­en moder­ner Ope­ret­ten­for­schung, der belieb­te Zigeu­ner­ba­ron (1885) als toxisch: Kön­ne noch Strau­ßens Fle­der­maus aner­ken­nend eine gro­ße Nähe zur Offen­ba­chia­de attes­tiert wer­den, so sei das zuvor genann­te Werk der „kar­di­na­le Sün­den­fall der Gat­tung“, wel­cher zu ihrem Nie­der­gang bei­getra­gen habe: Der Zigeu­ner­ba­ron expo­nie­re „vater­län­di­sches Blut­ver­sprit­zen und trut­zi­ges Pa­tricharchat, Hei­mat­kult und Tracht­en­glück“ und fun­gie­re mit­hin „als bedenk­li­che Weg­schei­de für spä­te­re Fehl­ent­wick­lun­gen der Gat­tung Ope­ret­te“.

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Damit wären bereits die Grund­vor­aus­set­zun­gen der „Sil­ber­nen Ära“ ver­gif­tet: Pes­si­mis­tisch betrach­tet erscheint die­se als nost­al­gi­sche Zeit­kap­sel in der dahin­sie­chen­den Mon­ar­chie, um dem Publi­kum eine kul­tu­rel­le Ster­be­be­glei­tung für ein poli­ti­sches Sys­tem zu bie­ten, das sich suk­zes­si­ve von der Bild­flä­che ver­ab­schie­det hat­te. So weit ein wei­te­res gän­gi­ges Erklä­rungs­mo­dell: Anhand der „sil­ber­nen“ Ope­ret­te sei eine thea­tral über­mit­tel­te Ver­gan­gen­heit ver­spot­tet wor­den. Ger­ne wird die Hin­wen­dung nament­lich Franz Lehárs und Emme­rich Kál­máns zu tra­gi­schen Ope­ret­ten­hand­lun­gen und schwer­mü­ti­gen Melo­di­en mit dem Nie­der­gang des Gen­res asso­zi­iert, erschei­nen sie doch in ekla­tan­tem Wider­spruch zur Offen­bach­schen Urform.

Neben sol­chen inne­ren Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen droh­te spä­tes­tens in den „Gol­de­nen Zwan­zi­ger­jah­ren“ das Gar­aus von außen: Moder­ne Medi­en, nament­lich das Kino mit sei­ner rasan­ten Filmschnitt­ästhetik sowie güns­ti­gen Ein­tritts­prei­sen für die gesam­te Bevöl­ke­rung, wur­den für den „Pre­mi­um­ar­ti­kel Ope­ret­te“ lebens­be­droh­lich. Doch was tat das funk­tio­na­le Gen­re? Es pass­te sich an! Flugs gebo­ren war die moder­ne, cine­as­ti­sche Revue­ope­ret­te, die von den Ver­tei­di­gern der Offen­ba­chia­de als end­gül­ti­ger Selbst­mord des Gen­res geschmäht wur­de – von den Natio­nal­so­zia­lis­ten aus ras­sen­ideo­lo­gi­schen Grün­den erst recht. Hier zeigt sich die gefähr­li­che Ideo­lo­gie von Nost­al­gie: Die NS-Kul­tur­po­li­ti­ker pro­kla­mier­ten nun die „gol­de­ne“ Ope­ret­ten­ära als ver­meint­lich bewah­rens­wer­te Urform des Gen­res, salb­ten Johann Strauß (Sohn) zu ihrem Mes­si­as – und Franz von Sup­pé als Ersatz-Offen­bach zu einer Art Johan­nes dem Täu­fer. Töd­lich, das alles!

Wann starb sie nun also wirk­lich, die Ope­ret­te? Man suche sich nach Belie­ben eines der genann­ten Zeit­fens­ter aus, sofern nicht dazu ten­diert wird, sie in Gän­ze als Tot­ge­burt zu ver­dam­men – oder doch als unsterb­lich zu fei­ern. Wie das Sprich­wort weiß: Tot­ge­sag­te leben län­ger! So darf es nicht ver­wun­dern, dass die Ope­ret­te als quick­le­ben­di­ge Kunst­form noch immer die inter­na­tio­na­le Thea­ter­land­schaft berei­chert und durch ihr Tem­po, sub­li­me bis def­ti­ge Ero­tik und gera­de­zu ana­chro­nis­ti­schen Schwung das neue Jahr­tau­send aus dem Hin­ter­halt über­rascht.

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