Daniel Hope trifft Sebastian Feydt Die Politik der Musik

Sie verbindet, sie vermittelt, sie versöhnt: Musik, die die Menschen erreicht, kann, darf und soll politisch sein. Daniel Hope spricht mit Sebastian Feydt, Pfarrer an der Dresdner Frauenkirche

Daniel Hope: Pfarrer Feydt, 2007 wurden Sie an die Dresdner Frauenkirche berufen. Als einer der beiden Pfarrer des Gotteshauses zählen neben dem regelmäßigen Predigtdienst, der Ausgestaltung verschiedener geistlicher Formate auch Amtshandlungen wie Trauungen und Taufen sowie die Koordination des vielfältigen geistlichen Lebens der Frauenkirche. Welche Rolle spielt die Musik für Sie?

Sebas­ti­an Feydt: Die Frau­en­kir­che ist ohne Musik nicht denk­bar. Als Pfar­rer in die­ser Kir­che wer­de ich jeden Tag mit wun­der­ba­rer Musik beschenkt. In jeder der bei­den ­tägli­chen Andach­ten erklingt die Orgel: Ganz groß wird es, wenn die Stif­tung Frau­en­kir­che Dres­den von Ostern bis Neu­jahr immer sams­tags zu her­aus­ge­ho­be­nen Kon­zer­ten mit Spit­zen­mu­si­kern aus aller Welt ein­lädt. Noch nie in mei­nem Berufs­le­ben habe ich so viel Kraft aus der Musik, ins­be­son­de­re der sakra­len, schöp­fen kön­nen. Die Musik wur­de mir zu einer Quel­le der Inspi­ra­ti­on.

Die Musik wur­de mir zu einer Quel­le der Inspi­ra­ti­on.“

Über die „Peace Academy“ der Frauen­kirche sagten Sie: „Begeisterte Jugendliche geben ein Friedenszeichen aus Dresden. Ihr Engagement für Verständigung, Versöhnung und Frieden macht die Welt wertvoller.“ Wie zuversichtlich sind Sie, dass dieses Jahrhundert friedlich verläuft?

Lei­der gestal­tet sich das 21. Jahr­hun­dert nicht fried­lich. Aber das hin­dert uns nicht dar­an, selbst zu Frie­dens­stif­tern zu wer­den. Zusam­men mit jun­gen Men­schen fra­gen wir: „Was kön­nen wir heu­te dafür tun,  dass unse­re Welt in zehn Jah­ren fried­vol­ler ist?“ Unter die­ser Leit­fra­ge steht auch die jähr­li­che Ein­la­dung an Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger, in die Dresd­ner Frau­en­kir­che zu kom­men und ihre Vor­stel­lung einer demo­kra­ti­schen und die Men­schen­rech­te ach­ten­den Welt mit uns zu tei­len. Ins­be­son­de­re jun­ge Men­schen zei­gen uns, wie groß ihr Enga­ge­ment für eine fried­vol­le, nach­hal­tig und gerecht gestal­te­te Zukunft ist.

Was kön­nen wir heu­te dafür tun,  dass unse­re Welt in zehn Jah­ren fried­vol­ler ist?“

Wie gehen Sie mit dem aktuellen negativen Image Sachsens in den Medien um?

Ich ver­su­che, posi­ti­ve Akzen­te zu set­zen, den Trend umzu­keh­ren: berüh­ren­de Bil­der des welt­of­fe­nen und enga­gier­ten Dres­den in die Welt zu sen­den, wie mit der weih­nacht­li­chen Ves­per vor der Frau­en­kir­che am Tag vor Hei­lig­abend. Jähr­lich kom­men da ca. 20.000 Men­schen zusam­men und offen­ba­ren ihre Sehn­sucht: nicht nur vom „Frie­den auf Erden“ zu hören, son­dern selbst dafür ein­zu­ste­hen. Auch die aus der Kir­che über­tra­ge­nen  Got­tes­diens­te und Kon­zer­te schaf­fen ein posi­ti­ves Bild unse­rer Stadt.

Seit Anfang des Jahres bin ich künstlerischer Leiter der Frauenkirche Dresden. War die Frauenkirche immer auch als Konzertort vorgesehen?

ANZEIGE

Die Frau­en­kir­che ist ein sakra­ler Raum. Und unter der Kup­pel der Kir­che gilt, was Sie, Dani­el Hope, immer mit Blick nach oben sagen: Wir haben noch einen ande­ren „Chef“. In der Kir­che erklingt Musik zur Ehre Got­tes. Und um Men­schen Kraft- und Inspi­ra­ti­ons­quel­le zu sein. Mit die­sem Ziel ist das Got­tes­haus im 18. Jahr­hun­dert gebaut und spä­ter wie­der­auf­ge­baut wor­den: Um Wort und Musik zusam­men klin­gen zu las­sen. Und um vie­le Men­schen einen Reso­nanz­raum für ganz eige­ne, spi­ri­tu­el­le Erfah­run­gen ent­de­cken zu las­sen.

2017 sorgte ein Kunstwerk des syrisch-deutschen Künstlers Manaf Halbouni auf dem Dresdner Neumarkt unweit der Frauenkirche teilweise für Irritationen. Wie politisch darf Kunst heutzutage sein? 

Wo Kunst Men­schen anspricht, ver­mag sie poli­ti­sche Kraft zu ent­fal­ten. Geschieht sie nur um ihrer selbst wil­len, ent­zieht sie sich ihre eigent­li­che Kraft. Kunst in der wie­der­errich­te­ten Frau­en­kir­che ist immer poli­tisch. Das bringt der Ort mit sich. Der Wie­der­auf­bau der Frau­en­kir­che erfolg­te mit dem aus­drück­li­chen Ziel, einen Ort der Ver­stän­di­gung zu schaf­fen, der als Wahr­zei­chen zu Tole­ranz und Frie­den mahnt. 

Wo Kunst Men­schen anspricht, ver­mag sie poli­ti­sche Kraft zu ent­fal­ten.“

Ali al-Abdali gilt als einer der besten Oud-Bauer Arabiens (Anm.: Oud ist eine Kurzhalslaute aus dem Vorderen Orient). Im Interview sagte er: „Im Irak darf man eine Rakete tragen, aber keine Oud. (…) Die Religion hat die irakische Straße fest im Griff. Für sie ist die Oud tabu – eine Sünde, die dich vom Beten ablenkt.“ Kann und darf Musik vermitteln?

Vie­le Kon­flik­te und poli­ti­sche Kri­sen welt­weit wer­den mit Reli­gio­nen in Ver­bin­dung gebracht. Musik ist eine star­ke Spra­che der Ver­stän­di­gung und kann eine Brü­cke zwi­schen Reli­gio­nen und Kon­fes­sio­nen schla­gen. Mit ihrer ver­söh­nen­den Kraft ist sie unab­ding­bar für das Mit­ein­an­der von Men­schen unter­schied­li­cher Glau­bens- und Lebens­hal­tun­gen. Sei es Beet­ho­vens Neun­te Sin­fo­nie, Brit­tens War Requi­em, Schosta­ko­witschs Lenin­gra­der Sin­fo­nie oder eben die Musik der Oud-Spie­ler – wenn Musik Ver­söh­nung und Völ­ker­ver­stän­di­gung vor­an­bringt, kommt sie ihrer wah­ren Bestim­mung nach. Wann laden wir die­sen Oud-Spie­ler denn ein? 

 







Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here