Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heu­te geht es unter ande­rem um die Scheichs an der Sca­la, um Lus­ti­ges von den Salz­bur­ger Oster­fest­spie­len und um einen sozi­al­kit­schi­gen Nabuc­co.

Was ist?

Bis­lang nur Tou­ris­tin in Vero­na, steht Anna Netreb­ko bald hier auch auf der Büh­ne

Sie schrei­ben, was wir alle den­ken, aber nicht zu sagen wagen“ – das war eine der schöns­ten Rück­mel­dun­gen auf den letz­ten News­let­ter. In unse­rer klei­nen Klas­sik-Welt nicht immer leicht: Freund­schaf­ten, Eitel­kei­ten, Abhän­gig­kei­ten – drauf gepfif­fen! Und los geht’s!

Beim ers­ten The­ma fällt mir die Offen­heit nicht so schwer. Alex­an­der Perei­ra und ich pfle­gen seit Jah­ren eine unkon­struk­ti­ve Feind­schaft: Ich fand den ehe­ma­li­gen Oli­vet­ti-Ver­tre­ter als Salz­burg-Inten­dan­ten recht mit­tel­mä­ßig, und er schrieb gern Chef­re­dak­teu­re an, dass ich das gefäl­ligst nicht schrei­ben soll. Nun hat Perei­ra ande­ren Ärger. Er will die Sau­dis (oder ihren staat­li­chen Ölkon­zern) mit Mil­lio­nen an der Mai­län­der Sca­la betei­li­gen, um sei­ne Wie­der­wahl zu sichern. Fide­lio mit freund­li­cher Unter­stüt­zung eines Unrechts­staa­tes? La Repubbli­ca redet bereits von einer „Schlacht“ im ita­lie­ni­schen Kul­tur­be­trieb. Perei­ra ver­tei­digt sich: Wenn wir das Geld nicht neh­men, neh­men es ande­re. Schon klar: Irgend­je­mand muss den Bösen ja die Hän­de abha­cken – wenn die Sau­dis das nicht tun, macht es eben ein Inten­dant. Lie­ber Alex­an­der Perei­ra, lies doch mal die­se aktu­el­le Mel­dung der Frank­fur­ter Rund­schau!

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Unter die­sen Umstän­den ist es fast lus­tig, wenn die Are­na di Vero­na pro­kla­miert, dass sie end­lich wie­der die „Sca­la des Som­mers“ wer­den will. Lan­ge war die ita­lie­ni­sche Open-Air-Büh­ne Aus­flugs­ziel von Gar­da­see-Tou­ris­ten mit Adi­let­ten. Das will die neue Inten­dan­tin Ceci­lia Gas­dia nun ändern und hat Anna Netreb­ko für Il Tro­va­to­re und Erwin Schrott für Car­men enga­giert – am 4. August fei­ert Pláci­do Dom­in­go dann sein 50. Are­na-Jubi­lä­um.   

Die Salz­bur­ger Fest­spie­le des Früh­lings“ sind bekannt­lich die Salz­bur­ger Oster­fest­spie­le. Im Vor­feld gab es aller­hand Hick­hack, das gut zu unse­rem The­ma „Freun­de und Fein­de“ passt. Auf einer Sit­zung mit dem Land soll Chris­ti­an Thie­le­mann von der öster­rei­chi­schen Poli­tik qua­si gezwun­gen wor­den sein, Niko­laus Bach­ler als neu­en Inten­dan­ten zu dul­den (will der heim­lich sei­nen Mün­chen-Freund Kirill Petren­ko und die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker zurück an die Salz­ach holen?). Nun muss­ten die Fest­spie­le erst ein­mal bekannt geben, dass Sofia Gubai­du­li­nas neu­es Werk Der Zorn Got­tes nicht pünkt­lich fer­tig gewor­den ist. Das führ­te zu einer durch­aus amü­san­ten Pres­se­mit­tei­lung: „Anstel­le von ‚Der Zorn Got­tes‘ ist im dies­jäh­ri­gen Orches­ter­kon­zert die ‚Jubel-Ouver­tü­re‘ von Carl Maria von Weber zu hören.“ Schön, dass wir in der Klas­sik so schnell die Gefühls­wel­ten wech­seln kön­nen!

Ein unbe­kann­ter Feind war mir lan­ge Jus­tus Frantz. Bis ich von Frie­de Sprin­ger gebe­ten wur­de, ihn für die Welt am Sonn­tag zu tref­fen. Auf einer Kreuz­fahrt haben wir uns lan­ge Aben­de über Mah­lers Fünf­te Sym­pho­nie gebeugt und phi­lo­so­phiert. Viel­leicht sind wir kei­ne Freun­de gewor­den, aber leid tut es mir schon, wie der Pia­nist, Diri­gent und Musi­k­er­klä­rer sei­ne Kar­rie­re ver­schlu­dert hat. Nun wur­de gegen ihn, wie der Spie­gel berich­tet, ein Erzwin­gungs­haft­be­fehl erlas­sen. Nicht wegen Sau­di-Geschäf­ten, son­dern wegen intrans­pa­ren­ter Fir­men­or­ga­ni­sa­ti­on.

Die Deut­sche Orches­ter­ver­ei­ni­gung zieht eine posi­ti­ve Bilanz: 20 Pro­zent Zuwachs bei Jugend­pro­gram­men, Orches­ter geben zwar weni­ger Kon­zer­te, gewin­nen aber neu­es Publi­kum, sind viel­fäl­tig und in der Regel gut aus­ge­stat­tet. Dar­un­ter ver­steht die Orches­ter­ver­ei­ni­gung bemer­kens­wer­ter­wei­se, dass sie „auf dem Weg sind, Tarif­ge­häl­ter zu zah­len“! Viel­leicht soll­te Alex­an­der Perei­ra mal bei Gaz­prom als Spon­sor anfra­gen? Dann müss­ten Vale­ry Ger­giev und Denis Matsuev eben etwas öfter in Deutsch­land auf­tre­ten (mit Letz­te­rem führ­te Kers­tin Holm von der FAZ übri­gens ein lesens­wer­tes Inter­view). Nein, der eigent­li­che Charme deut­scher Orches­ter ist ihre Inti­mi­tät – und das zeigt der wirk­lich lus­ti­ge PR-Clip des Sym­pho­nie­or­ches­ters des Baye­ri­schen Rund­funks, ein Muss für alle News­let­ter-Leser aus dem Mar­ke­ting.

Als ich neu­lich den Diri­gen­ten Mar­kus Posch­ner getrof­fen habe, freu­te er sich, dass der Kul­tur­streit in Linz end­lich ad acta gelegt wur­de. Nach­dem die Stadt nicht mehr für das Bruck­ner-Orches­ter zah­len woll­te, gibt es nun eine Eini­gung, „die uns mehr Fle­xi­bi­li­tät erlaubt“, so Posch­ner. Jetzt hat er mit Nor­bert Tra­wö­ger auch einen neu­en, enga­gier­ten Künst­le­ri­schen Direk­tor.  

Was war?

Der „Pro­jekt­chor“ aus Flücht­lin­gen in der Ham­bur­ger „Nabucco“-Inszenierung

Einer, über den man als Kri­ti­ker ein­fach gut schrei­ben will, ist der rus­si­sche Regis­seur Kirill Serebren­ni­kov. Den Ham­bur­ger Nabuc­co hat er aus sei­nem Russ­land-Arrest per USB-Stick und mit­hil­fe des Rechts­an­walts insze­niert. Ich war bei der Foto­pro­be dabei, fand aller­dings (weil wir ja ehr­lich sein wol­len), dass alles ein biss­chen sehr polit­kit­schig war. Wenn man als Flücht­ling irgend­wann in Ham­burg stran­det und am Ende im „Pro­jekt­chor” Va pen­sie­ro sin­gen muss, ist das am Ende auch ein klei­ner Miss­brauch. Der Plot spielt in den Hin­ter­zim­mern der UNO, die bösen Poli­ti­ker und das arme Volk, die alten Hebrä­er als neue Syrer – das ist klas­si­sches, über­frach­te­tes, aber eben auch etwas abge­stan­de­nes und nicht immer ganz logi­sches Frü­her-ist-wie-heu­te-Regie­thea­ter. Es berührt, es bewegt – aber bleibt auch sehr mora­lisch. Eine aus­führ­li­che Pre­mie­ren­kri­tik von Jür­gen Lie­bing ist bei Fazit nach­zu­hö­ren. Den Gefan­ge­nen­chor sehen Sie hier.

Der Ham­bur­ger Gefan­ge­nen­chor aus Nabuc­co, auf­ge­nom­men in der Foto­pro­be

Chris­toph Lie­ben-Seut­ter gehört auch auf die Sei­te „Wir wer­den wohl kei­ne Freun­de mehr”, aber die andau­ern­de Debat­te über den Klang sei­ner Elb­phil­har­mo­nie ist all­mäh­lich selbst mir lang­wei­lig. Kein Grund für Pia­nist Igor Levit, sei­nen Senf auch noch dazu­zu­ge­ben: In der Zeit greift er nun das Han­dy-Publi­kum an, bemän­gelt feh­len­de Ein­spiel­zei­ten und sagt, was alle längst gesagt haben: Der Saal in Ham­burg ist unheim­lich hell­hö­rig. 

Dani­el Hope (eher Kate­go­rie Freund), hat bekannt gege­ben, dass er die Lei­tung beim Savan­nah Music Fes­ti­val an Phil­ip Dukes abgibt. Ein biss­chen mehr Zeit für Ton­lei­tern zwi­schen dem Zür­cher Kam­mer­or­ches­ter, dem San Francisco’s New Cen­tu­ry Orches­tra, der Frau­en­kir­che, dem Radio und dem Fern­se­hen.   

Wir befin­den uns mit­ten in den Jubel­fei­er­lich­kei­ten für Hec­tor Ber­li­oz. Wer Zeit hat, soll­te sich den Text zum 150. Todes­tag im Spec­ta­tor durch­le­sen. Geburts­tags­kind Jaques Offen­bach wird mit Die Prin­zes­sin von Tra­pez­unt in Hil­des­heim gefei­ert. „Offen­bach in Best­form“ jubelt Gerald Fel­ber in der FAZ über die Auf­füh­rung von Adam Ben­zwi und Max Hopp. In den USA wur­den gleich zwei Kla­vier­kon­zer­te urauf­ge­führt, berich­tet die New York Times:  Das Bos­ton Sym­pho­ny Orches­tra ließ das Kon­zert von Tho­mas Adès erklin­gen, und aus­ge­rech­net Vene­zue­la-Ver­ste­her Gus­ta­vo Duda­mel diri­gier­te Yuja Wang mit John Adams Must the Devil Have All the Good Tunes. Noch ein­mal zurück zur Sca­la: Die Kho­vansh­chi­na-Auf­füh­rung von Mario Mar­to­ne mit Vale­ry Ger­giev begeis­ter­te mit ihrem Bla­derun­ner-Look zumin­dest Sil­via Luraghi. Nicht wirk­lich über­zeugt hat Uwe Fried­rich im Deutsch­land­funk die Oper Baby­lon von Jörg Wid­mann und Peter Slo­ter­di­jk in der Regie von Andre­as Krie­gen­burg an der Staats­oper Ber­lin: „Musik mit ein­ge­bau­tem Tin­ni­tus“ – hoff­nungs­los über­frach­tet. In Dres­den ging die Pre­mie­re der Ver­kauf­ten Braut in der Insze­nie­rung von Maria­me Clé­ment im Büh­nen­bild von Julia Han­sen über die Büh­ne: ein lust­vol­ler Grenz­gang zwi­schen Dirndl-Kli­schee und moder­ner Eman­zi­pa­ti­on. Noch lie­gen kei­ne Zei­tungs­kri­ti­ken vor, aber das Fest­spie­le-Forum war irri­tiert und fei­er­te das Rol­len­de­büt der arme­ni­schen Ensem­ble-Sopra­nis­tin Hrachu­hí Bas­sénz

Letz­tes Kon­zert der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker mit Kirill Petren­ko, bevor er ihr Chef wird: Tschai­kow­skys Fünf­te Sym­pho­nie und Patri­cia Kopatchin­ska­ja mit Schön­bergs Vio­lin­kon­zert. Der gigan­ti­sche Jubel von Fre­de­rik Hans­sen im Tages­spie­gel („Alles, was auf­blitzt, ist außer­ge­wöhn­lich“) lässt Rau­pe Nim­mer­satt (sie­he letz­ten News­let­ter) skep­tisch wer­den. Manu­el Brug for­dert statt „Ado­ran­ten­tum bis zur Selbst­auf­ga­be“ eher „ein wenig mehr Nüch­tern­heit“. (Lus­tig, dass der­sel­be Kri­ti­ker Teo­dor Cur­r­ent­zis an ande­rer Stel­le sel­ber eine Klas­sik-Kathe­dra­le in Wor­ten baut.) Petren­kos Vor­gän­ger Simon Ratt­le ord­ne­te auf Takt1 der­weil die Welt mit kla­ren Wor­ten. Über den Bre­x­it sag­te er: „Das alles kommt mir vor wie die Bür­ger von Pom­pe­ji, die für den Aus­bruch des Vul­kans gestimmt haben.

Eher neu­tral stand ich Micha­el Gie­len gegen­über, der in den Jah­ren, in denen ich in Frei­burg stu­dier­te, Chef des SWR-Orches­ters war. Wohl­wis­send, dass Diri­gen­ten-Typen wie er heu­te sel­ten sind: sehr viel Kopf, in sei­nem Wis­sen gerad­li­nig – und zuwei­len auch bereit, den klu­gen Kopf durch die Wand zu sto­ßen! Ein Bewe­ger. Ein Bin­de­glied der Ver­gan­gen­heit in die Zukunft. Wun­der­schö­ne Nach­ru­fe sei­ner Freun­de wur­den nun zu sei­nem Tod ver­fasst, sehens­wert beson­ders das Inter­view, das Alex­an­der Klu­ge mit ihm führ­te.

Was lohnt?

Jac­ques Lous­sier, der Urgroß­va­ter des Cross­over, ist gestor­ben

Der Deutsch­land­funk nann­te ihn den Urgroß­va­ter des Cross­over. Der Pia­nist Jac­ques Lous­sier ist gestor­ben. Er revo­lu­tio­nier­te mit Bach den Jazz, hielt aber zeit­le­bens nichts von Neu­er Musik. Und den­noch: Sein Play Bach war nicht nur Nische, son­dern ganz gro­ße Kunst! Viel­leicht spie­len die bei­den jetzt vier­hän­dig. Ich für mei­nen Teil habe die Vinyl-Edi­ti­on von Play Bach bestellt – einen Klas­si­ker, der mit ein biss­chen Knis­tern ein ewi­ges Andenken ist!

Die­ser Tage erscheint auch das neue CRESCENDO! The­men­schwer­punkt ist „Musik und Zen­sur“. Ich habe mich mit dem Kom­po­nis­ten Moritz Eggert unter­hal­ten und dar­über gestrit­ten, ob es wirk­lich klug ist, Kon­zer­te von AfD-Mit­glie­dern wie Mat­thi­as Moos­dorf iro­nisch zu unter­wan­dern. Das gesam­te Gespräch lesen Sie im neu­en Heft, hier schon mal ein Aus­schnitt zum Nach­hö­ren. Das Maga­zin kön­nen Sie hier als Pro­be­aus­ga­be kos­ten­frei bestel­len.

Moritz Eggert debat­tiert mit mir die Zen­sur in der Musik. Zunächst ant­wor­tet er auf die Fra­ge, was sein Pro­test gegen den Auf­tritt von Mat­thi­as Moos­dorf gebracht habe

Sie wol­len gern in die Oper, wis­sen aber nicht, mit wem? Und Sie woh­nen zufäl­lig noch in Dres­den? Dann schau­en Sie doch bei den Opern­lieb­ha­bern vor­bei. Die tref­fen sich am 21. März zum ers­ten Mal.

In die­sem Sin­ne, schrei­ben Sie mir über Ihre Klas­sik-Woche und hal­ten Sie die Ohren steif,

Ihr Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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