Als „Orgie der Nackt­kul­tu­ren“ und „sen­sa­ti­ons­hung­ri­ge Ver­rückt­heit“ bezeich­ne­ten Kri­ti­ker 1902 Gus­tav Klimts Beet­ho­ven­fries. Man ver­brei­te­te sogar das Gerücht, der Künst­ler sei in die „Irren­an­stalt“ Am Stein­hof ein­ge­lie­fert wor­den. Geschaf­fen hat­te Klimt den Fries als Hom­mage an Beet­ho­ven für die XIV. Aus­stel­lung der Ver­ei­ni­gung Bil­den­der Künst­ler Öster­reichs Seces­si­on, die er mit Gleich­ge­sinn­ten ins Leben geru­fen hat­te. Im Zen­trum der Aus­stel­lung stand Max Klin­gers monu­men­ta­le Beet­ho­ven-Sta­tue, die den Kom­po­nis­ten, mit allen Insi­gni­en der Macht aus­ge­stat­tet, auf einem Mar­mor­thron zeig­te. Sie befin­det sich heu­te im Muse­um der bil­den­den Küns­te in Leip­zig.

Ver­ar­bei­te­te Erkennt­nis­se von Sig­mund Freud in sei­nem Fries:
der Maler Gus­tav Klimt

(Foto von der Rück­sei­te des Klimt-Buchs des Kunst­his­to­ri­kers Gil­les Néret, Ver­lag Taschen)

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Der Fries ist nach sei­ner Restau­rie­rung 1986 dau­er­haft in einem Raum der Wie­ner Seces­si­on zu sehen. Augus­te Rodin, der 1902 Wien besuch­te, nann­te ihn „so tra­gisch und so selig“. Klimt ver­ar­bei­te­te dar­in Erkennt­nis­se von Sig­mund Freud. Er war fas­zi­niert vom Unbe­wuss­ten als Schlüs­sel mensch­li­chen Ver­hal­tens und fand damit zu einer neu­en Dar­stel­lung von Sexua­li­tät und Aggres­si­on. Richard Wag­ners Inter­pre­ta­ti­on der Neun­ten Sin­fo­nie fol­gend, stell­te er die Suche der Mensch­heit nach dem Glück dar. Sinn­bild die­ser Suche sind schwe­ben­de Geni­en, die in die Erzäh­lung ein­füh­ren.

Die­se Kuss der gan­zen Welt“ – Klimts Apo­theo­se der Kunst
(Foto: © Öster­rei­chi­sche Gale­rie Bel­ve­de­re)

Eine Frau­en­gestalt und ein kni­en­des Paar, Sym­bol der lei­den­den Mensch­heit, fle­hen den Rit­ter in gol­de­ner Rüs­tung um Hil­fe an, der sich stell­ver­tre­tend für die Mensch­heit auf die Suche nach dem Glück begibt. An der Stirn­wand (Bild oben, Foto: © Öster­rei­chi­sche Gale­rie Bel­ve­de­re) zeigt Klimt die Mensch­heit, die sich den Gefah­ren und Ver­füh­run­gen der „Feind­li­chen Gewal­ten” stellt. Gigant Typhon und sei­ne Töch­ter, die drei Gor­go­nen, sind umge­ben von alle­go­ri­schen Dar­stel­lun­gen von Krank­heit, Wahn­sinn und Tod sowie Sinn­bil­dern der Wol­lust, Unkeusch­heit und Unmä­ßig­keit. In der Schluss­sze­ne lei­ten weib­li­che Gestal­ten als Sinn­bil­der der Küns­te in die idea­le Sphä­re der Kunst: ein küs­sen­des Paar vor dem Chor der Para­die­sen­gel.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: www.secession.at

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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