Dietrich Henschel stellte zwölf KomponistInnen die Frage, was ihnen Weihnachten bedeute und erhielt zwölf neue Weihnachtslieder. Auf dem Doppelalbum „X‑Mas“ stellt er sie mit dem ensemble unitedberlin unter Vladimir Jurowski vor.

Beim Label Farao classics ist ein musikalischer Adventskalender der besonderen Art erschienen: Zeitgenössische Komponisten befassen sich mit Weihnachten. Ein Gespräch mit dem Bariton Dietrich Henschel über die eigenwilligen Antworten auf die Konsumkakophonie der immer länger währenden Vorweihnachtszeit

CRESCENDO: Herr Henschel, in der Vorweihnachtszeit entgeht man in keinem Kaufhaus der besinnlichen Beschallung. Reagieren Sie darauf allergisch?
Dietrich Henschel: Vor der zuckersüßen Musik, die in Shopping Malls oder auf Weihnachtsmärkten gespielt wird, möchte ich tatsächlich oft das Weite suchen. Da hat man von Weihnachten schon genug, bevor die Adventszeit überhaupt begonnen hat. In der Kantine der Deutschen Oper bekommt man seit Wochen schon Nürnberger Lebkuchen. Ich stamme aus Nürnberg, es sind auch sehr gute Lebkuchen. Aber die Vorweihnachtszeit beginnt heute viel zu früh.

José M. Sánchez-Verdú komponierte White Silence
(Foto: © Julio Jaime)

CRESCENDO: Wieso ist das Genre Weihnachtslied mit einer Hassliebe verbunden wie kaum ein anderes?
Dietrich Henschel: Als die Lieder, die wir heute als Weihnachtslieder kennen, entstanden, waren sie etwas Besonderes. Sie sollten zu Herzen gehen und in eine festliche Stimmung versetzen. Heute ist diese Musik omnipräsent, egal, wo auf der Welt man sich befindet. Ob man in Amerika, Kuala Lumpur oder in Doha über den Flughafen geht – man entkommt ihr nicht. Das schafft einen Überdruss.

Vanessa Lann komponierte Tree of Life So Green
(Foto: © Gerhard van Roon)

CRESCENDO: Selbst in nicht christlich geprägten Ländern?
Dietrich Henschel: Überall. Fragt man in Japan Menschen: Wisst ihr eigentlich, was ihr da hört?, entgegen sie, klar, da geht es um Weihnachten, den Tag, an dem man sich Geschenke macht. Wenn man eine Aufrichtigkeit gegenüber den Traditionen empfindet, können einen diese Kommerzialisierung und das ganze Brimborium drumherum schon aggressiv machen.

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Jobst Liebrecht komponierte CHRISTMAS / weihnacht

CRESCENDO: Mit welchen Werten verbinden Sie Weihnachten?
Dietrich Henschel: Wenn ich zum Beispiel Ich steh an deiner Krippen hier aus dem Schemelli-Gesangbuch von Johann Sebastian Bach höre, bewegt mich das in einer unbewussten Weise so sehr, dass ich an einer Textstelle jedes Mal fast weinen muss. Das liegt an der Botschaft, dem Inhalt dieses Liedes, in dem das Bild eines gottgesandten Kindes beschworen wird, das gekommen ist, um uns zu retten und dem man etwas schenken will. Und was man ihm schenken kann, ist nichts anderes als das, was man von Gott empfangen hat.

Arno Waschk komponierte Frohes Fest

CRESCENDO: Was bringt das in Ihnen zum Klingen?
Dietrich Henschel: Es erinnert mich an eine Situation, in der ich als Vierjähriger vergessen hatte, meiner Mutter etwas zum Geburtstag zu schenken, worüber ich sehr verzweifelt war. Diese Traurigkeit habe ich noch genau in Erinnerung. Ich habe dann eine Tafel Schokolade verziert und bemalt, die ich selbst von meiner Mutter bekommen hatte. Ein ganz unschuldiger Impuls.

Olga Rayeva komponierte Sotto voce
(Foto: © Echolot)

CRESCENDO: Als Vierjähriger haben Sie schon begonnen, Blockflöte zu spielen. Auch mit Weihnachtsliedern?
Dietrich Henschel: Zuerst kam Der Kuckuck und der Esel, dann Alle Vöglein sind schon da und schließlich Am Grunde der Moldau. Wir hatten eine Schallplatte zu Hause, „Classics made for Dancing“, darauf befand sich auch dieses Lied, in einer Flötenversion. Meine musikalische Weihnachtssozialisation begann mit den Krippenspielen, an denen ich teilgenommen habe. Im Alter von acht Jahren habe ich selbst Musiken für ein Krippenspiel geschrieben, für Blockflöten-Ensemble.

Karim Al-Zand komponierte The Mistletoe

CRESCENDO: Heute bedeutet Weihnachten für Sie in erster Linie Arbeit, oder? Auftritte mit dem Oratorium von Bach, dem Messias von Händel.
Dietrich Henschel: Wobei gerade das Bach’sche Oratorium für mich zum positiven Erinnerungsschatz zählt. Es gab eine Zeit, in der ich es jedes Jahr an Weihnachten gesungen habe. Im ersten Chor Jauchzet, frohlocket gibt es diese wunderschöne Eröffnung, in der alle Geiger wie die Verrückten zu schrammeln beginnen – das endet mit einem großen Cellolauf runter zum tiefen „d“. Immer, wenn das Cello einsetzte, dachte ich: So, und jetzt ist Weihnachten. Problematisch wird es natürlich wieder, wenn man die Werke von Händel oder Bach von Event zu Event springend zehn Mal hintereinander singt.

Michèle Reverdy komponierte Soixante et quelques mains pour la Nativité

CRESCENDO: Was der Impuls für Ihr Album „X‑Mas Contemporary“, das aus allen Traditionen ausbricht?
Dietrich Henschel: Zunächst mal ein musikalischer, nämlich der Umstand, dass mir im Grunde keine Weihnachtswerke von zeitgenössischen Komponisten bekannt sind. Es gibt A‑Cappella-Musik, mit der ich nicht sehr vertraut bin, einiges an Passionsmusik – aber Weihnachtslieder? Von eindeutig religiös verorteten Komponisten wie Penderecki existiert Stille Nacht. Allerdings in einer Sinfonie. Entsprechend fand ich es reizvoll, dass sich zeitgenössische Künstler mit Weihnachten befassen – und sei es, um ihre Hassliebe, ihre Konsumverachtung oder die Panik vor einem erneuten Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Musik fassen.

Matan Daniel Porat komponierte Puppenhaus

CRESCENDO: Welches Statement formuliert die Komposition Puppenhaus des Israelis Matan Daniel Porat für Ihr Empfinden?
Dietrich Henschel: Porat als Nicht-Christ hat sich ein Gedicht vorgenommen, das aus der Sicht eines Kindes formuliert ist, das auf seine Geschenke wartet. Eine Situation, die er wohl selbst kennt, weil sie universell ist – so wie Weihnachten nicht mehr zwangsläufig ein religiöses Fest ist. Das Kind in dem Gedicht zählt alles auf, was es sich gewünscht hat, eine Angelrute, ein Modellboot – und einen Hund. Am Ende wird es aber ein Puppenhaus. In der Weise, wie Matan es vertont hat, klingt das nach der abseitigsten Enttäuschung. Heutzutage wäre es die Playstation, die ein Junge sich wünscht, und stattdessen bekommt er ein Paar Schuhe. Da ändert sich am Wesentlichen nichts, insofern ist es eine der traditionellsten Aufnahmen des Albums.

Entstand aus dem historischen Glückfall der Wiedervereinigung:
das ensemble unitedberlin
(Foto: © Mathias Bothor)

CRESCENDO: Porat sagt im Booklet zur CD, Weihnachten sei für ihn eine Zeit der Einsamkeit.
Dietrich Henschel: Matan lebt allein in Berlin. Und Weihnachten ist nun mal ein Fest, das man im Kreise der Familie feiert, auch die Freunde, die man hat, reisen heim, sofern ihre Eltern noch leben. Es ist vergleichbar mit Thanksgiving in Amerika. Viele sind aber auch nicht unglücklich darüber, diese Feierlichkeiten, die mit Verpflichtungen und Geschenken einhergehen, auslassen zu können. An Weihnachten sind die Straßen wirklich leergefegt. Ich sehe darin sogar eine Chance, mal allein sein zu können. Einsamkeit kann ja ein ersehnter Zustand sein, zumindest temporär.

Jamie Man komponierte GEBURT

CRESCENDO: Kann man Weihnachten wirklich von allen religiösen Zusammenhängen entkoppeln?
Dietrich Henschel: Das war für mich Teil des Experiments: zwölf Menschen zu fragen, die zum Teil nichts mit Religion am Hut haben, was sie mit Weihnachten anfangen können? Jamie Man hat eine Analyse des Geburtsprozesses geschrieben. Ihr Stück heißt auch schlicht GEBURT. Sie besingt das Zur-Welt- Kommen als einen spookigen, klanglich beunruhigenden Vorgang – für das Wesen, dem er bevorsteht. In dem Moment, da das Kind den Geburtskanal passiert, setzt der Gesang ein, bis dahin wird in dem Stück gesprochen. Ein sehr poetisches Prinzip.

Annette Schlünz komponierte La Blancheur abolit le temps

CRESCENDO: Apropos Poesie. Annette Schlünz huldigt in La Blancheur abolit le temps der weißen Weihnacht. Die es ja leider nicht mehr so häufig gibt…
Dietrich Henschel: Sie hat sich einen Text aus einem philosophischen französischen Werk vorgenommen, in dem über eine Situation reflektiert wird, die sie selbst ähnlich erlebt hat: eine Fahrt mit der russischen Eisenbahn im tiefsten Winter, bei der unversehens der Zug auf der Strecke stehenblieb und die Lokomotive vor sich hinpfiff. Was einsetzte, war ein Moment der Stille, der Schnee hat allen Schall geschluckt. Dieses Bild wird von ihr akustisch unheimlich plastisch beschworen. Am Ende setzt sich der Zug wieder in Bewegung und fährt ins Nirgendwo. Damit schafft sie einen Moment der Verzauberung, der für sie weihnachtliche Stimmung ausdrückt. Aber natürlich kann man dieses Stück auch entkoppelt von allen festlichen Zusammenhängen verstehen.

Manfred Trojahn komponierte Christmas Greetings from a Fairy to a child
(Foto: © Bärenreiter Verlag)

CRESCENDO: Schlünz verbindet mit Weihnachten „den fast absurden Wunsch nach Frieden“. Ein Fest der großen Wünsche und der großen Gefühle also. Aber wieviel Ironie verträgt es?
Dietrich Henschel: Manfred Trojahn nimmt sich ein ganz traditionelles Gedicht von Lewis Carroll vor, Christmas Greetings from a Fairy to a Child, der in seinen Werken ja stets eine sehr schräge Form des Humors aufscheinen lässt. Trojahn beginnt tonal, fast Hollywood-like – und nach einer Weile bricht sich doch die Ironie Bahn. Er setzt Tonarten nebeneinander, die sich so reiben, dass sie gerade nicht mehr zusammenpassen, serviert absichtlich ein bisschen zu viel. Der Lebkuchen ist überwürzt, darin liegt die Ironie. Ein anderes Beispiel ist Arno Waschk.

CRESCENDO: Dessen Komposition schlicht Frohes Fest heißt…
Dietrich Henschel: Sein Statement lautet: „Nach Weihnachten wird’s wieder heller“! Er hat selbst ein Gedicht über Knecht Ruprecht geschrieben, das aber in eine handfeste Satire mündet. Da erzählt er vom armen Christbaum, der abgehackt und nach dem Fest verheizt oder weggeworfen wird. Musikalisch setzt er dafür Orchesterstärke ein, entfesselt den Sturm, aus dem Knecht Ruprecht eingangs kommt, von drauß’ vom Walde – und beruhigt ihn mit der Botschaft „Friede auf Erden“. Auch das kann ja niemand ernst nehmen, der wachen Auges in die Welt schaut.

Übernimmt die musikalische Begleitung der traditionellen
Weihnachtslieder: Perkussionist Simone Rubino
(Foto: © Marco Borggreve)

CRESCENDO: Ihr Album versammelt nicht nur Neukompositionen, sondern auch Traditionals – allerdings in ungewöhnlicher Besetzung. Sie lassen sich von Simone Rubino an Percussion und anderem Schlagwerk begleiten. Wie kam die Idee dazu?
Dietrich Henschel: Ich begegne diesen Liedern mit einer großen Naivität und Unschuld, mit dem Gefühl, mit dem ich sie kennengelernt habe – in der Kirche, neben meiner Großmutter sitzend, die lauthals sang. Die Authentizität, die ihnen innewohnt, wollte ich unbedingt erhalten – auch mit einem Instrumentarium, das man zumindest aus westlicher Sicht nicht mit Kirchen in Verbindung bringt. Simone Rubino war der perfekte Partner dafür. Er kann Vom Himmel hoch mit Polyrhythmik aufladen, er setzt die Stücke in einer Weise groovig an, dass man das Gefühl hat, es handele sich um fröhliche Tänze. So kann man sie auch außerhalb der Kirche und ohne Orgel schätzen lernen.

CRESCENDO: Was macht eine Instrumentierung mit Kuhglocken oder Fahrradklingel mit Ihrem Gesang?
Dietrich Henschel: Es war sowieso eine unglaubliche Herausforderung, diese Traditionals aufzunehmen, denn als Liedsänger, der ich ja auch bin, gerate ich in Versuchung, sie als Kunstlied zu singen – das bedeutet für ein Weihnachtslied das Aus, dann ist es tot. Die Natürlichkeit kommt nur mit einer gewissen Ursprünglichkeit zustande, ohne dem Inhalt Nachdruck verleihen zu wollen, der kommt von allein. Weihnachtslieder singt man am besten mit – das war mein Gedanke, während ich das Album aufgenommen habe.

Detlev Glanert komponierte Stille
(Foto: © Paula Winkler / Deutsche Oper Berlin)

CRESCENDO: Wie haben Sie die Auswahl getroffen?
Dietrich Henschel: Wir haben uns vorgenommen, auf 12 traditionelle Lieder zu kommen, damit unser musikalischer Adventskalender zusammen mit den 12 Neukompositionen voll wird. Natürlich mussten wir dabei einiges wieder verwerfen. Die Lieder, die es am Ende auf das Album geschafft haben, sind diejenigen, die von ihrer Botschaft her am berührendsten waren, außerdem solche, die gute Laune machen. Und schließlich die, die man jedes Jahr in der Kirche hört, mit Ausnahme von Stille Nacht, das haben wir nicht aufgenommen, weil der Komponist Detlev Glanert es mit seiner Neukomposition Stille bereits vorwegnimmt. Wenngleich nur textlich.

Dirigent und künstlerischer Berater des ensemble unitedberlin:
Vladimir Jurowski
(Foto: © dpa / picture alliance / Sergey Pyatakov)

CRESCENDO: Welche Akzente haben der Dirigent Vladimir Jurowski und das ensemble unitedberlin gesetzt, mit denen Sie „X‑Mas Contemporary“ aufgenommen haben?
Dietrich Henschel: Mit Vladimir habe ich mich eingehend beraten, was die Auswahl der Komponisten angeht. Er hat die Aufnahme geleitet und in den Proben, wo nötig, kompositorische Retouchen angeregt – und dadurch den Kompositionsprozess mitgeprägt. Er hat außerdem seine Assistentin Gabriella Teychenné mit vorbereitenden Proben beauftragt, die dem Ensemble und mir viele Aspekte besonders der englisch und amerikanisch geprägten Kompositionen nahegebracht haben. In der Aufnahme selbst hat sie dann auch eines der Werke dirigiert.

CRESCENDO: Gab es auch während der Aufnahme Diskussionen über das Wesen der Weihnacht?
Dietrich Henschel: Natürlich! Wir hatten viel Spaß, gerade mit denjenigen weihnachtlichen Aspekten der Werke, die in einer gewissen Opposition zum traditionellen Empfinden stehen. Unglaubliche Konzentration hat übrigens das Aufnahmeteam von FARAO classics um ihren genialen Chef Felix Gargerle eingebracht. Der Zeitplan war sehr eng und die Professionalität dieser Enthusiasten einfach beeindruckend.

CRESCENDO: Der Wunsch, aus Konventionen auszubrechen, scheint für Ihre gesamte Karriere prägend zu sein.
Dietrich Henschel: Sagen wir es so: ich war bislang nie wirklich gefährdet, einer Konvention anheim zu fallen. Ich habe kaum ein Stück in einer normalen Form gemacht, das war immer ein Teil meines Charakters, die Dinge mit einer sehr eigenen Perspektive anzugehen. Dementsprechend bin ich auf sehr vielen Ebenen tätig geworden.

CRESCENDO: Wenn Sie noch einen Wunsch frei hätten zu Weihnachten – welcher wäre das?
Dietrich Henschel: Ich würde mir wünschen –, und ich werde daran arbeiten – die vielen unterschiedlichen Pisten, auf die ich mich begeben habe, die Erfahrungen, die ich dabei gewinnen konnte, noch mehr miteinander zu verbinden. Und zwar ganz unabhängig von Weihnachten.

Weihnachtslieder des 21. Jahrhunderts“:
CD 1: Karim Al-Zand, Detlev Glanert, Vanessa Lann, Jobst Liebrecht, Jamie Man, Matan Porat, Olga Rayeva, Michèle Reverdy, Annette Schlünz, José María Sánchez-Verdú, Manfred Trojahn, Arno Waschk: „X‑Mas Contemporary“, Dietrich Henschel, ensemble unitedberlin, Vladimir Jurowski
CD 2: „X‑Mas Percussive. 12 traditionelle Weihnachtslieder“, Dietrich Henschel, Simone Rubino (Farao classics)
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