Das Digitale ist die neue Muse der Kulturschaffenden. Die Digitale Revolution schenkt den Künstlern Inspiration, Neues zu erproben und sich der Algorithmen virtuos zu bedienen. Eine neue Ära beginnt. 

Die Digitale Revolution gehört zu den zentralen Neuorientierungspunkten der Menschheitsgeschichte, wie das Ende des geozentristischen Weltbilds oder die aufkeimende Industrialisierung. Diese Momente zeichnen sich dadurch aus, dass der Mensch im veränderten Gefüge seinen neuen Platz finden muss, dass sich Werte verschieben und auch unbequeme Fragen stellen. Als die Menschen bemerkten, dass sie nicht der Mittelpunkt des Universums sind, war das ein Schock. 

Heute schmunzeln wir über dieses Grauen. Für die Menschen damals war es immerhin so essenziell, dass sie jemanden dafür auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Mit der Erfindung der Dampfmaschine und der Maschinisierung kam die Furcht vor der Ersetzbarkeit der eigenen Arbeitsleistung, dabei vervielfachten sich die Arbeitsplätze in den ersten Jahrzehnten der Industriellen Revolution nachweislich auf mehr als das Doppelte. Immer stellt sich an solchen Wendepunkten insbesondere die Frage nach der menschlichen Einzigartigkeit und Ersetzbarkeit. 

Selbst fortschrittsoptimistischen Menschen bereitet die Vorstellung, ein Algorithmus könne komponieren wie Bach, ein Roboter dirigieren wie Karajan und ein Hologramm singen wie die Callas Unbehagen.

Auch die Digitale Revolution wurde nicht allseits mit wehenden Fahnen begrüßt. Deshalb lohnt sich neben der Frage, was die Technik alles kann, besonders die, welche Auswirkungen sie auf den Menschen hat: Wo ist der neue Platz des Menschen im Digital-Zeitalter? Was lernen wir über uns im Angesicht der Maschine? Was wird der Mensch wert sein? Was wird er wert gewesen sein? Und nirgends lassen sich diese Fragen besser ausfechten als in Bezug auf die Kunst. 

Während die Diskussion um Chancen und Grenzen der neuen digitalen Welten in vielen Bereichen längst heiß brannte, schlief die Kunst noch lange auf einer Insel der vermeintlich Unantastbaren. Man aalte sich in der eigenen Einzigartigkeit und verpasste, sich das Digitale früh zum Partner zu machen: Kunst, Kreativität, schöpferische Kraft und Inspiration würden per se leibhaftige Wesen fordern. 

Selbst den fortschrittsoptimistischsten Menschen bereitete und bereitet zum Teil bis heute die Vorstellung, ein Algorithmus könne komponieren wie Bach, ein Roboter dirigieren wie Karajan und ein Hologramm singen wie die Callas ein gewisses Unbehagen. Weil sie fürchten, dass ihnen damit ein Stück des Urmenschlichen geraubt wird? Kreativität als letzte Bastion des Nichtmaschinisierbaren? Oder Skepsis vor einem Algorithmus, der zu lernen gelernt hat und dessen Schaffensprozess deshalb ähnlich mythisch bleibt wie der des Genies?

Kultur hat sich geöffnet, die Wände des Theaters sind eingerissen, eine neue Generation findet über das Digitale ihren Weg zur Kunst. 

Während viele Kulturschaffende aufgrund dieses kaum konturierten Unbehagens abgesehen von ein paar halbherzigen Videoübertragungen noch in digitaler Ignoranz verharrten, brachte COVID-19 eine Zwangsbeschleunigung der Digitalen Revolution. Viele Institutionen nutzten die ungewollt freie Zeit, um einen Prozess voranzutreiben, der sich sonst über mehrere Jahren vollzogen hätte. Mehr noch: Das Digitale gewährleistete weltweit die kulturelle Grundsicherung! 

Plötzlich war es möglich, kleine aber richtungsweisende Stadttheaterproduktionen ebenso ins Wohnzimmer zu streamen wie die Produktionen der weltweit größten Opernhäuser. Vergleichbarkeit wurde geschaffen, Zugänglichkeit, kulturelle Teilhabe auch für Menschen, die sich sonst keine 200-Euro-Parkettkarte leisten, geschweige denn hunderte Kilometer dafür durch die Republik fahren können. Kultur hat sich geöffnet, die Wände des Theaters sind eingerissen, eine neue Generation findet über das Digitale ihren Weg zur Kunst, und dennoch stellt keiner das Live-Erlebnis, das lebendige Darstellen etwa in Oper und Theater in Frage. Ähnlich wie bei der Verbreitung des Tonträgers, des Fernsehens oder des Internets müssen die Künste nicht fürchten, verdrängt oder überrannt zu werden. Sie werden um diese Möglichkeiten erweitert und bereichert.

Algorithmen sind Werkzeuge wie ein Musikinstrument oder die Farbmischung auf einer Palette. Der Künstler der Zukunft wird sich virtuos daran bedienen.

Das Digitale ist die neue Muse der Kunstschaffenden. Mit ihr und durch sie lässt sich Inspiration gewinnen, erfinden, produzieren und Innovation schaffen. Sie ist ein Freund und Partner auf Augenhöhe, ein Türöffner zu neuen unerforschten Welten. Und dennoch: Maschinen können kreativ sein, aber sie können keine Künstler sein. Denn der Künstler schafft in seinem absichtsvollen Ausdruckswillen erst die Bedeutung. Musik ist eben doch mehr als „organisierter Klang“ oder die Kultivierung des Unerwarteten. Durch den Künstler bekommt sie ihren Gehalt, ihre Relevanz, ja ihre „Seele“.

Um schließlich die Urangst der mangelnden Beherrschbarkeit des Digitalen zu überwinden, hilft nur eins: ihre Technik zu beherrschen! Algorithmen sind Werkzeuge wie ein gut gebautes Musikinstrument oder die perfekt gelungene Farbmischung auf einer Palette. Der Künstler der Zukunft wird sich virtuos daran bedienen. Wenn er nicht selbst technikaffin ist, wird er einen Digitalitätsexperten an seiner Seite haben wie heute einen Bühnenbildner oder Dramaturgen. Er wird neugierig mit den digitalen Möglichkeiten spielen, wie man mit den technischen Möglichkeiten eine Geige oder dem Pinsel auf der Leinwand spielen kann.

Dem Menschen gehört seine Neugier, die ihn immer weiter treibt.

Und was ist nun das Urmenschliche im Angesicht der Maschine? Dem Menschen bleibt die der Kunst so nahestehende Welt der Emotion, die durch Maschinen allenfalls simulierbar, nicht jedoch real erweckbar bleibt, sein Wille zur Gestaltung und zum Ausdruck. Dem Menschen gehört die Welt der Zwischentöne abseits von null und eins, die Komplexität durch Irrationalität, die mit keinem Algorithmus errechenbar ist, das im wahrsten Sinne des Wortes „Menschliche“, die einzigartige Schönheit seiner Fehlerhaftigkeit. Und dem Menschen gehört seine Neugier, die ihn im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen und zu den Maschinen immer weiter treibt – sicher auch bis zur nächsten Revolution.

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Foto Titelbild: The Center for New Music and Audio Technologies (CNMAT)

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Maria Goeth
Als Fünfjährige schockverliebte sie sich in den Klang einer Mozart-Kassette. Seit dem brennt Maria Goeth für den Opern- und Konzertbetrieb und schlüpfte dort schon in fast jede erdenkliche Rolle: Sie wirkte als Dramaturgin, Kuratorin und Konzertdesignerin aber auch als Regisseurin, Sprecherin und Musikmanagerin. Festanstellungen führten sie u.a. ins Orchestermanagement der Bayerischen Staatsoper, als Konzertdramaturgin ans Theater Heidelberg und ins Projektmanagement von „Jugend musiziert“. Darüber hinaus übernimmt die promovierte Musikwissenschaftlerin immer wieder Lehraufträge an der LMU München. Seit 2016 arbeitet Maria Goeth bei CRESCENDO, seit 2017 ist sie Leitende Redakteurin.