Die letzte Einspielung der am 17. September 2013 viel zu früh verstorbenen Pianistin Dina Ugorskaja ist Franz Schubert gewidmet.

Als Dina Ugorskaja im Dezember 2017 einen Klavierabend im Münchner Herkulessaal bestritt, befand sich auch Schuberts große Sonate in B‑Dur auf dem Programm. Nach düsterem späten Schumann und weltentfremdetem Skrjabin konnte man kaum ahnen, dass Schuberts Klaviersonate D 960 noch dunkler, noch packender sein sollte. Kleinste Kanten und Spannungen zwischen zwei Noten wurden unter die Lupe genommen und abgezupft wie der Schorf von einer alten Wunde. Es wurde zu einer Art musikalischem Rorschachtest: Dina Ugorskaja spielte Schubert’sche Noten, und die Hörer sahen Nachtwachen-Schatten, schwarze Schmetterlinge oder huschende Nazgûl.

Intensiv und gewissenhaft erforschend

Das Bild dieser nur acht Monate später entstandenen Aufnahme ist geringfügig minder dunkel, etwas lyrischer und weniger mit Salz in der Wunde bohrend – jedoch ähnlich intensiv und gewissenhaft erforschend. Das bringt rekordverdächtige Tempi mit sich, ohne auf Rekorde aus zu sein: Fast 50 Minuten für die Sonate – und davon fast die Hälfte allein für den sich zart auftürmenden ersten Satz – stellen eine Tour de Force dar. Im Andante sostenuto, nur von Khatia Buniatishvili noch ausladender auseinanderpflückt, nimmt Ugorskaja verhalten Fahrt auf.

Erleichterung, nicht Triumph

Man muss sich Zeit nehmen, um ihr Innehalten im Spiel, das Sinnieren, das Rückerinnern mitzuerleben. Die rechte Hand singt, die linke streichelt den Hörer, nur um ihn im dritten Satz in die Rippen zu stupsen. Das Finale, Allegro ma non troppo, ist anfänglich nachdenklicher als das freundliche Perlen bei Michael Endres oder die granit-kühle Energie eines Wilhelm Kempff und derweil weniger auf Kontrast aus, als der im Pedal schwimmende, zwischen Gaze und Gewittersturm schwankende selbige Satz von Buniatishvili. Der zurückhaltender als üblich gespielte Schluss ist Erleichterung, nicht Triumph.

Dunkle Rot- und warme Brauntöne

Umwehte ein Trauerflor die Drei Klavierstücke D 946, es käme nicht überraschend: Schubert erahnte seinen baldigen Tod. Dina Ugorskaja wusste um den Ihren. Die Einspielung vom Januar 2019 war ihre letzte, bevor sie am 17. September dieses Jahres den Kampf gegen den Krebs verlor. Zwar wirkt das Es-Dur-Allegretto profunder, als gemeinhin gängig, aber keineswegs Trübsal blasend. Ugorskaja erforscht eher die Farben – dunkle Rot- und warme Brauntöne –, als dass sie sentimental wird. 

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Ein Bild von Ernst und Stärke durch Verletzlichkeit

Als Dina Ugorskaja ein Bild für die CRESCENDO-Fotostrecke „Was zieh’ ich nur an?” (Ausgabe 04/2019) einschicken sollte, wählte sie nicht ein Bild mit noch vollem, lockigen Haar, sondern eines mit kurzem, wieder – aber nun glatt – nachgewachsenen Haaren. Die großen Augen sind weit offen und auf sanfte Weise herausfordernd. Es ist gänzlich ein Bild von Ernst und Stärke durch Verletzlichkeit, von Demut und Entschlossenheit. Es ist das Bild, das auch diese letzte Aufnahme schmückt. In Anlehnung an Franz Grillparzer scheint sie uns, die wir Dina Ugorskajas viel zu frühen Tod betrauern, von reichem Besitz, aber noch viel schöneren Hoffnungen zu erzählen. 

Franz Schubert: „Piano Sonata D 960, Drei Klavierstücke D 946,
Moments musicaux D 780“, Dina Ugorskaja (CAvi)

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Mehr von Dina Ugorskaja: crescendo.de

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Jens Laurson
Jens F. Laurson fand mit Bach, Haydn und Rheinberger-Messen (als Domspatz) zur klassischen Musik losgelassen und ist bekennender musikalischer „Allesfresser“. Eigentlich studierter Politologe, kam er über Tim Page und die Washington Post zum Musikjournalismus. Er kann „Gennadi Roschdestwenski” buchstabieren, ohne nachschlagen zu müssen.

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