Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

die­ses Mal geht es um die bes­ten Musik­hoch­schu­len der Welt, um öko­lo­gi­sche Kon­zer­te, um einen wüten­den Bari­ton und eine Nach­fra­ge bei Nike Wag­ner. 

Was ist

Kei­ne Freun­de: Tho­mas Quast­hoff und die “klei­ne Rau­pe Nim­mer­satt” ali­as Manu­el Brug

Letz­te Woche haben wir geschrie­ben, dass Ste­phan Pau­ly Musik­ver­eins-Chef wird. Weni­ge Stun­den spä­ter war es dann offi­zi­ell, heu­te wird er in Wien prä­sen­tiert. Wie soll man das noch top­pen? Ganz ein­fach, mit einem neu­en Gerücht: Neu­er Chef­di­ri­gent des Con­cert­ge­bouw-Orches­ters in Ams­ter­dam wird: Franz Wel­ser-Möst! NEIN, GREIFEN SIE NOCH NICHT ZUM STIFT, MAESTRO, DAS WAR EIN WITZ! Aber der bri­ti­sche Jour­na­list Nor­man Leb­recht hält den Diri­gen­ten durch­aus für einen Kan­di­da­ten – eben­so wie alle ande­ren Diri­gen­ten, die kom­men­de Sai­son in Ams­ter­dam am Pult ste­hen: Chris­ti­an Thie­le­mann, Myung-whun Chung, Tho­mas Hen­gel­brock, Iván Fischer, Paa­vo Jär­vi und  New-York-Phil­har­mo­nics-Chef Jaap van Zweden, der der­zeit tat­säch­lich für vie­le Posi­tio­nen in Euro­pa im Gespräch zu sein scheint.   

Der lus­tigs­te Soci­al-Media-Beef tobt gera­de auf Face­book. Als Kri­ti­ker Manu­el Brug das Ver­hal­ten von Dani­el Baren­bo­im kri­ti­sier­te, erlaub­te er sich auch einen Schlen­ker zu den Arbeits­me­tho­den von Tho­mas Quast­hoff als Gesangs­leh­rer. Der brüllt auf sei­ner FB-Sei­te nun zurück: „Die­ser soge­nann­te Jour­na­list ist ein Intri­gant und isst sich über­all den Ran­zen voll.“ Brug dürf­te es schnell ver­dau­en, sein Pro­fil­bild bei Face­book: die Rau­pe Nim­mer­satt.

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Eben­falls letz­te Woche haben wir an die­ser Stel­le dar­über geschmun­zelt, dass Rolan­do Vil­la­zón sich auf Twit­ter für sei­nen Huma­nis­ten-Freund Dani­el Baren­bo­im ein­ge­setzt hat. Unser Ver­dacht: Bei­de haben das glei­che Manage­ment. Die SMS der Mana­ge­rin kam prompt: Lie­ber Axel, Du denkst Dir ja echt manch­mal Sachen aus!“ Ich wüss­te doch, dass Rolan­do durch­aus sel­ber den­ken kann. Weiß ich. Und ich mag ihn dafür – und für vie­les ande­re. Aber was er vor­ges­tern in der FAZ geschrie­ben hat, erschüt­tert mich doch: „Baren­bo­im ist ver­ant­wort­lich, dass die bes­te, höchs­te Inter­pre­ta­ti­on der Musik rea­li­siert wird.“ (…) „Kunst ist kein Unter­neh­men (…)“, „Baren­bo­im ver­steht den Unter­schied zwi­schen einer fähi­gen Per­son, die gera­de Pro­ble­me hat, und jemand Unfä­hi­gem, der die Arbeit der ande­ren nur schwie­ri­ger macht.“ Und über­haupt: „Es ist nicht weni­ger als der Ver­such eini­ger, die Repu­ta­ti­on eines der größ­ten Musi­ker aller Zei­ten zu zer­stö­ren.“ Lie­ber Rolan­do, was ist das für ein 19.-Jahrhundert-Geniekult-Gefasel? Klingt so ver­staubt wie die Barock­pe­rü­cken, die du neu­er­dings bei Stars von mor­gen auf­setzt. Es gibt durch­aus Diri­gen­ten, die größ­te Leis­tung mit größ­ter Fra­ter­ni­tät und Huma­ni­tät errei­chen (Mariss Jan­sons oder Her­bert Blom­stedt). Kön­nen wir bit­te den Gedan­ken, dass Genies alles dür­fen, end­lich mal ad acta legen? Um Gro­ßes zu errei­chen, ist es weder nötig, ein roman­ti­scher Trin­ker zu sein, coo­ler Ket­ten­rau­cher oder unge­recht. Sonst was ver­passt in der Baren­bo­im-Debat­te? Das Inter­view mit Jür­gen Flimm, die Ver­tei­di­gung des Diri­gen­ten in der ZEIT oder die Loya­li­tät sei­ner Orches­ters? Viel­leicht soll­ten wir uns end­lich mal um das gro­ße Gan­ze und die Struk­tu­ren küm­mern, bevor der nächs­te Ein­zel­fall uns wie­der erregt.

Zwei Ran­kings sorg­ten letz­te Woche für Auf­se­hen. 46 Musik­kri­ti­ker des japa­ni­schen Musik-Maga­zins Ong­aku no tomo kür­ten die bes­ten Opern­häu­ser der Welt: An der Spit­ze steht die Baye­ri­sche Staats­oper, gefolgt von der MET in New York und der Wie­ner Staats­oper. Im QS-World Uni­ver­si­ty-Ran­king lie­gen die US-ame­ri­ka­ni­sche Juil­li­ard School und die Uni­ver­si­tät für Musik in Wien zusam­men auf Platz eins der welt­weit bes­ten Aus­bil­dungs­or­te für Musi­ker. Platz drei erreich­te das Roy­al Col­le­ge of Music in Lon­don. Erschre­ckend: Bes­te deut­sche Hoch­schu­le ist die Hoch­schu­le für Musik und Thea­ter in Ham­burg, abge­schla­gen auf Platz 36.

Vor zwei Wochen haben wir über die Vor­wür­fe des Kom­po­nis­ten Moritz Eggert gegen­über der Lei­te­rin des Beet­ho­ven-Fes­tes, Nike Wag­ner, berich­tet. Wag­ner hat­te pri­va­te Mails von Eggert über den offi­zi­el­len Account des Beet­ho­ven-Fes­tes an den wegen Sex-Skan­da­len an der Münch­ner Musik­hoch­schu­le ange­klag­ten Sieg­fried Mau­ser wei­ter­ge­lei­tet. Für die Klas­sik-Woche habe ich beim Beet­ho­ven-Fest nach­ge­fragt, wel­che Kon­se­quen­zen das hat. Der Daten­schutz­be­auf­tra­ge wer­tet „das Ver­hal­ten von Frau Wag­ner als Pri­vat­per­son – wobei hier eine Abgren­zung zur Inten­dan­ten­tä­tig­keit im Ein­zel­fall schwie­rig sein kann“. Er hat eine „Modi­fi­ka­ti­on“ im Umgang mit der pri­va­ten Nut­zung dienst­li­cher E-Mail-Accounts emp­foh­len. Außer­dem heißt es: „Ein per­sön­li­ches State­ment von Frau Prof. Wag­ner liegt der Gesell­schaft nicht vor.“ Klingt irgend­wie, als wis­se man in Bonn noch nicht so recht, wohin mit dem Schwar­zen Peter. Moritz Eggert hat inzwi­schen Straf­an­zei­ge gegen Nike Wag­ner ein­ge­reicht.

Was war

Tenor Joseph Cal­le­ja begeis­tert vom Rei­se­rausch auf sei­nem Insta­gram-Pro­fil

Stolz posiert Tenor Joseph Cal­le­ja auf sei­nem Insta­gram-Account vor einem Pri­vat­jet: „All in 24hrs! Munich/Madrid/Munich“. Das Publi­kum der Münch­ner Car­men hät­te sich am Mon­tag wahr­schein­lich etwas mehr Rast für die Stim­me des Jet­set-Tenors gewünscht. Ganz zu schwei­gen vom öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck! Die­se Car­men stößt ja mehr CO2 aus als 100.000 rau­chen­de Ziga­ret­ten­ar­bei­te­rin­nen! Zum Glück gibt es die Albert-Kon­zer­te in der Umwelt-Haupt­stadt Frei­burg: 10 ihrer 26 Ver­an­stal­tun­gen sind bereits kli­ma­neu­tral. Lie­be Staats­oper Mün­chen, die Albert-Kon­zer­te bera­ten übri­gens auch ande­re Orches­ter in Sachen Öko­lo­gie.

Kako­fo­nie in der deut­schen Chor­sze­ne: Claus Fischer berich­tet von gestri­che­nen Preis­gel­dern und Rich­tungs­streit beim Deut­schen Chor­wett­be­werb. Sei­ne Repor­ta­ge war im Deutsch­land­funk zu hören, und der scheint mit Klas­sik neu­er­dings auf Kriegs­fuß zu ste­hen. In einem vom VAN-Maga­zin gele­ak­ten Papier erklärt der Sen­der, dass „Schla­ger, Bal­kan-Pop und Klas­sik“ zu den „Abschalt­fak­to­ren“ gehö­ren und ver­mie­den wer­den soll­ten. Inter­es­sant auch, wie Elb­phil­har­mo­nie-Chef Chris­toph Lie­ben-Seut­ter im öster­rei­chi­schen Kurier auf das Jonas-Kauf­mann-Akus­tik-Deba­kel reagier­te: „Die Elb­phil­har­mo­nie ist nicht unbe­dingt ein Saal für Anfän­ger“, ließ er  Kauf­mann wis­sen – die bei­den wer­den wohl kei­ne Freun­de mehr. Wenn Sie noch etwas auf die Ohren brau­chen, emp­feh­le ich das Klas­sik Gespräch mit dem Spe­zia­lis­ten für Noten­hand­schrif­ten Ste­phen Roe im MDR-Radio, der unter ande­rem ver­rät, wer mit einer Kip­pe in der Hand Bach-Auto­gra­fe ange­schaut hat. 

Der Guar­di­an ver­reißt die Così-Insze­nie­rung von Jan Phil­ipp Glo­ger am Roy­al Ope­ra House in Covent Gar­den. Wal­ter Wei­d­rin­ger fei­ert die Insze­nie­rung von Oth­mar Schoecks Pen­the­si­lea in Linz durch Peter Kon­wit­sch­ny und beju­belt die Haupt­dar­stel­le­rin Dsha­mil­ja Kai­ser. Wer­ner M. Grim­mel freut sich in der FAZ über Dio­da­ti, die ers­te Oper von Micha­el Wert­mül­ler am Thea­ter Basel: „Die Sache kippt mit zuneh­men­dem klang­li­chen Bom­bast ins Bedroh­li­che, ent­wi­ckelt dabei aber auch Län­gen.“ Der Kom­po­nist Anno Schrei­er und die Libret­tis­tin Kers­tin Maria Pöh­ler stel­len mit dem Schau­er­stück Scha­de, dass sie eine Hure war an der Deut­schen Oper am Rhein eine „Oper über die Oper“ vor, die Pedro Obie­ra von der NRZ durch­aus unter­hal­ten hat. Eine Bor­dell­oper von 1931 hat die Neu­köll­ner Oper nun zum ers­ten Mal auf­ge­führt: Die Vor­la­ge zu Die Fleisch stammt von Kosa­ku Yama­da – in der Insze­nie­rung von Fabi­an Ger­hardt steht am Ende ein Über­maß an drin­gen­den Fra­gen, schreibt Simon Rayß im Tages­spie­gel.

Viel neue Musik letz­te Woche. Unüber­ra­schend, dass Wolf­gang Rihm für sein Lebens­werk (über 500 Kom­po­si­tio­nen und die Posi­ti­on als meist­ge­spiel­ter deut­scher Gegen­warts­kom­po­nist) mit dem Deut­schen Musik­au­toren­preis aus­ge­zeich­net wird (schö­nes Inter­view im BR).

André Pre­vin ist tot. Der Sohn eines aus Deutsch­land emi­grier­ten Juden riss die Gren­zen der Musik ein, ver­band Klas­sik, Jazz und Film mit­ein­an­der und war ein Pio­nier der Musik für alle Men­schen. Dass die Musik nicht mehr zur Kern­kom­pe­tenz des Spie­gel gehört, war nach­zu­le­sen, als das Nach­rich­ten­ma­ga­zin online von André Pre­vin Abschied nahm und dabei dem „Kom­po­nis­ten von My Fair Lady“ nach­wink­te. Dop­pelt trau­rig. Den­noch was zum Lachen gibt es hier.

Was lohnt

Andris Nel­sons führt sei­nen atem­be­rau­ben­den Schosta­ko­witsch-Zyklus fort

Nach­dem Andris Nel­sons mit den drei DG-Alben sei­nes Schosta­ko­witsch-Zyklus mit dem Bos­ton Sym­pho­ny Orches­tra bei den Gram­mys abge­räumt hat, geht die Par­ty nun wei­ter. Das vier­te Live-Dop­pel­al­bum mit der sechs­ten und sieb­ten Sin­fo­nie, aber auch mit den Schau­spiel­mu­si­ken zu König Lear und der Fes­tou­ver­tü­re, ist schier cine­as­tisch: Stim­mungs­wech­sel und Gefühls­la­gen, Innen- und Außen­wel­ten des Kom­po­nis­ten knal­len kom­pro­miss­los auf­ein­an­der. Auf der einen Sei­te ist Nel­sons ein Tie­fen­ana­ly­ti­ker, auf der ande­ren gelingt es ihm, sein Wis­sen immer wie­der in lei­den­schaft­li­che Emo­ti­on zu ver­wan­deln.

Ich schlie­ße mich mei­ner Kol­le­gin Anna Novák an, die den Anfang des Sibe­li­us-Zyklus von Sant­tu-Mati­as Rou­va­li mit den Göte­bor­ger Sym­pho­ni­kern fei­ert. „Der jun­ge Fin­ne sieht aus wie ein Hips­ter, dabei liebt er das Leben auf dem Land und die Stil­le. Als Chef­di­ri­gent der Göte­bor­ger Sym­pho­ni­ker will er das kom­plet­te sin­fo­ni­sche Werk sei­nes Lands­manns Sibe­li­us auf­neh­men. Mit der 1. Sin­fo­nie hat er jetzt einen Anfang gemacht“, schreibt Novák und hat die­sen span­nen­den Maes­tro für uns getrof­fen.

Haben Sie es gemerkt – wir sind die­ses mal, wie im letz­ten News­let­ter ver­spro­chen, tat­säch­lich voll und ganz über der Gür­tel­li­nie geblie­ben. Es gibt Hoff­nung!

In die­sem Sin­ne: Hal­ten Sie die Ohren steif,

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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