Paavo JärviDirigenten sind wie Rotwein­

Paavo Järvi
Foto: Kaupo Kikkas

Über die Kunst des Reifens, die Verlockung Estlands und die Kraft musikalischer Brückenschläge – ein Gespräch mit Dirigent Paavo Järvi.

crescendo: Herr Järvi, Sie haben einmal gesagt, man müsse logisch an ein Werk herangehen. Ist das Ihre Art zu interpretieren?

Paa­vo Jär­vi: Nicht unbe­dingt. Aber Musik hat eine inne­re Logik, die muss man ver­ste­hen. Natür­lich gibt es nichts Lang­wei­li­ge­res als die pedan­ti­sche, ana­ly­ti­sche Auf­füh­rung eines Werks. Und man kann es hören, wenn ein Diri­gent die inne­re Logik eines Stücks nicht ver­stan­den hat. Jeder Kom­po­nist schreibt ein Stück mit einer genau­en inne­ren Logik im Kopf, das muss man als Diri­gent wis­sen. Als Hörer nicht. Denn in der Auf­füh­rung selbst pas­siert das Gegen­teil: Es soll natür­lich und orga­nisch sein und nicht aka­de­misch.

Sie haben ursprünglich Schlagzeug gelernt. Hilft das beim Dirigieren?

Ja, Rhyth­mus ist das Wich­tigs­te in der Musik über­haupt. Das gilt für alle Musi­ker. Damit mei­ne ich nicht das klas­si­sche Takt­schla­gen, son­dern dass man die­sen inne­ren Sinn für Rhyth­mus im Blut haben muss. Ein Orches­ter, das rhyth­misch nicht völ­lig klar ist, kann auch die Essenz von Musik nicht trans­por­tie­ren, egal, ob bei Wag­ner, Beet­ho­ven, Stra­win­sky oder in der Barock­mu­sik.

Noch ein Zitat von Ihnen: „Dirigenten werden mit den Jahren wie Rotwein immer besser“…

Defi­ni­tiv. Diri­gie­ren ist kein Job, es ist ein ech­ter Beruf – im bes­ten Sin­ne. Und Erfah­rung ist essen­zi­ell! Es geht um Weis­heit. Und für die muss man Erfah­run­gen und Feh­ler machen. Musi­ka­li­sche, viel­leicht auch per­sön­li­che. Ein Bei­spiel: Ber­nard Hai­tink. Er macht nicht viel, nur sehr klei­ne, kon­zen­trier­te, fast mini­ma­lis­ti­sche Bewe­gun­gen – und doch macht er alles. Er hat so viel Erfah­rung, Weis­heit und Wis­sen, wie man etwas for­men und gestal­ten muss. Das hilft, die Din­ge anders zu sehen. Ja, irgend­wie ist es ein Beruf für die zwei­te Lebens­hälf­te.

Hat man ein Orches­ter vor und 3.000 Leu­te hin­ter sich, ist Los­las­sen ein ris­kan­tes Geschäft

Und was ist mit Champagner?

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Je älter ich wer­de, umso not­wen­di­ger fin­de ich es in der Musik, Spaß zu haben, zu genie­ßen, los­zu­las­sen – eines der schwers­ten Din­ge über­haupt. Hat man ein Orches­ter vor sich und etwa 3.000 Leu­te hin­ter sich, dann ist Los­las­sen ein ziem­lich ris­kan­tes Geschäft. Es aber nicht zu tun, ist auch nicht der ulti­ma­ti­ve Weg zu einer guten Auf­füh­rung. So ist es ein per­sön­li­cher inne­rer Kampf, wie sehr man es kann und will. Natür­lich auch eine Fra­ge des­sen, wie eng die Bezie­hung mit dem Orches­ter ist. Mit dem eige­nen lässt man sich auf ande­re Risi­ken ein als mit einem, das man nicht kennt. Es ist eine kom­plett ande­re Art zu diri­gie­ren.

Was ist mit den nationalen Unterschieden von Orchestern?

Es ist unmög­lich, von der Gesell­schaft, in der man lebt, nicht beein­flusst zu sein. Inso­fern besteht offen­sicht­lich eine Bezie­hung zwi­schen der Tat­sa­che, aus wel­cher Kul­tur das Orches­ter kommt und wie es funk­tio­niert. Gleich­zei­tig gibt es natür­lich sehr inte­gra­ti­ve und gemisch­te Orches­ter – ein Mikro­kos­mos, in dem ein ganz eige­ner Sound kre­iert wird.

Wie bei dem von Ihnen gegründeten Estonian Festival Orchestrn…

Das Orches­ter ist ein­zig­ar­tig für mich, weil es ein Her­zens­pro­jekt ist: Ich bin Este, ich bin weg­ge­gan­gen aus Est­land und wie­der­ge­kom­men. Ich glau­be, ich kann nütz­lich sein, um Est­land und sei­ne Musi­ker popu­lä­rer zu machen. Est­land ist so klein, aber sei­ne geo­gra­phi­sche Lage ist fan­tas­tisch. So vie­le Men­schen woll­ten die­ses Stück Land haben. Wir waren besetzt von den Schwe­den, den Dänen, zwei­mal von den Rus­sen, zwei­mal von den Deut­schen. Jeder im fin­ni­schen Krieg woll­te die­sen Zugang zum bal­ti­schen Meer, die­ses Fens­ter nach Euro­pa. Und die est­ni­sche Geschich­te ist eine euro­päi­sche Geschich­te, eng ver­bun­den mit der unse­rer bal­ti­schen Nach­barn, mit Skan­di­na­vi­en, Russ­land und Deutsch­land.

Foto: Kau­po Kikkas

Auch der Ort des Festivals, Pärnu, hat eine Geschichte…

Ich bin im rus­si­schen Teil Est­lands auf­ge­wach­sen, mit einer aus­ge­spro­chen hohen Dich­te an Musi­kern, die alle unter dem sowje­ti­schen Sys­tem lit­ten. Vie­le von ihnen ver­brach­ten ihre Som­mer in der klei­nen Stadt Pär­nu, dem Spa Est­lands. Dort traf man Ois­trach, Rostro­po­witsch, Rosch­dest­wen­ski, Gil­els, Schosta­ko­witsch. Ich dach­te also, es wäre logisch, mit einem nicht-est­ni­schen Album zu begin­nen, zugleich aber mit etwas, das mit unse­rer Geschich­te und die­sem Ort zu tun hat. Und letzt­lich sind wir doch eine musi­ka­li­sche Orga­ni­sa­ti­on, die inter­na­tio­na­le Brü­cken bau­en will. Wir haben Musi­ker von über­all her. Das Orches­ter ist nicht limi­tiert auf Esten.

Ab Januar 2018 gehen Sie mit dem Orchester erstmals auf Tournee.

2018 ist ein ganz wich­ti­ges Jahr, denn unse­re Unab­hän­gig­keit wird 100 Jah­re alt – so jung sind wir. Ein Mei­len­stein. Des­halb dach­te ich, es sei die rich­ti­ge Zeit, zum ers­ten Mal auf Tour­nee zu gehen und die­ses Orches­ter vor­zu­stel­len. Der est­ni­sche Kom­po­nist Erk­ki-Sven Tüür hat sei­ne neue Sin­fo­nie für uns geschrie­ben, wir spie­len Schosta­ko­witsch und vie­les mehr – es ist das ers­te Outing für unser Orches­ter.

Daneben stehen auch Brahms, Sibelius und Pärt auf dem Programm.

Als ich das Esto­ni­an Fes­ti­val Orches­tra gegrün­det habe, war mir sehr wich­tig, dass es in sei­nem Reper­toire nicht fest­ge­legt ist. Natür­lich wer­de ich gefragt, war­um unser Fokus nicht auf est­ni­scher Musik liegt. Aber es ist ja kein est­ni­sches Orches­ter – es ist ein euro­päi­sches Orches­ter. Pärt, Sibe­li­us, Schosta­ko­witsch und Brahms zusam­men­zu­brin­gen, ist inso­fern sehr wahr­haf­tig.

Der Spirit des Orchesters ist also Vielfalt?

Genau das. Zugleich ist er von der Grund­zü­gen her sehr idea­lis­tisch. Wir alle wis­sen, dass wir die Welt nicht ver­än­dern kön­nen. Aber wir kön­nen die Bot­schaft in die Welt hin­aus­tra­gen, dass die Musik Brü­cken schla­gen kann. Die Poli­ti­ker aus aller Welt machen ihren Job im Moment nicht gera­de gut. Und so ist es von uns eine sym­bo­li­sche Ges­te, unse­rem Bestre­ben ange­mes­sen Aus­druck zu ver­lei­hen, die Leu­te durch mensch­li­che Qua­li­tä­ten zu ver­ei­nen.

Im Grunde nichts anderes als Barenboims Orchester des West-Östlichen Divans.

Ja, die Bot­schaft ist: Ver­ei­ni­gung. Baren­bo­im ist bril­lant, ein Vor­bild für mich. Er hat den Mut und die Aus­dau­er, die Bot­schaft wirk­lich vor­an­zu­trei­ben und nicht nach­zu­las­sen. Es gibt so vie­le Plät­ze auf der Welt, wo es gut ist zu hei­len.

 

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Barbara Schulz
Die Zutaten für ein gutes Leben sind für unsere Autorin Barbara Schulz: gute Menschen, gute Musik, gute Bücher, gutes Essen. Und weil sie gern alles auf einmal hat, trifft sie am liebsten interessante Musiker oder Literaten zum Essen und schreibt über sie. Weil sie so mit Musikhören oder Lesen auch noch Geld verdienen kann. Die Literaturwissenschaftlerin, die selbst gern Musikerin geworden wäre, bekommt auf diese Weise alles unter einen Hut. Gut!

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