CRESCENDO: Herr Vogt, als wir 2008 spra­chen, hat­ten Sie auf Mys­pace 296 Freun­de. Wie vie­le haben Sie denn heu­te?
Lars Vogt (Foto oben: © Anna Res­z­ni­ak): Nur ein paar weni­ge wirk­lich Ver­trau­te.
Fol­lo­wer schei­nen immer mehr zur Wäh­rung zu wer­den. Wie hal­ten Sie es mit den Soci­al Media?
Eher mit­tel bis weni­ger aktiv – wenn ich mich mit Kol­le­gen ver­glei­che. Auf Face­book wei­se ich auf schö­ne Kon­zer­te hin oder CDs.
2.026 Fol­lo­wer habe ich auf Twit­ter gezählt.
Ja, da bin ich akti­ver, etwa wenn es um den Bre­x­it geht. Ich habe in Lon­don gelebt, arbei­te in New­cast­le…
… als Music Direc­tor des Roy­al Nort­hern Sin­fo­nia. Wie ist die Stim­mung?
Der Riss geht durch das gan­ze Land. Es ist ein Trau­er­spiel.
In Zei­ten, in denen Prä­si­den­ten Poli­tik auf Twit­ter machen … wie nach­hal­tig sind Ret­weets im Musik­be­trieb?
Anders als man­che Kol­le­gen haue ich nicht stän­dig mei­ne Mei­nung her­aus. Natür­lich sind wir Künst­ler Bot­schaf­ter, doch weni­ger im pla­ka­tiv wört­li­chen Sinn. Das ist das Schö­ne an der Musik: dass sich die Bot­schaft sub­til, vage, gewis­ser­ma­ßen ohne Wor­te ver­mit­telt; dass sie unsag­bar ist in jeder­lei Hin­sicht. Und manch­mal die Men­schen wirk­lich ver­ei­nen kann.

Lars Vogt: „Die alte bildungsbürgerliche Zugewandtheit
scheint ein bisschen verloren
gegangen zu sein.“
(Foto: © Neda Navaee) 

Einst gab es die „Deut­sche Kla­vier-Schu­le“ um Artur Schna­bel, Edwin Fischer, Wil­helm Back­haus, Wal­ter Gie­se­king und Wil­helm Kempff. Wo sind der­zeit die deut­schen Pia­nis­ten, die eine sol­che Tra­di­ti­on wie­der­auf­le­ben las­sen könn­ten?
Ich weiß es nicht. Die alte bil­dungs­bür­ger­li­che Zuge­wandt­heit scheint ein biss­chen ver­lo­ren gegan­gen zu sein. In jedem Fall gibt es Talen­te. Ich habe aller­dings beob­ach­tet, dass man etwa in Nor­we­gen – um nur ein Land zu nen­nen – bei­spiels­wei­se mit Sti­pen­di­en, aber auch mit Auf­trit­ten mit wich­ti­gen Orches­tern unter­stützt wird. In Deutsch­land habe ich nicht das Gefühl, um es vor­sich­tig zu sagen, dass man hier als ein­hei­mi­sches Talent auf Hän­den getra­gen wird.
Auch für die Agen­tu­ren scheint es inter­es­san­ter zu sein, einen Künst­ler zu ver­mark­ten, der von weit her­kommt und eine ver­meint­li­che „Sto­ry“ hat, als einen jun­gen Men­schen, der in der deut­schen stil­len Pro­vinz auf­wächst.
Das fin­de ich auch sehr bedau­er­lich. Auch ich bekam, nach­dem wir für ein Pro­jekt tol­le Musik zusam­men­ge­stellt hat­ten, zu hören: „Whe­re is the sto­ry? You have to tell a sto­ry!“ Die Sto­ry ist doch die Musik selbst! Jun­ge Künst­ler bekom­men das wie eine zwei­te Haut heu­te mit, ver­su­chen oft Pla­ka­ti­ves nach außen zu tra­gen. Die musi­ka­li­sche Kern­aus­sa­ge tritt oft lei­der in den Hin­ter­grund.

Lars Vogt: „Das wird zur Falle, wenn man sich
stets an der eigenen oder der Jugend anderer misst.“
(Foto: © Giorgia Bertazzi)

Immer wich­ti­ger wur­de auch die Optik.
Aber das wird zur Fal­le, wenn man sich stets an der eige­nen oder der Jugend ande­rer misst. Wenn ich an Cla­ra Has­kil den­ke: in der Erschei­nung eher ein grau­es Mäus­chen – aber was hat die für Musik gemacht! Wie spre­chen heu­te noch von ihr!
In einem Inter­view spre­chen Sie die Schwie­rig­keit des älter wer­den­den Künst­lers an.
Ich kann mich ja nicht bekla­gen. Ich kon­zer­tie­re welt­weit, bin Chef­di­ri­gent bei einem der wich­tigs­ten Kam­mer­or­ches­ter Euro­pas, füh­re seit über 20 Jah­ren mein Fes­ti­val „Span­nun­gen“, unter­rich­te als Pro­fes­sor an der Hoch­schu­le in Han­no­ver. Doch als ich älter wur­de, warn­te man mich. Zwi­schen 40 und 60 wer­de die Ver­mark­tung schwie­ri­ger. Da sei man nicht mehr ein jun­ges Talent, aber auch nicht der „old reve­r­ed Mas­ter‘“ Und eben nur „old news“. Dabei wer­den die meis­ten Musi­ker in die­sem Alter erst rich­tig gut!
Kom­pli­ment für Ihre Auf­rich­tig­keit in einer Welt, in der jeder so tut, als sei er ewig jung!
Auch ich muss­te dazu­ler­nen. Heu­te mit 49 ste­he ich zum Bei­spiel offen­siv dazu, dass ich fast nicht mehr aus­wen­dig spie­le. Ich will mir den Stress nicht mehr antun, denn das lenkt vom wirk­li­chen Musi­zie­ren ab. Ich bin zum iPad-Spie­ler gewor­den.
Wie?
Ich habe den iPad im Flü­gel lie­gen als Gedächt­nis­stüt­ze. Mit einem Blue­tooth-Pedal blät­te­re ich mit dem lin­ken Fuß um. End­lich kann ich mich nur auf die Musik freu­en! Liszt hat­te das Aus­wen­dig­spie­len ja ein­ge­führt – auch wegen des zir­zen­si­schen Effekts. Den habe ich nicht mehr nötig.
Im Inter­view des Book­lets zu Ihrem Album mit vier Klavier­sonaten Mozarts sagen Sie, dass Sie sich jetzt mehr trau­en, zu Ihren Gedan­ken zu ste­hen.
Frü­her hat­te ich so eine Art Zen­sor in mir, der mir sag­te, wie eine Bewe­gung zu sein hat. Jetzt habe ich oft Har­non­courts Bemer­kung im Kopf, der bei der Auf­nah­me der Mozart-Kon­zer­te mit Lang Lang sag­te: „Ein Leben habe ich dar­um gekämpft, dass Ach­tel nicht ganz rhyth­misch sein sol­len!“ Genau das ist es, Musik als rhe­to­ri­sche Deu­tung, das hält die Musik leben­dig! Viel­leicht habe ich jetzt mehr Mut, weil ich diri­gie­re.

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Johan­nes Brahms: „Kla­vier­kon­zert Nr. 1, Vier Bal­la­den“, Lars Vogt, Roy­al Nort­hern Sin­fo­nia (Ondi­ne)
www.amazon.de 

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen und Auf­tritts­ter­mi­ne von Lars Vogt: www.larsvogt.de  

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Teresa Pieschacón Raphael
„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

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