Daniel Hope trifft Mark-Anthony Turnage Du musst besessen sein“

Daniel Hope spielte mit Vadim Repin in Istanbul die Premiere von Shadow Walker, einem Konzert für zwei Geigen von Mark-Anthony Turnage. Ein Gespräch über Kompromisslosigkeit, Offenheit, Kontrapunkt und – Fußball.

Daniel Hope: Mark, was war die Herausforderung, für zwei Violinen zu schreiben?

Mark-Antho­ny Tur­na­ge: Ich fand es in gewis­ser Wei­se gar nicht so her­aus­for­dernd, weil mir die Vor­stel­lung, dass zwei Per­sön­lich­kei­ten sich gegen­sei­tig aus­spie­len, ziem­lich gefal­len hat. Ich mag die­se Idee mit zwei Solis­ten. Die eigent­li­che Chal­len­ge war, dass es nicht vie­le Kon­zer­te für zwei ­Solis­ten gibt. Eines davon ist ein abso­lu­tes Meis­ter­werk: das Bach-Dop­pel­kon­zert. Das hat mich etwas ein­ge­schüch­tert.

War das türkische Orchester eine Hürde?

Ich woll­te die Instru­men­te ken­nen­ler­nen, die west­li­chen Orches­tern nicht ver­traut sind. Und noch bevor man Lau­ten, ori­en­ta­li­sche oder tür­ki­sche Instru­men­te wahr­nimmt, hört man haupt­säch­lich Schlag­zeug. Des­halb habe ich recher­chiert. Das Pro­blem dabei war, dass es künf­ti­ge Auf­trit­te auf­grund der unge­wöhn­li­chen Instru­men­ta­ti­on ein­schrän­ken könn­te. Also habe ich nach Alter­na­ti­ven gesucht. Gleich­zei­tig ist es wun­der­bar, eine tür­ki­sche Klang­welt zu haben. Ich kann­te das Boru­san Istan­bul Phil­har­mo­nic Orches­tra, denn ich habe es – mit dir als Solist – im Radio bei den BBC Proms gehört. Sascha Goe­tzel diri­gier­te.

Mei­ne ein­zi­ge Chan­ce, wirk­lich Teil von etwas zu sein, ist, mit Musi­kern zusam­men­zu­ar­bei­ten“

Kurios ist, dass ich gerade in Luxemburg war und mit Vadim Repin und Sascha Goetzel zu Abend aß. Wir meinten, wie wunderbar es wäre, mal ein Stück für zwei Violinen zusammen zu spielen und sagten aus Spaß: Lasst uns versuchen, Mark zu erreichen! Es hat geklappt!

Das hat mich alles fas­zi­niert. Und natür­lich hat mich Istan­bul gereizt! Ich war Mit­te der 80er-Jah­re dort – und habe es geliebt. Das gan­ze Paket, das du dir aus­ge­dacht hast, war sehr attrak­tiv. Vadim Repin – ich kann­te ihn von einer Auf­nah­me des Vio­lin­kon­zerts von Brahms. Mir waren alle bekannt, was ein schö­ner Anfang für das gan­ze Stück war.

2006, als ich im Beaux Arts Trio spielte, bekamst du von uns den Auftrag für A Slow Pavane. Für Menahem Pressler, Gründer des Beaux Art Trios – er war damals schon fast 80 –, war das eine völlig neue Musiksprache. Er war bei den Proben so in seinem Element! Ist es für dich ein Unterschied, ob ein Interpret deine Ideen umsetzt oder ob er auch sein eigenes Ding durchzieht?

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Das Tol­le an der Arbeit mit ver­schie­de­nen Spie­lern – des­halb arbei­te ich auch gern mit Jazz­mu­si­kern – ist die­ser ein­zig­ar­ti­ge Sound. Ich mag die Team­ar­beit. Und ich moch­te die Erfah­rung mit den Beaux Arts sehr. Mei­ne ein­zi­ge Chan­ce, wirk­lich Teil von etwas zu sein, ist, mit Musi­kern zusam­men­zu­ar­bei­ten. Ich erin­ne­re mich, dass du mich mehr­mals gebe­ten hast, nichts zu ändern. Aber ihr habt einen Satz neu inter­pre­tiert. Ich mag das. Es regt mich an.

Ler­ne den Kon­tra­punkt – er ist eine Schwä­che vie­ler Kom­po­nis­ten“

Deine Oper Greek feiert 30-jähriges Bestehen. Greek hat die Oper verändert. Welchen Anteil hat Hans Werner Henze an deinem Weg?

Hen­ze hat gewis­ser­ma­ßen mei­ne inter­na­tio­na­le Kar­rie­re bereits vor mei­ner ers­ten Zusam­men­ar­beit mit Simon Ratt­le ange­scho­ben. Ich war mit Hen­ze in Tan­gle­wood und traf ihn auch durch mei­nen groß­ar­ti­gen Leh­rer Oli­ver Knus­sen, der lei­der kürz­lich ver­stor­ben ist. Hen­ze hat an mich geglaubt. Er sag­te immer, ich sei ein dra­ma­ti­scher Kom­po­nist und wür­de gut für das Thea­ter schrei­ben. Er hat etwas gewagt mit mir. Ich war ja gera­de mal 26, als Greek in Auf­trag gege­ben wur­de. Er mach­te mich mit dem Dra­ma­ti­ker Ste­ven Ber­koff und dem Regis­seur Jona­than Moo­re bekannt. Hin­ter fast jeder Idee steck­te Hen­ze.

Wenn heute ein junger Komponist nach Ratschlägen fragt, was antwortest du ihm?

(Lacht) Nun, du musst kom­plett von Musik beses­sen sein. Als jun­ger Kom­po­nist musst du alles wis­sen, musst dir alles anhö­ren. Als ich 15 oder 16 war, habe ich ein­fach alles auf­ge­so­gen. Wenn man anfängt, dann braucht man die Tech­nik, man muss wirk­lich ler­nen. Ich wür­de sagen, du brauchst Obses­si­on, aber auch: Kon­tra­punkt. Ler­ne den Kon­tra­punkt – er ist eine Schwä­che vie­ler Kom­po­nis­ten. Ich bin froh, dass ich einen Leh­rer hat­te, der dar­auf bestand. Ich wur­de in gewis­ser Wei­se auf eine deut­sche Art erzo­gen, weil es die Musik war, von der ich beses­sen war. Wenn ich heu­te vor Stu­den­ten ste­he, die kei­ne Obses­si­on haben, macht mir das Sor­gen.

Letzte Frage: Wir sind beide Fans von Arsenal London. Wie wird die Saison?

Wir wer­den wie­der Fünf­ter oder Sechs­ter? Es ist erbärm­lich. Weil es kei­ne Ent­wick­lung gibt. Mag falsch sein. Als pes­si­mis­ti­scher Fan aber sage ich jedem: Wir wer­den 3:0 ver­lie­ren. Und hof­fe, dass es bes­ser wird!

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