Die aktu­el­le poli­ti­sche Lage in Vene­zue­la ist auch ein Kul­tur­kampf, in dem die klas­si­sche Musik eine wesent­li­che Rol­le spielt. Wäh­rend Staats­chef Madu­ro noch an alten Mythen, dem längst aus­ge­höhl­ten „El Sis­te­ma“, fest­hält, setzt die Oppo­si­ti­on von Juan Guai­dó auf neue Kräf­te. 

Die Pia­nis­tin Gabrie­la Mon­te­ro unter­stützt Guai­dó in den sozia­len Medi­en lei­den­schaft­lich, atta­ckiert Madu­ro scharf und hofft auf einen schnel­len Sys­tem­wech­sel. Diri­gent Gus­ta­vo Duda­mel ist zurück­hal­ten­der. Jah­re­lang hat er das Sys­tem von Hugo Cha­véz unter­stützt und eine Schlüs­sel­rol­le bei der Beer­di­gung des alten Staats­chefs gespielt. Eine Ver­nei­gung vor den Mög­lich­kei­ten, die Duda­mel durch Vene­zue­las pro­pa­gan­dis­ti­sche Kul­tur­po­li­tik bekam und nutz­te. 

Gus­ta­vo Duda­mel bei der Beer­di­gung von Hugo Chá­vez

Erst als es 2018 zu gewalt­sa­men Pro­tes­ten in Cara­cas kam, rief der Diri­gent auf sei­ner Face­book-Sei­te zur Gewalt­lo­sig­keit auf. Die Reak­ti­on folg­te sofort: Madu­ro droh­te Duda­mel öffent­lich, sich bewusst zu sein, auf wel­cher Sei­te er steht. Seit­her ver­mei­det der Diri­gent es, sich kon­kret zu posi­tio­nie­ren. Als er im Janu­ar fei­er­lich sei­nen Stern auf dem Walk of Fame in Hol­ly­wood ent­hüll­te, setz­te er in einem Inter­view auf die „Ent­schei­dung der Mehr­heit“ und woll­te sich noch immer nicht fest­le­gen, für wel­ches Vene­zue­la er sich ein­set­zen will.

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Tat­säch­lich ist es schwer, Duda­mel zu einer Stand­ort­be­stim­mung zu bewe­gen. Inter­view­an­fra­gen zum The­ma Vene­zue­la wer­den in der Regel abge­schmet­tert. Duda­mels Job in Los Ange­les und sein Ruhm in Euro­pa (in bei­den Tei­len der Welt wird Madu­ros Macht­an­spruch abge­lehnt) und sei­ne gleich­zei­ti­ge Ver­bun­den­heit zum Sys­tem von Cha­vez brin­gen den Diri­gen­ten in eine Zwick­müh­le. Es ist inter­es­sant, wie er ver­sucht, die­sen Zwie­spalt zu umge­hen.

Howard Brag­man, einer von Duda­mels Ver­trau­ten, weist Inter­view­an­fra­gen gern mit der Erklä­rung ab, dass der Diri­gent sei­ne Sicht auf Vene­zue­la exklu­siv für einen Film abge­ge­ben hät­te – und dass er sich gegen­über ande­ren nicht äußern dür­fe, bevor der Film erschie­nen ist. Das Film­pro­jekt wird aller­dings seit lan­ger Zeit ange­kün­digt, und der aktu­el­le Stand ist unklar. Eine Tak­tik, um Duda­mel vor läs­ti­gen Anfra­gen zu schüt­zen? Star Regis­seur Ted Braun will Duda­mel für sei­ne Doku in sei­ne Hei­mat Vene­zue­la beglei­ten, auf einer Euro­pa-Tour­nee mit dem Simon Boli­var Orches­ter und ihn in sei­ner Wahl­hei­mat Los Ange­les por­trai­tie­ren. Einer der Pro­du­zen­ten des Fil­mes ist übri­gens Howard Brag­man, jener Duda­mel-Ver­trau­te, der Inter­view-Anfra­gen mit dem Ver­weis auf Duda­mels Exklu­siv-Ver­trag ablehnt.

Duda­mel bleibt diplo­ma­tisch, wenn es um die Situa­ti­on in Vene­zue­la geht

In Vene­zue­la sel­ber ist die Rol­le des Diri­gen­ten umstrit­ten, beson­ders bei den Anhän­gern der Oppo­si­ti­on von Juan Guai­dó. Unge­ach­tet all des­sen wird Duda­mel in den USA noch immer gefei­ert. Nicht nur, dass er nun auch einen Stern auf dem Walk of Fame hat, die Deut­sche Gram­mo­phon plant der­zeit ein neu­es, gro­ßes Pro­jekt mit Duda­mel und den sei­nem Orches­ter in Los Ange­les.

Anhand von Gus­ta­vo Duda­mel sind die Ris­se inner­halb der vene­zo­la­ni­schen Gesell­schaft beson­ders gut zu erken­nen. Auf der einen Sei­te die Ver­wur­ze­lung inner­halb des poli­ti­schen Sys­tems, auf der ande­ren die Schwie­rig­keit, die­sem Sys­tem den Rücken zu keh­ren – was sowohl aus emo­tio­na­len, aber wohl auch aus repres­si­ven Dro­hun­gen, wie sie Madu­ro öffent­lich aus­ge­spro­chen hat, schwer fällt. 

Duda­mel ent­schei­det sich der­weil für das Abwar­ten, ver­weist auf Wah­len, den Wil­len der Mehr­heit, wünscht sich Gewalt­lo­sig­keit und ver­mei­det auch wei­ter­hin jede kon­kre­te Posi­tio­nie­rung. Eine nicht ganz unge­fähr­li­che Tak­tik, wenn sich die Lage in Vene­zue­la in den nächs­ten Tagen und Wochen zu Guns­ten von Juan Guai­dó wen­den soll­te.   

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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