Brigitte FassbaenderGanz nah am Nerv der Musik

Foto: Jennifer Selby

Den ECHO KLASSIK für’s Lebenswerk erhält dieses Jahr Brigitte Fassbaender. Thomas Voigt traf die Künstlerin in München.

Es war Anfang der 1970er Jah­re, als ich alle drei ken­nen­lern­te, Vater, Mut­ter und Kind – nicht per­sön­lich natür­lich, son­dern durch die Medi­en. Den Vater, Wil­ly Dom­graf-Fass­ba­en­der, in der Titel­rol­le von Mozarts „Figa­ro“ in der legen­dä­ren Glyn­de­bourne-Auf­nah­me unter Fritz Busch. Die Mut­ter, Sabi­ne Peters, im Film „Die vier Gesel­len“ mit Ingrid Berg­man. Und Toch­ter Bri­git­te in der Gesamt­auf­nah­me von Flo­tows „Mar­tha“ mit Anne­lie­se Rothen­ber­ger.

Und ich wer­de nie die­sen aller­ers­ten Ein­druck von Bri­git­te Fass­ba­en­der ver­ges­sen. End­lich wie­der eine Sän­ge­rin, die in der Tie­fe ein Faß auf­ma­chen konn­te. Eine der­art sono­re Tie­fe kann­te ich bis dato nur von Mar­tha Mödl, der Cal­las und den gro­ßen ita­lie­ni­schen Mez­zos. Und wie die­se sang Fass­ba­en­der mit einer Prä­gnanz des Aus­drucks, die einem die Figur plas­tisch vor Augen führ­te. Dass sie auch im Stu­dio Phra­sen ris­kier­te, die über den Rah­men voka­ler Eben­mä­ßig­keit hin­aus­gin­gen, das unter­schei­det sie von vie­len Sän­ge­rin­nen, die vor dem Mikro­phon nicht annäh­rend so auf­re­gend klin­gen wie live. Bri­git­te Fass­ba­en­der agier­te im Stu­dio mit der­sel­ben Inten­si­tät wie auf der Büh­ne. Bes­tes Bei­spiel: ihr Orlof­sky in der schwung­vol­len „Fledermaus“-Aufnahme unter Wil­li Bos­kovs­ky. Das ist pures Kopf­ki­no in Tech­ni­co­lor. Gera­de bei die­ser Figur muss man mehr ris­kie­ren, als nach den Regeln der klas­si­schen Gesangs­kunst viel­leicht rat­sam ist. Nicht, weil eine so genann­te Hosen­rol­le auch her­be, „andro­gy­ne“ Far­ben ver­trägt, son­dern weil Orlof­sky ein extre­mer Cha­rak­ter ist, der sich im Ton deut­lich vom Rest der Ball­ge­sell­schaft abhe­ben muss.

Die gan­ze Palet­te ihrer Stimm­far­ben“

Wie sehr sie dif­fe­ren­zier­te, wenn sie die Hosen anhat­te, zei­gen Fass­ba­en­ders Live-Auf­nah­men des „Rosen­ka­va­lier“. Da nutzt sie die gan­ze Palet­te ihrer Stimm­far­ben, von lyrisch-zärt­lich in den Dia­lo­gen mit der Mar­schal­lin und Sophie bis herb-dras­tisch in den Tra­ves­tie-Sze­nen und in der Kon­fron­ta­ti­on mit dem Herrn Baron. So bedau­er­lich es ist, dass sie nie Gele­gen­heit bekam, ihre zen­tra­le Opern­fi­gur im Stu­dio auf­neh­men, so froh kön­nen wir sein, dass der wun­der­ba­re Münch­ner „Rosen­ka­va­lier“ von Otto Schenk und Car­los Klei­ber 1979 auf­ge­zeich­net wur­de; die Sze­nen mit Fass­ba­en­der und Lucia Popp (Sophie) gehö­ren zum Schöns­ten, was es im Opern­ka­ta­log gibt.

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Natür­lich woll­te ich immer so schön wie mög­lich sin­gen, doch die Wahr­haf­tig­keit der Aus­sa­ge war mir letzt­lich wich­ti­ger als der rei­ne Schön­ge­sang. Man sagt doch immer, dass einen etwas erreicht oder nicht erreicht. Und wenn ich es schaf­fe, dass ich jeman­den errei­che, dann lege ich kei­nen Wert dar­auf, ob es per­fekt gesun­gen ist“. Mit die­sen Wor­ten hat Bri­git­te Fass­ba­en­der die Fra­ge nach „Grenz­par­ti­en“ wie Azu­ce­na, Ebo­li und Amne­ris beant­wor­tet. Sie hat die­se Rol­len mit Ver­ve und Lei­den­schaft gesun­gen und dabei mehr gewagt als nach den klas­si­schen Regeln der Gesangs­tech­nik „erlaubt“ war. Gera­de das war es, was ihr eine unge­heu­re Aus­drucks­kraft gab –nach­zu­hö­ren auch in vie­len ihrer Lied-Auf­nah­men, vor­an in Schu­berts „Win­ter­rei­se“ mit Ari­bert Rei­mann. Gibt es eine ähn­lich kon­se­quen­te, ähn­lich dring­li­che Dar­stel­lung des Zyklus auf Plat­ten, so weit ent­fernt vom Kam­mer­sän­ger-Ton, so nah am Nerv der Musik?

Die­ses Sich-Trau­en, etwas Wagen war wahr­schein­lich die größ­te Hür­de, die sie als Sän­ge­rin über­win­den muss­te. „Ich war der­art schüch­tern und gehemmt, dass ich mich nicht getraut habe mei­nem Vater vor­zu­sin­gen. Statt des­sen habe ich ihm nach Nürn­berg, wo er damals Ober­spiel­lei­ter an der Oper war, ein Band geschickt: Hör dir das bit­te mal an, ob es sich lohnt für ein Gesangs­stu­di­um. Und als Ant­wort kam zurück: Komm zu mir, ich bil­de dich aus. – Sich sän­ge­risch zu offen­ba­ren ist ja eine sehr inti­me Ange­le­gen­heit, und Sin­gen Ler­nen ist ja auch ein Akt mensch­li­cher Ent­wick­lung. Des­halb brau­chen wir Sän­ger ja eigent­lich kei­nen Psy­cho­the­ra­peu­ten: wir sind von Berufs wegen gezwun­gen, unse­re Hem­mun­gen zu über­win­den. Und das ist mit das Bes­te am Sän­ger­be­ruf: durch das Erler­nen des Hand­werks kön­nen ler­nen unse­re Ner­ven in den Griff zu krie­gen, los­zu­las­sen, uns hin­zu­ge­ben und zu befrei­en“.

Die Wahr­haf­tig­keit der Aus­sa­ge war mir letzt­lich wich­ti­ger als der rei­ne Schön­ge­sang“

33 Jah­re dau­er­te ihre Büh­nen-Kar­rie­re:  am 1. April 1961 trat sie ihren Anfän­ger­ver­trag mit der Baye­ri­schen Staats­oper an, 1994 gab sie ihre letz­te Opern­vor­stel­lung (Klytäm­nes­t­ra an der Met) und ihren letz­ten Lie­der­abend. Über drei Jahr­zehn­te mit ein­dring­li­chen Rol­len­por­traits („Wozzeck“-Marie, Bran­gä­ne, Amne­ris, Char­lot­te neben Pla­ci­do Dom­in­go als Wert­her), mit unver­ges­se­nen Lie­der­aben­den und Kon­zer­ten, mit exem­pla­ri­schen Auf­nah­men und TV-Pro­duk­tio­nen, dar­un­ter „Hän­sel und Gre­tel“ mit Edi­ta Gru­bero­va.

In den Jah­ren danach, als Regis­seu­rin und Inten­dan­tin, hat sie womög­lich noch här­ter gear­bei­tet als zuvor. An die 50 Stü­cke hat sie seit 1992 insze­niert, dar­un­ter Brit­tens „Mid­sum­mer Night Dream“ (Ams­ter­dam und Tel Aviv), „Tris­tan und Isol­de“ (Braun­schweig und Inns­bruck), „Lucio Sil­la“ (Lon­don und Kopen­ha­gen) und natür­lich den „Rosen­ka­va­lier (Olden­burg, Inns­bruck, Ams­ter­dam und Baden-Baden). Wie die Regis­seu­rin wur­de auch die Inten­dan­tin Fass­ba­en­der – in Braun­schweig und Inns­bruck wie bei den Richard-Strauss-Fest­spie­len in Gar­misch – als wohl­tu­en­de Aus­nah­me emp­fun­den, als Indi­vua­lis­tin, die weder Main­stream noch Sen­sa­ti­ons­lust bedien­te.

Von der Nach­richt, dass ihr Lebens­werk mit dem „ECHO Klas­sik 2017“ aus­ge­zeich­net wird, am 29. Okto­ber in der Elb­phil­har­mo­nie Ham­burg, war sie „abso­lut über­wäl­tigt“. Das Kapi­tel „Inten­dan­tin“ ist abge­schlos­sen, das der Leh­re­rin und Regis­seu­rin noch lan­ge nicht: Bri­git­te Fass­ba­en­der unter­rich­tet nach wie vor, und als nächs­te Insze­nie­run­gen sind „Hän­sel und Gre­tel“ in Braun­schweig, „Capric­cio“ in Frank­furt und Ros­si­nis „Bar­bie­re“ in Bre­genz geplant. Ver­misst sie das Sin­gen? „Über­haupt nicht. Nach mei­nem Abschied von der Opern­büh­ne haben man­che ver­sucht, mich zu einem Come­back zu über­re­den. Zum Bei­spiel hat mir Joan Holen­der die „Pique Dame“-Gräfin für Wien ange­bo­ten. Aber das habe ich kon­se­quent abge­lehnt. Rezi­ta­ti­on von Melo­dra­men wie „Enoch Arden“ oder Schil­lings „Hexen­lied“ – sehr ger­ne. Aber ich möch­te kein Come­back als Sän­ge­rin. Außer­dem eig­ne ich mich über­haupt nicht für Alters­rol­len.“

 

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