Jonas KaufmannDer ganz normale Pariser Wahnsinn

Jonas Kaufmann
Foto: Gregor Hohenberg

Der Tenor Jonas Kaufmann ist ein Sänger der Vielfalt. Gleich, in welchem Genre er sich gerade aufhält – er ist stets authentisch. Seine neue Reise verschlägt ihn nach Paris.

Das viel­leicht Fas­zi­nie­rends­te an Jonas Kauf­mann ist sei­ne Viel­falt. Er ist ein Sän­ger, der wahr­haf­tig ist, bei allem, was er tut: Wahr­haf­tig als Wag­ners hel­di­scher und sil­bern strah­len­der Grals­rit­ter Lohen­grin, wahr­haf­tig als fast schon schi­zo­phre­ner Don José, bevor er Car­men ersticht, wahr­haf­tig als Puc­ci­nis Frei­heits­held Cava­ra­dos­si und wahr­haf­tig auch, wenn er sich den ita­lie­ni­schen Volks­lied-Schmelz vor­nimmt. So wie auf jenem Album, mit dem er nun den ECHO-Klas­sik als „Best­sel­ler des Jah­res“ gewinnt. „Dol­ce Vita“ glei­tet nie in schmie­ri­gen Kitsch ab, son­dern fei­ert – wie es der Titel es ver­spricht – die Lau­nen des Lebens in Musik.

Es ist die gro­ße Kunst von Jonas Kauf­mann, gera­de auch im Boden­stän­di­gen das Heh­re zu fin­den. Eine Tugend, mit der er sich in eine Sän­ger-Tra­di­ti­on stellt, die heu­te sel­ten ist: Kauf­mann, der All­roun­der, tritt in die gro­ßen Fuß­stap­fen von Tenö­ren wie Fritz Wun­der­lich oder Bari­to­nen wie Her­mann Prey, die eben­falls das Genie besa­ßen, im Leich­ten das Tief­grün­di­ge auf­zu­stö­bern und im ver­meint­lich Schwe­ren das zutiefst Mensch­li­che zu fin­den. Jonas Kauf­mann hat die Gabe, jeder Musik Abgrün­de abzu­lau­schen und jeden Ton als exis­ten­zi­el­les Aus­ru­fe­zei­chen zu for­men.

Es ist typisch für den Tenor, dass er nach sei­nem Aus­flug in die Son­ne Ita­li­ens nun ein voll­kom­men ande­res Album bei sei­nem Label Sony vor­legt. In „L’Opera“ wid­met er sich der  fran­zö­si­schen Oper des 19. Jahr­hun­derts. Eine Epo­che, in der die Kunst zum Spek­ta­kel des Bür­ger­tums auf­ge­bla­sen wur­de, in der Pfer­de und Bom­bast die Büh­nen der fran­zö­si­schen Haupt­stadt bevöl­ker­ten, in der die Oper grö­ßer wur­de als je zuvor: zur Grand Opé­ra, in der Prunk und Ele­ganz vor­herrsch­ten, aber eben auch Sen­ti­ment und Sehn­sucht hin­ter der Fas­sa­de des Opu­len­ten lau­ern.

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Das fran­zö­si­sche Opern­re­per­toire liegt mir sehr am Her­zen“, sagt Kauf­mann. „Die­se Musik spie­gelt eine ein­zig­ar­ti­ge Epo­che wider. Für das Album woll­te ich nicht nur die High­lights aus­wäh­len, son­dern auch die Wer­ke und Rol­len, die für mich Schlüs­sel­er­leb­nis­se waren. Zum Bei­spiel die Par­tie des Wil­helm Meis­ter in ‚Mignon’ – mei­ne ers­te gro­ße fran­zö­si­sche Rol­le. ‚Car­men’ und ‚Wert­her’ waren für mich so etwas wie Tür­öff­ner.“ Tat­säch­lich hat Kauf­mann gera­de als „Wert­her“ sei­ne Viel­falt unter Beweis gestellt, als er aus­ge­rech­net an der Pari­ser Opé­ra als ein­zi­ger Deut­scher in einem voll­kom­men fran­zö­si­schen Ensem­ble debü­tier­te. „Das war sicher ris­kant“, sagt er heu­te, „aber ich hat­te gute Lehr­meis­ter: Kor­re­pe­ti­to­ren, Kol­le­gen, Diri­gen­ten – und nicht zuletzt die Auf­nah­men des legen­dä­ren fran­zö­si­schen Tenors Geor­ges Thill.“

Das Paris des 19. Jahr­hun­derts war die Stadt des Archi­tek­ten Geor­ges-Eugè­ne Hauss­mann, ein Schmelz­tie­gel der euro­päi­schen Kul­tur­sze­ne, in dem sich unter­schied­li­che natio­na­le Sti­le zur gro­ßen Oper ver­schmol­zen haben. So sie­del­ten sich vie­le deut­sche Kom­po­nis­ten wie Mey­er­beer oder Offen­bach an der Sei­ne an. Kauf­mann inter­es­siert die­se deutsch-fran­zö­si­sche Ver­bin­dung beson­ders: „Offen­bachs Hoff­mann ist für mich eine idea­le Sym­bio­se von deut­schem Tief­sinn und fran­zö­si­scher Fan­ta­sie“, sagt der Tenor, „Mas­sen­et hat die See­len­welt von Goe­thes Wert­her der­art far­ben­reich und dif­fe­ren­ziert umge­setzt, wie man es sich nur wün­schen kann. Inso­fern füh­le ich mich in die­sem Reper­toire voll­kom­men zu Hau­se.“

In „L’Opera“ macht sich Jonas Kauf­mann Mal wie­der eine voll­kom­men neue Welt zu eigen, eine Opern-Tra­di­ti­on, die ein Umden­ken der Stim­me ver­langt, ein Anders­den­ken der Cha­rak­te­re und eine Neu­erfin­dung des Sän­gers. Die fran­zö­si­sche Oper des 19. Jahr­hun­derts begeis­tert durch ihre Melo­di­en, durch ihre musi­ka­li­schen Effek­te – und es ist der Ver­dienst von Jonas Kauf­mann, auch die­se Welt erneut einem Mil­lio­nen­pu­bli­kum vor­zu­stel­len und die oft ver­ges­se­nen Best­sel­ler des 19. Jahr­hun­derts zu Best­sel­lern des 21. Jahr­hun­derts zu erhe­ben.

Preis­trä­ger der Kate­go­rie „Best­sel­ler des Jah­res“

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