Ein musikalisches Multiversum

Eckart Runge

Eckart Runge widmet sich auf dem Album „Transitions“ mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Frank Strobel den Cellokompositionen von Nikolai Kapustin und Alfred Schnittke.

Eckart Runge widmet sich auf dem Album „Transitions“ mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Frank Strobel den Cellokompositionen von Nikolai Kapustin und Alfred Schnittke.

Am 2. Juli 2020 ist Nikolai Kapustin in Moskau gestorben. In einem Interview mit dem amerikanischen Musikmagazin Fanfare sagte er vor 20 Jahren, er wolle nicht berühmt werden. Dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen. Längst ist Kapustin kein Geheimtipp mehr. Das Interesse an seinem Gesamtwerk ist enorm gewachsen, davon zeugen zahlreiche Aufnahmen und Aufführungen.

Prädestiniert für dieses Werk

Eckart Runge
Erhielt die Noten aus den Händen Nikolai Kapustins und gibt damit sein Solodebüt: der Cellist Eckart Runge

Diese traumhafte Ersteinspielung von Kapustins erstem Cellokonzert ist das Solodebüt des Ausnahmecellisten Eckart Runge. Runge war bis 2019 Cellist des Artemis Quartetts. Kein anderer scheint so prädestiniert für dieses Werk wie er. Nicht nur, dass er die Noten des Werkes aus den Händen des Komponisten bekommen hat und mehrfach Gelegenheit hatte mit ihm die Interpretationsmöglichkeiten durchzusprechen, was hier zu hören ist, haut einen schier um.

Überwältigende Energie

Die überwältigende Energie und Tiefe des Zusammenspiels, die Runge mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Frank Strobel gelungen ist, setzt für alle zukünftigen Aufnahmen Maßstäbe. Neben dieser Tiefe blitzt immer wieder eine eigenwillig augenzwinkernde Gewitztheit auf. Die Spezialität des ukrainischen Komponisten, Klassik und Jazz wie eine Kreuzung in der Pflanzenwelt in eine Hybridgattung übergehen zu lassen, ist in dieser Form einzigartig und unvergleichlich als Kapustin eigen zu nennen.

Das Fließende

Übergänge („Transitions”) – kein anderer Titel hätte treffender sein können. Weder das Vorher noch das Nachher spielt eine Rolle, alles Statische wird belanglos, die Phase des Übergangs, das Fließende selbst wird zum Fokus. Das entspricht auch dem Übergang zum Cellokonzert Nr. 1 von Alfred Schnittke. Was sich bei Kapustin horizontal ausbreitet, schichtet sich bei Schnittke in vielfacher Stilistik vertikal.

Universelle Weisheit

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Widmet sich den Konzerten Nikolai Kapustins und Alfred Schnittkes: das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Frank Strobel
(Foto: © Simon-Pauly

In beiden Werken ist es nicht Eklektik, sondern universelle Weisheit, die Musik als Ganzheit erfahrbar werden lässt. Sind es bei Kapustin die Spektralfarben, die ein musikalisches Multiversum erleuchten, klingt in Schnittkes Cellokonzert ein dunkles Strömen ferner Galaxien.

Klug und einfühlsam konturiert

Schnittkes Werk offenbart innere Zerrissenheit, Zerrissenheit, die, im Flug verweht, sich schwebend neu zusammenfügt. Wie ein bescheidenes Motiv unbeirrbar selbstbestimmt den Klangraum erobert, wird von Runge so klug und einfühlsam konturiert, dass hörbar wird, wie gut die thematisch gewählten Übergänge korrespondieren, sich geradezu verbrüdern. 

Nikolai Kapustin, Alfred Schnittke: „Transitions“, Eckart Runge, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Frank Strobel (Capriccio)
Zu beziehen u.a. bei: www.jpc.de
Und anzuhören in der NML

Nikolai Kapustin, Alfred Schnittke: „Transitions“, Eckart Runge, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Frank Strobel (Capriccio)