Wie­sel­flink kommt Kirill Petren­ko auf die Büh­ne, wäh­rend ihn tosen­der Bei­fall emp­fängt. Schon lan­ge ist das dies­jäh­ri­ge Sai­son­er­öff­nungs­kon­zert der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker rest­los aus­ver­kauft. Simon Ratt­le hat sich im Som­mer end­gül­tig aus Ber­lin ver­ab­schie­det, sein Nach­fol­ger über­nimmt erst im August 2019 das Ruder. Wohin wird er das Spit­zen­or­ches­ter füh­ren? Und wie klingt unter sei­ner Lei­tung das so genann­te klas­sisch-roman­ti­sche Kern­re­per­toire, das bei sei­nen raren Auf­trit­ten in der Phil­har­mo­nie bis­her weit­ge­hend aus­ge­spart blieb? Der unge­stü­me Ein­gangs­ap­plaus ver­rät, unter welch immensem Erwar­tungs­druck der gebür­ti­ge Rus­se steht, der mit den Phil­har­mo­ni­kern nun sein drit­tes Kon­zert­pro­gramm nach der Wahl zum Chef­di­ri­gen­ten vor drei Jah­ren prä­sen­tiert.

Petren­ko nimmt kein lan­ges Bad in der Men­ge, son­dern strebt rasch zum Pult. Schon bei den ers­ten Tak­ten von Richard Strauss‘ Ton­dich­tung „Don Juan“ wird deut­lich, mit welch inten­si­ver inne­rer Ener­gie sein Diri­gat auf­ge­la­den ist. Wie elek­tri­fi­ziert fol­gen ihm die Strei­cher auf den Irr­we­gen des noto­ri­schen Frau­en­hel­den. Bewähr­te Phil­har­mo­ni­ker wie der Obo­ist Albrecht May­er, der Flö­tist Emma­nu­el Pahud und der Kla­ri­net­tist Wen­zel Fuchs geben ihr Bes­tes, und der ers­te Kon­zert­meis­ter Dais­hin Kashi­mo­to betört durch lupen­rei­ne Vio­lin-Soli. Kirill Petren­ko diri­giert mit vol­lem Kör­per­ein­satz, beugt sich teils weit zum Orches­ter hin. Der Ver­füh­rer Don Juan wirkt weni­ger als Genie­ßer denn als Getrie­be­ner. Petren­ko erscheint vor allem dann voll­ends in sei­nem Ele­ment zu sein, wenn es gilt, das Orches­ter zu eksta­ti­schen Stei­ge­run­gen zu brin­gen, die den­noch nie wuch­tig und for­ciert wir­ken. Dem gebannt lau­schen­den Publi­kum stockt zeit­wei­se fast der Atem.

Eben­so pas­sio­niert geht er „Tod und Ver­klä­rung“ an, ein wei­te­res Jugend­werk von Strauss. Mit knapp 25 Jah­ren befass­te sich der Kom­po­nist mit einem auf­wüh­len­den The­ma – dem Ster­ben eines Künst­lers, der, von Schmer­zen und Fie­ber gepei­nigt, sein Leben an sich vor­bei­zie­hen sieht. Unru­hi­ger Erschöp­fung, die sich zunächst in einem schwach pul­sie­ren­den Rhyth­mus äußert, fol­gen ein ver­zwei­fel­tes Auf­bäu­men, lei­den­schaft­li­che Sehn­sucht und schließ­lich ein Zustand der Ver­klä­rung, bis die See­le am Ende dem ster­ben­den Kör­per ent­schwebt. Diri­gent und Orches­ter for­men die­se Kon­tras­te ein­drucks­voll aus und las­sen den Span­nungs­fa­den nie abrei­ßen.

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Petren­ko tritt hier ein­mal mehr als Cha­ris­ma­ti­ker her­vor, der das Ber­li­ner Publi­kum bereits in den Jah­ren 2002 bis 2007 als Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor an der Komi­schen Oper zu fes­seln wuss­te, unter ande­rem mit Mozarts „Ent­füh­rung aus dem Serail“. Auch sei­ne Arbeit an der Baye­ri­schen Staats­oper in Mün­chen, wo er noch bis 2021 als Chef im Gra­ben steht, wird zu Recht in höchs­ten Tönen gelobt. Bei sei­nem Ber­li­ner Kon­zert erweist sich aller­dings Beet­ho­vens Sieb­te Sin­fo­nie als heik­ler Prüf­stein. Über­groß sind die Vor­bil­der, an denen er sich mes­sen las­sen muss. Denn sei­ne Vor­gän­ger Her­bert von Kara­jan, Clau­dio Abba­do und Simon Ratt­le haben Beet­ho­ven-Sin­fo­nie­zy­klen ein­ge­spielt und ihre per­sön­li­che Hand­schrift hin­ter­las­sen.

Vol­ler tän­ze­ri­scher Ener­gie lässt sich Petren­ko auf die­ses Werk ein und hält die Zügel immer kon­trol­liert in der Hand, auch wenn es bis­wei­len so scheint, als wür­de er im Über­schwang gleich mit­ten ins Orches­ter sprin­gen. Im ers­ten Satz sor­gen die Blä­ser im Dia­log mit den Strei­chern für wun­der­ba­re, kam­mer­mu­si­ka­lisch anmu­ten­de Akzen­te. Im „Alle­gret­to“ aller­dings, wenn ein trau­er­mar­sch­ähn­li­ches, mit einem osti­na­ten Rhyth­mus ver­knüpf­tes The­ma von den tie­fen Strei­chern zu den Vio­li­nen wan­dert und anschlie­ßend das gesam­te Orches­ter ein­setzt, wirkt die­se Stei­ge­rung unter Petren­ko recht zurück­ge­nom­men und lässt Bril­lanz ver­mis­sen. An ande­ren Stel­len – wie im Scher­zo und vor allem im letz­ten Satz – scheint Petren­ko dage­gen über das Ziel hin­aus­zu­schie­ßen. Das stür­mi­sche „Alle­gro con brio“ droht gegen Ende fast aus den Fugen zu gera­ten. Im Ver­gleich dazu ließ etwa Clau­dio Abba­do dem Orches­ter mehr Atem, wie in sei­nem 2001 in der Acca­de­mia Nazio­na­le di San­ta Ceci­lia in Rom ein­ge­spiel­ten Beet­ho­ven-Zyklus spür­bar wird (zu sehen in der Digi­tal Con­cert Hall der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker: https://www.digitalconcerthall.com/de/concert/82#watch:82–7 ).

Gleich­wohl wird das Publi­kum an die­sem Abend vom über­bor­den­den Elan des Fina­les völ­lig mit­ge­ris­sen. Petren­ko wird mit don­nern­dem Applaus, Bra­vo-Rufen und Ova­tio­nen im Ste­hen ver­ab­schie­det und kommt am Schluss noch ein­mal allein auf die lee­re Büh­ne zurück. Man kann gespannt dar­auf sein, wie sich sei­ne Zusam­men­ar­beit mit den Phil­har­mo­ni­kern wei­ter­ent­wi­ckelt. Dazu soll­te man ihn aber erst ein­mal ankom­men las­sen und abwar­ten, bis sich die rie­si­ge Auf­re­gung über sei­ne sel­te­nen Auf­trit­te gelegt hat. Erst dann wird es tat­säch­lich nur noch um die Musik gehen.

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