Die Bay­reu­ther „Wal­kü­re“ in Abu Dha­bi

Die Oud-Schu­le von Abu Dha­bi liegt in einem unschein­ba­ren Vier­tel: Schnör­kel­lo­se, brau­ne Ein­heits­häu­ser, die wahr­schein­lich nie einen Archi­tek­tur­preis gewin­nen wer­den. In einem von ihnen geht es etwas gol­de­ner zu. Ein impo­san­tes Trep­pen­haus, schwar­zer und wei­ßer Mar­mor, opu­len­te Kron­leuch­ter, Bücher­re­ga­le mit Lite­ra­tur über die lan­ge Tra­di­ti­on ara­bi­scher Musik, und in einem Hin­ter­zim­mer – es riecht nach Leim und Kle­ber – bas­telt ein Instru­men­ten­bau­er neue Nobel-Klamp­fen. Zwei Stück pro Monat.  

Auf der schma­len Büh­ne im Foy­er singt ein 14jähriges Mäd­chen aus Ägyp­ten ara­bi­sche Wei­sen. Sie trägt ein pin­kes T‑Shirt mit der Auf­schrift „Game over“ und wird von ihrer Mut­ter auf der Oud beglei­tet. Neben den rot gepols­ter­ten Sitz­rei­hen ste­hen zwei Män­ner. „War­um habt ihr das ges­tern nicht über­ti­telt?“, fragt der eine. Er trägt Drei­ta­ge­bart, San­da­len und wei­ßen Thawb. Der ande­re trägt einen vor­neh­men, blau­en Slim-Fit-Anzug und schweigt. Erst als der Mann in ori­en­ta­li­schem Gewand sei­ne Fra­ge wie­der­holt, nun mit lau­te­rer Stim­me, „War­um?“, fühlt sich der ande­re zu einer Ant­wort her­aus­ge­for­dert. „Du weißt“, sagt er, „wie sehr ich die Kunst lie­be, aber am Ende ist alles immer auch ein biss­chen Poli­tik.“ Das Mäd­chen auf der Büh­ne singt unbe­irrt wei­ter. 

Streit um Über­ti­tel

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Der Mann im Thawb ist Fisal Al Saa­ri, der wohl bekann­tes­te Oud-Spie­ler der Emi­ra­te. Er reißt die Gren­zen von tra­di­tio­nel­ler ara­bi­scher Musik, Jazz und Klas­sik ein und hat zur  Eröff­nung des Lou­vre im Wüs­ten­staat gemein­sam mit dem Gus­tav Mah­ler Jugend­or­ches­ter und Chris­toph Eschen­bach sei­ne eige­ne Kom­po­si­ti­on auf­ge­führt – das welt­weit ers­te Sym­pho­nie­kon­zert für Oud. Auf­trag­ge­ber war der Mann im blau­en Anzug: Ronald Perl­witz. Er kommt aus Ham­burg und arbei­tet seit vie­len Jah­ren als Kul­tur­ma­na­ger und Orga­ni­sa­tor der „Abu Dha­bi Clas­sics“ im Wüs­ten­staat. The­ma der bei­den ist das gest­ri­ge „Walküren“-Gastspiel der Bay­reu­ther Fest­spie­le, das Perl­witz ins Luxus-Hotel „Emi­ra­tes Palace“ geholt hat, in dem so ziem­lich alles Blatt­gold ist, was glänzt. 

Lei­ter des Abu Dha­bi Clas­sics Ronald Perl­witz

Das letz­te Mal hat­te Perl­witz Katha­ri­na Wag­ner vor 11 Jah­ren mit High­lights aus dem „Ring“ nach Abu Dha­bi ein­ge­la­den. Die­ses Mal stand die ers­te Auf­füh­rung einer gesam­ten Oper in Abu Dha­bi auf dem Pro­gramm. Für die „Wal­kü­re“ brach­te die Fest­spiel­lei­te­rin den Diri­gen­ten Mar­kus Posch­ner (er ist kurz­fris­tig für Marek Janow­ski ein­ge­sprun­gen), das Fest­spiel-Orches­ter und eine Star­be­set­zung aus Ste­phen Gould, Albert Doh­men, Egils Silins, Danie­la Köh­ler und Cathe­ri­ne Fos­ter mit. 

Wie aber soll man im Scheich-Staat mit einem Wag­ner Libret­to umge­hen, in dem sich alles um Inzest, Ehe­bruch und einen in Ver­trä­ge ver­strick­ten Herr­scher dreht? Perl­witz ent­schied sich, auf Über­ti­tel zu ver­zich­ten und bestell­te statt­des­sen ein Video. Das will dem Publi­kum in der betu­li­chen Ästhe­tik eines „Drei Hasel­nüs­se für Aschenbrödel“-Filmes den unge­fäh­ren Hand­lungs­rah­men mit mög­lichst viel Feu­er­zau­ber und mög­lichst wenig Details nahe­brin­gen. Ein Groß­teil des emi­ra­ti­schen Publi­kums über­for­dert das, auch den Oud-Vir­tuo­sen Fisal Al Saa­ri.

Ein Land im Umbruch

Wir wären bereit für den Text gewe­sen“, erklärt er Perl­witz neben der Büh­ne, „wir leben doch nicht hin­ter dem Mond! Die ‚Wal­kü­re’ ist ein Mythos, kei­ne wah­re Geschich­te – das ver­ste­hen wir schon.“ Dann schwei­gen die Män­ner, schau­en sich an – und umar­men ein­an­der. Viel­leicht, weil sie wis­sen, dass ihr Gespräch auf jenem Grat zwi­schen Kul­tur und Poli­tik, Reli­gi­on und Welt­of­fen­heit, zwi­schen west­li­cher und ori­en­ta­li­scher Tra­di­ti­on tanzt wie die jun­ge Nati­on Abu Dha­bi sel­ber: ein Land im Umbruch.

Blick auf den Emi­ra­tes Palace

Erst 1971 ver­lie­ßen die Bri­ten die Regi­on und die sie­ben Golf­staa­ten schlos­sen sich zu den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten zusam­men. In jener Zeit ent­wi­ckel­te Scheich Zay­ed bin Sul­tan Al Nahyan auch sei­nen Mas­ter­plan für Abu Dha­bi. Er woll­te den Staat, in dem die meis­ten Ein­woh­ner noch von der müh­sa­men, gefähr­li­chen und unren­ta­blen Per­len­fi­sche­rei leb­ten, in eine moder­ne Metro­po­le ver­wan­deln und sei­ne Bevöl­ke­rung an den Gewin­nen der Öl-Indus­trie betei­li­gen. Heu­te gibt es ein Grund­ein­kom­men von rund 8.000 Euro für jeden Emi­ra­ti, kos­ten­lo­se Kran­ken­vor­sor­ge, ein Haus als Geschenk zur Ehe­schlie­ßung und Geld für jedes Kind. Vor allen Din­gen aber wol­len die Emi­ra­te eine siche­re Oase in der Kri­sen­re­gi­on des Nahen Ostens sein. Kul­tur spielt dabei eine stra­te­gi­sche Rol­le. In ihr kön­nen tra­di­tio­nel­le Gren­zen über­schrit­ten und undenk­ba­re Gedan­ken schon heu­te gedacht wer­den.  

Der Lou­vre in Abu Dha­bi

Die­ses Frei­den­ken ist auch im Lou­vre in Abu Dha­bi zu sehen, einer gigan­ti­schen wei­ßen Kunst-Kugel, die vor andert­halb Jah­ren vom Archi­tek­ten Jean Nou­vel auf eine san­di­ge Insel vor dem Fest­land gesetzt wur­de. Hier wird ein voll­kom­men neu­er Blick auf die glo­ba­le Kul­tur­ge­schich­te gewor­fen, qua­si eine begeh­ba­re Ring­pa­ra­bel. In jedem Raum ste­hen Objek­te aller Reli­gio­nen, des Chris­ten­tums, des Bud­dhis­mus, des Juden­tums und des Islam neben­ein­an­der. Das Ver­ei­nen­de steht im Zen­trum, egal, ob die Rol­le des Lich­tes (in den Roset­ten­fens­tern des deut­schen Mit­tel­al­ters oder in den Moschee-Leuch­ten des 17. Jahr­hun­derts), die Vor­lie­be für Gold (bei Kult-Mas­ken aller Reli­gio­nen), oder die moder­ne Idee, den Kör­per zum Malen zu benut­zen. 

Koran und Tora

Wäh­rend Israe­lis und Juden in den Emi­ra­ten bis heu­te uner­wünscht sind, gesteht man christ­li­chen und bud­dhis­ti­schen Gast­ar­bei­tern inzwi­schen sogar eige­ne Got­tes­häu­ser zu. Der Papst-Besuch war der bis­he­ri­ge Höhe­punkt des „Jah­res der Tole­ranz“, das Abu Dha­bi gera­de aus­ge­ru­fen hat. In einem dunk­len Saal des Lou­vre liegt neben dem hand­schrift­li­chen Koran und einer hand­schrift­li­chen Bibel auch eine hand­schrift­li­che Tora.

Die gro­ße Moschee in Abu Dha­bi

Viel­leicht ver­hält es sich mit der „Wal­kü­re“ in Abu Dha­bi ein biss­chen wie mit den bei­den Bud­dha-Figu­ren, die eben­falls im Muse­um aus­ge­stellt sind. Eine der vie­len indi­schen Gast­ar­bei­te­rin­nen steht als Muse­ums­füh­re­rin zwi­schen den zwei Skulp­tu­ren. „Auf der einen Sei­te sehen Sie eine ori­gi­nal indi­sche Sta­tur mit gro­ßen Man­del­au­gen wie bei mir“, sagt sie und lächelt, „dane­ben sehen Sie, was pas­siert, wenn Reli­gio­nen auf Rei­sen gehen: ein chi­ne­si­scher Bud­dha mit schma­len, asia­ti­schen Augen.“ 

Auch die Fest­spie­le haben die Augen für ihre „Wal­kü­re“ in Abu Dha­bi nun ein wenig zuge­knif­fen und beim Export das Pro­vo­ka­ti­ons-Poten­zi­al auf der Stre­cke gelas­sen. Wäh­rend Frank Cas­torf dem euro­päi­schen Publi­kum in Bay­reuth vor­führt, dass das Öl das neue Rhein­gold ist (und damit Anlass für Hass, Krieg und Apo­ka­lyp­se), lässt man in Abu Dha­bi Wag­ners Über­wäl­ti­gungs­mu­sik lie­ber für sich spre­chen. 

Katha­ri­na Wag­ner steht mit Kopf­hö­rern und Sprech­funk an der Sei­ten­büh­ne und über­nimmt höchst­per­sön­lich die Abend­spiel­lei­tung. Sie diri­giert die Sän­ger auf die Büh­ne, umarmt sie nach ihren Auf­trit­ten und orga­ni­siert den Schluss-Applaus. „Wir könn­ten über­all zu Gast sein“, sagt sie, wäh­rend im „Emi­ra­tes Palace“ der Feu­er­zau­ber auf der Büh­ne tobt. „Aber hier in Abu Dha­bi geht es um etwas, das mir beson­ders am Her­zen liegt: Um kul­tu­rel­len Aus­tausch, der kei­ne Ein­bahn­stra­ße ist. Für mich ist es span­nend, zu sehen, wie Men­schen, für die Wag­ner nicht zum All­tag gehört, auf sei­ne Musik reagie­ren.“ Ein Satz, den auch der Papst auf sei­nem Besuch in den Emi­ra­ten hät­te sagen kön­nen, wenn er der Hei­li­ge Vater der Wag­ner-Reli­gi­on wäre. Katha­ri­na Wag­ner sagt ihn spä­ter noch ein­mal so ähn­lich am Pool des deut­schen Bot­schaf­ters.

Katha­ri­na Wag­ner hin­ter der Büh­ne bei der Auf­füh­rung der „Wal­kü­re“

Viel­leicht hat sie auch des­halb vor­nehm auf akus­ti­sche Ansprü­che ver­zich­tet. Das Audi­to­ri­um des „Emi­ra­tes Palace“ ist mit dicken Tep­pi­chen aus­ge­legt, und selbst ein gewal­ti­ger Wag­ner-Klang plumpst hier nach weni­gen Metern ein­fach zu Boden. „Den Ori­gi­nal-Bay­reuth-Klang gibt es eh nur in Bay­reuth“, sagt Wag­ner, „hier geht es dar­um, die Musik über­haupt erst ein­mal vor­zu­stel­len.“ 

Kapell­meis­ter Posch­ner

Diri­gent Mar­kus Posch­ner tut das, trotz nur einer Pro­be, mit kapell­meis­te­ri­schem Kön­nen: Er dimmt die Laut­stär­ke des Fest­spiel­or­ches­ters und macht es den Sän­gern etwas leich­ter: Aus Cathe­ri­ne Fos­ter scheint die anspruchs­vol­le Rol­le der Brünn­hil­de inzwi­schen nur so her­aus­zu­strö­men, Ste­phen Gould kos­tet das Abu Dha­bi­sche Mot­to von grö­ßer, län­ger und lau­ter in sei­nen „Wälse“-Rufen aus, Albert Doh­men scheint Hun­dings Bos­haf­tig­keit offen­sicht­lich Spaß zu berei­ten, und Egils Silins legt einen gewal­ti­gen Wotan hin, der immer wie­der zu lei­den­schaft­li­chen Pia­ni fähig ist. Ein durch­aus bay­reu­thwür­di­ges Ensem­ble, dem mit Posch­ner ein Diri­gent vor­steht, den Katha­ri­na Wag­ner spä­tes­tens jetzt auch für den Hügel auf der Rech­nung haben wird.

Den­noch ist das Audi­to­ri­um des „Emi­ra­tes Palace“ nur etwas mehr als halb gefüllt. Einst wur­de der Luxus­schup­pen als pro­vi­so­ri­sches Par­la­ment der Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te und als Über­nach­tungs­mög­lich­keit für die Scheichs der sie­ben Emi­ra­te gebaut. Ein Haus, das über­all – vom Blatt­gold an den Wän­den bis zu den per­fekt gegar­ten Spei­sen auf den Restau­rant-Tel­lern – zeigt, was es kann. Man könn­te auf die Idee kom­men, dass auch das Gast­spiel der Bay­reu­ther Fest­spie­le dem emi­ra­ti­schen Cre­do der Super­la­ti­ve geschul­det ist und man sich Bay­reuth nur in die Wüs­te geholt hat, weil man es kann. Doch das stimmt nicht ganz.

Foy­er des Emi­ra­tes Palace

Der Wag­ner-Ver­band Abu Dha­bi besteht aus zwei Män­nern, die sich unre­gel­mä­ßig in ihren Pri­vat­räu­men tref­fen. Dann holen sie die alten Knap­perts­busch-Plat­ten aus dem Regal und lau­schen den Leit­mo­ti­ven des „Rin­ges“. Einer von ihnen ist der Lei­ter der Abu Dha­bi Clas­sics, Ronald Perl­witz. Der ande­re Zaki Nussei­beh: ein älte­rer, hage­rer und aus­neh­mend freund­li­cher Emi­ra­ti mit Came­bridge-Abschluss. An sol­chen Aben­den ent­wi­ckeln die bei­den ihre kul­tu­rel­len Visio­nen für das Land. So wer­den die Musik-Lehr­plä­ne an den Schu­len von Abu Dha­bi neu­er­dings am Gast­spiel-Pro­gramm der Abu Dha­bi Clas­sics aus­ge­rich­tet. Die letz­ten Wochen wur­de in den Klas­sen­zim­mern Wag­ner gepaukt, und zur „Walküren“-Generalprobe wur­de der drit­te Auf­zug für Schü­ler geöff­net.

Die gro­ße Moschee in Abu Dha­bi

Zaki Nussei­beh sitzt bei der Bay­reuth-Pre­mie­re im „Emi­ra­tes Palace“ in der ers­ten Rei­he neben Perl­witz. Wenn man sei­nen Namen goog­let, besteht nicht ein­mal bei Wiki­pe­dia Sicher­heit über sei­ne der­zei­ti­ge Posi­ti­on. „Ver­mu­te­te Ämter“, heißt es dort, und dass er wahr­schein­lich als Infor­ma­ti­ons­mi­nis­ter tätig sei. Auch Ronald Perl­witz ver­weist, wenn man ihn nach der genau­en Posi­ti­on sei­nes Freun­des fragt, lie­ber auf die Ver­gan­gen­heit, in der Nussei­beh das Kul­tur­mi­nis­te­ri­um von Abu Dha­bi lei­te­te. Sicher aber ist, dass Zaki Nussei­beh einer der wich­tigs­ten intel­lek­tu­el­len Vor­den­ker des moder­nen Abu Dha­bi ist.

Zwei Wag­ne­ria­ner in der Wüs­te

Das Gesicht des Lan­des aber ist der Staats­grün­der Scheich Zay­ed. Er hängt als Mobi­lé unter einen gigan­ti­schen Mar­mor­bo­gen, als Giga-Por­trät aus Mini-Brief­mar­ken im Muse­um, als demü­ti­ger ara­bi­scher Füh­rer, der auf einer Schwarz-Weiß-Foto­gra­fie vor einem Schiff im Sand am Meer kniet, in öffent­li­chen Räu­men, oder als moder­ner Staats­mann, der mit akku­rat geschnit­te­nem Bart und läs­si­ger Son­nen­bril­le Staats­chefs aus aller Welt emp­fängt. 

Scheich-Bera­ter Zaki Nussei­beh (Mit­te)

Im Scheich-Muse­um, das dem 2004 ver­stor­be­nen Staats­grün­der gewid­met ist, sind – zwi­schen aus­ge­stopf­ten Löwen, sei­nem alten BMW und Uni­for­men – auch zahl­rei­che Bil­der mit dem Wag­ne­ria­ner Nussei­beh zu sehen. Als enger Bera­ter, als Infor­ma­ti­ons­mi­nis­ter, der die Zei­tun­gen des Lan­des grün­de­te und als Lei­ter der Kul­tur­be­hör­de, die Abu Dha­bi für die Zeit nach dem Öl rüs­ten soll. Schließ­lich sind die Ölre­ser­ven begrenzt und der Ölpreis fällt kon­ti­nu­ier­lich. Leu­te wie Nussei­beh wis­sen, dass Toris­mus und Kul­tur neben dem Finanz­we­sen das wich­tigs­te Stand­bein der Zukunft sein wer­den. Er hat sowohl eine Zweig­stel­le der Sor­bon­ne als auch den Lou­vre nach Abu Dha­bi geholt – und für den Kul­tur-Hun­ger zwi­schen­durch eben die Bay­reu­ther Fest­spie­le.

Scheich Muse­um in Abu Dha­bi

Ursprüng­lich stammt Nussei­beh aus einer tra­di­ti­ons­rei­chen paläs­ti­nen­si­schen Fami­lie in Jeru­sa­lem, die mit dem Abzug der Eng­län­der aus Isra­el 1948 ver­trie­ben wur­de. Zaki Nussei­behs Bru­der Sari, ein bekann­ter Phi­lo­soph, schloss sich der PLO an, wur­de intel­lek­tu­el­ler Bera­ter von Yas­sir Ara­fat, sam­mel­te Gel­der für die ers­te Inti­fa­da und lei­te­te spä­ter die al-Quds-Uni­ver­si­tät in Jeru­sa­lem. Zaki ging der­weil nach Abu Dha­bi und half dem Scheich einen Staat zu machen. Seit jeher ist er begeis­ter­ter Wag­ne­ria­ner, war bereits eini­ge Male in Bay­reuth, und das Gast­spiel mit Katha­ri­na Wag­ner war sein Her­zens­wunsch – sein Wag­ner-Freund Perl­witz hat es nun mög­lich gemacht. 

Gemein­sam haben die bei­den auch ein Sym­po­si­um für das Bay­reu­ther Gast­spiel ange­setzt, auf dem unter ande­rem über Wag­ner und den Islam debat­tiert wer­den soll­te. Das Publi­kums-Inter­es­se hielt sich aller­dings in Gren­zen, was viel­leicht auch an der Beset­zung des Podi­ums lag: Der Vor­trag des Bay­reu­ther Pro­fes­sors Ulrich Ber­ner war sowohl inhalt­lich als auch sprach­lich eher ein genu­schel­tes, stab­rei­me­ri­sches Kau­der­welsch.

Wag­ner ist sicher­lich noch nicht in der Mit­te der emi­ra­ti­schen Gesell­schaft ange­kom­men.  Aber das Gast­spiel der Bay­reu­ther Fest­spie­le hat auch eher eine stra­te­gi­sche Bedeu­tung. Sie zielt eher weni­ger auf die 15 Pro­zent Emi­ra­tis, die in Abu Dha­bi woh­nen, son­dern eher auf die 85 Pro­zent so genann­ter „Expats“, jene Gast­ar­bei­ter, auf die Boom-Staa­ten wie Abu Dha­bi ange­wie­sen sind: Paki­sta­ni­sche Taxi­fah­rer, indi­sche Kell­ner, indo­ne­si­sche Stra­ßen­ar­bei­ter und deut­sche Inge­nieu­re hal­ten das Land am Lau­fen. 

Kul­tur als neu­es Öl

Für pre­kär beschäf­tig­te Gast­ar­bei­ter gel­ten stren­ge Auf­la­gen: Regel­mä­ßi­ge Gesund­heits­un­ter­su­chun­gen und die Aus­wei­sung bei Krank­heit, mit dem 65. Lebens­jahr müs­sen die Zuwan­de­rer wie­der ver­schwin­den, und ihre Part­ner dür­fen sie erst nach­ho­len, wenn sie genug ver­die­nen. Etwas libe­ra­ler wer­den die Geset­ze bei Füh­rungs­kräf­ten, beson­ders aus Euro­pa, aus­ge­legt. Damit die sich in Abu Dha­bi wohl füh­len, ist Kul­tur nötig. Die Bay­reu­ther Fest­spie­le sind also auch ein Stand­ort­fak­tor. Und natür­lich spielt der Tou­ris­mus eine Rol­le: Fast fünf Mil­lio­nen Men­schen besu­chen Abu Dha­bi jähr­lich, 150.000 davon sind Deut­sche. Für sie ist das Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis der Hotels inter­es­sant, die Sicher­heit im Land, das Kli­ma – neben 5‑S­ter­ne-Hotel­an­la­gen soll das kul­tu­rel­le Ange­bot die Rei­sen­den locken. Gera­de in Sachen Klas­sik hat Abu Dha­bi noch Nach­hol­be­darf: Wäh­rend es im Oman bereits ein eige­nes Opern­haus samt Ensem­ble gibt und in Dubai ein Haus für Gast­spie­le, ver­schiebt sich der Neu­bau eines Kon­zert­hau­ses in Abu Dha­bi seit Jah­ren – zunächst sol­len nun das neue natio­na­le Muse­um und das Gug­gen­heim-Muse­um neben dem Lou­vre ent­ste­hen. 

Blick auf Abu Dha­bi

Ein wei­te­rer Grund für Gast­spie­le wie das der Bay­reu­ther Fest­spie­le wird eher hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand for­mu­liert. „Musik an sich ist in vie­len isla­mi­schen Staa­ten bereits eine Bot­schaft“, sagt ein Emi­ra­ti. Auf­füh­run­gen wie die „Wal­kü­re“ wer­den in den Emi­ra­ten auch als Kampf­an­sa­ge an den radi­ka­len Islam, an den Isla­mi­schen Staat und an Al-Qai­da ver­stan­den. Abu Dha­bi, so scheint es, ver­sucht der­zeit den diplo­ma­ti­schen Tanz zwi­schen eige­ner Tra­di­ti­on und einer sou­ve­rän gesteu­er­ten Öff­nung gen Wes­ten zu tan­zen, was gera­de Sau­di Ara­bi­en zuwei­len zum Auf­hor­chen bringt. Die Emi­ra­te aber brau­chen sowohl den Schutz des Nach­barn als auch eine kul­tu­rel­le Öff­nung. Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen wie die „Wal­kü­re“ aus Bay­reuth zei­gen die viel­fäl­ti­gen Moti­va­tio­nen, Inter­es­sen­la­gen und Bedin­gun­gen bei die­sem gewal­ti­gen Tanz in der Wüs­te. 

In der Oud-Schu­le von Abu Dha­bi lachen Fisal Al Saa­ri und Ronald Perl­witz schon wie­der gemein­sam und lau­schen nun dem 14jährigen Mäd­chen aus Ägyp­ten. Hier, in der Musik­schu­le, ist die kul­tu­rel­le Kraft, die in Abu Dha­bi herrscht, viel­leicht am inten­sivs­ten zu spü­ren: Men­schen, die nichts ande­res wol­len, als Musik zu machen, für die es selbst­ver­ständ­lich ist, ihre Musik auf­zu­füh­ren und neu­gie­rig auf das Frem­de sind. Der Gesang des Mäd­chens auf der Büh­ne geht auch den Gäs­ten aus Euro­pa unter die Haut – ganz ohne Unter­ti­tel.

Autor Axel Brüg­ge­mann expe­ri­men­tiert mit einer Oud-Gei­ge

Cre­scen­do reis­te auf Ein­la­dung von Abu Dha­bi Tou­rimus.

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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