Johann Sebastian Bachs musikalische Produktivität schien unerschöpflich. Er schuf ein Universum der Spiritualität, Leidenschaft und Lebensfreude. Und Architekturen von einer inneren Logik und einer metaphysischen Kraft, die auf wundersame Weise dem Zeitenwandel enthoben sind. Bachs Musik ist immer aktuell, unabhängig von fester Klanggestalt und auf unendlich viele Arten interpretierbar. Aber welcher Sterbliche bekommt sie jemals in toto zu hören? Und ist es überhaupt möglich, sein komplettes Werk klingend zu erleben?
Zum 333. Geburtstag des Thomaskantors hat Universal aus den Archiven der Deutschen Grammophon und Decca sowie weiterer 30 Labels und dem Leipziger Bach-Archiv das Gesamtwerk Bachs auf 222 CDs zusammengetragen und damit das bisher größte derartige Projekt der Schallplattengeschichte gestemmt: Das in einer 13 Kilogramm schweren Pappbox nach Farben geordnete Riesenkonvolut enthält über 280 Stunden Musik mit 750 Interpreten, darunter zehn Stunden Neuaufnahmen – so etwa Giuliano Carmignolas brandaktuelle Einspielung der Sonaten und Partiten für Violine solo.
Beigefügt sind zwei wissenschaftlich fundierte Hardcover-Bücher zu Leben und Werk Bachs mit 13 neuen Essays von führenden Bach-Forschern sowie eine aktualisierte Version des Bach-Werke-Verzeichnisses (BWV) mit der exakten Zuordnung aller CD-Tracks zu sämtlichen Werken Bachs. Das klingende Material versammelt Aufnahmen aus den letzten 90 Jahren und bietet sogar auf mehr als 50 CDs Vergleichs­einspielungen bekannter Werke an, so etwa drei Versionen der „Brandenburgischen Konzerte“ unter Goebel, Pinnock und Harnoncourt. Im Anhang gibt es 15 CDs mit Vorbildern und Bearbeitern Bachs von Buxtehude über Stokowski bis Jacques Loussier und Peter Gregson. Im Zeitalter der Ramsch-Container wirkt diese Edition überwältigend seriös und hochwertig und gewährt nicht nur dem Bach-­Kenner den unmittelbaren Zugang zu einem tönenden Universum des Humanen.

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Attila Csampai
Attila Csampai ist Chefrezensent bei crescendo. Als gebürtiger Budapester lebt er seit 1957 in München, und studierte hier Musikwissenschaft. Seit 1974 schreibt er Schallplattenkritiken in allen wichtigen Fachzeitschriften. Seine Essays, seine Werkkommentare und vor allem sein zahlreichen Musikbücher sind legendär. 32 Jahre lang war er Musikredakteur und Live-Moderator beim Bayerischen Rundfunk. Seine CD-Sammlung umfasst mehr als 30.000 Alben.

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