CRESCENDO: Waren Sie ein gro­ßer Opern­fan, bevor Sie die­ses Pro­jekt in Angriff nah­men?
Abso­lut nicht. Ich hat­te von Oper kei­ne Ahnung.

 

CRESCENDO: Sie hat­ten kei­ne Affi­ni­tät zu Oper und haben einen Film über Pava­rot­ti gemacht?

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Ich war schon ein paar Mal in der Oper gewe­sen. Zum ers­ten Mal mit vier, als ich einen Film als Dar­stel­ler in Wien dreh­te und mei­ne Eltern mich in die Staats­oper mit­nah­men. Ich kann mich noch gut an die Sopra­nis­tin in ihrem gol­de­nen Kos­tüm erin­nern. Und ich habe mir auch sonst Opern ange­hört, ich respek­tie­re die­se Musik. Aber ich hat­te kei­ne ech­te Wis­sens­ba­sis. Was nicht von Nach­teil ist. Ich lie­be es, mich in eine mir unbe­kann­te Mate­rie zu ver­gra­ben und sie dann einem brei­ten Publi­kum näher­zu­brin­gen. Ich hat­te auch nicht viel Ahnung vom NASA-Raum­fahrt­pro­gramm, bevor ich Apol­lo 13 dreh­te.

Ein klatsch­nas­ser Lucia­no Pava­rot­ti mit einer klatsch­nas­sen Prin­zes­sin Dia­na nach einem Kon­zert
bei strö­men­dem Regen im Lon­do­ner Hyde Park am 30. Juli 1991.
Die bei­den sam­mel­ten Geld für die welt­wei­te Besei­ti­gung von Land­mi­nen.
(Foto: © Glo­be Pho­tos / ZUMAPRESS.COM / Wild Bunch Ger­ma­ny)

CRESCENDO: Aber wie kamen Sie dazu, genau die­se Doku­men­ta­ti­on zu rea­li­sie­ren?
Nach mei­ner Beat­les-Doku­men­ta­ti­on Eight Days a Week kam Pava­rot­tis Plat­ten­fir­ma auf mich und mein Team zu, und sobald ich mehr über ihn zu lesen begann, war ich regel­recht fas­zi­niert. Davon abge­se­hen, war mir immer bewusst, was für eine über­wäl­ti­gen­de Per­sön­lich­keit er war. Ich hat­te ihn in Fern­seh­talk­shows erlebt, und ein­mal war ich ihm ganz kurz bei einer Ver­an­stal­tung begeg­net. Da lie­fen alle mög­li­chen pro­mi­nen­ten Leu­te her­um, aber als Pava­rot­ti in sei­nem Fedo­ra und sei­nem wei­ßen Schal ankam, hat er mit sei­nem Cha­ris­ma und sei­ner Herz­lich­keit alle über­strahlt. Es war regel­recht spür­bar.

CRESCENDO: Und wie geht man dann als Opern-Laie an ein der­ar­ti­ges Pro­jekt her­an?
Erst ein­mal braucht man etwas, was das Publi­kum unter­hält und mit­zieht. Die Aus­gangs­ba­sis ist die Musik. Man weiß, man kannst sie digi­tal restau­rie­ren und neu mixen. Doch dann ent­deck­te ich, dass Pava­rot­tis Leben etwas Opern­haf­tes an sich hat­te. Die gan­zen Wen­dun­gen sei­ner per­sön­li­chen Rei­se fan­den sich in den The­men sei­ner Ari­en reflek­tiert. Als ich mir die Auf­nah­men ver­schie­de­ner Ari­en anschau­te, begann ich nach Auf­trit­ten zu suchen, bei denen er zur glei­chen Zeit auf der per­sön­li­chen Ebe­ne etwas durch­mach­te. Das heißt, bei denen er die The­men und Ide­en ganz beson­ders tief emp­fun­den haben muss­te. Das habe ich auch in der Arbeit mit Schau­spie­lern erlebt, die manch­mal in Sze­nen etwas aus­drü­cken, das aus dem Inners­ten ihrer Psy­che kommt.

1966 debü­tier­te Lucia­no Pava­rot­ti als Her­zog von Man­tua in Ver­dis Rigo­let­to an der Mai­län­der Sca­la.
(Foto: © Wild Bunch Ger­ma­ny)

CRESCENDO: Wel­che Auf­trit­te rag­ten beson­ders her­aus?
Zum Bei­spiel eine Spe­zi­al­sen­dung aus sei­nen spä­te­ren Jah­ren mit sei­ner Pagliac­ci-Arie. Da dach­te ich mir zum ers­ten Mal: „Oh, da gibt’s zwi­schen ihm und die­ser Musik eine beson­de­re Ver­bin­dung.“ Nes­sun Dor­ma in den Cara­cal­la-Ther­men wirft einen um, das hat mich jedes Mal bewegt. Und eine Tos­ca-Auf­füh­rung in Rom gegen Ende sei­nes Lebens. Wenn man das in die­sem Kon­text siehst, zusam­men mit den Ova­tio­nen des Publi­kums, kriegst man eine Gän­se­haut.

Der klei­ne Lucia­no mit sei­nen Eltern, dem Bäcker Fer­nan­do und des­sen Frau Ade­le,
die in einer Tabak­fa­brik arbei­te­te

(Foto: © Wild Bunch Ger­ma­ny)

CRESCENDO: Kön­nen Sie sagen, wie viel Film­ma­te­ri­al Sie gesich­tet haben?
Ich habe kei­ne Ahnung. Es waren auf jeden Fall Tau­sen­de von Metern. Zum Glück hat mein Schnitt­team für mich eine Vor­auswahl getrof­fen. Wir haben uns bei­spiels­wei­se alle mög­li­chen La-Bohè­me-Auf­zeich­nun­gen ange­schaut, hat­ten auch Ama­teur­auf­nah­men. Zum Bei­spiel hat jemand einen Auf­tritt von La fil­le du régiment mit­ge­filmt, in dem er die neun hohen Cs singt. Hin­zu kamen auch die Heim­vi­de­os von sei­ner zwei­ten Frau Nico­let­ta Man­to­va­ni.

CRESCENDO: Wie viel Mate­ri­al hat sie Ihnen gelie­fert?
Ich kann es nicht bezif­fern – es war viel, aber kei­ne Stun­den. Hier war das Pro­blem, dass die Audio­spur nicht gut zu hören war. Aber wir konn­ten das tech­nisch lösen. Und uns war sofort klar, dass wir das nut­zen woll­ten. Denn hier spricht er ganz authen­tisch und unge­fil­tert über sein Leben, nicht für irgend­wel­che Fern­seh­ka­me­ras.

Lucia­no Pava­rot­ti in sei­ner Geburts­stadt Mode­na
(Foto: © Wild Bunch Ger­ma­ny)

CRESCENDO: Es gelang Ihnen, Pava­rot­tis bei­de Frau­en und sei­ne Töch­ter aus ers­ter Ehe vor die Kame­ra zu holen. Das dürf­te nicht ganz ein­fach gewe­sen sein.
Ja, aber es war mir wich­tig, dass sich auch Adua Vero­ni und die älte­ren Töch­ter äußern. Denn ich woll­te, dass die­ser Film einen Blick auf sein gan­zes Leben wirft – er soll­te eine epi­sche Oper bie­ten. Ich wuss­te dabei nicht, was mir alle Betei­lig­ten erzäh­len wür­den. Aber alle waren bereit, weil ich gewis­ser­ma­ßen als Mit­tels­mann fun­gier­te. So gese­hen, hat­te der Film auf die Fami­lie eine hei­len­de Wir­kung.

Lucia­no Pava­rot­ti mit sei­nen drei Töch­tern Loren­za, Cris­ti­na und
Giu­lia­na aus der Ehe mit Adua Vero­ni

(Foto: © Wild Bunch Ger­ma­ny)

CRESCENDO: Pava­rot­tis 16-jäh­ri­ge Toch­ter Ali­ce aus zwei­ter Ehe taucht aller­dings nicht auf. War­um?
Es ergab für mich nicht wirk­lich Sinn, da wir mög­lichst viel aus sei­nem Blick­win­kel erzäh­len woll­ten. Wir nah­men also Inter­views, Ari­en, die sei­ne Geschich­te reflek­tier­ten, und so viel von sei­nen Auf­nah­men wie mög­lich. Inter­views mit ande­ren ­Betei­lig­ten haben wir nur benutzt, um einen Kon­text zu schaf­fen. Ali­ce, die vier war, als ihr Vater starb, konn­te nicht wirk­lich Erkennt­nis­se zu ihrem Vater ver­mit­teln.

Zur Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft 1998 in Paris gaben José Car­re­ras, Lucia­no Pava­rot­ti
und Pláci­do Dom­in­go als „Die drei Tenö­re“ am 10. Juli ein welt­weit aus­ge­strahl­tes Kon­zert
zu Füßen des Eif­fel­turms.

(Foto: © Alain BENAIN­OUS/Gam­ma-Rapho / Wild Bunch Ger­ma­ny)

CRESCENDO: Einer der Inter­view­ten des Films ist Pláci­do Dom­in­go. Wenn Sie eine Doku­men­ta­ti­on über ihn gedreht hät­ten, wäre das jetzt ver­mut­lich sehr pro­ble­ma­tisch.
Ich kann nur sagen, dass ich ihm für sein Inter­view, das ich selbst nicht geführt habe, sehr dank­bar bin. Er war und ist ein gro­ßer Künst­ler, aber wir befin­den uns nun ein­mal in einer Zeit des Wan­dels. Män­ner auf der gan­zen Welt erle­ben ein Erwa­chen, weil sich ihr Ver­hält­nis zu Frau­en auf kon­struk­ti­ve Wei­se ver­än­dert. Ich wün­sche ihm das Bes­te für die­se schwie­ri­ge und für ihn pein­li­che Zeit. Aber so etwas ist eben ein Preis, den man für die­se sehr wich­ti­gen Ver­än­de­run­gen bezah­len muss.

Lucia­no Pava­rot­ti mit sei­nen Eltern
(Foto: © Wild Bunch Ger­ma­ny)

CRESCENDO: Sie selbst mach­ten als Regis­seur unan­ge­neh­me Erfah­run­gen, weil Ihr letz­ter Film, das Star-Wars-Epos Solo flopp­te. Ist die Arbeit an Pava­rot­ti eine Erleich­te­rung?
So den­ke ich nicht. Jedes Pro­jekt bringt sei­ne eige­nen Her­aus­for­de­run­gen mit sich, und ich lie­be es, zwi­schen fik­tio­na­len Geschich­ten und Doku­men­ta­tio­nen hin und her zu wech­seln. Ich bin ein sehr neu­gie­ri­ger Mensch, und ich lie­be es, in verschie­densten Gen­res auf Ent­de­ckungs­rei­sen zu gehen. Alle Arbei­ten befruch­ten sich bei mir gegen­sei­tig.

CRESCENDO: Sie sag­ten, dass Sie vor Pava­rot­ti kei­ne gro­ße Opern­af­fi­ni­tät hat­ten. Inwie­weit hat Sie die­ser Film geis­tig befruch­tet?
Ich höre jetzt wesent­lich häu­fi­ger Opern – habe sie im Auto lau­fen. Ich weiß sie auch viel bes­ser zu schät­zen, ver­ste­he ihre The­men und was die Sän­ger leis­ten müs­sen, um dem Publi­kum das gan­ze Poten­zi­al einer Oper näher­zu­brin­gen.

Lucia­no Pava­rot­ti bei einem Auf­tritt in der Gro­ßen Hal­le des Vol­kes in Bei­jing
(Foto: © Vit­to­ria­no Ras­tel­li / Cor­bis via Get­ty Images / Wild Bunch Ger­ma­ny)

CRESCENDO: Könn­ten Sie sich jetzt auch vor­stel­len, Opern­re­gie zu füh­ren?
Nein, nie.

 

CRESCENDO: Wirk­lich nicht?
So weit wür­de ich mich nicht vor­wa­gen wol­len. Bei einer Doku­men­ta­ti­on kann ich ein­fach den Beob­ach­ter spie­len. So in der Art „Ich bin neu­gie­rig. Was kann ich über mein Sujet her­aus­fin­den? Wie kann ich es den Zuschau­er ver­mit­teln?“. Aber es wäre unfair gegen­über der Kunst­form Oper und gegen­über den Publi­kum, wenn ich mich zu so etwas erdreis­ten wür­de.

 

Pava­rot­ti“. Ein Film von Ron Howard.
Mit Lucia­no Pava­rot­ti, Bono, Lang Lang, Andrea Gri­mi­nel­li, Nico­let­ta Man­to­va­ni, Pláci­do Dom­in­go, Ange­la Gheor­g­hiu, Carol Vaness, Vit­to­rio Gri­go­lo, Made­lyn Renée, Zubin Meh­ta, Loren­za Pava­rot­ti, Giu­lia­na Pava­rot­ti, Cris­ti­na Pava­rot­ti, Anne Mid­get­te, Ter­ri Rob­son, Euge­ne Kohn, Joseph Vol­pe, Har­vey Golds­mith, Micha­el Kuhn, José Car­re­ras, Dick­on Stai­ner, Prin­zes­sin Dia­na u.a.
www.pavarotti-derfilm.de

Pava­rot­ti. Music from the Moti­on Pic­tures”,
direc­ted by Ron Howard (Dec­ca / Uni­ver­sal)
www.amazon.de

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