Das Thea­ter an der Wien nimmt die Münch­ner Obe­ron-Insze­nie­rung von Niko­laus Hab­jan auf – und zeigt viel Schön­heit und wenig Tie­fe.

Von Axel Brüg­ge­mann

Wenn man sagt, dass Carl Maria von Webers Mär­chen­oper „Obe­ron“ so etwas wie eine „Zau­ber­flö­te“ ohne Schlan­ge ist, oder ein „Som­mer­nachts­traum“ ohne Shake­speare, oder ein „Frei­schütz“ ohne Wolfs­schlucht, dann ist die aktu­el­le Insze­nie­rung am Thea­ter an der Wien (eine Kopro­duk­ti­on mit Mün­chen) in der Regie von Niko­laus Hab­jan wohl so etwas wie Hans Neu­en­fels‘ Bay­reu­ther „Lohen­grin“ – nur eben ohne Rat­ten und Tief­gang. Hab­jan ver­legt die Hand­lung  in ein Ver­suchs­la­bor von Ober­gott Obe­ron: Held Hüon muss aller­hand Prü­fun­gen im unter Dro­gen erträum­ten Ara­bi­en für sei­ne Lie­be zu Rezia bestehen und wird dabei von sei­nem Knap­pen Sche­re­as­min beglei­tet, der wie­der­um in Fati­me ver­knallt ist. Grund des Expe­ri­ments: Obe­rons Gemah­lin Tita­nia zwei­felt an der wah­ren Lie­be zwi­schen Mann und Frau. Also lässt ihr Gat­te eine gan­ze Heer­schar von Wis­sen­schaft­lern in wei­ßen Kit­teln mit aller­hand Mess­ge­rä­ten und unzäh­li­gen Betäu­bungs­sprit­zen eine Traum­welt bas­teln, in der Hüon sei­ne Prü­fun­gen bestehen und die wah­re Lie­be unter Beweis stel­len muss.

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Nicht, dass wir uns miss­ver­ste­hen: Inner­halb die­ser Regie-Idee setzt Hab­jan ein hand­werk­lich anstän­di­ges, ja, hüb­sches, Thea­ter in Sze­ne: Die Rol­le des Puck wird auf drei Schau­spie­ler mit effekt­vol­len und lebens­gro­ßen Pup­pen auf­ge­teilt und jeder Irr­witz der Hand­lung (zunächst der Mord am Königs­hof, dann der gro­ße Sturm und schließ­lich die Ver­skla­vung in einem Harem) wird als Aus­ge­burt der Cha­os-Wis­sen­schaft­ler plau­si­bel gemacht. Hab­jan und sei­nem Büh­nen­bild­ner Jakob Bross­mann gelin­gen dabei zutiefst lyri­sche (oder kit­schi­ge?) Bil­der: Luft­bal­lon-Haie, die durch den Schnür­bo­den schwe­ben, Schat­ten­ris­se, die durch unter­schied­li­che Wel­ten füh­ren, ein Papp­ti­ger, der mit einem Hieb besiegt wird und Obe­ron, der sich immer wie­der über­le­bens­groß mit leuch­tend gel­ben Augen aus dem Thea­ter­him­mel senkt, um sein Lie­bes-Expe­ri­ment wei­ter zu trei­ben.

Die Regie ver­wei­gert das Mit­den­ken.

Das alles ist hübsch anzu­se­hen, und, ja, Webers ver­schro­be­ne Ori­gi­nal-Par­ti­tur (er schrieb die Oper für Lon­don und sein Libret­tist James Robin­son Plan­ché lie­fer­te eher einen mit­tel­mä­ßi­gen Stein­bruch aus Shake­speare, „Zau­ber­flö­te“, „Ent­füh­rung aus dem Serail“ und „Fide­lio“ als eine ech­te Oper) erhält durch die Labor-Idee zwar einen gro­ßen Bogen, aber, wenn wir ehr­lich sind, kei­ne Tie­fe. Hab­jan dekli­niert jede ein­zel­ne Prü­fung im Labor vor­her­seh­bar durch und lässt  kei­nen Raum für Offen­heit, für die Mün­dig­keit des Publi­kums und für ech­te Ver­stö­rung. Sein Kunst­griff erhellt kei­ne ein­zi­ge Idee der Oper über die Plat­ti­tü­de hin­aus und ver­wei­gert sich der Auf­ga­be, Webers letz­tes gro­ßes Werk als Suche nach neu­en musi­ka­li­schen For­men in einer Umbruchs­zeit zwi­schen Mozart und Wag­ner zu ver­ste­hen, er igno­riert das Ara­bi­en-Bild des Kom­po­nis­ten und sei­ner Zeit eben­so wie aktu­el­le The­men einer Tyran­nen-Regie­run­gen oder Reli­gi­ons­kon­flik­te. Nicht aus­zu­den­ken, wie Calix­to Biei­to oder eben Hans Neu­en­fels mit die­sem sper­ri­gen Wun­der­tü­ten-Werk umge­gan­gen wären!

Statt­des­sen zau­bert Hab­jan ein moder­nes Bie­der­mei­er-Thea­ter auf die Büh­ne, an dem sich nie­mand rei­ben kann, in dem das Archai­sche und Anar­chi­sche geglät­tet wird, in dem nichts mehr weh­tut – und das am Ende spie­ßi­ger, belang­lo­ser und vor­her­seh­ba­rer als die eigent­li­che Oper dasteht.

Den eigent­lich moder­nen Eklek­ti­zis­mus, der in der Par­ti­tur steckt, lässt zum Glück Tho­mas Gug­eis, der jun­ge Schü­ler von Dani­el Baren­bo­im, hören, der offen­sicht­lich aus sei­nen Reper­toire-Vor­stel­lun­gen an der Ber­li­ner Staats­oper bes­tens ver­traut mit „Zau­ber­flö­te“ und „Frei­schütz“ ist. Gug­eis bewegt das Wie­ner Kam­mer­or­ches­ter und den Arnold Schoe­n­berg-Chor (Lei­tung: Erwin Ort­ner) zu einer Misch­form zwi­schen Klas­sik und Roman­tik, in der Webers abstru­sen Gegen­sät­ze zwi­schen ori­en­ta­li­scher Musik, gro­ßem roman­ti­schen Atem und bur­les­ken Volks­lie­dern durch­aus gewal­tig und und unver­ein­bar auf­ein­an­der­kra­chen.

Eine jun­ge Genera­ti­on pflegt die Opern-Tape­te.

Als Rezia hört man Annet­te Dasch das Know How der Roman­tik durch­aus noch an, auch wenn die gro­ße „Ozean“-Arie mit ihren unter­schied­li­chen dra­ma­ti­schen und lyri­schen Bögen zum nicht immer into­na­ti­ons­ge­nau­en Kraft­akt gerät. Wenn Vin­cent Wolfs­tei­ner an die Ram­pe tritt, um sei­nem Hüon-Tenor frei­en Lauf zu las­sen, klingt das jedes Mal wie der letz­te „Tristan“-Aufzug: Eine Klar­heit wie René Kol­lo und eine unge­heu­re Stimm-Wucht, der man zuwei­len – und gera­de im klei­nen Thea­ter an der Wien – aller­dings auch Mal ein Mez­zo­for­te gewünscht hät­te. Mau­ro Peter gibt den spiel­freu­di­gen Obe­ron und Juli­et­te Mars sei­ne zicki­ge, sing­spie­len­de Frau Tita­nia. Dani­el Schmutz­hard ver­wan­delt den Knap­pen Scher­as­min in einen bari­to­nal schmal­zi­gen Papa­ge­no, gegen die  Nata­lia Kawa­lek als sei­ne Gelieb­te Fati­me etwas blass bleibt. Groß­ar­tig das Pup­pen­spiel und die Stimm-Viel­falt der Puck-Tri­as von Manue­la Lins­halm, Dani­el-Fran­ti­sek Kamen und Sebas­ti­an Mock.

Dass die Lie­ben­den Rezia und Hüon schließ­lich gegen Obe­rons Labor-Mit­ar­bei­ter auf­be­geh­ren und die Welt des Expe­ri­ments durch den Wahn wah­rer Lie­be zer­stö­ren, ist eine vor­her­seh­ba­re Wen­dung, die am Ende eines ach so schö­nen Opern­abends die grund­sätz­li­che Fra­ge offen lässt: War­um gelingt es gera­de der jun­gen Regie-Genara­ti­on immer sel­te­ner das Neue zu den­ken, statt das Alte in geglät­te­ter Form zu prä­sen­tie­ren?

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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