Mendelssohns Ächtung durch die Nazis ist bis heute nicht überwunden. Noch immer ist das Interesse des breiten Publikums und vieler Musiker auf wenige Werke beschränkt, während vieles andere, wie etwa sein umfangreiches Klavierwerk, ein klägliches Schattendasein fristet. Hier zählt der italienische Pianist Roberto Prosseda zu den weltweit führenden Mendelssohn-Aktivisten, denn er hat nicht nur als erster das gesamte Solo-Klavierwerk modellhaft eingespielt, sondern auch eine Reihe verschollener Stücke wiederentdeckt. Jetzt hat er mit dem traditionsreichen Residentie Orkest aus Den Haag und seinem Chef Jan Willem de Vriend die beiden reifen Klavierkonzerte in g‑Moll und d‑Moll in einer elektrisierend frischen, ungestüm drängenden und historisch herben Interpretation aufgenommen und so zwei Meisterwerken der frühen Romantik eine in jedem Moment spannungsreiche und aufregende Klanggestalt verliehen. Dass er dem derzeit herrschenden Trend zu historischen Fortepiani widersteht und seine stets prägnante Artikulation lieber auf einem modernen Fazioli-Flügel glasklar ausformuliert, unterstreicht die zeitlose Modernität und die virtuose Brillanz dieser ewig jungen Konzerte, die die Schönheit und das humane Antlitz des Mozart’schen Erbes in sich tragen und genialisch weiterentwickeln. Das Rondo Brillant fungiert da als virtuos funkelndes, ähnlich temperamentvolles Bindeglied zwischen den Konzerten.