Vie­le mei­ner Wer­ke haben einen Bezug zum The­ma Krieg. Dass es so ist, beruht jedoch nicht auf einer frei­en Ent­schei­dung, die ich getrof­fen hät­te. Die Befas­sung mit dem The­ma Krieg ist mir viel­mehr von mei­nem Schick­sal und vom tra­gi­schen Schick­sal mei­ner Fami­lie auf­er­legt wor­den. Ich betrach­te es als mei­ne mora­li­sche Pflicht, über den Krieg und über die schreck­li­chen Din­ge zu schrei­ben, die den Men­schen in unse­rem Jahr­hun­dert wider­fah­ren sind“, erklär­te der Kom­po­nist Mie­c­zysław Wein­berg (Foto oben: © Olga Rak­hals­ka­ya) ein­mal. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der jüdi­schen Her­kunft und dem durch den Krieg vers­ur­sach­ten Leid wur­den zu sei­nem kom­po­si­to­ri­schen The­ma.

Ein­an­der respekt­voll und freund­schaft­lich ver­bun­den:
Dmi­tri Schosta­ko­witsch und Mie­c­zysław Wein­berg

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Am 8. Dezem­ber 1919 in War­schau gebo­ren, ver­hin­der­te der deut­sche Über­fall auf Polen Wein­berg an der Fort­set­zung sei­nes Stu­di­ums am Kon­ser­va­to­ri­um und zwang ihn 1949 zur Flucht. Wein­berg floh nach Minsk und konn­te am dor­ti­gen Kon­ser­va­to­ri­um bei Was­si­li Solotar­jow sein Stu­di­um fort­set­zen. Spä­ter erfuhr er, dass sei­ne Eltern und sei­ne Schwes­ter im Zwangs­la­ger Traw­ni­ki ums Leben gekom­men waren. Der deut­sche Ein­marsch in die Sowjet­uni­on zwang ihn erneut zur Flucht. 1941 floh er nach Tasch­kent. Von dort aus gelang­te ein Exem­plar sei­ner Ers­ten Sin­fo­nie in die Hän­de von Dmi­tri Schosta­ko­witsch, der sich für ihn ein­setz­te und ihm 1943 die Über­sied­lung nach Mos­kau ermög­lich­te.

Das Jewisch Cham­ber Orches­tra Munich unter Dani­el Gross­mann
(Foto: © Tho­mas Das­hu­ber)

Wein­berg blieb bis zu sei­nem Lebens­en­de 1996 in Mos­kau, obgleich er durch den Anti­se­mi­tis­mus unter Sta­lin stän­di­gen Repres­sio­nen aus­ge­setzt war. „Ich war in eine Ein­zel­zel­le gesteckt wor­den, in der ich nur sit­zen, nicht lie­gen konn­te. Nachts wur­de manch­mal ein star­kes Flut­licht ein­ge­schal­tet, sodass es unmög­lich war zu schla­fen. Es war nicht sehr erfreu­lich“, berich­te­te er über sei­ne Zeit im Gefäng­nis 1953. Mit Schosta­ko­witsch, der für ihn sogar einen Brief an Law­ren­ti Beria, den gefürch­te­ten Chef des sowje­ti­schen Geheim­diens­tes schrieb, unter­hielt er regen künst­le­ri­schen Aus­tausch. Schosta­ko­witsch zeig­te Wein­berg sei­ne neu­en Par­ti­tu­ren und emp­fahl Wein­bergs Musik sei­nen Freun­den und Kol­le­gen.

Solist in Mie­c­zysław Wein­bergs Con­cer­ti­no aus dem Jahr 1948:
der Cel­list Wen-Sinn Yang

(Foto: © wildundleise.de)

Das Jewish Cham­ber Orches­tra Munich unter Dani­el Gross­mann erin­nert am 9. Dezem­ber 2019 mit einem Kon­zert im Jüdi­schen Zen­trum Mün­chen an die Ver­bun­den­heit von Wein­berg und Schosta­ko­witsch. Auf dem Pro­gramm ste­hen Wein­bergs Con­cer­ti­no für Vio­lon­cel­lo und Streich­or­ches­ter op. 43 aus dem Jahr 1948, Jüdi­sche Lie­der op. 13, die Wein­berg 1943 noch in Tasch­kent voll­ende­te und die da auch urauf­ge­führt wur­den, arran­giert für Streich­or­ches­ter von Weni­am Bas­ner, und die Sieb­te Sin­fo­nie op. 81 aus dem Jahr 1964, Wein­bergs „gol­de­ner Zeit“. Und von Schosta­ko­witsch erklingt die Wein­berg gewid­me­te Strei­cher­sin­fo­nie in As-Dur op. 118a aus dem Jahr 1964, die der Diri­gent und Brat­schist Rudolf Bar­sc­hai nach dem Zehn­ten Streich­quar­tett in As-Dur arran­giert hat­te. Solist des Abends ist Wen-Sinn Yang.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: www.jcom.de 

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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