Auf eine rei­che künst­le­ri­sche Ern­te kön­nen die Tiro­ler Fest­spie­le Erl nach einem Fest­spiel­som­mer mit anre­gen­den Urauf­füh­run­gen, Wie­der­ent­de­ckun­gen und Neu­in­sze­nie­run­gen zurück­bli­cken. Mit einem Wochen­en­de vol­ler Musik fei­ern sie Ern­te­dank. Das ein­stim­men­de Pro­gramm des ers­ten Abends lässt freu­di­ge Dank­bar­keit und melan­cho­li­sche Stim­mung über das Ende des Som­mers anklin­gen. Valen­tin Uryu­pin steht am Pult des Fest­spiel­or­ches­ters. Der aus Russ­land stam­men­de Diri­gent war zunächst welt­weit als gefei­er­ter Kla­ri­net­tist zu erle­ben, ehe er das Diri­gen­ten­pult für sich ent­deck­te. 2017 gewann er den Diri­gen­ten­wett­be­werb Sir Georg Sol­ti, und seit­her diri­giert er in aller Welt. Nach Erl kommt er mit Ana­to­li Lja­dows stim­mungs­vol­lem Mär­chen­bild Der ver­zau­ber­te See und Jean Sibe­li­us’ dun­kel schwer­mü­ti­ger Ers­ter Sin­fo­nie. Die glut­vol­len Melo­di­en von Sibe­li­us’ Vio­lin­kon­zert bringt Timo­thy Chooi, Preis­trä­ger des Joseph Joa­chim Wett­be­werbs, aus Kana­da zum Klin­gen.

Steht am Pult des Festspielorchesters: 
Valentin Uryupin (© Evgeny Evtyukhov)
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Mit vier Kon­zer­ten an einem Tag stel­len die Fest­spie­le ein neu­es For­mat vor, in des­sen Rah­men jähr­lich ein Kom­po­nist por­trä­tiert wird. In die­sem Jahr ist es Frédé­ric Cho­pin. „Von Polen in die Pari­ser Salons“ beleuch­tet einen bedeut­sa­men Lebens­ab­schnitt des Kom­po­nis­ten, in dem die­ser 20-jäh­rig nach Paris auf­brach, um sei­ne Kom­po­si­tio­nen zu ver­brei­ten, und sich krank vor Heim­weh als Emi­grant wie­der­fand. Cho­pins Instru­ment ist das Kla­vier, und sei­ne Kom­po­si­tio­nen ver­spre­chen Stern­stun­den für jeden Pia­nis­ten. Der Sams­tag bie­tet Gele­gen­heit, eine neue Genera­ti­on begna­de­ter Pia­nis­ten ken­nen­zu­ler­nen. Mit sei­nen 12 Etü­den Op. 25., dem ehr­gei­zigs­ten Werk sei­ner frü­hen Pari­ser Jah­re, fand Cho­pin Ein­gang in die Sze­ne der Kla­vier-Tita­nen und erober­te die Pari­ser Salons. „Ich bin in der bes­ten Gesell­schaft ein­ge­führt, sit­ze zwi­schen Bot­schaf­tern, Fürs­ten, Minis­tern“, schrieb er 1833 an sei­nen Jugend­freund. Mari­usz Kłub­c­zuk, der an der Frédé­ric-Cho­pin-Musik­uni­ver­si­tät in War­schau stu­dier­te, als Solo­re­pe­ti­tor an der Frank­fur­ter Oper tätig ist und als Solist, Lied­be­glei­ter und Kam­mer­mu­sik­part­ner durch Euro­pa tourt, wid­met sich Cho­pins Etü­den-Zyklus.

Zeigt ihre Meisterschaft mit Chopins 
„Grande Polonaise brillante“: Mariam
Batsashvili (© Josef Fischnaller)

Cho­pin brach­te es in Paris zu Ruhm und Reich­tum. Aber die Sehn­sucht nach der pol­ni­schen Hei­mat und die Tuber­ku­lo­se voll­zo­gen ihr schmerz­vol­les Zer­stö­rungs­werk an ihm. Nach der Nie­der­schla­gung des War­schau­er Auf­stan­des und der Rus­si­fi­zie­rung des so genann­ten Kon­gress-Polens unter Zar Niko­laus I. sah er sich vor die Ent­schei­dung gestellt, ob er sich als loya­ler Unter­tan des Zaren erwei­sen und in der Bot­schaft des Zaren eine Ver­län­ge­rung sei­nes pol­ni­schen Pas­ses bean­tra­gen sol­le. Sein Vater beschwor ihn, dies zu tun. „Ver­säu­me das nicht, ich bit­te dich“, schrieb er 1834 in einem Brief. Er wün­sche nicht, dass sein Sohn „zu der Zahl der Flücht­lin­ge“ gerech­net wer­de. Cho­pin aber hat­te bereits anders ent­schie­den. Damit erhielt er den Sta­tus eines Emi­gran­ten, und der Rück­weg in die pol­ni­sche Hei­mat war ihm ver­wehrt. Mari­am Batsas­h­vi­li aus Geor­gi­en, die 2014 den Franz Liszt Kla­vier­wett­be­werb in Utrecht gewann und seit 2017/18 BBC New Genera­ti­on Artist ist, zeigt ihre Meis­ter­schaft mit der Gran­de Polo­nai­se bril­lan­te Op. 22. Ihre aus­ge­dehn­ten, rasen­den Läu­fe und drän­gen­den Tanz­rhyth­men lie­ßen die­se Polo­nai­se zu den anspruchs­volls­ten Kla­vier­wer­ken Cho­pins wer­den. Eben­falls auf dem Pro­gramm hat Batsas­h­vi­li Sechs pol­ni­sche Lie­der Op. 24, arran­giert von Franz Liszt, die Cho­pin, inspi­riert von volks­lied­haf­ten Moti­ven, noch in War­schau kom­po­nier­te.

Musik zu spielen, an die man sich erinnere, 
ist das Anliegen von Claire Huangci
(© Mateusz_Zahora)

1842 trat Cho­pin in eine neue Schaf­fens­pha­se ein, die gekenn­zeich­net war von einer beson­de­ren ästhe­ti­schen Aura und Aus­drucks­kraft. Mélo­die Zhao aus der Schweiz, die bereits mit 13 Jah­ren ihr ers­tes Album dem Werk Cho­pins wid­me­te, wen­det sich den Kom­po­si­tio­nen die­ses sti­lis­ti­schen Über­gangs zu. Sie spielt das Scher­zo Nr. 2 Op. 31 und die Bal­la­de Nr. 3 Op. 47, die eine Viel­falt an glanz­vol­len Far­ben und Gefüh­len auf­wei­sen, sowie die Bal­la­de Nr. 4 Op. 52 und die Sona­te Nr. 3 Op. 58, die gekenn­zeich­net sind von jener neu­en Tief­grün­dig­keit und Erha­ben­heit. Musik zu spie­len, an die man sich erin­ne­re, weil „sie so berüh­rend war“, ist das Anlie­gen von Clai­re Huang­ci. Die Pia­nis­tin aus den USA, die schon als Kind mit außer­ge­wöhn­li­cher Vir­tuo­si­tät beein­druck­te und 2011 als jüngs­te Teil­neh­me­rin den zwei­ten Preis beim ARD-Musik­wett­be­werb gewann, leg­te 2017 eine Ein­spie­lung mit Cho­pins Noc­turnes vor. Neben den drei Noc­turnes Op. 9 bringt sie nach Erl auch die 24 Pre­ludes Op. 28, die Cho­pin auf Mal­lor­ca kom­po­nier­te. Ver­bun­den durch ein Grund­mo­tiv, stel­len sie mit ihrem breit­ge­fä­cher­ten Spek­trum an Gefüh­len und psy­chi­schen Zustän­den musi­ka­li­sche Erkun­dun­gen der mensch­li­chen See­le dar.

Singt Arien aus Richard Strauss’ 
letzter Oper: die Sopranistin Anna
Gabler (© Milena Schloesser)

Zum Aus­klang des Ern­te­dank­fests singt in einer sonn­täg­li­chen Mati­nee, beglei­tet vom Fest­spiel­ro­ches­ter unter Lother Koenigs die Sopra­nis­tin Anna Gab­ler Aus­schnit­te aus Richard Strauss’ letz­ter Oper Capric­cio. Über die weit­ge­schwun­ge­nen Melo­di­en der Orches­ter­lie­der von Joseph Marx schlägt das Pro­gramm einen Bogen zu Arnold Schön­bergs Pel­leas und Meli­san­de. Richard Strauss hat­te Schön­berg dazu ange­regt, eine sin­fo­ni­sche Dich­tung zu kom­po­nie­ren. Schön­berg ver­wen­det das gewal­ti­ge Orches­ter der Spät­ro­man­tik. Er steht noch unter dem Ein­fluss Richard Wag­ners. Doch kün­di­gen sich in ihm bereits die Moder­ne und der Weg in die Neue Musik des 20. Jahr­hun­derts an, und der Kreis­lauf setzt sich fort. Auf die Ern­te folgt die Saat, die wie­der­um neue Frucht her­vor­bringt.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Pro­gramm:
www.tiroler-festspiele.at/erntedank

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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