Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

die­ses Mal end­lich wie­der mit hand­fes­ten und exklu­si­ven Per­so­nal-Ent­schei­dun­gen, einer ernst­haf­ten OPUS-Kon­tro­ver­se und natür­lich mit vie­len Emp­feh­lun­gen für die Woche.

WAS WAR

„Two beau­ti­ful Ame­ri­can Ladies“ nann­te Tho­mas Gott­schalk die­se bei­den Damen bei der OPUS-Ver­lei­hung – eine Begrü­ßung wie ein Klaps auf den Po!

OPUSNA UND?

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Haben sie sich auch so herr­lich gelang­weilt, ges­tern Abend? Inzwi­schen schei­nen selbst die Klas­sik-Stars kei­ne Lust mehr auf den OPUS-Klas­sik zu haben: Joy­ce DiDo­na­to, Jonas Kauf­mann, Lang Lang, Mariss Janons – sie alle hiel­ten es nicht für nötig, zur Ver­lei­hung nach Ber­lin zu kom­men. Tenor Klaus Flo­ri­an Vogt war zwar da, sei­ne Arie wur­de aber nicht vom ZDF über­tra­gen. Über­haupt macht das alles so lang­sam kei­nen Spaß mehr. Bereits zum zwei­ten Mal ist die Ver­an­stal­tung nicht mehr in der Hand der Deut­schen Pho­no-Aka­de­mie, son­dern des Ver­eins zur För­de­rung der Klas­si­schen Musik, dem eigent­lich die glei­chen Mit­spie­ler aus der Plat­ten­in­dus­trie ange­hö­ren wie zuvor auch schon. Aber die Gleich­ge­wich­te haben sich ver­än­dert: Die Major-Labels zah­len mehr und sehen nicht ein, war­um sie die klei­ne­ren Labels eben­falls ins media­le Ram­pen­licht stel­len sol­len. Von einem ernst­haf­ten Klas­sik-Preis hat der OPUS KLASSIK sich auf jeden Fall weit ent­fernt. Cle­mens Traut­mann von der Deut­schen Gram­mo­phon hat von einer „Evo­lu­ti­on“ des Prei­ses gere­det statt von einer „Revo­lu­ti­on“ – aber in wel­che Rich­tung? Immer­hin garan­tie­re eine Jury die Serio­si­tät des Prei­ses, erklär­te mir Micha­el Becker, Inten­dant der Düs­sel­dor­fer Sym­pho­ni­ker, auf mei­ner Face­book-Sei­te. Klar, die Jury ist super seri­ös: OPUS-KLAS­SIK-Prei­se gin­gen unter ande­rem an die Düs­sel­dor­fer Sym­pho­ni­ker und den Kla­vier­spie­ler Mar­kus Becker, den Bru­der von Micha­el Becker. Nach der Ver­an­stal­tung reg­ten sich eini­ge OPUS-Betei­lig­te mäch­tig über den Arti­kel von Micha­el Stall­knecht in der Süd­deut­schen Zei­tung auf, der über die Kri­se des Klas­sik-Mark­tes berich­te­te Es ist an der Zeit, dass viel mehr sol­cher Tex­te erschei­nen, die Miss­stän­de des Klas­sik-Mark­tes ernst­haft auf­neh­men und die Ver­ant­wort­li­chen mit ihrem Gemau­schel mit jour­na­lis­ti­schen Mit­teln ent­lar­ven. Momen­tan pas­siert in der Regel näm­lich etwas ganz ande­res, der OPUS wird weit­ge­hend igno­riert.

NEUER ORCHESTERDIREKTOR FÜR DRESDEN

In der aktu­el­len, die­se Woche erschei­nen­den Print-Aus­ga­be von CRESCENDO set­ze ich mich mit der Fra­ge aus­ein­an­der, wie ziel­füh­rend es ist, wenn Orches­ter selbst­be­stimmt über Chef­di­ri­gen­ten, Orches­ter­di­rek­to­ren und ihre Zukunft bestim­men – bei­spiel­haft an den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern und der Staats­ka­pel­le Dres­den. Die hat­te sich, als Jan Nast sich als Orches­ter­di­rek­tor zu den Wie­ner Sym­pho­ni­kern ver­ab­schie­de­te, gegen den ers­ten Per­so­nal­vor­schlag von Chris­ti­an Thie­le­mann gestellt. Doch nun schei­nen sich Diri­gent und Orches­ter auf einen Nach­fol­ger für Nast ver­stän­digt zu haben – zwei Quel­len bestä­ti­gen, dass Adri­an Jones, der­zeit Orches­ter­di­rek­tor des Rund­funk-Sin­fo­nie­or­ches­ters Ber­lin, den Job über­neh­men soll. Jones wur­de in Eng­land gebo­ren, ver­brach­te sei­ne Jugend in Süd­afri­ka, stu­dier­te Cel­lo in Frei­burg im Breis­gau und arbei­te­te auch als Cel­list beim Deut­schen Sym­pho­nie-Orches­ter Ber­lin, bevor er als Mana­ger zu Colum­bia Artist und dann zum Sym­pho­nie­or­ches­ter des Baye­ri­schen Rund­funks und an die Deut­sche Oper wech­sel­te. Eine Per­so­na­lie, die für etwas Ruhe in der arg gebeu­tel­ten Staats­ka­pel­le sor­gen könn­te. An der Sem­per­oper wird der­zeit außer­dem dar­über nach­ge­dacht, ob man den Abschied der Kapel­le und Thie­le­manns von den Salz­bur­ger Oster­fest­spie­len nicht durch eige­ne Richard Strauss Fest­spie­le kom­pen­sie­ren kön­ne.

WAS IST

Tors­ten Fischer setzt Georg Fried­rich Hän­dels Ora­to­ri­um „Der Mes­si­as“ am Gärt­ner­platz­thea­ter in Sze­ne.

SIEGFRIED MAUSER MUSS INS GEFÄNGNIS

Nun ist ein­ge­tre­ten, was vie­le erwar­tet haben: Der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent der Münch­ner Musik­hoch­schu­le, Sieg­fried Mau­ser, muss ins Gefäng­nis. Der Bun­des­ge­richts­hof bestä­tig­te das Urteil des Lan­des­ge­richts Mün­chen. Die Süd­deut­sche fasst zusam­men: „Damit steht fest, dass der inzwi­schen 64-jäh­ri­ge Mau­ser eine Musi­ke­rin, die sich immer wie­der bei der Musik­hoch­schu­le bewor­ben hat­te, in den Jah­ren 2007, 2009 und 2013 sexu­ell genö­tigt hat­te. Die­se Über­grif­fe lie­fen immer nach dem­sel­ben Sche­ma ab. Es wur­de ein Ter­min für ein Vor­stel­lungs­ge­spräch ver­ein­bart, den Mau­ser nutz­te, um die Frau auf sein Sofa zu sto­ßen und sie dort sexu­ell zu bedrän­gen. Beim zwei­ten und drit­ten Tref­fen ging die Frau zwar vor­sich­ti­ger vor, wur­de aber den­noch von Mau­ser über­rum­pelt.“ Geplan­te Kon­zer­te Mau­sers wer­den wohl abge­sagt, mit sei­nem Haft­an­tritt wird spä­tes­tens im Novem­ber gerech­net. Was mit der Fest­schrift zu sei­nem 65. Geburts­tag pas­siert, in der sich unter ande­rem Peter Slo­ter­di­jk und Wolf­gang Rihm zu Mau­ser beken­nen, ist offen. 

PERSONALIEN DER WOCHE

Die Eng­lish Natio­nal Ope­ra hat bekannt gege­ben, dass Anni­le­se Mis­kim­mon 2020 Inten­dant Dani­el Kra­mer beer­ben wird. Mis­kim­mon wur­de in Bel­fast gebo­ren und lei­tet der­zeit die Oper in Oslo. +++ Letz­te Woche haben wir bereits über Anne-Sophie Mut­ter berich­tet, die ein Kon­zert in Ohio unter­brach, weil jemand im Publi­kum mit dem Han­dy film­te. Hier spricht Mut­ter sel­ber über den Vor­fall, außer­dem pos­te­te sie auf Face­book einen Link zu einem Text der New York Times, in dem es um sie, aber auch um Rihan­na und die neue Eti­ket­te wäh­rend der Kon­zer­te geht. +++  Der Pari­ser Opern­in­ten­dant Sté­pha­ne Lissner, der 2021 sein Amt an Alex­an­der Neef abge­ben muss, wird Lei­ter des Tea­tro di San Car­lo in Nea­pel. +++ Der fran­zö­si­sche Gei­ger Ren­aud Capu­çon hat mit einer Kon­zert-Tour durch sechs Kathe­dra­len mehr als 100.000 Euro für den Wie­der­auf­bau von Not­re-Dame gesam­melt – Cha­peau! +++ Der Pia­nist Lars Vogt wur­de zum Musik­di­rek­tor des Pari­ser Kam­mer­or­ches­ters ernannt – er tritt den Job im Juli an. +++ Die desi­gnier­te Inten­dan­tin des Kon­stan­zer Stadt­thea­ters Karin Becker hat Johan­nes Brug­gai­er erklärt, was in ihrer Amts­zeit wich­tig wird: Mehr Frau­en, weni­ger Pro­duk­tio­nen – ein bes­se­res Betriebs­kli­ma. +++ Die­ser Gedan­ke schafft es nicht ein­mal mehr als eige­nes The­ma, denn es mutet so lang­sam pein­lich an, wenn Öster­reichs grei­ser Chef-Kri­ti­ker Wil­helm Sin­ko­vicz von der Pres­se inzwi­schen sogar Gast­kom­men­ta­to­ren beauf­tra­gen muss, die ihn und sei­ne Posi­tio­nie­rung gegen Niko­laus Bach­ler hoch­ju­beln – Mensch, lie­ber Pro­fes­sor Fritz Peter Knapp, The Times They Are a‑Changin’, und lie­be Pres­se, was ist denn das für ein jour­na­lis­ti­sches Ethos? +++ Nach sei­ner Krank­heit im Som­mer gute Nach­rich­ten von Mariss Jan­sons. Gera­de hat er in Mün­chen die Pro­ben für den neu­en Kon­zert-Zyklus auf­ge­nom­men (hier übri­gens eine Hym­ne zum Gewinn des OPUS KLASSIK 2019 für sein Lebens­werk).     

AUF UNSEREN BÜHNEN

Leip­zigs Schau­spiel­chef Enri­co Lüb­be insze­niert Wag­ners Tris­tan. Die nmz schreibt: „Die Pre­mie­re … ende­te mit lau­tem Jubel. Der Lie­bes­tod wird in Lüb­bes Insze­nie­rung zum Hap­py­end. Schon bei König Mar­kes letz­tem ‚War­um?‘ steht Tris­tan von den Toten auf.“ +++ Trotz aller Pädo­phi­lie-Vor­wür­fe: Der Broad­way in den USA hält an der Auf­füh­rung eines Micha­el-Jack­son-Musi­cals fest, berich­tet der Tages­spie­gel. +++ Ein gutes Haar lässt Mar­kus Thiel im Mer­kur nur an Chef­di­ri­gent Antho­ny Bra­mall, wenn es um die sze­ni­sche Auf­füh­rung des Hän­del-Ora­to­ri­ums am Gärt­ner­platz­thea­ter geht: „Es hät­te … kon­tro­vers wer­den kön­nen …, auf­re­gend als Hin­ter­fra­gung von Reli­gi­on, Legen­den und Glau­bens­in­hal­ten. Doch Tors­ten Fischer, der fürs Haus mit der ‚Aida‘ die aktu­ell bes­te Münch­ner Ver­di-Insze­nie­rung besorg­te, spielt lie­ber ‚Ich packe mei­nen Kof­fer‘.“ +++ Eli­as Pietsch berich­tet im Tages­spie­gel dar­über, wie die Sti­pen­dia­ten der Kara­jan-Aka­de­mie im You­tube-Space von Ber­lin neue Inspi­ra­ti­on fin­den.

WAS LOHNT

Mein OPUS-Tipp: das Bero­li­na Ensem­ble mit der Ent­de­ckung des Kom­po­nis­ten Wal­de­mar von Bausz­nern

Die Memoi­ren der Sän­ge­rin Bri­git­te Fass­ba­en­der sorg­ten schon vor ihrer Ver­öf­fent­li­chung für Auf­se­hen – unter ande­rem, weil sie über pikan­te Begeg­nun­gen mit Plá­ci­do Dom­in­go berich­tet. Mein Kol­le­ge Fabi­an Stall­knecht hat das Buch gele­sen und ist zur Über­zeu­gung gelangt: „Dass wir es mit einer der intel­li­gen­tes­ten und reflek­tie­ren­den Sän­ge­rin­nen der jün­ge­ren Opern­ge­schich­te zu tun haben, über­setzt sich auf jeder Sei­te. Sie hat eine Men­ge zu sagen und nimmt kein Blatt vor den Mund, ohne sich als Letzt­in­stanz zu gerie­ren.“ Längst ein Klas­si­ker: unser Gespräch, in dem Fass­ba­en­der heu­ti­gen Musi­kern die Levi­ten liest – auf­ge­nom­men, als der OPUS noch ECHO hieß.

Wenn ich nun am Ende des News­let­ters noch die CD eines OPUS-KLAS­SIK-Preis­trä­gers emp­feh­len müss­te, dann wäre es das gro­ße Pro­jekt des Ensem­bles Bero­li­na, das den ver­ges­se­nen Kom­po­nis­ten Wal­de­mar von Bausz­nern ent­deckt. Wann pas­siert es schon, dass jun­ge Musi­ker bei wild­frem­den Men­schen klin­geln, dar­um bit­ten, den Dach­bo­den des Groß­va­ters durch­wüh­len zu dür­fen – und genia­le Musik fin­den. Hier ein Gespräch von der letz­ten Ver­lei­hung.

In die­sem Sin­ne: hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de  

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