ElbphilharmonieEin Weltwunder?!

Elbphilharmonie Hamburg
Foto: Thies Raetzke

Elphi“ ist geboren. Selten wurde so viel Wirbel um einen Musik-Neubau gemacht. Zu Recht? Und was wird mit den anderen Konzertsälen der Stadt?

Nahe­zu ein­sam streift der Gast bei unge­müt­li­chem Nie­sel­re­gen vom Rat­haus­platz über den Rödings­markt ent­lang der Hochtras­se der U‑Bahn bis hin zum Baum­wall. Vom neu­en Wahr­zei­chen Ham­burgs, das in die­sen Tagen welt­weit in aller Mun­de ist, weder etwas zu sehen, geschwei­ge denn etwas zu spü­ren. Doch das stimmt nicht. Die Auf­re­gung ist eine ande­re als bei einem regu­lä­ren Kon­zert­be­such in der Laeiszhal­le oder in jedem ande­ren eta­blier­ten Kon­zert­saal die­ser Welt. Kurz vor dem Baum­wall dann der ers­te halb­wegs freie Blick über Tei­le der Hafen­ci­ty auf den Spei­cher­auf­bau, der sich fort­an als neu­es Wahr­zei­chen zum Tor der Welt gesellt: die end­lich fer­tig­ge­stell­te Elb­phil­har­mo­nie!

Man muss das aus ganz unter­schied­li­chen Blick­win­keln betrach­ten: Natür­lich geht es bei einer sol­chen Eröff­nung auch um die Akus­tik, wie klingt es, wie wird es von den Zuschau­ern ange­nom­men? Aber in die­sem Fall geht es um ganz etwas ande­res. Die Eröff­nung mit 2.100 Besu­chern – 1.100 davon gela­den, 1.000 frei ver­ge­ben über ein Ver­lo­sungs­ver­fah­ren – war ein fei­er­li­cher Fest­akt, wie ich ihn in die­ser Form sel­ten erlebt habe.“ Per Hau­ber, Mana­ging Direc­tor Sony Clas­si­cal Inter­na­tio­nal, kommt schnell ins Schwär­men, wenn er von der Elb­phil­har­mo­nie-Eröff­nung berich­tet. „Allein die Dich­te an Pro­mi­nenz war unglaub­lich – wort­wört­lich von A bis Z, von Fatih Akin bis Die­ter Zet­sche. Ich saß zwi­schen Berg­dok­tor Hans Sigl und Jus­tus Frantz, vor mir Armin Muel­ler-Stahl, hin­ter mir Ste­fan Aust. Anne Will, San­dra Maisch­ber­ger …“ Über­ra­schend über­schwäng­li­che Pro­mi-Begeis­te­rung beim Sony-Mana­ger? Kei­nes­falls. Ihm geht es um etwas ande­res: „Mit der Elb­phil­har­mo­nie und ihrer Eröff­nung wird ein deut­li­ches und wich­ti­ges Zei­chen für die klas­si­sche Musik gesetzt. Ham­burg fei­ert sie mit sei­nem neu­en Wahr­zei­chen nun Abend für Abend. Der gest­ri­ge Auf­takt war nur der viel beach­te­te Anfang.“

Hier soll Musik­ge­schich­te geschrie­ben wer­den. Punkt. Wem das nicht passt, der möge gehen oder für immer schwei­gen“

Ein lan­ger Gang anein­an­der­ge­reih­ter Con­tai­ner, ver­ein­zel­te aus­ge­säg­te Aus­trit­te, die den tat­säch­lich beein­dru­cken­den Blick auf das neue Welt­wun­der in Ham­burg frei­ge­ben, Secu­ri­ty Check am Ein­gang, über die Tube – die gebo­ge­ne Roll­trep­pe als intel­li­gent gewähl­tes Sinn­bild einer unum­gäng­li­chen Zwangs­ent­schleu­ni­gung zu Beginn des Kul­tur­er­leb­nis­ses – zur Pla­za, dem geschickt gestal­te­ten Ver­tei­ler­be­reich in Form eines kaum erfass­ba­ren Spiels zwi­schen außen und innen, das luf­ti­ge Pols­ter zwi­schen altem Spei­cher und glä­ser­nem Auf­bau. Welt­wun­der, Tube, Pla­za … Detail­ver­lieb­te Selbst­in­sze­nie­rung. Mit dem Betre­ten der Elb­phil­har­mo­nie wird es küh­ne Rea­li­tät: Die Kam­pa­gnen im Vor­feld und beson­ders auf der Ziel­gra­den zur Eröff­nung kom­men einer Art Gehirn­wä­sche gleich. Der Droh­nen­flug durch das Haus, die 360°-Fotografien, Image-Vide­os, Fotos, Berich­te, die Live-Über­tra­gung … Die Din­ge schei­nen einem auf selt­sa­me Wei­se schon so ver­traut. Die gera­de erst zu erobern­de Frem­de kehrt sich im Hand­um­dre­hen zum Wohl­be­kann­ten.

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Elbphilharmonie Hamburg, Mai 2011, Dacharbeiten
Foto: Oli­ver Heiss­ner

Man fühlt sich sofort gebor­gen und auf­ge­ho­ben in den Foy­ers“, bekennt Hau­ber. „Der Kon­zert­saal an sich ist nicht über­di­men­sio­niert, man ist so nah dran am Gesche­hen wie sonst in kaum einem ande­ren Saal die­ser Grö­ße. Publi­kum und Musi­ker wer­den zu einer Ein­heit. Alles ist sehr frei, sehr offen, sehr demo­kra­tisch.“ Das füh­re auch zu einem ein­zig­ar­ti­gen Klang­er­leb­nis – zumin­dest auf dem dem Sony-Mana­ger zuge­wie­se­nen Platz in Block K. Die Bedin­gun­gen für Auf­nah­men im Saal sei­en fan­tas­tisch, die ers­te Auf­nah­me mit dem NDR Elb­phil­har­mo­nie Orches­ter unter Tho­mas Hen­gel­brock hat Sony Clas­si­cal in der Woche der Eröff­nung ver­öf­fent­licht. Ande­re, dar­un­ter nam­haf­te Kri­ti­ker, waren offen­bar etwas weni­ger glück­lich plat­ziert und haben die Akus­tik dem­entspre­chend nicht nur anders erlebt, son­dern auch ent­spre­chend anders beschrie­ben. „Welt­klas­se geht lei­der anders“, „Mehr Pils als Bor­deaux“, „Die­ser Saal klingt gna­den­los über­akus­tisch“, kann man der Pres­se ent­neh­men. Das alles hat kei­nen kla­ren Grund­te­nor und wider­spricht sich mit­un­ter in der jeweils eige­nen Beschrei­bung der Akus­tik selbst. Aber es gibt auch ande­re Stim­men, die die nahe­zu krampf­haft her­auf­be­schwo­re­ne Welt­klas­se-Akus­tik in den höchs­ten Him­mel loben – dar­un­ter vor allen Din­gen ger­ne die jetzt so stol­zen Ham­bur­ger. Ver­ges­sen all das, was war. Man blickt mehr als nur zuver­sicht­lich und über­op­ti­mis­tisch in die Zukunft. Hier soll Musik­ge­schich­te geschrie­ben wer­den. Punkt. Wem das nicht passt, der möge gehen oder für immer schwei­gen. Am bes­ten bei­des.

Wer hoch hin­aus will, braucht einen lan­gen Atem“

Glä­ser klir­ren. Lei­der nicht aus Gesel­lig­keit und nicht zum ers­ten Mal an die­sem Abend. Der rote Fleck von Rot­wein auf dem hel­len Holz­bo­den, er brei­tet sich aus, ers­te Trop­fen fin­den ihren Weg vom 15. in den 13. Stock. Es tropft. Und es schmerzt den Gast, der selbst im eigent­li­chen Leben Thea­ter­ma­na­ger ist – und mit eben sol­chen Din­gen tag­täg­lich zu tun hat. Der Boden: schon nach dem ers­ten Tag deut­lich mit­ge­nom­men. Die Gar­de­ro­ben? Recht kühn auf nur einer Eta­ge für alle Besu­cher plat­ziert – ohne grö­ße­ren Vor­raum. Schlan­gen und Staus über die der ein­zig­ar­ti­gen Höhe des Saa­les geschul­de­ten unge­wöhn­lich stei­len Trep­pen. Ohne­hin soll­te man fit sein, wenn man die Höhen des Hau­ses erklim­men will. Wer hoch hin­aus will, braucht einen lan­gen Atem.

Das bezieht sich nicht nur auf die Erklim­mung der ein­zel­nen Eta­gen und Sitz­plät­ze. „Alle sind nun auf­ge­for­dert, an der Zukunft der neu­en Elb­phil­har­mo­nie zu arbei­ten“, weiß Hau­ber. „Ham­burg ist eine Stadt mit zwei Mil­lio­nen Ein­woh­nern und einem enga­gier­ten Bür­ger­tum. In Kom­bi­na­ti­on mit einem star­ken Tou­ris­mus bil­det die­ses die Basis der gesam­ten Arbeit an einem erfolg­rei­chen Klas­sik­zen­trum Elb­phil­har­mo­nie.“ Nun sei aber die Füh­rung des Hau­ses gefragt, dem Haus mit inno­va­ti­ven Kon­zep­ten ein nach­hal­ti­ges Pro­fil zu geben. Das Haus­or­ches­ter hat jetzt mit der durch die Eröff­nung ent­stan­de­nen hohen Moti­va­ti­on und durch den neu­en Arbeits­platz Elb­phil­har­mo­nie mit des­sen wun­der­ba­rer Akus­tik die Chan­ce, auf aller­höchs­tem Niveau zu musi­zie­ren.“

Ein wun­der­ba­rer Blick auf eine Raum­kon­stel­la­ti­on, die kei­ner­lei Sym­me­trie gehorcht“

Durch die Wand, durch die wei­ße Haut in den Saal … Ein wun­der­ba­rer Blick auf eine Raum­kon­stel­la­ti­on, die kei­ner­lei Sym­me­trie gehorcht. Womög­lich ist er leer schö­ner, weil kla­rer und ruhi­ger? Orches­ter­auf­tritt – Applaus! Spür­ba­re Erleich­te­rung, dass es nun end­lich los­geht, der lan­ge geheg­te und gepfleg­te Traum der Elb­phil­har­mo­nie – zum Grei­fen nah … Dann die ers­te ent­schei­den­de Erfah­rung mit der Akus­tik. Still harrt das Publi­kum des Diri­gen­ten. Er kommt aber zunächst nicht. Statt­des­sen ein Mur­meln, das Mit­be­su­cher mit einem zischen­den „Psssssst!“ abzu­weh­ren suchen. Ver­geb­lich. Es ist die Mode­ra­to­rin des NDR drei Blö­cke über uns. Man hört hier wirk­lich alles. Nicht nur die Musi­ker, auch alle Geräu­sche der Gäs­te. Hus­ter schie­ßen wie Pfei­le durch die von Musik erfüll­te Luft. Beet­ho­ven klingt hier wun­der­bar, Zeit­ge­nös­si­sches und Barock auch. Wag­ner und Roman­tik dürf­te hier ein wenig der Zau­ber abge­hen, weil es an Nach­hall fehlt. Puris­ten wer­den den Klang lie­ben, der sich somit wun­der­bar in das gegen die Über­insze­nie­rung der Eröff­nung mit sei­nen kla­ren For­men stets ankämp­fen­de archi­tek­to­ni­sche Gesamt­kunst­werk ein­fügt. Die­ser Saal wird sein ganz eige­nes Publi­kum kre­ieren und fin­den.

Konzertsaal Elbphilharmonie
Foto: Iwan Baan

Dani­el Küh­nel, Inten­dant der Sym­pho­ni­ker Ham­burg und somit als Mana­ger des Resi­denz­or­ches­ters der Laeiszhal­le nicht zu unter­schät­zen­der Bestand­teil des Gesamt­kon­strukts Elb­phil­har­mo­nie, hät­te am heu­ti­gen Abend dabei sein sol­len. Aber sein Orches­ter hat selbst Kon­zert – in der Laeiszhal­le. Oh ja, es gibt sie noch. Von manch nam­haf­tem Kri­ti­ker bereits zu Gra­be getra­gen, wird auch sie sich auf Dau­er hal­ten kön­nen, wenn nicht gar durch­set­zen. Hier wer­den Kon­zer­te gespielt wie eh und je. In einem Rah­men, den vor allem der älte­re, weni­ger mobi­le Besu­cher kennt und wo ihm die span­nen­den, oft hoch gelob­ten Pro­gram­me der Sym­pho­ni­ker Ham­burg nicht sel­ten unter dem soeben von der Queen zum Sir ernann­ten Chef­di­ri­gen­ten Jef­frey Tate kre­denzt wer­den. Nichts­des­to­trotz, gibt es die Angst vor einer Abwan­de­rung des Publi­kums? „Wir bemer­ken von der Eröff­nung der neu­en Spiel­stät­te bis­her rein gar nichts. Unse­re Kon­zer­te in der Laeiszhal­le sind genau so gut gebucht und besucht wie bis­her auch“, beru­higt Küh­nel. Ohne­hin wer­de die Elb­phil­har­mo­nie auch viel neu­es, ande­res, womög­lich auch jün­ge­res Publi­kum anzie­hen. Unab­hän­gig davon soll­te im End­ef­fekt ohne­hin die Pro­gram­ma­tik über den Besuch der einen oder der ande­ren Spiel­stät­te ent­schei­den. Per Hau­ber ver­gleicht die­se natür­li­chen Publi­kums­ver­schie­bun­gen mit der Fra­ge danach, ob man den A380 lie­ber mag oder doch die älte­re Boing 747 prä­fe­riert.

Das Herz der Hafen­ci­ty, es schlägt plötz­lich“

Pau­se. Leich­te Kost klingt anders. Nach ein wenig Erho­lung – und zwei wei­te­ren laut klir­ren­den Glä­ser­ta­bletts irgend­wo auf einer der vie­len Ebe­nen am Boden – erneut ein Über­ra­schungs­er­leb­nis: die Besu­cher­toi­let­ten. Nach all dem Weiß und den hel­len Holz­fuß­bö­den eine kurz­fris­ti­ge opti­sche Über­rei­zung. Oran­ge­far­be­ne Kabi­nen­in­nen­wän­de, in den unter­schied­lichs­ten Gelb- und Braun­tö­nen gespren­kel­te graue Wasch­be­ton­bö­den und ‑wän­de. Wow! Was für ein Kon­trast. Leicht zu pfle­gen, weil unemp­find­lich, denkt da der Thea­ter­ma­na­ger.

Bei der Pfle­ge – und vor allem dem noch anhal­ten­den Auf­bau – einer Mar­ke „Musik­stadt Ham­burg“ sieht Dani­el Küh­nel noch viel Arbeit auf die Kul­tur­schaf­fen­den die­ser Stadt zukom­men: „Musik­stadt zu sein, das bedeu­tet weit mehr, als nur zwei der bes­ten Kon­zert­sä­le der Welt zu besit­zen. Eine Musik­stadt ist eine Stadt, in der Musik gelebt wird.“ Küh­nel kämpft für die­se Idee erfolg­reich mit sei­nem Orches­ter und sei­ner Pro­gram­ma­tik. Er geht mit den Musi­kern raus aus der Laeiszhal­le an die Orte, an denen man mit allem, aber sicher nicht mit klas­si­scher Musik rech­net. Da wer­den Instru­men­ta­lis­ten im bes­ten Sin­ne zu musi­ka­li­schen Street­wor­kern, wird Musik im städ­ti­schen Raum leben­dig und erleb­bar gemacht. „Wir müs­sen Musik machen – von allen und an so vie­len Orten wie mög­lich“, glaubt Küh­nel. „Zudem müs­sen Poli­tik und Kunst­schaf­fen­de klar defi­nie­ren, was sie mit den bei­den Kon­zert­häu­sern jetzt kon­kret anfan­gen wol­len. Die Ant­wor­ten müs­sen auf­re­gend und anders sein, sie müs­sen deut­lich machen, was uns die urei­ge­ne Musik die­ser Stadt im Kern bedeu­tet – das betrifft alle Orches­ter und Chö­re, Lai­en und Pro­fis. Sie alle sind ein ganz gro­ßes Glück, das man jeden Tag erneut ent­de­cken muss.“

Viel­falt. Die gab es zur Eröff­nung. Im Pro­gramm, im Publi­kum und vor allem im Gesamt­erleb­nis. Über­ra­schun­gen, Neu­es, Unbe­kann­tes, Ein­zig­ar­ti­ges, Unge­wohn­tes. Der Gast fin­det sich schließ­lich wie­der im Con­tai­ner­gang. Auf dem Heim­weg durch die Hafen­ci­ty im ers­ten Taxi einer schier unend­lich schei­nen­den Ket­te von gelb beleuch­te­ten Autos dann die ganz per­sön­li­che Erleuch­tung: Die­se Hal­le wird Ham­burg tat­säch­lich nach­hal­tig ver­än­dern. Selbst, wenn sie es musi­ka­lisch nicht schaf­fen soll­te, so wird sie städ­te­pla­ne­risch schon jetzt ihrem Auf­trag mehr als nur gerecht. Das Herz der Hafen­ci­ty, es schlägt plötz­lich. Und mit ihm ein bis­her nahe­zu unbe­leb­tes, gar nicht mehr so neu­es Stadt­vier­tel.

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