Es ist ein glückliches Land, dieses Norwegen. Vielleicht liegt es an der unberührten Stille der Natur, die hier eine Art Religion ist. Aus dieser Kraft schöpft auch die junge Geigerin Eldbjørg Hemsing – und das kann man spüren. Ein Spaziergang durch ihre Hauptstadt.

Es wirkt wie ein Gemäl­de: Inmit­ten eines nor­we­gi­schen Fjords sitzt auf einem Fels­vor­sprung bar­fuß eine Frau mit ihrer Gei­ge. Wild peit­schen die Was­ser­mas­sen an das Gestein, wäh­rend der Wind ihr flachs­blon­des Haar durch­ein­an­der­wir­belt. Sie lacht. Ja, so stellt man sich eine wasch­ech­te Nor­we­ge­rin vor. Schließ­lich steht das Land laut dem World Hap­pi­ness Report 2017 auf Platz eins, wenn es um Glück und Zufrie­den­heit geht.

Die Frau auf dem Bild ist kei­ne ande­re als die Gei­ge­rin Eldbjørg Hem­sing. Beim Inter­view im Hotel in Oslo erzählt sie fröh­lich von ihrer Kind­heit in Aur­dal, einem klei­nen Berg­dorf tief im Süden Nor­we­gens, fast 300 Kilo­me­ter von Oslo ent­fernt. 700 Ein­woh­ner, eine Kir­che und die „unbe­rühr­te stil­le Natur“, die fast allen Nor­we­ger eine Art Reli­gi­on ist. Als Kind beglei­te­te sie ihren Vater, einen Berg­auf­se­her, wenn er die Lawi­nen­ge­fahr ein­zu­schät­zen hat­te oder die Fisch­be­stän­de maß. Von ihm lern­te sie, „am Lager­feu­er Mahl­zei­ten zuzu­be­rei­ten“. Für die Musik sorg­te die Mut­ter, eine Gei­ge­rin. Jeden Abend, 15 Minu­ten vor Beginn des Kin­der­fern­seh­pro­gramms, hieß es für die Kin­der, auf der Har­dån­ger­fie­del zu üben – einer der Vio­li­ne ähn­li­chen Kas­ten­hals­lau­te. Heu­te spielt sie auf einer klas­si­schen Gua­da­gni­ni-Gei­ge von 1754 und ist amü­siert bei dem Gedan­ken, dass es Har­dån­ger­fie­deln gibt, die wesent­lich älter sind als jede Stra­di­va­ri.

Sehen Sie das Gebäu­de dort?“, fragt sie und zeigt auf einen neo­klas­si­zis­ti­schen Bau. Dort, im Oslo­er Natio­nal­thea­ter, stand sie mit ihrer Schwes­ter Ragn­hild am nor­we­gi­schen Fei­er­tag in Volks­tracht auf der Büh­ne, als sie sechs Jah­re alt war – vor der könig­li­chen Fami­lie. „Ich weiß nicht, wie wir geklun­gen haben. Wir sorg­ten uns, ob wir den Hof­knicks schaf­fen!“ Jetzt zeigt sie auf ein Denk­mal vor dem Thea­ter. „Unser Urva­ter Hen­rik Ibsen“, sagt sie ernst. Sei­ne Dra­men waren mehr als Schul­stoff. „Sie haben bei uns Frau­en durch­aus etwas bewirkt.“ Nur einen Stein­wurf vom Thea­ter ent­fernt hat der Dich­ter gewohnt. Das nahe gele­ge­ne Grand Café, in dem man Ibsens Stamm­tisch und sei­nen Ori­gi­nal-Zylin­der besich­ti­gen konn­te, ist seit 2015 geschlos­sen.

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Wei­ter geht’s in die Lyder Sagens gate 2, wo sich das Bar­ratt Due Insti­tu­te of Music befin­det. Kei­ne furcht­ein­flö­ßen­de ehr­wür­di­ge Aka­de­mie, son­dern ein schmu­ckes, schlich­tes Holz­haus in Rot, ein Ort „voll bis oben­hin mit Glück“. Jeden Frei­tag brach­te sie die Mut­ter aus Aur­dal hier­her: drei Stun­den Auto­fahrt hin und drei zurück, berg­auf und berg­ab durch den tief­dunk­len Win­ter, der hier durch­aus auch mal ein hal­bes Jahr andau­ern kann. Damals noch nicht im kom­for­ta­blen Elek­tro­au­to, das heu­te in Nor­we­gen Stan­dard ist. „Es ging nur um die Freu­de an der Musik, nie um Leis­tungs­druck oder Ver­sa­gens­angst.“

Tat­säch­lich sind die Hier­ar­chi­en in Nor­we­gen fla­cher als anders­wo, steht man auf du und du mit dem Pre­mier­mi­nis­ter und hat trotz hoher Lebens­hal­tungs­kos­ten den Ein­druck, das Geld sei gerecht ver­teilt. Ganz anders als zu Zei­ten Edvard Munchs. Mör­de­rin­nen hat er gemalt und Ster­bens­kran­ke mit irr­lich­tern­den Augen. In psy­chi­sche Abgrün­de hat er geblickt, sie in düs­te­ren Far­ben aus­ge­leuch­tet und mit Der Schrei die Exis­tenz­angst auf Lein­wand gebannt. Und den­noch kommt Eldbjørg ins Schwär­men: „Die­se Far­ben, die­se Flui­di­tät der Bewe­gung!“

Ein Munch hängt auch im Rat­haus, einem roten Klin­ker-Koloss mit zwei Tür­men am Oslo­fjord, wo an jedem 10. Dezem­ber die Ver­lei­hung des Frie­dens­no­bel­prei­ses statt­fin­det. Als er 2012 an die EU ging, frag­te man Eldbjørg, ob sie spie­len kön­ne. Sehr gerührt war sie da­rüber und erin­nert sich leb­haft, wie sich 23 Minis­ter­prä­si­den­ten samt Entou­ra­ge, umge­ben von Tau­sen­den Jour­na­lis­ten mit TV-Kame­ras, durch die rie­si­ge Ein­gangs­hal­le scho­ben, ohne einen Blick auf die Wand­ma­le­rei­en zu wer­fen, die wie ein Bil­der­buch ein Stück nor­we­gi­scher Geschich­te erzäh­len: von den Wikin­gern über den Hei­li­gen Hall­vard, der im 11. Jahr­hun­dert als Mär­ty­rer starb, bis hin zur Arbei­ter­be­we­gung und die Nazi-Besat­zung.

Auch wenn Eldbjørg heu­te in Ber­lin lebt, kommt sie oft nach Nor­we­gen. Schließ­lich lei­tet sie zusam­men mit ihrer Schwes­ter Ragn­hild ein Kam­mer­mu­sik­fes­ti­val in Aur­dal. Der rasan­te Wan­del von Oslos Hafen wäh­rend der letz­ten Jah­re fas­zi­niert sie, ins­be­son­de­re die futu­ris­tisch ver­schach­tel­ten Gebäu­de auf der Halb­in­sel Tjuvhol­men. Der Name war Pro­gramm: „Tjuv“ heißt Dieb – hier waren frü­her Gau­ner und Pro­sti­tu­ier­te unter­wegs. Heu­te beherr­schen hip­pe Gale­ri­en und Shops das Bild sowie Bars, in denen Drinks im Labor­kit­tel ser­viert wer­den. Herz­stück des Vier­tels ist das Astrup Fearn­ley Muse­um of Modern Art, des­sen mar­kan­tes Glas­dach sich wie ein Segel über drei Pavil­lons spannt. Neben­an: ein klei­ner Bade­strand. „Egal, wel­che Tem­pe­ra­tur – wir gehen schwim­men!“, schmun­zelt Eldbjørg.

Lei­der aber muss sie jetzt wei­ter – nicht ohne einen Blick auf das Opern­haus in der Bjør­vi­ka-Bucht zu emp­feh­len. Win­dig ist es hier, und die Luft riecht sal­zig. Wie ein auf Grund gelau­fe­ner Eis­berg liegt der Bau aus schnee­wei­ßem Car­ra­ra-Mar­mor im Was­ser. Dahin­ter ein abge­knick­ter Glas­ku­bus, das neue Munch Muse­um, das 2020 eröff­net wird. Vom schrä­gen Dach der Oper hat man frei­en Blick auf Stadt und Fjord – und Moni­ca Bon­vici­nis Glas­skulp­tur Hun lig­ger, die mit ihren „auf­ge­türm­ten Eis­mas­sen“ aus dem Was­ser ragt und Cas­par David Fried­richs Eis­meer nach­emp­fun­den ist.

2012 ließ die Per­for­mance­künst­le­rin Mari­na Abra­mo­vić in Oslos Ekeberg­park übri­gens einen über­di­men­sio­na­len Rah­men zurück, durch den die Oslo­er schrei­en kön­nen – wie in Munchs Bild. „Ich habe das aber noch nicht gebraucht“, lacht Eldbjørg.

Musik & Kunst

Munch-Museum Oslo
Munch-Muse­um Oslo ©VisitOSLO/TordBaklund

Oper, Natio­nal­thea­ter und Oslo­er Kon­zert­haus bie­ten all das, was es anders­wo auch gibt. Inklu­si­ve Topor­ches­ter – dem Wahl­münch­ner Mariss Jan­sons, der lan­ge hier wirk­te, sei Dank. Kir­che und Jazz? In Oslo kein Wider­spruch. Die inno­va­tivs­ten Pro­gram­me fin­den in der Kul­tur­kir­che St. Jakob statt. Wo man hin­sieht, Munchs Der Schrei: auf ­Kaf­fee­tas­sen, Taschen oder Han­dy­hül­len. Das Ori­gi­nal hängt in der Natio­nal­ga­le­rie. ­Ein­zig­ar­tig auch Gus­tav Vige­lands bizar­rer Park mit 212 Skulp­tu­ren aus Bron­ze und ­Gra­nit. Ein Muss für Oslo-Besu­cher: das ­Wikin­ger­schiffs­mu­se­um mit Expo­na­ten aus dem ­9. Jahr­hun­dert.

Essen & Trinken

Restaurant Maaemo
Restau­rant Maaemo ©VisitOSLO/AndersHusa

Egal in wel­chem Preis­seg­ment: Über­all geht es zwang­los zu. Ob im Wirts­haus von 1640 auf dem Gelän­de des Eisen­werks Bærum am Rand von Oslo oder im coo­len Maaemo, über­setzt: „Mut­ter Erde“, das drei Miche­lin-Ster­ne hat. Alter­na­ti­ven: das Street­food-Pro­jekt ­Hitch­hi­ker im hip­pen Grü­ner­løk­ka, das auch als Prenzlberg von Oslo bezeich­net wird – alles­ ­orga­nic und fair tra­de. Über­all schi­cke Kaf­fee­bars – aber bit­te kei­nen kof­fe­in­frei­en Kaf­fee bestel­len! Erschwing­li­che Prei­se im Arata­ka, das nach dem Geburts­ort des Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers Gar­cía Már­quez benannt wur­de. Bier gibt’s im Olym­pen: 100 Sor­ten angeb­lich.

Übernachten

Hotel TheThief
Hotel The Thief ©The­Thief

Andy War­hol, Niki de Saint Phal­le im ­Foy­er. Hier loh­ne sich der Kunst­raub, wit­zelt man über das Design Hotel The Thief, das sei­nen Namen nicht des­we­gen, son­dern auf­grund der schmud­de­li­gen Ver­gan­gen­heit Tjuvhol­mens bekam, in dem es liegt. Bil­li­ger wohnt man im Cochs Pens­jo­nat mit Schloss­park um die Ecke. In der Nähe ­Camil­las Hus, ein Bou­ti­que­ho­tel in einem Holz­haus im Schwei­zer Stil. Oslo Gulds­mel­den ist ein char­man­tes Hotel im Nor­we­gen-meets-Bali-Dekor, das Scan­dic Hol­men­kol­len Park ein archi­tek­to­ni­sches Meis­ter­werk mit Blick auf den Oslo-Fjord.

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Teresa Pieschacón Raphael
„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

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