Der Flötist Emmanuel Pahud über musikalische Visionen, den Dialog mit einer Schreibmaschine, den Vorteil kosmopolitischer Städte und sein Album „Dreamtime“.

Klick, klack, klack – pling! Nicht alle Tage trifft Emmanuel Pahud (Foto oben: © Josef Fischnaller) auf eine so ungewöhnliche Kammermusikpartnerin. In Olga Neuwirths surreal anmutendem Werk Aello. Ballet mécanomorphe kommuniziert die Querflöte temperamentvoll mit einer mechanischen Schreibmaschine. Die Komponistin ließ sich von Bachs Brandenburgischen Konzerten und von Colette inspirieren. Denn die Pariser Schriftstellerin hat bei solchen Klängen an eine „göttliche Nähmaschine“ gedacht.

Verrückter Barock, modern erlebt

Es ist verrückter Barock, modern erlebt“, lacht Pahud. Er führte das Stück kürzlich mit Stipendiaten der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker auf. Am Pult stand die finnische Dirigentin und Neue Musik-Expertin Susanna Mälkki. Zu dem ­Ensemble aus Streichern und Bläsern gesellten sich ein Synthesizer-Cembalo in barocker Stimmung, eine Portiersglocke und ein Triangel mit elektrischem Milchaufschäumer. „Zeitgenössische Musik ist für mich sehr belebend“, meint der langjährige Soloflötist der Philharmoniker. Neben seinem Orchesterjob ist er regelmäßig mit eigenen Projekten rund um den Globus unterwegs.

Der Flötist Emmanuel Pahud: „Zeitgenössische Musik ist für mich sehr belebend.“

Und so finden sich auch auf seinem neuen Album ­„Dreamtime“, das er mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Leitung seines Chefs Ivan Repušić aufgenommen hat, Komponisten der Gegenwart. Der Titel erinnert an das gleichnamige Flötenkonzert, das der französische Komponist ­Philippe Hersant vor einigen Jahren für Pahud geschrieben hat. Dieses Stück, das teils albtraumhafte Züge trägt, ist zwar nicht auf der CD zu hören – dafür aber das Konzert für Flöte und Kammerorchester von Krzysztof Penderecki, der wie Hersant die Grauzonen des menschlichen Bewusstseins zwischen Schlafen und Wachen auslotet.

Der Weg zum Jenseits

In Pendereckis Konzert hat man anfangs das Gefühl, aus einem schlechten Traum aufzuwachen. Alles um einen herum wirkt undeutlich, schattenhaft. Die Musik lebt von diesem Kontrast, von dem Kampf zwischen Schlafen-Wollen und ­Nicht-Schlafen-Können“, erklärt er. „Den Schluss hat Penderecki bei einer Mondfinsternis geschrieben. Sein Werk endet in einer Atmosphäre von Ruhe und Verträumtheit. Er hat selbst angemerkt, dass er so den Weg zum Jenseits gefunden hat.“ Zehn Jahre nach der Uraufführung 1993 durch den legendären Flötisten Jean-Pierre Louis Rampal hat Pahud das Werk ebenfalls unter Leitung Pendereckis mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne gespielt.

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Der Flötist Emmanuel Pahud über musikalische Visionen, den Dialog mit einer Schreibmaschine und den Vorteil kosmopolitischer Städte.

Der Flötist Emmanuel Pahud: „Die Faszination der Träumerei in der Musik zieht sich wie ein roter Faden durch das Album.“
(Foto: © Josef Fischnaller)

Bei Tōru Takemitsus I Hear the Water Dreaming verrät bereits der Titel den Bezug zur Sphäre des Onirischen. Der japanische Komponist wurde hier von einem Gemälde inspiriert, das auf den Traumzeit-Mythos der australischen Aborigines Bezug nimmt. Pahud ist aber längst nicht nur auf Zeitgenössisches spezialisiert. Er hat auch viel Barockmusik und Repertoire aus anderen Epochen aufgeführt.

Ohrwürmer, die jeder summen oder pfeifen kann

In der Romantik spielte die Flöte allerdings eine untergeordnete Rolle. „Damals wurden kaum Werke für dieses Instrument geschrieben. Man lebte in einer Umbruchzeit. Das änderte sich erst, als sich mit der Böhm-Flöte die moderne Querflöte durchsetzte.“ Einer der wenigen romantischen Komponisten, die sich für die Flöte stark machten, war Carl Reinecke. „Er hat wunderschöne Musik geschrieben, Ohrwürmer, die jeder summen oder pfeifen kann. Sein spätes Flötenkonzert D‑Dur entstand 1908, zwei Jahre vor seinem Tod. Die Faszination der Träumerei in der Musik zieht sich wie ein roter Faden durch das Album.“

Der Flötist Emmanuel Pahud: „Das Mozart-Konzert hat mein Leben geprägt und verändert.“

Ferruccio Busonis Divertimento von 1920 ist für Pahud wiederum ein Bindeglied zwischen heutigen Komponisten und der Flötenmusik aus der Zeit Mozarts. Dessen Andante C‑Dur KV 315 hat er in all seinen subtilen Farbschattierungen bereits oft auf die Bühne gebracht. Ohnehin ist der berühmte Salzburger von Kindheit an einer seiner musikalischen Fixsterne. Als Pahud, der 1970 in Genf geboren wurde, mit seinen Eltern vorübergehend in Rom lebte, hörte er im Alter von vier Jahren einen älteren Nachbarsjungen auf der Flöte musizieren. Sofort war er fasziniert von ihrem Klang.

Der Flötist Emmanuel Pahud: „Das Mozart-Konzert hat mein Leben geprägt und verändert.“

Vor allem Mozarts Konzert G‑Dur ließ ihn nicht mehr los, sodass er zwei Jahre später selbst begann, die Querflöte zu lernen. Mit 15 spielte er genau dieses Werk, das ihn elf Jahre vorher inspiriert hatte, bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Solist mit dem belgischen Nationalorchester. Belgien war es auch, wo er bereits einen nationalen Wettbewerb gewonnen hatte. „Das Mozart-Konzert hat mein Leben geprägt und verändert“, erinnert er sich. Zehn Jahre später nahm er es mit den Berliner Philharmonikern unter ihrem damaligen Chef Claudio Abbado auf.

Der Flötist Emmanuel Pahud über musikalische Visionen, den Dialog mit einer Schreibmaschine und den Vorteil kosmopolitischer Städte.

Der Flötist Emmanuel Pahud über Kirill Petrenko, den neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker: „Mit großer Überzeugungskraft ergründet Petrenko die Vorstellungen eines Komponisten.“
(Foto: © Josef Fischnaller)

Bereits mit Anfang 20 Soloflötist und jüngstes Mitglied eines der weltweit renommiertesten Orchester zu werden, verdankt Pahud nicht zuletzt seinem Lehrer Aurèle Nicolet. Dieser war ein Studienfreund jenes Nachbarn in Rom, dessen Sohn seine Liebe zur Musik geweckt hatte. Als er den Schweizer Virtuosen bei Auftritten in Rom erlebte, hatte er den Eindruck, dieser bringe sein Instrument auf der Bühne zum Glühen: „Er verkörperte für mich das Ideal eines Flötensolisten.“ Als Pahud bereits mehrere Wettbewerbe gewonnen und erste Erfahrungen in Orchestern gesammelt hatte, wurde er einer der letzten Privatschüler Nicolets. Dieser bereitete ihn 1992 mit Erfolg auf den Concours International de Genève und das Probespiel bei den Berliner Philharmonikern vor.

Die Vorstellungen eines Komponisten als musikalisches Hologramm

Als Orchestermusiker hat er nach der Ära Abbado auch die Zeit mit Simon Rattle erlebt. Der künftigen Zusammenarbeit mit Kirill Petrenko, seit August dieses Jahres neuer Chefdirigent des Orchesters, blickt er freudig entgegen: „Seine Wahl liegt inzwischen mehr als vier Jahre zurück. Die Lust, miteinander zu musizieren, hat seitdem immer weiter zugenommen. Mit großer Überzeugungskraft ergründet Petrenko die Vorstellungen eines Komponisten. Als eine Art musikalisches Hologramm lässt er sie im Konzert wiedererstehen. Daraus resultiert eine Magie, die deutlich zu spüren ist.“

Der Flötist Emmanuel Pahud: „Berlin ist ein Ort, der einen dazu verlockt, eigene Träume zu verwirklichen.“

Auch wenn Pahud als Solist und Kammermusiker mehrere Monate im Jahr auf Reisen ist, fühlt er sich vor allem im kosmopolitischen Berlin zu Hause. „Von meiner Herkunft her bin ich Franzose und Schweizer. Ich besitze beide Pässe. Als Kind habe ich mit meinen Eltern in Bagdad, Paris, Madrid, Rom und Brüssel gelebt. Und seit 30 Jahren bin ich nun Berliner. Die Stadt, in der so viele Menschen aus unterschiedlichen Nationen zusammenkommen, ist für mich nach wie vor ein Ort, der einen dazu verlockt, eigene Träume zu verwirklichen. Im Idealfall entspricht dies auch dem Leben des Künstlers auf der Bühne.“

Krzysztof Penderecki, Carl Reinecke, Wolfgang
Amadeus Mozart u.a.: „Dreamtime“, Emmanuel Pahud,
Münchner Rundfunkorchester, Ivan Repušić (Warner Classics)
www.amazon.de

Weitere Informationen und Auftrittstermine:
www.emmanuelpahud.net

Mehr über Flötenwerke: crescendo.de

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