Anton BatagovEr setzt die Gesetze der Physik außer Kraft

Anton Batagov
Foto: Ira Polyamaya

Außerhalb Russlands ist Anton Batagov kaum bekannt. Für ­unseren Kolumnisten ist er einer der größte Pianisten aller Zeiten.

Als ich jüngst das neue Bach-Doppelalbum von Anton Batagov auf den Tisch bekam, das nichts weiter enthält als die Partiten Nr. 4 und 6 und den figurierten Choralsatz Jesus bleibet meine Freude, war ich frappiert. Ich kannte Batagovs großartige Aufnahme der Kunst der Fuge, die – leider längst vergriffen – diesem magnum opus in einer Weise gerecht wird, wie keine andere. Aber über eine Stunde für die 6. Partita? Kann das noch mit rechten Dingen zugehen? Kann er die Spannung halten, die Form als erlebbaren Zusammenhang gestalten?

Batagov kann. Und setzt damit jedes überlieferte physikalische Maß außer Kraft. Sein Bach ist sogar spannungsvoller und dichter als der aller seiner Kollegen, wenn der Hörer in der Lage ist, alles, was er kennt, im Moment des Hörens loszulassen. Dieses Spiel transzendiert unmittelbar die materielle Welt. Die Fähigkeit der kontrapunktischen Gestaltung ist überwältigend. Es klingt wie improvisiert und dabei niemals willkürlich manieriert, sondern vollkommen organisch. Fast durchgehend spielt Batagov jeweils das erste Mal in äußerst breitem Tempo und die Wiederholung deutlich schneller, und auch dieser neue Gegensatz funktioniert.

Der 1965 geborene Anton Batagov, der unter den Pianisten Svjatoslav Richter als seinen musikalischen Leitstern nennt, war Tschaikowsky-Preisträger und immer schon ein Rebell gegen den kommerziellen Musikbetrieb. Von 1997 bis 2009 trat er zwölf Jahre lang nicht mehr öffentlich auf. Heute kennt ihn nur das russische Publikum. Sein Moskauer Konzert zum 80. Geburtstag von Philip Glass war Wochen vorher ausverkauft. Wer ihn hört, wundert sich nicht über diese Ausnahmestellung in einem Land, das mit Sokolov und Trifonov die Welt beeindruckt.

„Kann das noch mit rechten Dingen zugehen?“

Seit Arturo Benedetti Michelangeli hat es keinen so vollendeten Pianisten wie Batagov gegeben. Wenn wir Technik als die Fähigkeit der exakten Reproduktion der einfachsten wie komplexesten Gebilde und Zusammenhänge definieren, wüsste ich keinen Kollegen heute, der ihm gleicht. Dass sich unsere Musikhochschulen nicht um einen „Professor Batagov“ reißen, ist so skandalös, als hätten die Wissenschaftler noch nicht die Bedeutung von Einsteins Relativitätstheorie begriffen.

Anton Batagov ist mehr als nur ein phänomenaler Musiker. Als Komponist bewegt er sich zwischen Minimal Music, Progressive Rock, indischen und fernöstlichen Traditionen und den Errungenschaften der klassischen Musik. Sein grandioses Album „Thayata“ mit der tibetischen Sängerin Yungchen Lhamo, sein maßstabsetzendes Ravel-Album „The New Ravel“, seine zeitlosen Messiaen- und Feldman-Einspielungen werden jüngst flankiert von Philip-Glass-Einspielungen, die in ihrer hypnotischen Kraft diesen Komponisten in nie gesehenem Licht erscheinen lassen.

Partiten 4+6


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