Leider muss ich zur Zeit, wenn ich mich thematisch äußern möchte, ständig auf meine ganz frühe Kindheit zurückkommen, was ich unter „normalen“ Umständen nicht täte. Aber das Erleben des Zweiten Weltkrieges, sofort, als ich zu leben begann, drängt sich mir unentwegt und unübersehbar auf. Da fielen Bomben vom Himmel – da flüchtete man in irgendwelche Keller – da wurde verschüttet und gestorben – da war das Überleben meist nur zwischen Schutt und Asche möglich – da hatte jeder Angst, und keiner sprach über seine Angst. Da wusste man auch, dass es die sogenannten ‚Alliierten‘ waren, die die Bomben auf uns warfen, da war es nicht mehr vonnöten, den Feind anderswo zu suchen. Man wollte überleben und weiterleben.

Erika Pluhar: »Nichts Böses fällt vom Himmel und die Natur lächelt unbesorgt vor sich hin.«

Jetzt erlebe ich also, gegen Ende meines Lebens, eine andere, eine die Welt erschütternde Krise. Sie sieht völlig anders aus. Nichts Böses fällt vom Himmel – die Vögel zwitschern glückselig – der Flieder blüht – dann die Akazien, der Holunder – die Natur lächelt unbesorgt vor sich hin. Die Menschen haben Wohnungen – Häuser – Gärten – und sollen sich dort bitte aufhalten, ohne auszuschwärmen.

Quarantäne

Nicht irgendwelcher Bombardierungen wegen – nein, weil der Ausbruch einer Pandemie – Epidemie großen Ausmaßes steht bei Google und im alten DUDEN – sie gefährden könnte. Man hat zu essen – man hat Fernsehapparate, Tablets, Smartphones, man hört Musik und sieht Videos. Es ist ein bisschen langweilig, wenn man nicht Kinder hat, die stressen, weil Kindergärten und Schulen geschlossen sind. Um alte Leute sollte man sich kümmern – das Wort „Quarantäne“ gewann an nie geahnter Bedeutung.

Erika Pluhar: »Eine große Mehrheit in der Bevölkerung leidet plötzlich am Verlust der eigenen Freiheit!«

Ja, etwas wird unserer Wohlstandsgesellschaft abgefordert. Etwas an „Einschränkungen“ (auch eine wesentliche Vokabel geworden!) muss – keiner weiß, wie lange – jeder Bürger auf sich nehmen. Sogar jetzt noch, da Österreich und Deutschland bereits in eine „neue Normalität“ entlassen. Wirklich unter der Krise leiden vor allem die, denen die Tageseinnahme finanziell den Tag abgesichert hat und die vor einem Nichts stehen. Die Armen leiden.

Auf unsere Nächsten achten

Eine große Mehrheit in der Bevölkerung jedoch beginnt, gegen gesundheitstechnische Vorschriften, die ihr Leben einengen, zu demonstrieren. Sie leidet plötzlich am Verlust der eigenen Freiheit! Wir besitzen jetzt die Freiheit, mit Vernunft freiwillig Vorsicht walten zu lassen, das schon. Wir können selbstbestimmt auf uns selbst und auf unsere Nächsten achten, die Gefahr nicht außer Acht lassen und diese achtsame und vorsichtige Freiheit genießen. Viele Menschen tun das auch.

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Erika Pluhar: »Sind wir Menschen denn wirklich eine Spezies, eine Gattung von Idioten?«

Was da aber plötzlich hochzusprießen beginnt – leider auch bei Menschen, die man eigentlich für bedacht und vernünftig hielt –, sind Unmengen von Verschwörungstheorien. Was an hahnebüchenem Unsinn da angenommen und geglaubt wird, macht jeden Vernunftbegabten fassungslos. Feindbilder wurden gesucht und gefunden. CORONA sei eine chemische Waffe der Chinesen! Wieso fängt aber in quasi von Corona „gereinigten“ chinesischen Städten die Infektion wieder von neuem an!? Bill Gates ist plötzlich der Über-Feind, er verpflanzt uns etwas ins Ohr oder ähnliches (5G? Fledermäuse?), weil er die Weltmacht anstrebt! Den geisteskranken Donald Trump übergeht man – oder versteht man! Was ist da entstanden? Sind wir Menschen denn wirklich eine Spezies, eine Gattung von Idioten?

Sehnsucht nach einem Feindbild

Leitet das Ganze die Sehnsucht nach einem Feindbild? Einem Feind also, der sichtbar ist, angreifbar, uns allen gegenwärtig, anzugreifen und von uns niederzumachen ist? Weil dieses Virus eben derart unsichtbar, so unangreifbar, so schwer persönlich anzugehen bleibt?

Die Bomben, die von Himmel fielen, die hörte, sah und spürte man. Der Krieg war keine heimliche Verschwörung, sondern das Resultat einer menschenverachtenden, unmenschlichen, grausamen Politik, der die Massen zustimmten. Väter und Söhne fielen wirklich an der Front. Unter den Bombardements starb man wirklich. In den KZs vergaste man und metzelte man wirklich Millionen jüdische Menschen, Zigeuner und Widerständler nieder.  

Erika Pluhar: »Alle, die sich durch Corona-Beschränkungen um ihre persönliche Freiheit betrogen fühlen, begeben sich in die Diktatur der Verblendung.«

Was bitte hat Bill Gates mit der Corona-Krise zu tun? Er und eine angebliche Welt-Verschwörung? Wieso gerade er? Alle benutzen Microsoft und Windows, alle haben ihn zu einem der reichsten Männer der Welt gemacht, und das ist er. Aber nur das. Und warum soll China, das ohnehin zur wirtschaftlichen Weltmacht wurde, die Welt chemisch vergiften? Was hätte China davon?  Und so weiter und so weiter …

Wehret den Anfängen!

Es sind letztlich einfache Fragen, die man allen vom Un-Sinn Überzeugten leider vergeblich stellt. Alle, die sich durch Corona-Beschränkungen um ihre persönliche Freiheit betrogen fühlen, begeben sich in die Diktatur der Verblendung. Wir kennen diesen Vorgang aus der Geschichte. Und wer davon profitiert, es benützt, sind natürlich auch wieder die Rechts-Populisten, ist dieser unbelehrbare Prozentsatz von Menschen, denen der Faschismus nicht auszutreiben ist. Wie heißt es? Wehret den Anfängen! Und die Anfänge haben immer ein anderes Gesicht!

Mehr von Erika Pluhar auf crescendo.de

Zur Website von Erika Pluhar: www.erikapluhar.net
Die Bücher von Erika Pluhar auf der Website des Residenzverlages: www.residenzverlag.com
Ein Beitrag über ihr Leben auf www.deutschlandfunkkultur.de

(Foto oben: © Christina Häusler)

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Erika Pluhar
Erika Pluhar wurde 1939 in Wien geboren. Nach einer Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar wurde sie 1959 Mitglied des Wiener Burgtheaters. Bis zu ihrem Abschied 1999 spielte sie in fast 3000 Vorstellungen. Gastspiele führten sie u. a. an die Münchner Kammerspiele. Herausragende Bühnenerfolge hatte sie u. a. mit dem von Margarethe Krajanek nach Simone de Beauvoir dramatisierten szenischen Monolog „Eine gebrochene Frau“ und in der Hauptrolle der „Dämonen“ von Lars Noréns. Der große Durchbruch beim Publikum gelang ihr 1968 mit der Hauptrolle in Helmut Käutners Verfilmung von Guy de Maupassants „Bel ami“. Zwei Hollywood-Angebote schlug sie aus. Wim Wenders engagierte sie 1972 für die Peter-Handke-Verfilmung „Die Angst des Torwarts beim Elfmeter“. 1979 spielte sie in Marlene Dietrichs letztem Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo". 2001 debütierte sie als Filmregisseurin mit dem Liebesfilm „Marafona“. 1974 begann sie eine zweite Karriere als Chansonsängerin und trat als Autorin hervor. 1991 publizierte sie unter dem Titel „Als gehörte eins zum anderen – eine Geschichte“ ihren ersten Roman, gefolgt von „Marisa“ (1996). 1997 veröffentlichte sie den ersten Teil ihrer Biografie „Am Ende des Gartens“. 1999 erschien ihr Roman „Mathildas Erfindungen“. Zwei Jahre darauf kam „Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?“ heraus, ein Roman über die Begegnung zweier einsamer Menschen in Prag. In das „Reich der Verluste“ begab sie sich 2005 mit dem gleichnamigen Briefroman. In ihren Romanen „Spätes Tagebuch“ (2010), „Die öffentliche Frau“ (2013) und „Anna: Eine Kindheit“ (2018) mischen sich autobiografische Erfahrungen mit Fiktion. Erika Pluhar lebt im Wiener Vorort Grinzing.

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