Bei Veranstaltungsorten wie bei Weinen rangelt das Altbewährte oft mit dem für Ohren oder Gaumen nicht immer gut konsumierbaren Außergewöhnlichen.

Wenn es um die musi­ka­li­sche Auf­füh­rungs­pra­xis geht, gibt es eini­ge zen­tra­le Kri­te­ri­en: Akus­tik, Büh­nen­grö­ße, Anzahl der Sitz­plät­ze und Zugäng­lich­keit. Erweist sich etwas davon als sub­op­ti­mal, wird’s schnell schwie­rig. Trotz­dem wur­de die Suche nach neu­en, außer­ge­wöhn­li­chen Aufführungs­orten fast schon zum neu­en Sport. Wen küm­mert schon die Qua­li­tät, wenn es ein­fach cool ist, Oper im Bahn­hof, Kam­mer­mu­sik im Flug­ha­fen oder gro­ße Sin­fo­nik in einer Dis­co zu prä­sen­tie­ren?

Genau­so gibt es Wei­ne, die an unge­wöhn­li­chen Orten wach­sen. Ob sie gut sind, ist dabei unwich­tig. Es zählt die Medi­en­wirk­sam­keit. Wein zu trin­ken, der in einem Vul­kan gewach­sen ist oder auf 3.100 Meter Höhe fer­men­tiert wur­de, macht ein­fach mehr her. Glück­li­cher­wei­se kann der Wein den­noch gut sein.

Zum Bei­spiel der von Colo­mé. Deren Wein wird im obe­ren Cal­chaquí-Tal der Pro­vinz Sal­ta in Argen­ti­ni­en ange­baut. Ihr höchs­tes Wein­bau­ge­biet, pas­send Altu­ra Máxi­ma genannt, liegt auf 3.111 Meter Höhe und ist damit das höchs­te kom­mer­zi­ell genutz­te Wein­bau­ge­biet der Welt. Und wie schmeckt das Tröpf­chen? Groß­ar­tig! Der Bode­ga Colo­mé Esta­te Mal­bec 2015 ist ein preis­ge­krön­ter, mit 92 Par­ker-Punk­ten bewer­te­ter, reich­hal­ti­ger Rot­wein, voll von Bee­ren- und Kirsch­aromen mit Pfef­fer-, Tabak- und Scho­ko­la­den­no­te.

Wen küm­mert die Qua­li­tät, wenn bloß der Ort medi­en­wirk­sam ist?“

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Die bes­ten Kon­zert­sä­le der Welt wie das Ams­ter­da­mer Con­cert­ge­bouw, die Ber­li­ner Phil­har­mo­nie oder der Wie­ner Musik­ver­ein wur­den für das spe­zi­fi­sche Reper­toire ihrer Orches­ter designt. Beim Bau stand die Musik an ers­ter Stel­le. Bei ande­ren Sälen war die Musik ein Nach­trag, stand die Archi­tek­tur im Vor­der­grund. Im 21. Jahr­hun­dert zählt allein, ob der Ver­an­stal­tungs­ort Publi­kum anlockt. Aber die ent­schei­den­de Fra­ge ist, ob die­se neu­en, extra­va­gan­ten Orte nach­hal­tig die Zuschau­er­zah­len stei­gern. Wenn Leu­te Musik in der Dis­co oder in der U-Bahn hören, gefällt ihnen das mög­li­cher­wei­se nicht, und wenn doch, wol­len sie sie viel­leicht nir­gends anders mehr hören – vor allem nicht an die­sen sti­cki­gen Orten, die eine gewis­se Eti­ket­te erfor­dern, an eine Kir­che oder eine Beer­di­gung erin­nern. Anders gesagt: Ein Kon­zert­saal kann erheb­lich den Cha­rak­ter eines Orches­ters oder des Publi­kums­er­leb­nis­ses beein­flus­sen. Er gibt dem Orches­ter eine Hei­mat, eine Iden­ti­tät. Trotz­dem schrumpft das Publi­kum für klas­si­sche Musik, was Orches­ter, Ver­an­stal­ter und Labels dazu zwingt, alter­na­ti­ve Ver­an­stal­tungs­or­te zu fin­den, die eine tie­fe­re Ver­bin­dung zum Zeit­geist und moder­nen Lebens­stil ermög­li­chen. Funk­tio­niert das? Oft nicht. Macht das Spaß? Abso­lut. Was ist also die bes­se­re Vari­an­te? Weder noch. Bei­des wird benö­tigt, um das Publi­kum der Zukunft zu schaf­fen und zu bewah­ren.

Für Wein gilt genau das Glei­che: Es braucht die Boden­stän­di­gen aus pas­sen­dem Kli­ma, pas­sen­den Höhen und Regio­nen. Und ande­rer­seits die Exo­ten wie den Wein aus dem tahi­tia­ni­schen Ran­gi­roa, einer para­die­si­schen Insel im Süd­pa­zi­fik. Oder dem aus Lan­za­ro­te, dem „Wein­kel­ler des Teu­fels“: Kra­ter und Vul­kan­ge­stein schüt­zen die Reben vor star­ken Win­den, las­sen die Land­schaft außer­ir­disch wir­ken, obwohl der Vul­kan­bo­den sehr nähr­stoff­reich ist und die Reben gesund und kräf­tig wach­sen lässt.

Ein groß­ar­ti­ges Orches­ter benö­tigt einen groß­ar­ti­gen Kon­zert­saal wie ein groß­ar­ti­ger Wein per­fek­te Reben und per­fek­tes Kli­ma. So wür­de ich einen soli­den Pre­mier Cru Bor­deaux nicht gegen einen Edi­vo Viva ein­tau­schen, der in gut ver­kork­ten Ampho­ren in einem ver­sun­ke­nen Schiff vor der dal­ma­ti­ni­schen Adria­küs­te gela­gert wird. Aber von Zeit zu Zeit kommt doch ein neu­er Kon­zert­ort wie die Elb­phil­har­mo­nie oder ein Wein vom Dach der Welt daher und ändert ein­fach alles.

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