KlassikWoche 24/2020Es geht wieder los, aber es ist noch nicht vorbei

Willkommen in der neuen KlassikWoche,

Rufen Ihnen derzeit auch auf allen Kanälen alle Intendanten, Künstler und Veranstalter entgegen, dass es endlich wieder losgeht? Opernhäuser! Festivals! Konzerthäuser! Ja, es geht wieder los: für einige Musiker und ein handverlesenes Publikum. Auch wenn es nach Spaßbremse klingt: Die Krise ist deshalb noch lange nicht vorbei, Corona wird nicht auf wundersame Weise verschwinden. Spielen können derzeit nur Häuser und Festivals, die staatlich subventioniert werden. Selbst die Österreichische Jeunesse muss streichen – zum Beispiel alle Jugendkonzerte. Die Wahrheit ist: Theater und Bühne werden als letzte zur Normalität zurückkehren, wer von der Kunst leben muss, fühlt sich vergessen. Wir sind gut beraten, uns das bewusst zu machen, trotz aller Freude. Stellen wir uns auf eine neue Zeit ein – am besten schon mit diesem Newsletter.

KLASSISCHER RASSISMUS

Eine neue Seite im Internet widmet sich dem Rassismus in der Klassik.

Die ganze Welt protestiert gegen Polizeigewalt, und der brutale Tod von George Floyd ist – richtig so! – allgegenwärtig. Auch in der Klassik. Auf Instagram hat jemand die Seite „operaisracist“ gegründet: ein Forum für jeden, der in der Klassik Rassismus erlebt hat. Was da zu lesen ist (nicht alles ist faktengecheckt), schockiert: Egal, ob Afroamerikanern in Wien gesagt wurde „Wir haben zu viele Nigger engagiert“, ob Dozenten an der Juilliard School Vorträge über die „negroid skeletal structure“ geben oder ein dunkelhäutiger Dirigent an der New York City OperaBuckwheat“ genannt wird – Rassismus in der Klassik scheint allgegenwärtig. 

Wie stilsicher es in diesen Zeiten ist, dass Sony kommende Woche die Otello“-Aufnahme mit Jonas Kaufmann herausgibt und am Cover festhält, das den Tenor einige Spuren dunkler als normal zeigt, sei dahingestellt. Bereits vor Monaten gab Musikkritiker Manuel Brug zu bedenken, dass Kaufmanns Visage zwar nicht geblackfaced wohl aber digital ins Dunkle manipuliert wurde. „Gut sieht das nicht aus“, schrieb Brug schon damals, „weder ästhetisch noch ideologisch“. Das dürfte in diesen Tage um so mehr gelten.

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AEROSOL – DAS GEFÄHRLICHE MUSICAL

Aerosol-Experimente bei den Wiener Philharmonikern – wie wissenschaftlich sind sie wirklich?

Jan Böhmermann hat in seinem Podcast „Fest & Flauschig“ angekündigt, dass er an einem Musical Namens „Aerosol“ arbeitet. Vielleicht sollten darin auch die Experimente der Orchester und Künstler eine Rolle spielen, die oft eher nach „Knoff-Hoff-Show“-Mechanismus, als nach wissenschaftlichen Kriterien stattfinden. Dass Tenöre vor brennenden Kerzen singen: geschenkt! Dass Tenöre Bilder von übervollen Demos gegen Bilder aus ausgedünnten Konzertsälen stellen und mit dem Gefühl von Ohnmacht posten – geschenkt. Und klar auch, dass Musiker nicht mehr zu halten sind. „Wir fühlten uns alle irgendwie erlöst, wie bei einem Festessen nach einer Hungersnot“, sagte Sir Simon Rattle vor seinem Konzert mit dem BR. Dass einige Studien zu Aerosolen in der Klassik offensichtlich mit einem Wunschergebnis in Auftrag gegeben wurden (das sie dann auch bestätigten), das stimmt allerdings skeptisch. Stolz haben die Wiener Philharmoniker und Daniel Barenboim gerade wieder zu spielen begonnen.

Die vom Orchester begleitete, angeblich wissenschaftliche Studie allerdings ignoriert so ungefähr alle wissenschaftlichen Kriterien: Es gab keine wissenschaftliche Veröffentlichung, man kann sie nicht „nachbauen“, und auf eine wissenschaftliche „Gegenrede“ – wurde ebenfalls verzichtet. Stattdessen (wie absurd ist das, bitte!) wurde sie durch einen Notar beglaubigt. In Forscher-Kreisen wird bei derartiger Cowboy-Wissenschaft nur noch gebetet, dass das alles gut geht. Um so interessanter, dass die Forscher der Bamberger Studie in der FAZ nun wenigstens auf die „Missverständnisse“ der Presse mit ihrer Studie hinweisen. Interessant auch: Das Publikum ist nach wie vor zögerlich, was Corona-Konzerte betrifft. Rudolf Buchbinder hat seine 33 „neuen Diabelli-Variationen“ beim Klavierfestival Ruhr gespielt (wir haben über unser Buch-Projekt berichtet). Die SZ beschreibt das Prozedere so: „Die Adresse und Telefonnummer jedes Besuchers wird beim Kartenkauf gespeichert. Erweist sich auch nur einer später als infiziert, müssen sich alle Umsitzenden testen lassen oder in Quarantäne. Dass das abschreckend wirkt, ist im Anneliese-Brost-Musikforum durchaus noch leicht zu spüren. Zum ersten Konzert sind 182, zum zweiten 152 Besucher gekommen (225 durften kommen), die meisten von ihnen klassische Konzertgänger aus der Hochrisikogruppe der Älteren.“ Den Blumenstrauss hat Buchbinder am Ende übrigens von einem Roboter überreicht bekommen.    

Wenn der Roboter die Blumen überreicht, war Corona-Konzert

WENIG WUMM

Das Konjunktur-Programm ist verabschiedet – und wieder sieht es schlecht aus für die Solo-Selbstständigen, also besonders für freiberufliche Musiker. Die Welt schreibt: „‚Die Solo-Selbstständigen gehen leer aus und werden so zu den Hauptverlierern dieser Krise gemacht‘, lautet das Fazit des Verbands der Gründer und Selbstständigen (VGSD). Die Regierung lasse sie im Stich und behandle sie als ‚Erwerbstätige dritter Klasse‘.“ Weniger als ein Prozent des Programms geht an die Kultur, rechnet Berthold Seliger im Neuen Deutschland vor: „Monika Grütters ist so etwas wie die Neutronenbombe der deutschen Kulturpolitik – sie finanziert die Gebäude und Institutionen der etablierten Kultur, und darunter bevorzugt die teuren Leuchtturmprojekte. Die Menschen jedoch, also all die Kulturschaffenden, die für die Lebendigkeit und die Vielfalt der Kultur einstehen, werden die Corona-Ära kaum überleben – sie drohen, zum Kollateralschaden der bundesdeutschen Kulturpolitik zu werden. Da geht es ihnen wie den Pflegekräften, die im ‚Maßnahmenpaket‘ der Bundesregierung auch nicht vorkommen.“ Spannend auch, dass es noch immer keine Klarheit über die Ausfallhonorare gibt: Van hat eine Umfrage unter den deutschen Orchestern vorgenommen: „Nur 38 Orchester gaben an, ihren Freischaffenden überhaupt Ausfallhonorare zu zahlen – also gerade einmal knapp mehr als die Hälfte. Die anderen 26 zahlen keine oder haben sich noch nicht mit ihrem Träger einigen können.

PERSONALIEN DER WOCHE

Das Beste an Corona: Barrie Koskys Showeinlagen

Das Schönste an Corona: Barrie Koskys „Celebrations“-Konzerte. Nun ist das fünfte online: Der Regisseur begleitet die auf seinem Flügel sitzende Nicole Chevalier mit „Somewhere Over the Rainbow“. Stilvoller kann man einen Lockdown nicht überstehen. +++ Anna Netrebko hat bekannt gegeben, dass sie es sich anders überlegt hätte und ihr Salome-Debüt an der MET absagt – die Rolle läge ihr nicht. Hätte man ahnen können. +++ Scharfe Kritik von Anne-Sophie Mutter an der Münchner Konzerthaus-Politik. Sie habe nie den Eindruck gehabt, dass ein Neubau politisch gewollt sei, erzählte Mutter der Süddeutschen Zeitung: „Wir befinden uns in dem Punkt hier in München immer noch im finsteren Mittelalter.

+++ Die Leidtragenden der Corona-Krise sind für Jonas Kaufmann vor allen Dingen die jungen Sänger: „Es wird eine Katastrophe werden. Es wird nie das Geld geben, um alles wieder aufzubauen. Die Gefahr besteht vor allem für junge Künstler, viele von ihnen werden den Beruf wechseln. In zehn Jahren wird es keine junge Generation geben, um die ‚Alten‘ zu ersetzen.“ +++ Organisationschaos bereitet die Corona-Krise besonders den Kartenbüros. Beim Schleswig-Holstein Musik Festival müssen 140.000 Karten zurückgenommen werden – es kam zu einem „Rückzahlungsstau“. +++ Wiesbadens Intendant Jan-Philipp Laufenberg hat wahrscheinlich einen neuen „Parasiten“ gefunden: Til Brigelb von der SZ findet, dass die Beckett-Trilogie des Intendanten in den Aluhut-Müll gehört. +++ Immer problematischer wird die Situation auch für Künstleragenturen – der BR berichtete über die Situation, selbst internationalen Big-Playern geht es an den Kragen: Opus 3 Artists hat 11 Mitarbeitern gekündigt, und auch bei IMG Artists soll wohl gekürzt werden. Agenturen in den USA haben eine Petition eingereicht, und viele US-Orchester denken schon darüber nach, ob sie nach Corona überhaupt noch auf die alten Tourneen gehen wollen und können. +++Wiens scheidender Operndirektor Dominique Meyer und der langjährige Intendant des Musikvereins Thomas Angyan wurden mit der Ehrenmitgliedschaft der Wiener Philharmoniker geehrt (übrigens einen Tag bevor die Striche bei der Jeunesse, für die Angyan einst verantwortlich war, bekannt wurden).

LOBHUDELEI IN EIGENER SACHE 

Musikkritik von früher: Eduard Hanslick richtet über Wagner

Okay, ich habe mich ein bisschen gefreut, als mir einige Seiten aus Professor Holger Noltzes neuem Buch „World Wide Wunderkammer“ (erscheint diese Woche) zugespielt wurden – denn da kommt dieser kleine Newsletter durchaus gut weg, als Beispiel der digitalen Zukunft der Klassik: „Ein Stück Aufklärung“ nennt Noltze „Brüggemanns Klassik-Woche“, deren Erfolg darin läge, „dass Menschen sich für Menschen und das Menschliche nun einmal interessieren, nicht nur für gemachte Images.“ Für all das sei das „Internet das ideale Habitat“, erklärt der Professor seinen Lesern. 

Lob tut gut – aber was bedeutet es eigentlich? Der Newsletter als Nische, in der heimlich erlaubt ist, was woanders unanständig wäre? Einer der wenigen Orte, in denen die PR-Images nicht gepflegt, sondern hinterfragt werden? Das wäre die Sicht aus einer alten Klassik-Welt auf unsere Zeit. Die Kategorien einer Welt, die noch in Print (alles mit Papier) und Fernsehen (alles, was flimmert), in Veranstalter (alles was atmet) und – wie hieß das Ding noch? – CD (alles, was klingt) unterteilt. Die Welt alter weißer Klassik-Männer, die so tut, als würde sie noch leben, aber längst an der Beatmungsmaschine hängt: Fernseh-Hauptprogramme haben die Klassik aufgegeben, in eine Nische geschoben, selbst Streaming-Portale wie Noltzes takt1 führen ihre Abhängigkeit und die Lobhudelei ihrer eigenen Künstler (Teodor Currentzis) kritiklos weiter, ebenso wie Zeitungen nicht einsehen, sich zu wandeln. Doch die alten Hierarchien (und Kriterien) funktionieren in Zeiten des Netzes nicht mehr, Zeitungen und Zeitschriften haben kein Exklusiv-Recht auf Nachrichten und Recherchen mehr. Im Gegenteil, viele haben echten Musik-JOURNALISMUS weitgehend aufgegeben und feiern lieber als Dinosaurier ihre letzten Daseins-Jahre als Kritiker. Spannende Gespräche finden eher in Podcasts als in der Glotze oder im Print statt, und auf einer Website – so wie am Anfang der Corona-Krise bei CRESCENDO.de – kann in Windeseile sogar echte Solidarität in Form einer Nothilfe-Aktion entstehen (20.000 Euro für Künstler in Not), während der Print noch darüber lamentiert, dass er gerade keine Vorstellungen rezensieren kann. Im Netz treten die Medien in andauernden Dialog miteinander, hier ergänzen einander das Lesen, das Sehen und das Hören, der Bericht, die Meinung und die Befragung. Nicht der Kritiker oder der Professor hebt hier am Ende den Daumen – sondern der Nutzer. Wahr ist: Im Newsletter kann vollkommen frei von PR-Moden und Eifersüchteleien gegenüber anderen Medien informiert werden. Hier ist jede gute Nachricht, egal aus welchem Medium, Wert, geteilt zu werden. 

Hat Corona uns nicht gezeigt, wie zerbrechlich das alte System inzwischen ist: Das Verhältnis von Künstlern, Politik und Publikum, die Solidarität in Medien, die Kreativität des Fernsehens – wir haben viele Sollbruchstellen diagnostizieren müssen. Und das Fatalste wäre es, an der alten Klassik-Welt und ihren Kriterien festzuhalten. Ich bin sicher, dass die Trennung von Virtuellem, Traditionellem und Realem nach traditionellen Mustern längst überkommen ist – und nach der Krise noch viel anachronistischer wirkt. Aber all das sind Gedanken, deren „Habitat“ Holger Noltze dann wahrscheinlich in gedruckter Form verortet – auf jeden Fall in einem anderen Format als diesem.

Ach ja – die Bild-Zeitung hat in den letzten Wochen zu Recht immer wieder einen auf den Deckel bekommen. Vielleicht sollte sie ihre eine Kernkompetenz, die Treibjagd auf Personen im öffentlichen Leben, einfach ruhen lassen und sich auf die andere konzentrieren: kongeniale Überschriften!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif,

Ihr 

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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