Klassikwoche 04/2020Es ist Balla-Balla-Saison

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Willkommen zur neuen Klassik-Woche,

heute tanzen wir mal ein wenig über die Eitelkeiten der Ballgesellschaft und fragen uns: Kann Gergiev nicht einmal pünktlich sein? Die Unpünktlichkeit dieses Newsletters wiederum bitte ich zu entschuldigen: Grippe!

WAS IST

Stilvoll: Der Wiener Opernball … anders als jener in Dresden

NICHT IN INSTRUMENTENKISTEN KRABBELN

Beginnen wir mit einem Augenzwinkern. Nachdem bekannt geworden ist, dass Nissan-Chef Carlos Ghosn Japan in einem Instrumentenkoffer versteckt verlassen hat, twitterte die Firma Yamaha Instruments den Hinweis, dass diese Methode nicht nachgeahmt werden sollte: „Wir sprechen nicht über die Gründe, haben aber viele Tweets bekommen, in denen es darum ging, in große Instrumentenkoffer zu steigen – eine Warnung, bevor jeder Ratschlag zu spät kommt: Bitte, versuchen Sie es nicht!“ So der Tweet von Yamaha. 

DRESDEN: DER LÄCHERLICHE BALL

Wahrscheinlich nennt man das perfektionierte Desinformation. Zunächst hieß es: Anna Netrebkos Ehemann, Yusif Eyvazov habe gedroht, seinen Auftritt beim Semperopernball zurückzuziehen. Der Tenor aus Aserbaidschan wollte nicht gemeinsam mit der Sopranistin Ruzan Mantashian aus Armenien auftreten. Die beiden Länder befinden sich durch den Bergkarabach-Konflikt im politischen Zwist. Dann soll Semperopernball-Chef Hans-Joachim Frey sofort gehandelt haben und die Sopranistin rausgeschmissen haben. Dann das Dementi: Eyvazov habe keinen Druck ausgeübt, hieß es merkwürdig verquast von den Ball-Organisatoren, der Vertrag mit Mantashian sei noch nicht einmal unterschrieben gewesen. Ein Beigeschmack bleibt, auch weil Hans-Joachim Frey auf der Gehaltsliste von Wladimir Putin steht. Als Klassik-Botschafter Russlands und Intendant in Sotschi. Russland steht im Bergkarabach-Konflikt auf der Seite Aserbaidschans. Passend dazu flatterte gerade eine Einladung auf meinen Schreibtisch: Ob ich nicht als Opern-Wettbewerbs-Juror nach Sotschi kommen wolle. Ich habe viel über derartige launige Männerausflüge gehört. Meine Antwort: Nein, danke, schon aus moralisch-politischen Gründen nicht. Darüber sollte der mdr bei der Übertragung des Opernballs auch mal nachdenken.

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Lustvoll – emotional
Intuitiv – geistvoll
Salzburg – Moderne

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DER ECHTE BALL

Am 20. Februar startet in Wien der echte Opernball. Es wird gemunkelt, ob beim letzten Ball unter Intendant Dominique Meyer auch der „Chor der Gefeuerten“ auftreten wird – 33 Sängerinnen und Sänger sollen von Nachfolger Bogdan Roščić nicht übernommen werden. Überhaupt liegt Spannung in der Luft: Die Ausrichtung der Hauses mit zum großen Teil koproduzierten Premieren, die dann In größerem Rhythmus hintereinander gespielt werden sollen, sorgt hausintern für Diskussion. Und was Bogdan Roščić geritten hat, das Opernorchester zu düpieren, und mit dem Concentus zu flirten, ist auch niemandem wirklich klar. Geht es am Ende eher um einen Struktur- und Effizienz-Wandel denn um einen nötigen Qualitätswandel? Auf den Philharmonikerball, den Ball der Künstlerinnen und Künstler und nicht der Eitelkeiten, können wir uns jedenfalls freuen – und wir können einander wiedersehen: Zum ersten Mal wird er am 23. Januar von 21:30 Uhr an mit großem Vorprogramm und Nachbesprechung unter anderem auf der Facebook-Seite der Wiener Philharmoniker und des Philharmonikerballs gestreamt. (In einer früheren Version des Artikels war von sieben Aufführungen in Folge die Rede, die Bogdan Roščić angeblich nach einer Premiere plant. Der designierte Intendant hat uns informiert, dass dem nicht so sei, und wir haben den ursprünglichen Text angepasst.)      

WAS WAR

Patricia Kopatchinskaja schreibt einen Brief an Beethoven.

KOPATCHINSKAJA SCHREIBT BEETHOVEN

In einem dramatischen Brief an Ludwig van Beethoven stellt die Geigerin Patricia Kopatchinskaja in Frage, ob Prometheus uns wirklich Erleuchtung gebracht habe – dabei spielt sie auf unsere Klimasünden an: „Wir waren fleißig und fruchtbar und haben uns zur Unzahl vermehrt. Wir haben die uns gelehrte Vernunft benutzt, um das uns geschenkte Feuer einzusetzen für Wärme, Kraft, Komfort und Überfluss der Neuzeit. Nichts ist genug. Die Natur wird erwürgt. Auch unsere Vernunft ist nicht genug, der Einsicht zu folgen, dass Feuer immer weiter Feuer gebiert, von Kalifornien, Australien, Sibirien, der Arktis. Bis Feuer die Hoffnung und die Tage der Menschheit beschließt.

GERGIEVS VERSPÄTUNGEN

Einmal war es so, dass die Polizei-Eskorte Valery Gergiev in die Wiener Staatsoper bringen musste, weil sein Flugzeug zu spät landete. Nun reichte nicht einmal mehr das. Der russische Jet-Setter war zu spät, und Michael Güttler wurde für sein Einspringen beim Lohengrin gefeiert. Nun tobt die Debatte um Respektlosigkeit: Kann sich ein Künstler leisten, über 2.000 Zuschauer und ein gesamtes Opern-Team warten zu lassen, weil er seinen Zeitplan so eng strickt? Wie groß ist das Risiko noch, Gergiev zu verpflichten?

JÄRVIS KULTURKRITIK

Paavo Järvi findet, in einem Interview im Österreichischen Standard, dass gerade in Europa die eigene Klassik-Kultur auf den Hund gekommen ist. Er sagt: „Es hat mit Respekt zu tun. Hier in Europa nimmt man sich aufgrund der Geschichte zu wichtig. Man meint, deswegen ein ewiges Anrecht darauf zu haben, wie man ein Werk zu interpretieren hat, quasi die Deutungshoheit. Konzerte gleichen hier steifen Zeremonien. In Asien gibt es das nicht. Dort liebt man Klassik in geradezu fanatischer Weise, die Konzertbesucher sind enthusiastisch, sie sind aufgeregt!“

FEST FÜR DOMINGO

Der Auftritt von Plácido Domingo als Vater Germont in Verdis La Traviata an der Staatsoper in Berlin war von Protesten begleitet. Der Verein Pro-Quote forderte, dass Domingo auch in Deutschland mit einem Auftrittsverbot belegt wird. „Staatsopern-Intendant Matthias Schulz äußerte sich in einem Statement“, berichtet die Berliner-Zeitung. „Sein Haus nehme jeden Vorwurf sexueller Belästigung sehr ernst. Die Sicherheit der Mitarbeiter und Künstler habe zu jedem Zeitpunkt oberste Priorität. ‚In diesem konkreten Fall halten wir an den Auftritten von Plácido Domingo, der sich bei uns am Haus immer vorbildlich verhalten hat, fest und sehen keine ausreichende Grundlage für eine Vorverurteilung und dafür, den seit langem gültigen Vertrag zu brechen.‘“ Am Aufführungsabend selber waren zwei Hände voller Demonstranten zu beobachten, und Domingo wurde vom Publikum schon bejubelt, als er die Bühne betrat.

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PERSONALIEN DER WOCHE

Still und leise tritt er ab: Das Management von Vladimir Ashkenazy hat bekannt gegeben, dass der Pianist und Dirigent beschlossen habe, nicht mehr öffentlich aufzutreten. Ein stiller Abgang eines noblen Maestro. +++ Alan Gilbert, Chef des NDR Elbphilharmonie-Orchesters wird 2021 zudem Musikdirektor der Royal Swedish Opera. +++ Er glänzte in Opern von Verdi und Puccini. Jetzt ist der Tenor Giorgio Merighi nach längerer Krankheit im Alter von 80 Jahren gestorben. +++ Der Dirigent Gustavo Dudamel hat seinen Vertrag in Los Angeles bis 2026 verlängert +++ Jürgen Kesting feiert in der FAZ den 80. Geburtstag des genialen Wagner-Sängers Siegmund Nimsgern. +++ Gut sechs Wochen nach seinem Tod wird der Dirigent Mariss Jansons posthum vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit der Karl Amadeus Hartmann-Medaille gewürdigt. „Unsere Verbundenheit mit dem warmherzigen Menschen und bedeutenden Dirigenten Mariss Jansons und unser großer Dank sollen damit nochmals in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht werden“, teilte das Orchester am Montag in München mit.

Und das noch: In der Süddeutschen Zeitung hat Jonathan Meese angekündigt, dass er gern die Bayreuther Festspiele übernehmen würde! „Dann würde ich nur die Radikalinskis holen, nur die Profis. Also niemanden, der politisch gleichgeschaltet ist. Niemand, der irgendjemand gefallen will“, sagte der Maler und Konzeptkünstler. „Für mich ist das ja alles zu gefällig, zu anbiederisch.“ Wie wäre es gewesen, hätte er damals, als er konnte, erst einmal eine Inszenierung auf die Bühne gebracht?

In diesem Sinne: halten Sie die Ohren steif

Ihr 

Axel Brüggemann

[email protected]

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Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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