Willkommen zur neuen Klassik-Woche,

heu­te tan­zen wir mal ein wenig über die Eitel­kei­ten der Ball­ge­sell­schaft und fra­gen uns: Kann Ger­giev nicht ein­mal pünkt­lich sein? Die Unpünkt­lich­keit die­ses News­let­ters wie­der­um bit­te ich zu ent­schul­di­gen: Grip­pe!

WAS IST

Stil­voll: Der Wie­ner Opern­ball … anders als jener in Dres­den

ANZEIGE



NICHT IN INSTRUMENTENKISTEN KRABBELN

Begin­nen wir mit einem Augen­zwin­kern. Nach­dem bekannt gewor­den ist, dass Nis­san-Chef Car­los Ghosn Japan in einem Instru­men­ten­kof­fer ver­steckt ver­las­sen hat, twit­ter­te die Fir­ma Yama­ha Instru­ments den Hin­weis, dass die­se Metho­de nicht nach­ge­ahmt wer­den soll­te: „Wir spre­chen nicht über die Grün­de, haben aber vie­le Tweets bekom­men, in denen es dar­um ging, in gro­ße Instru­men­ten­kof­fer zu stei­gen – eine War­nung, bevor jeder Rat­schlag zu spät kommt: Bit­te, ver­su­chen Sie es nicht!“ So der Tweet von Yama­ha. 

DRESDEN: DER LÄCHERLICHE BALL

Wahr­schein­lich nennt man das per­fek­tio­nier­te Des­in­for­ma­ti­on. Zunächst hieß es: Anna Netreb­kos Ehe­mann, Yusif Eyva­zov habe gedroht, sei­nen Auf­tritt beim Sem­per­opern­ball zurück­zu­zie­hen. Der Tenor aus Aser­bai­dschan woll­te nicht gemein­sam mit der Sopra­nis­tin Ruz­an Man­ta­shi­an aus Arme­ni­en auf­tre­ten. Die bei­den Län­der befin­den sich durch den Berg­ka­ra­bach-Kon­flikt im poli­ti­schen Zwist. Dann soll Sem­per­opern­ball-Chef Hans-Joa­chim Frey sofort gehan­delt haben und die Sopra­nis­tin raus­ge­schmis­sen haben. Dann das Demen­ti: Eyva­zov habe kei­nen Druck aus­ge­übt, hieß es merk­wür­dig ver­quast von den Ball-Orga­ni­sa­to­ren, der Ver­trag mit Man­ta­shi­an sei noch nicht ein­mal unter­schrie­ben gewe­sen. Ein Bei­geschmack bleibt, auch weil Hans-Joa­chim Frey auf der Gehalts­lis­te von Wla­di­mir Putin steht. Als Klas­sik-Bot­schaf­ter Russ­lands und Inten­dant in Sot­schi. Russ­land steht im Berg­ka­ra­bach-Kon­flikt auf der Sei­te Aser­bai­dschans. Pas­send dazu flat­ter­te gera­de eine Ein­la­dung auf mei­nen Schreib­tisch: Ob ich nicht als Opern-Wett­be­werbs-Juror nach Sot­schi kom­men wol­le. Ich habe viel über der­ar­ti­ge lau­ni­ge Män­ner­aus­flü­ge gehört. Mei­ne Ant­wort: Nein, dan­ke, schon aus mora­lisch-poli­ti­schen Grün­den nicht. Dar­über soll­te der mdr bei der Über­tra­gung des Opern­balls auch mal nach­den­ken.

____________________________________

Lustvoll – emotional
Intuitiv – geistvoll
Salzburg – Moderne

Zum 42. Mal zeich­nen die aspek­te eine Land­kar­te von Musik unse­rer Zeit – jetzt buchen!

____________________________________

DER ECHTE BALL

Am 20. Febru­ar star­tet in Wien der ech­te Opern­ball. Es wird gemun­kelt, ob beim letz­ten Ball unter Inten­dant Domi­ni­que Mey­er auch der „Chor der Gefeu­er­ten“ auf­tre­ten wird – 33 Sän­ge­rin­nen und Sän­ger sol­len von Nach­fol­ger Bog­dan Roščić nicht über­nom­men wer­den. Über­haupt liegt Span­nung in der Luft: Die Aus­rich­tung der Hau­ses mit zum gro­ßen Teil kopro­du­zier­ten Pre­mie­ren, die dann In grö­ße­rem Rhyth­mus hin­ter­ein­an­der gespielt wer­den sol­len, sorgt haus­in­tern für Dis­kus­si­on. Und was Bog­dan Roščić gerit­ten hat, das Opern­or­ches­ter zu düpie­ren, und mit dem Con­cen­tus zu flir­ten, ist auch nie­man­dem wirk­lich klar. Geht es am Ende eher um einen Struk­tur- und Effi­zi­enz-Wan­del denn um einen nöti­gen Qua­li­täts­wan­del? Auf den Phil­har­mo­ni­ker­ball, den Ball der Künst­le­rin­nen und Künst­ler und nicht der Eitel­kei­ten, kön­nen wir uns jeden­falls freu­en – und wir kön­nen ein­an­der wie­der­se­hen: Zum ers­ten Mal wird er am 23. Janu­ar von 21:30 Uhr an mit gro­ßem Vor­pro­gramm und Nach­be­spre­chung unter ande­rem auf der Face­book-Sei­te der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker und des Phil­har­mo­ni­ker­balls gestreamt. (In einer frü­he­ren Ver­si­on des Arti­kels war von sie­ben Auf­füh­run­gen in Fol­ge die Rede, die Bog­dan Roščić angeb­lich nach einer Pre­mie­re plant. Der desi­gnier­te Inten­dant hat uns infor­miert, dass dem nicht so sei, und wir haben den ursprüng­li­chen Text ange­passt.)      

WAS WAR

Patri­cia Kopatchin­ska­ja schreibt einen Brief an Beet­ho­ven.

KOPATCHINSKAJA SCHREIBT BEETHOVEN

In einem dra­ma­ti­schen Brief an Lud­wig van Beet­ho­ven stellt die Gei­ge­rin Patri­cia Kopatchin­ska­ja in Fra­ge, ob Pro­me­theus uns wirk­lich Erleuch­tung gebracht habe – dabei spielt sie auf unse­re Kli­ma­sün­den an: „Wir waren flei­ßig und frucht­bar und haben uns zur Unzahl ver­mehrt. Wir haben die uns gelehr­te Ver­nunft benutzt, um das uns geschenk­te Feu­er ein­zu­set­zen für Wär­me, Kraft, Kom­fort und Über­fluss der Neu­zeit. Nichts ist genug. Die Natur wird erwürgt. Auch unse­re Ver­nunft ist nicht genug, der Ein­sicht zu fol­gen, dass Feu­er immer wei­ter Feu­er gebiert, von Kali­for­ni­en, Aus­tra­li­en, Sibi­ri­en, der Ark­tis. Bis Feu­er die Hoff­nung und die Tage der Mensch­heit beschließt.

GERGIEVS VERSPÄTUNGEN

Ein­mal war es so, dass die Poli­zei-Eskor­te Vale­ry Ger­giev in die Wie­ner Staats­oper brin­gen muss­te, weil sein Flug­zeug zu spät lan­de­te. Nun reich­te nicht ein­mal mehr das. Der rus­si­sche Jet-Set­ter war zu spät, und Micha­el Gütt­ler wur­de für sein Ein­sprin­gen beim Lohen­grin gefei­ert. Nun tobt die Debat­te um Respekt­lo­sig­keit: Kann sich ein Künst­ler leis­ten, über 2.000 Zuschau­er und ein gesam­tes Opern-Team war­ten zu las­sen, weil er sei­nen Zeit­plan so eng strickt? Wie groß ist das Risi­ko noch, Ger­giev zu ver­pflich­ten?

JÄRVIS KULTURKRITIK

Paa­vo Jär­vi fin­det, in einem Inter­view im Öster­rei­chi­schen Stan­dard, dass gera­de in Euro­pa die eige­ne Klas­sik-Kul­tur auf den Hund gekom­men ist. Er sagt: „Es hat mit Respekt zu tun. Hier in Euro­pa nimmt man sich auf­grund der Geschich­te zu wich­tig. Man meint, des­we­gen ein ewi­ges Anrecht dar­auf zu haben, wie man ein Werk zu inter­pre­tie­ren hat, qua­si die Deu­tungs­ho­heit. Kon­zer­te glei­chen hier stei­fen Zere­mo­ni­en. In Asi­en gibt es das nicht. Dort liebt man Klas­sik in gera­de­zu fana­ti­scher Wei­se, die Kon­zert­be­su­cher sind enthu­si­as­tisch, sie sind auf­ge­regt!“

FEST FÜR DOMINGO

Der Auf­tritt von Pláci­do Dom­in­go als Vater Ger­mont in Ver­dis La Tra­via­ta an der Staats­oper in Ber­lin war von Pro­tes­ten beglei­tet. Der Ver­ein Pro-Quo­te for­der­te, dass Dom­in­go auch in Deutsch­land mit einem Auf­tritts­ver­bot belegt wird. „Staats­opern-Inten­dant Mat­thi­as Schulz äußer­te sich in einem State­ment“, berich­tet die Ber­li­ner-Zei­tung. „Sein Haus neh­me jeden Vor­wurf sexu­el­ler Beläs­ti­gung sehr ernst. Die Sicher­heit der Mit­ar­bei­ter und Künst­ler habe zu jedem Zeit­punkt obers­te Prio­ri­tät. ‚In die­sem kon­kre­ten Fall hal­ten wir an den Auf­trit­ten von Pláci­do Dom­in­go, der sich bei uns am Haus immer vor­bild­lich ver­hal­ten hat, fest und sehen kei­ne aus­rei­chen­de Grund­la­ge für eine Vor­ver­ur­tei­lung und dafür, den seit lan­gem gül­ti­gen Ver­trag zu bre­chen.‘“ Am Auf­füh­rungs­abend sel­ber waren zwei Hän­de vol­ler Demons­tran­ten zu beob­ach­ten, und Dom­in­go wur­de vom Publi­kum schon beju­belt, als er die Büh­ne betrat.

____________________________________

Beethoven wird 250! Entdecken Sie den großen Komponisten neu!

In der CRE­SCEN­DO-Son­der­aus­ga­be lesen Sie, was ihn so beson­ders macht, sei­ne Jugend, sei­ne Lie­be, sein Leben. Dazu vie­le Musik­emp­feh­lun­gen und Ver­an­stal­tungs­tipps im offi­zi­el­len Maga­zin BTHVN2020.
Jetzt am Kiosk oder hier ein kos­ten­lo­ses Pro­be­heft bestel­len

____________________________________

PERSONALIEN DER WOCHE

Still und lei­se tritt er ab: Das Manage­ment von Vla­di­mir Ash­ken­azy hat bekannt gege­ben, dass der Pia­nist und Diri­gent beschlos­sen habe, nicht mehr öffent­lich auf­zu­tre­ten. Ein stil­ler Abgang eines noblen Maes­tro. +++ Alan Gil­bert, Chef des NDR Elb­phil­har­mo­nie-Orches­ters wird 2021 zudem Musik­di­rek­tor der Roy­al Swe­dish Ope­ra. +++ Er glänz­te in Opern von Ver­di und Puc­ci­ni. Jetzt ist der Tenor Gior­gio Merighi nach län­ge­rer Krank­heit im Alter von 80 Jah­ren gestor­ben. +++ Der Diri­gent Gus­ta­vo Duda­mel hat sei­nen Ver­trag in Los Ange­les bis 2026 ver­län­gert +++ Jür­gen Kes­ting fei­ert in der FAZ den 80. Geburts­tag des genia­len Wag­ner-Sän­gers Sieg­mund Nims­gern. +++ Gut sechs Wochen nach sei­nem Tod wird der Diri­gent Mariss Jan­sons post­hum vom Sym­pho­nie­or­ches­ter des Baye­ri­schen Rund­funks mit der Karl Ama­de­us Hart­mann-Medail­le gewür­digt. „Unse­re Ver­bun­den­heit mit dem warm­her­zi­gen Men­schen und bedeu­ten­den Diri­gen­ten Mariss Jan­sons und unser gro­ßer Dank sol­len damit noch­mals in beson­de­rer Wei­se zum Aus­druck gebracht wer­den“, teil­te das Orches­ter am Mon­tag in Mün­chen mit.

Und das noch: In der Süd­deut­schen Zei­tung hat Jona­than Mee­se ange­kün­digt, dass er gern die Bay­reu­ther Fest­spie­le über­neh­men wür­de! „Dann wür­de ich nur die Radi­ka­linskis holen, nur die Pro­fis. Also nie­man­den, der poli­tisch gleich­ge­schal­tet ist. Nie­mand, der irgend­je­mand gefal­len will“, sag­te der Maler und Kon­zept­künst­ler. „Für mich ist das ja alles zu gefäl­lig, zu anbie­derisch.“ Wie wäre es gewe­sen, hät­te er damals, als er konn­te, erst ein­mal eine Insze­nie­rung auf die Büh­ne gebracht?

In die­sem Sin­ne: hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr 

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

Vorheriger ArtikelVoll Emotionalität und Leidenschaft
Nächster ArtikelVon Tyrannen und Klassik-Katzen
Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here