Evgeny Kissin Die Kunst der ­Beschränkung

Der russische Pianist Evgeny Kissin gilt als einer der bedeutendsten Interpreten seiner Generation. Bei seinem respektablen Repertoire kann er sich Lücken leisten. Muss er. Denn die Liste der Solo- und Orchesterwerke, die er noch spielen will, ist lang.

Immer schnel­ler dreht sich das Inter­pre­ten-Karus­sell in den letz­ten Jah­ren. Immer wie­der tau­chen neue hüb­sche Gesich­ter auf, deren oft mit­tel­mä­ßi­ge Auf­nah­men mit viel Mar­ke­ting-Auf­wand an den Kon­su­men­ten gebracht wer­den sol­len. Und immer wie­der pas­siert es, dass die­se, meist jun­gen, Künst­ler wie­der in der Ver­sen­kung ver­schwin­den, bevor ihre Kar­rie­re über­haupt rich­tig begon­nen hat. Im Ver­gleich zu die­sen nach Pop­kri­te­ri­en gecas­te­ten Musi­kern erscheint Evge­ny Kis­sin wie ein Wesen von einem ande­ren Stern. Er ist völ­lig unei­tel, sehr auf die Musik fokus­siert, die ihn wirk­lich inter­es­siert, und ver­sucht nicht, Wis­sen vor­zu­täu­schen, das er nicht hat.

Auf die Fra­ge bei­spiels­wei­se, was er denn von den Kla­vier­wer­ken des ame­ri­ka­ni­schen Mini­ma­lis­ten Phil­ip Glass oder von Cross-over-Klas­sik hält, gesteht er denn auch frei­mü­tig, dass er bei­des „ehr­lich gesagt nicht ken­ne“. Auch die Fra­ge, ob er jemals Beet­ho­vens Kla­vier­mu­sik auf einem his­to­ri­schen Ham­mer­flü­gel gespielt habe, ver­neint er. Kis­sin zeigt hier, wie wich­tig es in der Kunst sein kann, sich auf bestimm­te Din­ge zu beschrän­ken, wenn man Gro­ßes errei­chen möch­te. So habe er auch, anders als die von ihm beson­ders geschätz­ten Beet­ho­ven-Inter­pre­ten Arthur Schna­bel oder Richard Goo­de, „nie­mals dar­an gedacht, alle 32 Beet­ho­ven-Sona­ten auf­zu­neh­men“. Da kon­zen­triert er sich lie­ber auf eini­ge weni­ge Sona­ten­wer­ke, in die er sich dann aber ver­senkt. Bei­spiels­wei­se in die ­Ham­mer­kla­vier­so­na­te. Mit die­sem monu­men­ta­len Stück, das sowohl hin­sicht­lich Umfang als auch hin­sicht­lich der wahn­wit­zi­gen pia­nis­ti­schen Anfor­de­run­gen jeg­li­chen Rah­men sprengt, war er in den letz­ten bei­den Jah­ren mehr­fach live im Kon­zert zu erle­ben.

Ich hof­fe nur, dass ich lan­ge genug lebe, um all das spie­len zu kön­nen, was ich ger­ne spie­len wür­de“

Die Haupt­schwie­rig­keit bei die­sem Werk stel­len die rasend schnel­len Tem­pi dar, die Beet­ho­ven für die bei­den Eck­sät­ze mit Metro­nom­zah­len exakt notier­te. Wie die meis­ten sei­ner Pia­nis­ten­kol­le­gen igno­riert der rus­si­sche Star­pia­nist die­se Vor­schrif­ten, da sie schlicht­weg „unspiel­bar“ sei­en. „Beet­ho­ven schrieb die­se Sona­te, als er bereits taub war“, erklärt er, „also ori­en­tier­te er sich bei den Metro­nom­an­ga­ben an dem, was er in sei­nem Kopf hör­te. Er hat­te jedoch kei­ne Gele­gen­heit zu über­prü­fen, wie sei­ne Musik in die­sen Tem­pi wirk­lich klin­gen wür­de.“ Kis­sin weist in die­sem Zusam­men­hang dar­auf hin, dass sich sogar man­che gro­ßen Kom­po­nis­ten bei der Inter­pre­ta­ti­on ihrer eige­nen Wer­ke nicht an ihre Tem­po­vor­schrif­ten gehal­ten haben, und nennt Ser­gej Rach­ma­ni­now als pro­mi­nen­tes Bei­spiel. Mit des­sen Pré­ludes kom­bi­nier­te er die Ham­mer­kla­vier­so­na­te im Kon­zert als Kon­trast. Auf ein sehr lan­ges klas­si­sches Werk folg­ten dann zehn kur­ze roman­ti­sche Stü­cke.

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Evge­ny Kis­sin ver­fügt über ein umfang­rei­ches Reper­toire, doch ist da eine gan­ze Rei­he an Kla­vier­kon­zer­ten, die er ger­ne noch ein­stu­die­ren möch­te. Dazu gehö­ren so bekann­te Wer­ke wie Mozarts frü­hes Es-Dur Kon­zert Jen­amy, frü­her Jeu­nehom­me genannt, Liszts 2. Kla­vier­kon­zert, das Kis­sin im nächs­ten Jahr live spie­len wird, Bar­tóks Kon­zer­te Nr. 1 und 3 oder Gershwins Rhaps­o­dy in Blue, aber auch sel­ten zu hören­de Stü­cke wie Karol Szy­ma­now­skis 4. Sin­fo­nie für Kla­vier und Orches­ter oder die ers­ten bei­den Kon­zer­te des in deut­schen Lan­den immer noch viel zu unbe­kann­ten rus­si­schen Spät­ro­man­ti­kers Niko­lai Medt­ner. Natür­lich fal­len ihm auch etli­che Solo­wer­ke ein, die er mit Ver­gnü­gen ler­nen wür­de. „Aller­dings wür­de ich meh­re­re Sei­ten brau­chen, um sie alle zu nen­nen“, räumt er ein. „Ich hof­fe nur, dass ich lan­ge genug lebe, um all das spie­len zu kön­nen, was ich ger­ne spie­len wür­de.“

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Mario Vogt
Mario-Felix Vogt wurde 1972 geboren und wuchs in Heidelberg auf. Er studierte in Düsseldorf und Essen Klavier, Bratsche und Musikwissenschaft und lebt seit 2016 in Berlin, wo er an seinem Schreibtisch über Texten brütet, die sich zumeist um spannende Musiker – am liebsten Pianisten – und ungewöhnliche Themen drehen. Außer für crescendo ist er als Autor für das Klaviermagazin PIANIST und die Berliner Morgenpost tätig.

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