Willkommen in der Klassik-Woche,

heu­te mit Anne-Sophie Mut­ters FAX-Gerät, viel zu wenig Geld in New York und Stutt­gart und mit Trä­nen für den Bari­ton John Weg­ner. 

WAS IST

Sor­gen­fal­ten: Iván Fischer bangt um das Buda­pest Fes­ti­val Orches­tra.

BUDAPEST FESTIVAL ORCHESTRA IN GEFAHR

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Nun also das Buda­pest Fes­ti­val Orches­tra. 1983 von Iván Fischer gegrün­det: Jugend­ar­beit, Über­ra­schungs- und Gesprächs­kon­zer­te. Das Gra­mo­pho­ne Maga­zin hat das Orches­ter welt­weit auf Platz 9 gewählt. Jetzt ver­schick­te Fischer einen Brand­brief. Die Regie­rung von Vik­tor Orbán will nur die Hälf­te der ver­spro­che­nen Unter­stüt­zung über­wei­sen, und das wür­de – wohl oder übel – zum Ende des Orches­ters füh­ren. Eine Tour­nee muss aus­fal­len, Kon­zer­te wer­den abge­sagt, über Ent­las­sun­gen wird debat­tiert. Orches­ter­ma­na­ger Mar­tin Hoff­mann, einst Chef der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker, ist schon aus Pro­test zurück­ge­tre­ten. Orbán zeich­net anti­se­mi­ti­sche Schrift­stel­ler aus, setz­te Bou­le­vard-Mann Atti­la Vid­nyánszky ins Natio­nal­thea­ter und den Rechts­ex­tre­mis­ten Györ­gy Dör­ner ins Neue Thea­ter. Hoff­mann und Iván Fischer könn­ten es sich leicht machen und gehen. Aber sie tan­zen die unga­ri­sche Kul­tur-Rhaps­odie, schla­gen inter­na­tio­nal Alarm und war­ten auf unse­re Soli­da­ri­tät – geben wir sie ihnen!    

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Bea­tri­ce Voh­ler

After-Work-Apéro in der CRESCENDO-Redaktion am Do, 28.11. in München

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KLEINE KRISE BEIM LUCERNE FESTIVAL 

Läuft gera­de nicht so gut für den Inten­dan­ten des Lucer­ne Fes­ti­vals Micha­el Hae­f­li­ger. Dass er durch­grei­fen kann und auch vor mas­si­ven Ände­run­gen und Pro­gramm-Stri­chen (wir haben über die Neu­aus­rich­tung des Fes­ti­vals berich­tet) nicht zurück­schreckt, ist bekannt. Etwas erstaunt ist man über die aktu­el­le Ner­vo­si­tät in Luzern: Der Stif­tungs­rat des Fes­ti­vals lässt der­zeit in einer unab­hän­gi­gen Unter­su­chung schwer­wie­gen­de Mob­bing-Vor­wür­fe gegen Hae­f­li­ger prü­fen. Erho­ben wur­den sie wohl von Domi­nik Deu­ber, dem Lei­ter der Meis­ter­schu­le für Neue Musik und deren Alum­ni. Einen Hin­ter­grund des Kon­flikts ver­mu­tet die Luzer­ner Zei­tung in den im Früh­ling bekannt­ge­ge­be­nen Umstruk­tu­rie­run­gen. Und dann war da noch die Sache mit Teo­dor Cur­r­ent­zis. Das Lucer­ne Fes­ti­val hat­te Kar­ten für Pro­ben des Orches­ters musi­cAe­ter­na im April für rund 100 Dol­lar ver­kauft. Dar­auf reagiert Cur­r­ent­zis nun ver­är­gert und mit einer Klar­stel­lung: Er erwar­te, dass bereits gezahl­tes Geld vom Fes­ti­val erstat­tet wer­de, da sei­ne Pro­ben kos­ten­los sei­en – aus Prin­zip.    

DAIMLER UND DIE OPER IN STUTTGART

In einer der letz­ten Wochen hat­ten wir bereits über die viel dis­ku­tier­te Sanie­rung der Stutt­gar­ter Oper berich­tet, und dar­um, dass kei­ner den Mut hat, die Eine-Mil­li­ar­den-Euro-Ent­schei­dung zu tref­fen. Nun schlägt Inten­dant Vik­tor Scho­ner im Deutsch­land­funk-Inter­view Alarm und kri­ti­siert die „erbärm­li­chen Arbeits­be­din­gun­gen“: „Ich lade jeden ein, aus Stutt­gart, aus Baden-Würt­tem­berg-Raum, aus ganz Deutsch­land, ein­mal eine Back­stage-Füh­rung zu machen und zu sehen, wie unse­re Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter, unse­re Musi­ke­rin­nen und Musi­ker, unse­re Tän­ze­rin­nen und Tän­zer wirk­lich erbärm­lichs­te Pro­be­si­tua­tio­nen und Arbeits­platz­si­tua­tio­nen… allein die Fär­be­rei, ich glau­be, kein Arbei­ter bei Daim­ler wür­de eine sol­che Fär­be­rei je auch nur betre­ten. Da gibt es ein­fach Sanie­rungs­be­darf, weil das Haus zum Glück im Krieg nicht zer­stört wur­de und auch nie wirk­lich grund­sa­niert wur­de. Und jeder, der einen Alt­bau hat, weiß, man muss da jetzt ran.“    

FINANZ-DEBATTE AN DER MET

Um Geld dreht sich der­zeit auch alles an der MET in New York. Wäh­rend die aktu­el­len Pre­mie­ren von „Por­gy and Bess“ und Phil­ip Glass’ „Akhn­a­ten“ sich gut ver­kau­fen, mel­de­te  die Oper bereits 2018 ein Defi­zit von 1,9 Mil­lio­nen Dol­lar, 2019 beträgt es nach neu­es­ten Schät­zun­gen 1,1 Mil­lio­nen. Von einer Rating Agen­tur wer­den laut New York Times die Kino­über­tra­gun­gen gelobt, die Inten­dant Peter Gelb erfun­den hat, aber die Finanz­mit­tel sei­en noch immer zu gering für ein Haus die­ser Grö­ßen­ord­nung. Zumal gro­ße Inves­ti­tio­nen anste­hen – beson­ders, was die Back­stage-Reno­vie­rung und die Sanie­rung der Fas­sa­de betrifft.   

WAS WAR

Das NDR Elb­phil­har­mo­nie Orches­ter spielt die neu­en „Vier Jah­res­zei­ten“.

GRETA VIVIALDI – DIE NEUEN JAHRESZEITEN

Es ist schon auf­fäl­lig, dass die Welt­ur­auf­füh­rung der neu­en „Vier Jah­res­zei­ten“ kaum auf­ge­fal­len ist – und das, obwohl die Idee von Star-Agen­tur Jung von Matt kam: Für das NDR Elb­phil­har­mo­nie Orches­ter und Alan Gil­bert wur­de bei der Ber­li­ner Musik­pro­duk­ti­on „Kling Klang Klong“ (die heißt echt so!) eine neue Ver­si­on der „Vier Jah­res­zei­ten“ in Auf­trag gege­ben: Eini­ge Vogel­stim­men fie­len dem Arten­ster­ben zum Opfer, ein biss­chen Herbst schlich sich schon in den Som­mer, und Gewit­ter stürm­ten in so ziem­lich jeder Jah­res­zeit. Am Ende klang die Par­ti­tur, die Kom­po­nis­ten mit den aktu­el­len Erkennt­nis­sen des Kli­ma­wan­dels umge­schrie­ben hat­ten, weni­ger nach Welt­un­ter­gang als ein­fach nur: Hübsch! Ver­nich­tend die Kri­tik von Edwin Baum­gart­ner. Scha­de, dass es dem NDR Mal wie­der nicht gelun­gen ist, den neu­en und wirk­lich span­nen­den Chef­di­ri­gen­ten in den Vor­der­grund zu stel­len. Statt­des­sen hat man lie­ber in ein ver­meint­li­ches Spi-Spa-Spek­ta­kel-Kon­zert inves­tiert. Irgend­wie scheint der Hang zur PR in Ham­burg noch immer grö­ßer zu sein, als die Klar­heit der Kunst.

SENATSVERWALTUNG SCHEITERT AN KOMISCHER OPER

Schon beim ers­ten Schritt in Rich­tung Sanie­rung der Komi­schen Oper ist die zustän­di­ge Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung und Woh­nen gestol­pert“, berich­tet der Tages­spie­gel. „Der Wett­be­werb, bei dem ein Gene­ral­pla­ner für die Grund­in­stand­set­zung und Erwei­te­rung des maro­den Musik­thea­ters gefun­den wer­den soll­te, ist geplatzt.“ Grund ist die Beschwer­de eines Bewer­bers. Der aktu­el­le Wett­be­werb muss­te auf­ge­ho­ben wer­den. Ob sich der Bau­be­ginn, der für 2023 geplant ist, hal­ten lässt – dar­an zwei­felt der Tages­spie­gel

PERSONALIEN DER WOCHE

Eine gro­ße Stim­me ist ver­stummt: John Weg­ner starb mit 69 Jah­ren.

In der Talk­show 3nach9 hat Gei­ge­rin Anne-Sophie Mut­ter einen Ein­blick in ihre Pro­ben­ar­beit gege­ben. Sie kön­ne sich schlecht kon­zen­trie­ren und nei­ge dazu, sich beim Üben abzu­len­ken, indem sie „Mal nach­schaut, was so im Fax liegt.“ Im Fax!?! Im Ernst? Wer schickt ihr denn sowas aus der media­len Ver­gan­gen­heit? Beet­ho­ven oder Bach, oder war es gar ein Tele­gramm von Tele­mann? +++ Er hat in Hal­le gekämpft und wur­de am Ende von eng­stir­ni­gen Poli­ti­kern vom Hof getrie­ben, nun ist der wei­te­re Weg von Inten­dant Flo­ri­an Lutz klar: Er beerbt Tho­mas Bockel­mann am Staats­thea­ter Kas­sel. +++ Kei­ne schö­ne ers­te Amts­hand­lung, wohl aber eine nöti­ge für das finan­zi­ell klam­me Opern­haus in Flo­renz: Inten­dant Alex­an­der Perei­ra will die Kar­ten­prei­se erhö­hen. Und dafür mehr Hoch­glanz ser­vie­ren. Er meint damit: Ric­car­do Muti, Kras­si­mi­ra Sto­ja­no­wa und Pláci­do Dom­in­go. „Ich gehe ein Risi­ko ein, indem ich die Kar­ten­prei­se bis auf 200 Euro erhö­he. Viel­leicht wer­den wir zehn Pro­zent der Zuschau­er ver­lie­ren, wir wer­den jedoch dafür mehr Ein­nah­men haben. Wenn die Qua­li­tät über­zeugt, wer­den wir mehr Kar­ten ver­kau­fen“, rech­net der ehe­ma­li­ge Oli­vet­ti-Ver­tre­ter vor. +++ Der deut­sche Opern­re­gis­seur Aron Stiehl wird neu­er Inten­dant in Kla­gen­furt. +++ Mit per­sön­li­chem Ein­satz hat Inten­dant Jens-Dani­el Her­zog eine Auf­füh­rung des „Don Car­los“ in Nürn­berg geret­tet. Nach­dem der Sän­ger der Haupt­rol­le spon­tan erkrank­te, spiel­te der Inten­dant die Rol­le kur­zer­hand sel­ber, musi­ka­lisch von der Sei­ten­büh­ne durch den aus St. Peters­burg ein­ge­flo­ge­nen Tenor Hov­han­nes Ayva­zy­an beglei­tet. +++ Weil wir die nöti­ge Auf­klä­rung im Fal­le Sieg­fried Mau­ser von Anfang an beglei­tet haben und soli­da­risch mit allen Opfern sind, sei hier noch ein wich­ti­ger Text emp­foh­len, der das Sys­tem-Mau­ser ein­drück­lich erklärt. +++ Unglaub­lich vie­le, unglaub­lich bewe­gen­de Erin­ne­run­gen an einen mensch­lich ein­ma­li­gen Sän­ger waren in den letz­ten Tagen in den sozia­len Medi­en zu lesen: Der Bari­ton John Weg­ner, unter ande­rem ein wun­der­ba­rer Wotan, ist im Alter von 69 Jah­ren sei­nem Par­kin­son-Lei­den erle­gen. „Am Anfang habe ich nur weni­gen Men­schen von der Krank­heit erzählt, dann habe ich mich ent­spannt – und am Ende stör­te es mich nicht mehr, dass die Leu­te das mit­be­kom­men haben.“ 

AUF UNSEREN BÜHNEN

Es war ein Tri­umpf – beson­ders für Kirill Petren­ko und Mar­lis Peter­sen: sie über­wäl­tig­ten mit ihrer schrof­fen Les­art von Korn­golds „Tote Stadt“ in Mün­chen. Und auch Tenor Jonas Kauf­mann ließ vie­le Kri­ti­ker ver­stum­men. So attes­tier­te Manu­el Brug ihm, bes­ser gesun­gen zu haben, als er erwar­tet hat­te, und der BR fei­er­te Kauf­mann als Sän­ger-Dar­stel­ler. Noch für kur­ze Zeit ist der Radio-Mit­schnitt der Pre­mie­re hier zu hören. +++  Inten­dant Bernd Loebe stell­te das neue Pro­gramm in Erl vor: 2020 ste­hen Wag­ners „Lohen­grin“, Hum­per­dincks „Königs­kin­der“ und die Ros­si­ni-Oper „Bian­ca e Fal­lie­ro“ auf dem Pro­gramm. Kurz zuvor wur­de bestä­tigt, dass die Staats­an­walt­schaft die Kla­gen gegen Gus­tav Kuhn aus poli­ti­schem Druck auf­recht erhält.

In eige­ner Sache darf ich Sie noch auf ein Gespräch hin­wei­sen, das ich für Klas­sik-Radio mit Annet­te Dasch geführt habe: In andert­halb Stun­den erzählt sie beim ent­spann­ten Brunch über ihre Jugend in den 80er-Jah­ren und dar­über, wie Musik ihr über die Puber­tät hin­weg half. Sie ver­rät, war­um sie sich die toten Mit­glie­der ihrer Fami­lie gern wäh­rend der Auf­füh­rung in den hin­te­ren Rei­hen des Thea­ters vor­stellt, plau­dert über die Pro­ben an Hans Neu­en­fels‘ Bay­reu­ther „Rat­ten-Lohen­grin“, erklärt, wie das Gehirn bei Neu­er Musik reagiert und gesteht, dass sie noch auf einen Anruf von Peter Kon­wit­sch­ny war­tet.

In die­sem Sin­ne – hal­ten Sie die Ohren steif.

Ihr Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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