Klassikwoche 48/2019Fax an Mutter und Solidarität für Fischer

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Willkommen in der Klassik-Woche,

heute mit Anne-Sophie Mutters FAX-Gerät, viel zu wenig Geld in New York und Stuttgart und mit Tränen für den Bariton John Wegner. 

WAS IST

Sorgenfalten: Iván Fischer bangt um das Budapest Festival Orchestra.

BUDAPEST FESTIVAL ORCHESTRA IN GEFAHR

Nun also das Budapest Festival Orchestra. 1983 von Iván Fischer gegründet: Jugendarbeit, Überraschungs- und Gesprächskonzerte. Das Gramophone Magazin hat das Orchester weltweit auf Platz 9 gewählt. Jetzt verschickte Fischer einen Brandbrief. Die Regierung von Viktor Orbán will nur die Hälfte der versprochenen Unterstützung überweisen, und das würde – wohl oder übel – zum Ende des Orchesters führen. Eine Tournee muss ausfallen, Konzerte werden abgesagt, über Entlassungen wird debattiert. Orchestermanager Martin Hoffmann, einst Chef der Berliner Philharmoniker, ist schon aus Protest zurückgetreten. Orbán zeichnet antisemitische Schriftsteller aus, setzte Boulevard-Mann Attila Vidnyánszky ins Nationaltheater und den Rechtsextremisten György Dörner ins Neue Theater. Hoffmann und Iván Fischer könnten es sich leicht machen und gehen. Aber sie tanzen die ungarische Kultur-Rhapsodie, schlagen international Alarm und warten auf unsere Solidarität – geben wir sie ihnen! 

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Beatrice Vohler

After-Work-Apéro in der CRESCENDO-Redaktion am Do, 28.11. in München

Beatrice Vohler zeigt Ihre Werke und Sie sind herzlich eingeladen! Details und Anmeldung finden Sie hier:

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KLEINE KRISE BEIM LUCERNE FESTIVAL 

Läuft gerade nicht so gut für den Intendanten des Lucerne Festivals Michael Haefliger. Dass er durchgreifen kann und auch vor massiven Änderungen und Programm-Strichen (wir haben über die Neuausrichtung des Festivals berichtet) nicht zurückschreckt, ist bekannt. Etwas erstaunt ist man über die aktuelle Nervosität in Luzern: Der Stiftungsrat des Festivals lässt derzeit in einer unabhängigen Untersuchung schwerwiegende Mobbing-Vorwürfe gegen Haefliger prüfen. Erhoben wurden sie wohl von Dominik Deuber, dem Leiter der Meisterschule für Neue Musik und deren Alumni. Einen Hintergrund des Konflikts vermutet die Luzerner Zeitung in den im Frühling bekanntgegebenen Umstrukturierungen. Und dann war da noch die Sache mit Teodor Currentzis. Das Lucerne Festival hatte Karten für Proben des Orchesters musicAeterna im April für rund 100 Dollar verkauft. Darauf reagiert Currentzis nun verärgert und mit einer Klarstellung: Er erwarte, dass bereits gezahltes Geld vom Festival erstattet werde, da seine Proben kostenlos seien – aus Prinzip. 

DAIMLER UND DIE OPER IN STUTTGART

In einer der letzten Wochen hatten wir bereits über die viel diskutierte Sanierung der Stuttgarter Oper berichtet, und darum, dass keiner den Mut hat, die Eine-Milliarden-Euro-Entscheidung zu treffen. Nun schlägt Intendant Viktor Schoner im Deutschlandfunk-Interview Alarm und kritisiert die „erbärmlichen Arbeitsbedingungen“: „Ich lade jeden ein, aus Stuttgart, aus Baden-Württemberg-Raum, aus ganz Deutschland, einmal eine Backstage-Führung zu machen und zu sehen, wie unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, unsere Musikerinnen und Musiker, unsere Tänzerinnen und Tänzer wirklich erbärmlichste Probesituationen und Arbeitsplatzsituationen… allein die Färberei, ich glaube, kein Arbeiter bei Daimler würde eine solche Färberei je auch nur betreten. Da gibt es einfach Sanierungsbedarf, weil das Haus zum Glück im Krieg nicht zerstört wurde und auch nie wirklich grundsaniert wurde. Und jeder, der einen Altbau hat, weiß, man muss da jetzt ran.“    

FINANZ-DEBATTE AN DER MET

Um Geld dreht sich derzeit auch alles an der MET in New York. Während die aktuellen Premieren von „Porgy and Bess“ und Philip Glass’ „Akhnaten“ sich gut verkaufen, meldete  die Oper bereits 2018 ein Defizit von 1,9 Millionen Dollar, 2019 beträgt es nach neuesten Schätzungen 1,1 Millionen. Von einer Rating Agentur werden laut New York Times die Kinoübertragungen gelobt, die Intendant Peter Gelb erfunden hat, aber die Finanzmittel seien noch immer zu gering für ein Haus dieser Größenordnung. Zumal große Investitionen anstehen – besonders, was die Backstage-Renovierung und die Sanierung der Fassade betrifft. 

WAS WAR

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Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielt die neuen „Vier Jahreszeiten“.

GRETA VIVIALDI – DIE NEUEN JAHRESZEITEN

Es ist schon auffällig, dass die Welturaufführung der neuen „Vier Jahreszeiten“ kaum aufgefallen ist – und das, obwohl die Idee von Star-Agentur Jung von Matt kam: Für das NDR Elbphilharmonie Orchester und Alan Gilbert wurde bei der Berliner Musikproduktion „Kling Klang Klong“ (die heißt echt so!) eine neue Version der „Vier Jahreszeiten“ in Auftrag gegeben: Einige Vogelstimmen fielen dem Artensterben zum Opfer, ein bisschen Herbst schlich sich schon in den Sommer, und Gewitter stürmten in so ziemlich jeder Jahreszeit. Am Ende klang die Partitur, die Komponisten mit den aktuellen Erkenntnissen des Klimawandels umgeschrieben hatten, weniger nach Weltuntergang als einfach nur: Hübsch! Vernichtend die Kritik von Edwin Baumgartner. Schade, dass es dem NDR Mal wieder nicht gelungen ist, den neuen und wirklich spannenden Chefdirigenten in den Vordergrund zu stellen. Stattdessen hat man lieber in ein vermeintliches Spi-Spa-Spektakel-Konzert investiert. Irgendwie scheint der Hang zur PR in Hamburg noch immer größer zu sein, als die Klarheit der Kunst. 

SENATSVERWALTUNG SCHEITERT AN KOMISCHER OPER

Schon beim ersten Schritt in Richtung Sanierung der Komischen Oper ist die zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen gestolpert“, berichtet der Tagesspiegel. „Der Wettbewerb, bei dem ein Generalplaner für die Grundinstandsetzung und Erweiterung des maroden Musiktheaters gefunden werden sollte, ist geplatzt.“ Grund ist die Beschwerde eines Bewerbers. Der aktuelle Wettbewerb musste aufgehoben werden. Ob sich der Baubeginn, der für 2023 geplant ist, halten lässt – daran zweifelt der Tagesspiegel

PERSONALIEN DER WOCHE

Eine große Stimme ist verstummt: John Wegner starb mit 69 Jahren.

In der Talkshow 3nach9 hat Geigerin Anne-Sophie Mutter einen Einblick in ihre Probenarbeit gegeben. Sie könne sich schlecht konzentrieren und neige dazu, sich beim Üben abzulenken, indem sie „Mal nachschaut, was so im Fax liegt.“ Im Fax!?! Im Ernst? Wer schickt ihr denn sowas aus der medialen Vergangenheit? Beethoven oder Bach, oder war es gar ein Telegramm von Telemann? +++ Er hat in Halle gekämpft und wurde am Ende von engstirnigen Politikern vom Hof getrieben, nun ist der weitere Weg von Intendant Florian Lutz klar: Er beerbt Thomas Bockelmann am Staatstheater Kassel. +++ Keine schöne erste Amtshandlung, wohl aber eine nötige für das finanziell klamme Opernhaus in Florenz: Intendant Alexander Pereira will die Kartenpreise erhöhen. Und dafür mehr Hochglanz servieren. Er meint damit: Riccardo Muti, Krassimira Stojanowa und Plácido Domingo. „Ich gehe ein Risiko ein, indem ich die Kartenpreise bis auf 200 Euro erhöhe. Vielleicht werden wir zehn Prozent der Zuschauer verlieren, wir werden jedoch dafür mehr Einnahmen haben. Wenn die Qualität überzeugt, werden wir mehr Karten verkaufen“, rechnet der ehemalige Olivetti-Vertreter vor. +++ Der deutsche Opernregisseur Aron Stiehl wird neuer Intendant in Klagenfurt. +++ Mit persönlichem Einsatz hat Intendant Jens-Daniel Herzog eine Aufführung des „Don Carlos“ in Nürnberg gerettet. Nachdem der Sänger der Hauptrolle spontan erkrankte, spielte der Intendant die Rolle kurzerhand selber, musikalisch von der Seitenbühne durch den aus St. Petersburg eingeflogenen Tenor Hovhannes Ayvazyan begleitet. +++ Weil wir die nötige Aufklärung im Falle Siegfried Mauser von Anfang an begleitet haben und solidarisch mit allen Opfern sind, sei hier noch ein wichtiger Text empfohlen, der das System-Mauser eindrücklich erklärt. +++ Unglaublich viele, unglaublich bewegende Erinnerungen an einen menschlich einmaligen Sänger waren in den letzten Tagen in den sozialen Medien zu lesen: Der Bariton John Wegner, unter anderem ein wunderbarer Wotan, ist im Alter von 69 Jahren seinem Parkinson-Leiden erlegen. „Am Anfang habe ich nur wenigen Menschen von der Krankheit erzählt, dann habe ich mich entspannt – und am Ende störte es mich nicht mehr, dass die Leute das mitbekommen haben.“ 

AUF UNSEREN BÜHNEN

Es war ein Triumpf – besonders für Kirill Petrenko und Marlis Petersen: sie überwältigten mit ihrer schroffen Lesart von Korngolds „Tote Stadt“ in München. Und auch Tenor Jonas Kaufmann ließ viele Kritiker verstummen. So attestierte Manuel Brug ihm, besser gesungen zu haben, als er erwartet hatte, und der BR feierte Kaufmann als Sänger-Darsteller. Noch für kurze Zeit ist der Radio-Mitschnitt der Premiere hier zu hören. +++  Intendant Bernd Loebe stellte das neue Programm in Erl vor: 2020 stehen Wagners „Lohengrin“, Humperdincks „Königskinder“ und die Rossini-Oper „Bianca e Falliero“ auf dem Programm. Kurz zuvor wurde bestätigt, dass die Staatsanwaltschaft die Klagen gegen Gustav Kuhn aus politischem Druck aufrecht erhält.

In eigener Sache darf ich Sie noch auf ein Gespräch hinweisen, das ich für Klassik-Radio mit Annette Dasch geführt habe: In anderthalb Stunden erzählt sie beim entspannten Brunch über ihre Jugend in den 80er-Jahren und darüber, wie Musik ihr über die Pubertät hinweg half. Sie verrät, warum sie sich die toten Mitglieder ihrer Familie gern während der Aufführung in den hinteren Reihen des Theaters vorstellt, plaudert über die Proben an Hans Neuenfels‘ Bayreuther „Ratten-Lohengrin“, erklärt, wie das Gehirn bei Neuer Musik reagiert und gesteht, dass sie noch auf einen Anruf von Peter Konwitschny wartet. 

In diesem Sinne – halten Sie die Ohren steif.

Ihr Axel Brüggemann

[email protected]

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Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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