Nicolas FlagelloFegefeuer innerer Schmerzen

Foto: Walter Simmons

Sein unorthodoxer Auftritt erinnerte mehr an einen Mafioso als an einen Akademiker. Wohl weil er die Kunst der Selbstvermarktung nicht beherrschte, ist Nicolas Flagello heute so gut wie in Vergessenheit geraten.

Am 15. März wäre Nicolas Flagello (1928–1994) 90 Jahre alt geworden. Er war einer der ganz großen Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aus einer italienischen Musikerfamilie, die sich in New York niedergelassen hatte (sein Großvater mütterlicherseits war einer der letzten Schüler von Verdi) stammend, wuchs er in einer von Belcanto und spätromantischer Emphase geprägten Umgebung auf. Mit drei Jahren erhielt er Klavierunterricht, mit acht Jahren begann er zu komponieren.

Sein großer Lehrmeister wurde Vittorio Giannini, den Richard Strauss in den 1930er-Jahren als neuen Hoffnungsträger protegierte. Doch es kam anders, der Krieg zerstörte viele Hoffnungen, und danach stand Gianninis aus der Tradition gewachsenes Ethos wider den Zeitgeist, der die Brücken zur Vergangenheit abbrechen wollte. Giannini und Flagello wurden enge Freunde und bildeten eine ästhetische Haltung aus, die in den USA einzigartig war: Schönheit, existenzielles Drama, Kunst der organischen sinfonischen Formung, vollendete Beherrschung der kontrapunktischen Techniken und harmonischen Mittel auf der Grundlage einer erweiterten kantablen Tonalität. Ende der 1950er-Jahre zeichnete sich in Flagellos Schaffen eine stilistische Wandlung ab, die auch auf Giannini zurückfärbte: Die Musik spiegelte in ihrer dunklen Glut immer mehr Zustände dramatischer Verzweiflung, Rebellion gegen die Ignoranz und Veräußerlichung der modernen Zivilisation und seelische Vereinsamung in der kalten Betonwelt der Metropole wider. Ein brodelnder Abgesang.

Zustände dramatischer Verzweiflung, Rebellion gegen die Ignoranz“

In den 1970er-Jahren geriet Flagello allmählich in einen Zustand innerer Verlorenheit und tiefer Depression, sein Leben endete in geistiger Umnachtung. Dass er ein Outsider blieb, hat jedoch nicht unbedingt mit seiner künstlerischen Haltung zu tun, die ihn ohne jede Rücksicht auf Moden unbeugsam seinen Weg gehen ließ. Andere, wie Barber oder Bloch, wurden für ihren offenen Neoromantizismus gefeiert. Er hingegen, der viel mehr furioser Existenzialist als Nostalgiker war, dessen Musik den Hörer oft durch ein Fegefeuer innerer Schmerzen führt, verstand es einfach nicht, sich „gut zu verkaufen“. Obwohl selbst ein exzellenter Pianist und Dirigent, musste er die Aufnahmen seiner Musik in Italien machen, denn sein unorthodoxer Auftritt erinnerte mehr an einen Mafioso als an einen gewandten Akademiker. Er blieb sozusagen ein „Mann von der Straße“, dessen Musik zwar die Kenner herausfordert, aber zugleich für jeden Hörer unmittelbar verständlich ist.

Flagello musste fast zwangsläufig eine tragische Figur werden. Seine Musik spricht in ihrer Zeit eine so unverstellt vehemente Sprache wie Tschaikowsky in seiner. Sie nimmt den Hörer ebenso stürmisch und zärtlich mit in ihre leidenschaftlichen und intimen Regionen und ist zugleich kompromisslos klar, unbestechlich balanciert geformt. Auf CD ist Flagello mittlerweile so dokumentiert, dass man sich – bei allen Lücken – einen Überblick verschaffen kann (etliche Einspielungen sind bei NAXOS erschienen), doch seine Hauptwerke sind nach wie vor fast nie im Konzert zu hören. Manche harren trotz Ersteinspielung weiter der Uraufführung. Es ist nicht einfach, beim vielseitigen Reichtum seines Schaffens Empfehlungen abzugeben. Doch möchte ich seine beiden Sinfonien nennen, das herrlich zwischen improvisatorischem Gestus und expressionistischer Gesangsszene angesiedelte Capriccio für Cello und Orchester, die übermütig an den Montmartre entführende Lautrec-Suite mit einem abgründigen Valse triste, wie sie sich selbst Sibelius nicht erträumt hätte, oder der Piper of Hamelin, eine der hinreißendsten Kinderopern der Geschichte. Nie hat sich der Bekenntnismusiker Flagello, der 1968 mit der Passion of Martin Luther King sein berühmtestes Werk schrieb, der Sentimentalität der nostalgischen Neoromantik ergeben, immer halten das vielfältige rhythmische Pulsieren, der weit dimensionierte harmonische Spannungsverlauf, die lineare Energie das stringent konturierte Geschehen im Fluss. Wer Schostakowitsch liebt, dürfte auch Flagello lieben. Nur muss man ihn zuerst kennenlernen.

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