Kei­ne Fra­ge, dass Schu­berts letz­te drei Kla­vier­so­na­ten, die er zwei Mona­te vor sei­nem Tod voll­endet, zu den Gip­fel­wer­ken der Gat­tung zäh­len. Aber nur weni­ge Pia­nis­ten ver­moch­ten deren unglaub­li­che inno­va­ti­ve Sub­stanz und das Aus­maß des Tra­gi­schen über­zeu­gend umzu­set­zen, da die meis­ten, unter dem Ein­druck von Schu­berts äuße­ren Lebens­um­stän­den, das Fieb­rig-Krän­keln­de, Depres­siv-Ver­han­ge­ne und die läh­men­de Todes­nä­he in den Vor­der­grund rück­ten. Auch der heu­te 58-jäh­ri­ge Alex­an­der Lon­quich unter­streicht im Book­let-Text sei­ner neu­en, schla­cken­los kla­ren Ein­spie­lung der Tri­as deren „betont erzäh­le­ri­schen Cha­rak­ter“ und deu­tet sie als „fort­lau­fen­de Geschich­te eines ein­zi­gen Romans“, und den­noch durch­leuch­tet er ihre struk­tu­rel­le Kom­ple­xi­tät, ihre har­mo­ni­schen Kühn­hei­ten und emo­tio­na­len Abgrün­de mit Beet­ho­ven­scher Rigo­ro­si­tät und einer dem Kom­po­si­ti­ons­pro­zess fol­gen­den „nack­ten“ Klar­heit und Strin­genz, die die­se letz­ten Arbei­ten als Mani­fes­te visio­nä­rer Moder­ni­tät und einer mit neu­en Inhal­ten gefüll­ten Wahr­haf­tig­keit aus­wei­sen: Lon­quichs fas­zi­nie­ren­de Anschlags­kul­tur, sein per­fek­tes, fle­xi­bles Timing, sei­ne schla­cken­lo­se Prä­gnanz und sein dra­ma­tisch geschärf­ter, stets plau­si­bler Erzähl­strom ent­hül­len die tie­fe Trost- und Aus­weg­lo­sig­keit die­ser Wer­ke in unge­schütz­ter, ent­blöß­ter Klar­heit und ver­wei­gern ent­schie­den jede Spur von fal­scher Gefüh­lig­keit. Das ist fes­selnd und erschüt­ternd zugleich.

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Attila Csampai
Attila Csampai ist Chefrezensent bei crescendo. Als gebürtiger Budapester lebt er seit 1957 in München, und studierte hier Musikwissenschaft. Seit 1974 schreibt er Schallplattenkritiken in allen wichtigen Fachzeitschriften. Seine Essays, seine Werkkommentare und vor allem sein zahlreichen Musikbücher sind legendär. 32 Jahre lang war er Musikredakteur und Live-Moderator beim Bayerischen Rundfunk. Seine CD-Sammlung umfasst mehr als 30.000 Alben.

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