Die Festtage im Festspielhaus der österreichischen Hafenstadt Bregenz am Bodensee zeigen von 15. bis 22. August 2020 ein vielfältiges Programm. Vom Gesang über eine Lesung bis zu Konzerten ist alles dabei, und sogar die Uraufführung einer Oper gibt es zu sehen.

Ali, ein türkischer Kaufmann aus Smyrna, kommt in Geschäften nach Venedig. Dort besucht er die Oper und denkt sich, dieses Stück könne in seiner Heimat, wo es ja mehr Ausländer als Einheimische gibt, sein Glück machen. Er will es auf einen Versuch ankommen lassen und beauftragt den italienischen Theateragenten, ihm das für seinen Plan erforderliche Personal herbeizuschaffen. Welcher Reinfall für den Türken! Er engagiert vier Sängerinnen, von denen jede Anspruch auf die erste Rolle erhebt. Die Herren sind nicht viel fügsamer. Der Tag der Abreise ist festgesetzt, und alle sind versammelt, um sich einzuschiffen. Man erwartet den Impresario, aber an dessen Stelle erscheint ein Mann mit einem Beutel voll Geld und der Nachricht, dass Ali schon zu Schiff nach Smyrna ist. Und jedem wird im Auftrag des freigebigen Muselmannes statt der verdienten Rüge ein volles Vierteljahr der Gage ausbezahlt.“

Eine umfassende und tiefgreifende Kritik

Regisseurin Elisabeth Stöppler
Setzt die Opera buffa Impresario Dotcom im Festspielhaus Bregenz in Szene: Regisseurin Elisabeth Stöppler
(Foto: © picture alliance / Monika Skolimowska / dpa / Zentralbild / dpa)

So gibt Carlo Goldoni in seinen Memoiren den Inhalt seiner Komödie L’impresario delle smirne (Der Impresario von Smyrna), die 1755 in Venedig zur Uraufführung kam, wieder. Und er fügt noch hinzu: „Dieses Stück war eine sehr umfassende und tiefgreifende Kritik an der Unverschämtheit der Schauspieler und Schauspielerinnen und der Indolenz der Theaterdirektoren; es hatte vollen Erfolg.“

Das wahre Bild der Theaterlieblinge

Goldoni setzte sich für eine neue Theatermoral ein. Und durch sein Stück sollte zum einen das Publikum ein wahres Bild seiner Theaterlieblinge erhalten, und zum anderen wollte er diesen eine Lektion erteilen. 100 Jahre später veroperte Carlo Pedrotti das Stück mit einem Libretto von Marcelliano Marcello unter dem Titel Tutti in maschera (Alle maskiert). Er hatte damit vor allem in Frankreich großen Erfolg.

Eine Opera buffa für Bregenz

Die Schauspielerin Zeynep-Buyrac
Übernimmt die Rolle der Impresaria: die Schauspielerin Zeynep Buyraç
(Foto: © Alexander Gotter)

Für die Bregenzer Festspiele hat die Komponistin Ľubica Čekovská (Foto oben: © Ivana Satanik) mit der Librettistin Laura Olivi das Stück in eine Opera buffa verwandelt. Impresario Dotcom hätte im Theater am Kornmarkt uraufgeführt werden sollen. Da die Bregenzer Festspiele jedoch abgesagt wurden, findet auf Anregung der Regisseurin Elisabeth Stöppler und ihres Teams die Uraufführung im Festspielhaus statt. Die Rolle der Impresaria Dotcom übernimmt Zeynep Buyraç. Zu den weiteren Mitwirkenden gehören Christoph Pohl, Hagen Matzeit, Eva Bodorová, Terezia Kružliaková, Adriana Kučerova und Simeon Esper. Am Pult des Symphonieorchesters Vorarlberg steht Christopher Ward.

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Trauermarsch und Tanz

Die Musicbanda Franui
Widmet sich Schubert und Mahler: das Kammerensemble Musicbanda Franui
(Foto: © Julia Stix)

Eröffnet werden die Festtage von der Musicbanda Franui. Wo kommen Melodien her, und wo führen sie hin? Das ist die Frage, der Franui mit ihrer Musik nachgehen. Benannt nach einer Almwiese im Osttiroler Dorf Innervillgraten, wo die meisten ihrer Mitglieder aufwuchsen, versteht sie sich als „Umspannwerk zwischen Klassik, Volksmusik, Jazz und zeitgenössischer Kammermusik“. Andreas Schett, Trompeter, Flügelhornist, Komponist und Gründer der Gruppe, benennt Trauermarsch und Tanz als die beiden Pole ihrer Arbeit. Franz Schubert und Gustav Mahler widmen sie mit dem Bassbariton Florian Boesch ihren Abend, der vom Video-Künstler Jonas Dahlberg in Szene gesetzt wird.

Alte Weisen aus der Auvergne

Der Dirigent Enrique Mazzola
Leitet das Symphonieorchester Vorarlberg: Enrique Mazzola
(Foto: © Eric Garault)

Den Volksliedarrangements Chants d’Auvergne von Joseph Canteloube stehen auf dem Programm eines Konzertabends der Sopranistin Mélissa Petit. Wie Bartók zog Canteloube einst durch die Auvergne, in der er aufgewachsen war, um bei den Bauern und Landarbeitern jene Lieder, Melodien und alten Weisen zu sammeln, die seine Kindheit prägten. Begleitet wird Mélissa Petit vom Symphonieorchester Vorarlberg unter Enrique Mazzola.

Vom Barock bis in die Gegenwart

Die Sopranistin Hanna Herfurtner
Singt mit ihrem Ensemble alte und zeitgenössische Lieder: die Sopranistin Hanna Herfurtner
(Foto: © Theresa Pewal)

Im Kunsthaus Bregenz spannt die Sopranistin Hanna Herfurtner mit ihrem Ensemble einen Bogen vom Barock bis in die Gegenwart. Den Liedern barocker Komponisten wie Claudio Monteverdi, Orlando di Lasso und Carlo Gesualdo stellt sie Liedkompositionen zeitgenössischer Komponisten gegenüber wie Sidney Corbett oder Catherine Lamb, die u.a. Texte von Christine Lavant und Roland Barthes vertonte.

Alle Freuden und Leiden der Liebe

Johannes Kammler und Anna El-Kashem
Singen aus Hugo Wolfs Italienischem Liederbuch: Johannes Kammler und Anna El-Kashem
(Fotos: © Basim Mazhiqi und L. Savenko)

Um Liebe dreht sich alles im Liederabend der Sopranistin Anna El-Kashem und des Baritons Johannes Kammler. In der Übersetzung von Paul Heyse vertonte Hugo Wolf in den 1890er-Jahren Liebesgedichte aus der Toskana. Auf deklamatorische und tonsymbolische Weise gestaltete er in seinem Italienischen Liederbuch kunstvoll alle Freuden und Leiden der Liebe. Den Klavierpart übernimmt Rita Kaufmann.

Von sexueller Begierde getrieben

Philippe Jordan
Beschließt am Pult der Wiener Symphoniker die Festtage: Philippe Jordan

Das Poem Nikolaus Lenaus über den von sexueller Begierde unaufhaltsam getriebenen Mann hatte Richard Strauss einst zu seiner Tondichtung Don Juan inspiriert. Philippe Jordan leitet die Aufführung am Pult der Wiener Symphoniker. Mit einer Hommage an Richard Strauss beschließt er die Festtage.

Weitere Informationen zu den Festtagen im Festspielhaus Bregenz: www.bregenzerfestspiele.com

Mehr zum Stand der Bregenzer Festspiele 2021 auf CRESCENDO.DE

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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