Willkommen zur neuen Klassik-Woche,

heute mitten aus einem klassischen Shitstorm, mit der Frage nach dem „Wie weiter in Salzburg?“ und großem Applaus für Christoph Eschenbachs Einstand in Berlin.

WAS IST

Eine der zahlreichen Instagram-Antworten von Kathryn Lewek auf angebliche #bodyshame-Kritik

FAT SHITSTORM

Es ist vielleicht nicht klug, dass ich mich hier in einen fetten Shitstorm begebe und meinen astral-schlanken Kritiker-Körper wenigstens ein bisschen vor den opulenten Kritiker-Korpus des Kollegen Manuel Brug schiebe, der an dieser Stelle wegen seines Facebook-Profilbildes immerhin schon einige Male sein Fett als Raupe Nimmersatt wegbekommen hat. Folgendes ist passiert: Die Sängerin der Salzburger Eurydike, Kathryn Lewek, hat Brug in zahlreichen Posts unter dem Hashtag #bodyshaming angegriffen, da sie seine Kritik in der Welt als persönlichen Angriff auf ihren Körper verstanden hat. Sie fühlte sich gedemütigt, postete prompt Bilder mit dem unverpixelten (auch fragwürdig!) Gesicht ihres Kindes und echauffierte sich über die übergriffige Kritik! In den letzten Tagen wuchs daraus – und durch den ätzenden Brandbeschleuniger Norman Lebrecht – ein Shitstorm zu Orkanstärke, und Brug-Feinde posteten mit Inbrunst unvorteilhafte Bilder des Kritikers. Ich befürchte allerdings, dass es sich in dieser aufgeheizten Stimmung eher um einen klassischen Internet-Automatismus handelt, an dessen Ende keiner mehr so genau weiß, worum es eigentlich ging – beziehungsweise niemand die Original-Kritik gelesen hat, bevor er in die #bodyshaming-Schreie einstimmte.

Fakt ist, dass Brug in einem Endlos-Text über die Salzburger Festspiele Barrie Koskys Orpheus-Aufführung in einem eher schlanken Satz abhandelte. Und der ging so: „… leider läuft der gut geölte Marionetten-Mechanismus schnell leer, immer wieder machen dicke Frauen in engen Korsetten in diversen Separees die Beine breit.“ Äh – ja, genau das war auf der Bühne zu sehen, und, ja, die Regie spielte bewusst mit dem Aussehen der Sängerinnen, thematisierte ihre Körperlichkeit slapstickartig wie einst bei Stan & Ollie, die in Deutschland bekanntlich als Dick und Doof Karriere machten. Die Frage ist, wie man all das anders ausdrücken solle. Es ging hier eben nicht um eine „Fat man can’t sing“-Überschrift (so titelte einst die New York Times über Luciano Pavarotti), sondern um eine in der Inszenierung angelegte Körper-Debatte. 

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Okay, dass Brug in einem Tweet auf die erste Welle des Shitstorms mit einem selbstgefälligen „Haha“ antwortete – das war nicht wirklich klug. Smarter dagegen Mezzo Nadine Weissmann, die den Cupido der Inszenierung sang, und vor der letzten Salzburg-Aufführung mit einem Schmunzeln auf Facebook postete: „It ain’t over till the fat lady in a corset sings!Vollkommen peinlich dagegen das offizielle Statement von Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler: „Ein ziemlich einflussreicher deutscher Kritiker, dessen Aussehen ich nicht kommentiere, um mich nicht auf seine respektlose Stufe zu stellen, hat Kathryn vorgeworfen, sie wäre zu dick als Eurydice in Orphée aux enfers…“ Abgesehen davon, dass das so nicht stimmte, wie soll das alles denn nun weitergehen? In der Feststellung, dass die Festspiel-Präsidentin, über deren Aussehen wir hier nicht berichten, um das Niveau eines Kritikers, über dessen Aussehen wir hier ebenfalls nicht berichten, um sein Niveau, als er über eine Sängerin schrieb, über deren Aussehen er nicht in der Form berichtet hatte, wie es die Festspiel-Präsidentin ihm unterstellte, nicht zu unterschreiten? Leute, ist all das nicht alles etwas zu dick aufgetragen?

STAATSKAPELLE OHNE THIELEMANN?

Seit Monaten begleiten wir an dieser Stelle den Zoff um die Salzburger Osterfestspiele. Nachdem wir letzte Woche bereits über Meinungsverschiedenheiten zwischen der Sächsischen Staatskapelle und Christian Thielemann berichtet hatten (es ging um die vom Dirigenten geplanten Premieren), wurde der Zwist nun auch offiziell: In einer Pressemitteilung stellte das Orchester klar, dass es auch ohne seinen Chefdirigenten in Salzburg bleiben wolle. Wenn es die Rechnung dabei mal nicht ohne den Wirt gemacht hat. Sowohl Thielemann-Rivale und designierter Intendant Nikolaus Bachler, als auch Landeshauptmann Wilfried Haslauer schweigen irritierend beharrlich – haben sie etwa längst einen Plan ohne Orchester und Dirigenten in der Schreibtischschublade? In österreichischen Zeitungen wird über eine Rückkehr der Berliner Philharmoniker nach Salzburg spekuliert – ich tippe eher auf ein Festival mit jährlich wechselnden Orchestern. Für Thielemann ist der Zoff in Salzburg allerdings nur eine Baustelle: Das ZDF hat ihn und die Staatskapelle gerade aus dem Silvesterkonzert geworfen (das übernimmt bereits 2019 Kirill Petrenko), und im Oktober steht auch die Verlängerung seiner Musikdirektorenstelle in Bayreuth an. Den Ring hat Katharina Wagner bekanntlich an Pietari Inkinen vergeben; diskutiert wird derzeit wohl über ein Parsifal-Dirigat 2022 – aber ob seine Stelle als Musikdirektor verlängert wird, ist offen. Auch in Bayreuth wird am Ende die Politik entscheiden.    

WAS WAR

Besser als nichts: Alexander Pereira zieht es von der Mailänder Scala ans Chaos-Haus nach Florenz.

VLADIMIR JUROWSKI WILL REDEN

Der zukünftige Dirigent der Bayerischen Staatsoper und Nachfolger von Kirill Petrenko, der Russe Vladimir Jurowski, hat Ekaterina Kel von der SZ ein spannendes Interview gegeben, in dem er sich auch von seinem Vorgänger absetzt. Anders als Petrenko hält Jurowski das Reden mit dem Publikum und den Medien für existenziell: „Ich liebe es, mich mit Menschen auszutauschen. Das mag aus meinem Mund etwas seltsam klingen. In meinem Beruf werden viele zu Misanthropen. Erstens begegnet man als Dirigent täglich Hunderten von Menschen. Danach möchte man sich lieber zurückziehen. Zweitens übt man als Dirigent ständig die Rolle des Bestimmers aus, und irgendwann vereinsamt man daran. Das hat mich früher oft abgeschreckt.

PERSONALIEN DER WOCHE

Von Mailand nach Florenz – kein Aufstieg, eher eine Notlösung. Aber immerhin, es geht weiter für den Scala-Intendanten Alexander Pereira. Er profitiert vom Abgang des Musikdirektors Fabio Luisi und des Intendanten Cristiano Chiarot in Florenz und springt kurzfristig ein. +++ Alexander Steinbeis gibt seinen Posten als Orchesterdirektor des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin auf – wohin es ihn nach 13 erfolgreichen Jahren treibt, verrät er nicht. +++ Die Kiewer Sopranistin Tetiana Zhuravel macht gerade Karriere im Westen, setzt sich aber auch für Demokratie-Projekte in der Ostukraine ein. Kirsten Holm berichtet in der FAZ über das spannende Projekt „Music and Dialogue“. +++ Können Sie dieses Wort lesen? CONCERTGEBOUWORKEST – so und nicht anders, müssen Festivals und Veranstalter neuerdings werben, wenn sie das Orchester aus Amsterdam verkaufen wollen. Vorbei mit dem klingenden Namen Royal Concertgebouw Orchestra. Hat das dirigenten- und führungslose Ensemble keine anderen Probleme?  

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AUF UNSEREN BÜHNEN

Christoph Eschenbach wird in der Morgenpost von Matthias Nöther für sein Antrittskonzert beim Berliner Konzerthausorchester gefeiert: „Eschenbach dirigiert den monumentalen Schinken mit seinen Pfingsthymnus- und ‚Faust‘-Versen schlank und flott und hält Mahlers Materialschlacht gut im Zaum.“  +++ In einer Kritiker-Umfrage des NRW-Teils der Welt am Sonntag schnitt das Aalto-Theater in Essen am besten ab. Besonders überzeugten die Kritikerinnen und Kritiker Tatjana Gürbacas Inszenierung von Carl Maria von Webers Der Freischütz, Roland Schwabs Interpretation von Verdis Otello und Kay Links Deutung von Aribert Reimanns Medea +++ Pavel Haas und Victor Ullmann feierte Regisseur Christoph Marthaler bei der Eröffnung der Ruhrtriennale, in der er antisemitische Texte unserer Großväter mit aktuellen Statements von Viktor Orbán und Boris Johnson vermischte. +++ Nürnberg plant ein neues Konzerthaus – Vorbild soll Luzern sein, wie der BR berichtet.

Was fehlt, ist, was lohnt – und das ist natürlich der Beginn der neuen Konzert- und Opernsaison, in der wir auch diese Spielzeit wieder gemeinsam die Ohren steif halten werden.

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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